wolf doleys, ins blaue springen (1995)
26 Blätter, Pb., DM
22,00 · ISBN 3-9803732-8-2
inhalt
nun ja
noch einmal
einszweidrei
erklär mir liebe lieber nicht
süße trauben
herbst
transit
neues jahr
de profundis
morgens
an c.d.friedrich denkend
cézanne, blaue landschaft
sommers
dämmrung
metamorphose
orbitale kugel
serrascape
geschlechterfrage
erdbeerquark
also bitte
grenzenloses glück
Dieses Lyrik-Rondo sucht seinesgleichen. Mit augenzwinkernder Erotik beginnt die attraktiv gestaltete und gut portionierte Lyrikauswahl des erst Insidern bekannten Autors aus dem Köln-Düsseldorfer Raum, der zuvor mit bissigen philosophischen Essays hervorgetreten war. Die heitere Sinnlichkeit, die so manches Glied strecken mag, wird dabei oft in eine lange Anspielungsreihe klassischer Texte von Platon bis Goethe gestellt, so daß auch der Bildungsleser auf seine Kosten kommt und nicht zu erröten braucht. Köstlich und gekonnt, wie Doleys Conrad Ferdinand Meyer zugleich parodiert, neuschöpft und umwendet (noch einmal)!
Auf den leichten sinnlichen Ton folgen zwei gewichtigere Akkorde in Sachen Liebe und Partnerschaft mit reizvollem Bezug auf Homer und Ingeborg Bachmann (erklär mir liebe lieber nicht). Diese Bezüge auf andere Autoren und Künstler, die sich in vielen der Gedichte finden, sind weniger ein postmodernes Bauprinzip als ein dialogisches Element, das andere Stimmen aufnimmt, auf sie antwortet und eigenständig weiterführt. Bei einem der Schwergewichte in der Sammlung etwa handelt es sich um einen völlig selbständigen Text, der aber durch die Titelgebung an c.d. friedrich denkend in den Superzeichenkontext der Bilder Caspar David Friedrichs gerückt wird, ohne an eigener Bildkraft einzubüßen.
Die Mitte der Texte, bevor es dann wieder leichter wird, bildet das Gedicht metamorphose; anders aber als in Goethes Metamorphose der Pflanzen erfolgt keine Eingemeindung im Garten des Menschlichen, sondern ein fast fernöstlich anmutendes Eingehen in die unbelebte Natur.
Von da fällt es nicht leicht, den Bogen zum mädchen mit gazellenbeinen mit seinem heiterfrivolkatholischen C-Dur zu schlagen, doch gelingt das mit einiger Bravour, und dem Leser dürfte die Melodie noch eine Weile im Ohr nachklingen.