Die Frau, die Goethes Leben verändern sollte, die seine Ehefrau und die Mutter seines Sohnes werden sollte, war eine Zufallsbekanntschaft.Christiane Vulpius, 23 Jahre alt, Blumenbinderin in einer Kunstblumenfabrik in Apolda, kam zu Goethe, um Hilfe und Protektion für ihren schriftstellernden Bruder August zu erbitten. Dem immerhin schon 39-jährigen Goethe gefiel die natürliche Art der jungen Frau, er ergriff die Chance und schon bald waren die beiden ein Paar. Freilich: was für eines! Die Weimarer Gesellschaft konnte sich nicht genug tun im Lästern über diese Verbindung, die in ihren Augen natürlich eine geschmacklose Mesalliance war. Dabei hätte man dem nicht mehr ganz so jungen Wilden ein kurzes Liebesabenteuer mit Christiane wohl als Laune durchgehen lassen, aber zur allgemeinen Überraschung hatte diese Liebe Bestand. Was fand der weltbekannte Dichter des "Werther" und Geheime Rat an dieser Fabrikarbeiterin und Tochter eines stadtbekannten Trinkers, so fragten die Lästerzungen. Der Dichter selbst gibt auf seine Weise, nämlich in lyrischer Form, eine Antwort. Gedichte wie "Morgenklagen" und "Frech und froh" deuten an, wie glücklich der Dichter war, Liebe einmal von ihrer unkomplizierten und beglückenden Seite kennen zu lernen. Und auch die Römischen Elegien, jene Apotheose einer antikischen, von christlichen Moralvorstellungen noch nicht belasteten sinnlichen Liebe, sind Zeugnis des Christiane-Erlebnisses. Briefe des ungleichen Paares belegen, dass Christiane sich vom anerkannten Genie ihres Mannes nicht einschüchtern ließ, nicht devot zu ihm aufblickte, sondern ihm auf gleichberechtigt-unbekümmerte Weise herzlich zugetan war - wie Goethe ihr. Der Dichter, in dessen Leben an intellektuellen Herausforderungen und Kompliziertheiten kein Mangel war, war wahrscheinlich froh, im Privatleben einen sicheren Hort ohne ständige Gefährdungen zu finden. Wenn die Arbeit es gebot, zog Goethe sich längere Zeit von Christiane zurück. Diese ihrerseits ließ sich ihre Freude an Tanzveranstaltungen und am Wein, den auch Goethe nicht verschmähte, nicht nehmen.
"Gefunden": Auf den ersten Blick so etwas wie ein "Öko-Gedicht" mit seinem Appell an die Achtung vor der Schöpfung; mit seinen Diminutiva (Blümchen, Äuglein, Würzlein) wirkt es auf den heutigen Leser vielleicht etwas auf niedlich getrimmt. Was hat dieses auf den ersten Blick so harmlose Naturgedicht mit Christiane zu tun?
Sehr viel! Goethe schrieb dieses Gedicht genau ein Vierteljahrhundert, nachdem er seine Christiane "gefunden" hatte, nämlich im August 1813. Die Erklärung fällt leicht: Christiane selbst ist das Blümchen; sie wehrt sich gegen das Ansinnen einer leichtfertigen, kurzen Liebesbeziehung, die ihren gesellschaftlichen Ruf und damit ihre Heiratsfähigkeit empfindlich beeinträchtigt hätte. Dass der Rufschaden bei einer außerehelichen Affäre damals die Frau, nicht aber den Mann traf, das hat Goethe in der Gretchen-Tragödie des Faust I eindrücklich gestaltet; und dass diese Ungerechtigkeit noch bis in unser Jahrhundert hinein galt, kann man in Heinrich Manns "Untertan" nachlesen. Die Verse "soll ich zum Welken / gebrochen sein" haben also eine sehr ernsten Hintergrund.
Die Selbstdarstellung Goethes als treusorgender Gärtner, der das zarte Pflänzchen Christiane durch Eingraben in seinem (!) Garten vor dem Verwelken rettet, mag bei emanzipierten Frauen von heute ohnehin schon übel ankommen. Sie ist aber darüber hinaus auch eine Beschönigung der Tatsachen. Mit dem "Eingraben", will heißen der Eheschließung, ließ Goethe sich bis 1806 Zeit, also geschlagene 18 Jahre. Dabei soll Christianes tapfere Verteidigung des gemeinsamen Hausstandes gegen die französischen Besatzer Weimars den Ausschlag gegeben haben. Obwohl Goethe sich auch vorher unzweifelhaft zu seiner Ehe ohne Trauschein und zu seinem Sohn August bekannte, setzte er damit sowohl Christiane als auch August fast zwei Jahrzehnte lang den naserümpfenden Anfeindungen der Weimarer Gesellschaft aus. Zu verstehen ist dieses Verhalten nicht leicht; gutwillige Interpreten haben in ihm den notwendigen Egoismus eines Genies erblickt, das sich von anderen Verpflichtungen als denen der Kunst möglichst freizuhalten suchte.

