Kapitel 8

  Draußen regnete es immer noch. Es ging schon langsam auf die Nacht zu. Der trübe Himmel wurde dunkler und dunkler, die Berggipfel verschwanden in der verwaschenen Düsternis. El-Girto saß in einer Mauerecke des Burghofes zusammengekauert und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. In den Gebäuden lebte außer dem Tod und einigen Geistern nichts mehr. Doch er würde wieder hinein müssen, um nach der Leiche Piojrs zu suchen. Vorher hatte er immer nur geglaubt, er würde nur ein Rätsel lösen müssen, um das Erbe anzutreten. Doch jetzt mußte er langsam erkennen, daß hier ein Kampf um Leben und Tod auf ihn wartete. Und bei diesem Gedanken wurde ihm plötzlich etwas klar: Er war das Leben. Piojr gehörte zum Tod. Um an Piojr zu kommen würde er den Tod besiegen müssen. Ja! Er mußte zurück in das Kaminzimmer und den 'Alten' töten! Nein! --- Stimmte gar nicht! Das war nicht die Lösung des Rätsels. Man konnte den Tod nicht töten. Er mußte sich etwas anderes ausdenken. Das Schwert! Es mußte der Schlüssel zum Rätsel sein! Das Schwert!
Das Schwert? Er tastete zur Scheide hin. Doch dort war nichts. Wo war sein Schwert? Er mußte es verloren haben. Aber wo? Am Ausgang der Verließe hatte er es noch gehabt. Er rappelte sich auf und ging auf das Tor zu. Eigenartig! Wenn man aus der Burg herauskam, gab es keine Trugbilder. Sie waren wohl als Wächter gedacht. Vorsichtig stieg er zu der Öffnung hinab. Das war nicht ganz ungefährlich, denn inzwischen war es Nacht und er konnte fast nichts sehen. Der Felsen war vom Regen rutschig. Einmal wäre er beinahe abgestürzt.
Dann schließlich ertastete er die Öffnung mit dem aufgebrochenen Gitter. Aber sein Schwert konnte er nicht finden. Nachdenklich setzte er sich hin. Sollte er es etwa beim Tod gelassen haben? Unangenehmer Gedanke! Aber das wäre doch Irrsinn! Er hatte es im Kaminzimmer nicht gezogen oder abgelegt. Verlieren hätte er es dort auch nicht gekonnt. Dafür hatte er sich zu langsam bewegt. Wo war es dann also?
Er stützte den Kopf in die Hände und überlegte. In der feuchtglänzenden Dunkelheit jenseits des schmalen Felsvorsprungs, auf dem er saß, konnte man die Berge nur erahnen. Der Himmel war nur ein wenig heller als die Bergkulisse.
In diesem Augenblick spürte er von hinten einen Stoß und stürzte auf den Abgrund zu. Verzweifelt krallte er sich an dem Felsen fest, doch der war so glitschig! Endlich fand er Halt. Schwer atmend versuchte er, etwas vor sich zu erkennen. Aber da war nur Dunkelheit ... und ein Geräusch --- ein sehr bekanntes Geräusch. Leises Atmen! El-Girto versuchte, sich hinaufzuziehen - es ging nicht. Er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Da spürte er, wie kalte Finger seinen Griff lockerten. Er zitterte. Unter ihm gähnte schwarz und unendlich der Abgrund. Dieses kalte, tote Etwas wollte ihn hinunterwerfen! Er ekelte sich furchtbar. Da verlor er mit der rechten Hand den Halt. Instinktiv griff er nach der kalten Klaue über ihm. Doch dort war nichts! Aber er konnte doch noch die andere Hand fühlen! Warum konnte er es spüren, aber nicht greifen? Mit der Macht der Verzweiflung zog er ein Bein hoch. Da waren plötzlich die kalten Finger fort! Und beinahe im gleichen Augenblick spürte er sie an seinem herunterhängenden Fuß! Konnte dieses Ding denn fliegen? Jetzt zog es an seinem Knöchel. Er krallte sich so gut es ging am Felsen fest und versuchte, das kalte Tote abzuschütteln. Es half nichts, so sehr er auch sein Bein schüttelte. Die kalten Finger begannen jetzt, an seinem Knöchel zu kratzen. Scharf schnitten sich irgendwelche Nägel in die Haut. El-Girto schrie wie am Spieß. Doch die kalten Finger ließen nicht los. Endlich gelang es ihm, sich wieder hinaufzuiehen. Im selben Moment ließen die Finger von ihm ab. Das nutzte er und sprang ein Stück den Berg hinauf. Er wollte wegrennen, doch er rutschte aus und fiel unsanft auf einen harten, schmalen Gegenstand. Er tastete danach. Sein Schwert! Endlich!