Gefunden
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.

O du loses, leidigliebes Mädchen,
Sag' mir an, womit hab' ich's verschuldet,
Dass du mich auf diese Folter spannest,
Dass du dein gegeben Wort gebrochen?
Drucktest doch so freundlich gestern abend
Mir die Hände, lispeltest so lieblich:
"Ja, ich komme, komme gegen Morgen
Ganz gewiss, mein Freund, auf deine Stube."
Angelehnet ließ ich meine Türe,
Hatte wohl die Angeln erst geprüfet
Und mich recht gefreut, dass sie nicht knarrten
Welche Nacht des Wartens ist vergangen
Wacht' ich doch und zählte jedes Viertel:
Schlief ich ein auf wenig Augenblicke
War mein Herz beständig wach geblieben,
Weckte mich von meinem leisen Schlummer.
Ja, da segnet' ich die Finsternisse,
Die so ruhig alles überdeckten,
Freute mich der allgemeinen Stille,
Horchte lauschend immer in die Stille,
Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte.
"Hätte sie Gedanken, wic ich denke,
Hätte sie Gefühl, wie ich empfinde,
Würde sie den Morgen nicht erwarten,
Würde schon in dieser Stunde kommen."
Hüpft' ein Kätzchen oben übern Boden,
Knisterte das Mäuschen in der Ecke,
Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause,
Immer hofft' ich, deinen Schritt zu hören,
Immer glaubt' ich, deinen Tritt zu hören.
Und so lag ich lang und immer länger,
Und es fing der Tag schon an zu grauen,
Und es rauschte hier und rauschte dorten.
"Ist es ihre Türe? Wär's die meine!"
Saß ich aufgestemmt in meinem Bette,
Schaute nach der halb erhellten Türe,
Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte.
Angelehnet blieben beide Flügel
Auf den leisen Angeln ruhig hangen.
Und der Tag ward immer hell- und heller;
Hört' ich schon des Nachbars Türe gehen,
Der das Taglohn zu gewinnen eilet,
Hört' ich bald darauf die Wagen rasseln,
War das Tor der Stadt nun auch eröffnet,
Und es regte sich der ganze Plunder
Des bewegten Marktes durcheinander.
Ward nun in dem Haus ein Gehn und Kommen
Auf und ab die Stiegen, hin und wieder
Knarrten Türen, klapperten die Tritte;
Und ich konnte, wie vom schönen Leben,
Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden
Endlich, als die ganz verhasste Sonne
Meine Fenster traf und meine Wände,
Sprang ich auf und eilte nach dem Garten,
Meinen heißen, sehnsuchtsvollen Atem
Mit der kühlen Morgenluft zu mischen,
Dir vielleicht im Garten zu begegnen;
Und nun bist du weder in der Laube
Noch im hohen Lindengang zu finden.

Liebesqual verschmäht mein Herz,
Sanften Jammer, süßen Schmerz;
Nur vom Tücht'gen will ich wissen,
Heißem Äuglein, derben Küssen.
Sei ein armer Hund erfrischt
Von der Lust, mit Pein gemischt!
Mädchen, gib der frischen Brust
Nichts von Pein, und alle Lust.