Er nahm es in die Hand und schnitt in der Luft herum. Es leuchtete ziemlich stark, dennoch konnte er in der Dunkelheit nichts erkennen. Da spürte er an seinem Fuß wieder die Finger und schlug in ihre Richtung. Plötzlich zuckte ein grüner Blitz auf, der scheinbar die Konturen einen Körpers hatte. Und einen Augenblick später war er fort. Das leise Atmen war verstummt.

Am nächsten Morgen wurde es beinahe gar nicht richtig hell. Schwerer Wolkendunst hing dicht über den Bergen und tauchte die ganze Landschaft in ein dämmerig graues Halbdunkel. El-Girto lag immer noch mit dem Schwert in der Hand vor der finsteren Öffnung. Seit drei Tagen und vier Nächten war er nun auf der Burg, und seither hatte er nur ein mageres Stück Fleisch gegessen. Sein Beutel mit der Verpflegung war längst irgendwo verschollen. Nun knurrte ihm empfindlich der Magen. Aber er konnte es nicht ändern.
Er besah sich die Kratzer an seinem linken Knöchel. Sie waren in der Nacht einigermaßen verheilt. Der naßkalte Wind ließ ihn frösteln. Er hatte Kopfschmerzen. Überhaupt fühlte er sich elend. Eine Weile saß er einfach nur so da, in sich zusammengekauert und irgendwie aphatisch. Eine Stunde verging. Er blickte über die grauen, trüben Berge und die nebligen Täler. Mit der Zeit bemerkte er einen unruhigen Gedanken: Er mußte in die Burg, um den Leichnam des Zauberers zu suchen, eine andere Aufgabe hatte er hier nicht. El-Girto stand träge auf und kletterte irgendwie teilnahmslos zum Tor hinauf.
Er konnte die Burgmauer in all dem Dunst kaum noch erkennen. Dafür sah er etwas anderes. Vor ihm stand ein dicker, gemütlich aussehender Wirt, der in den wulstigen Händen ein Tablett mit köstlichen Speisen darauf ihm entgegen hielt. Es duftete eigenartig säuerlich, aber das störte El-Girto nicht. Er sah nur die wunderbaren Gerichte: Dampfender Braten mit dunkler Soße, warmes Salzgebäck mit Pilzfüllung, Pasteten, Salate, Würste, Käse, Brot, Wein... El-Girto spürte seinen Hunger. Und vor sich diese Leckereien... Der Wirt machte eine einladende Geste und ging auf eine Tür zu.
El-Girto wußte nur zu gut, daß dies nicht die Wirklichkeit war. Irgendwie konnten die Geister der Burg wohl in ihn hineinschauen und seine Wünsche sehen. Aber vielleicht spielten sie auch nur ein Spiel mit ihm, um ihn von seiner Suche abzulenken. Und vielleicht konnte er wenigstens sein Hungergefühl loswerden, wenn er ein wenig mitspielte. Also folgte er dem dicken Wirt. Durch die Tür kamen sie in eine gemütliche Wirtsstube, in der viele nette Leute saßen und miteinander plauderten. Der Wirt deutete El-Girto, sich zu setzen. Bereitwillig ließ er sich nieder und schaute in die Runde. An seinem Tisch saßen einige Leute und erzählten sich Geschichten aus ihren Erinnerungen. Jeder hatte einen dicken Humpen Bier vor sich und einige rauchten reich verzierte, alte Pfeifen. In der Mitte des Tisches stand ein kleines Öllämpchen und tauchte die Gesellschaft in ein gemütliches Licht.
Der Wirt deckte eine große Fülle von Köstlichkeiten auf, und El-Girto konnte sich gar nicht entscheiden, womit er anfangen sollte. Dann nahm er ein fettes Stück Braten und biß hinein. Es schmeckte widerlich sauer nach Dreck und fauligem Wasser. Er verzog das Gesicht.
In seinen Ohren verhallte das Hohngelächter der Leute in der Stube.
Er schlug die Augen auf. Er saß auf einem Stein an der Burgmauer und hatte in einen Fladen von Lehm gebissen. Angewidert spuckte er den Dreck aus.
Wütend ging er auf das Tor zu. Er würde sich nicht mehr von den Dämonen täuschen lassen. Er wollte durch das Tor schreiten, stieß aber gegen eine harte Wand. Was war das? Vor ihm nah er den Durchgang, aber fühlen tat er eine Mauer! Wieder eine Täuschung! Die Geister hatten die echte Bresche verdeckt. Langsam tastete er sich an der Mauer entlang. Wenn er den Durchgang schon nicht sehen konnte, so mußte er ihn doch fühlen. Und tatsächlich. Da, wo er eine Mauer sah, spürte er nichts als Luft. Er schloß die Augen und machte einige Schritte vorwärts. Dann schaute er wieder auf. Er stand im Burghof.
Obwohl er ziemlich sicher war, wieder nichts zu entdecken, suchte er doch den ganzen Tag lang, und es kam ihm dabei so vor, als würde er ständig im Kreis gehen. Er suchte und suchte immer wieder dieselben Stellen ab und wurde dabei immer müder. Es gab entsetzlich viele sterbliche Überreste auf der Burg. Die meisten waren eindeutig Soldaten gewesen, steckten in staubbedeckten, verwitterten Rüstungen und hielten rostzerfressene Waffen in den skelettierten Händen. Die anderen waren an Hand von Kleidungsresten als Bürger oder Burgpersonal zu erkennen. Aber keiner der Leichname wirkte wie ein toter Zauberer. Keiner hatte irgend etwas außergewöhnliches, das zu dem verzauberten Schwert in seiner Hand paßte.
Er suchte weiter.
Als er den Eindruck bekam, erneut im Kreis gegangen zu sein, suchte er sich ein verkohltes Stück Holz und markierte damit die Wände der Räume, die er abgesucht hatte. Aber als er nach Stunden auf einen Raum stieß, von dem er sich absolut sicher war, daß er ihn schon markiert hatte, waren seine Zeichen an der Wand verschwunden.
Grimmig begann er damit, sich den Aufbau der Burg einzuprägen und sich lieber auf sein Gedächtnis zu verlassen.
Es wurde Abend und der Himmel verfinsterte sich. El-Girto machte sich Fackeln aus den herumliegenden Resten und suchte im Feuerschein weiter. Seine Schritte wurden schleppend, sein Blick trüb, sein Geist fahrig.

El-Girto wanderte mit Silja und seinem Vetter Mannik über eine weite Wiese, deren langes, struppiges Gras herbstlich gelb aussah. Die Sonnen waren nicht zu sehen, aber es war doch ziemlich warm. Auch ein Himmel war nicht da. Es sah merkwürdig aus.
Der dicke Mannik hatte graues Loden um seinen Wanst geschnürt und schwitzte mächtig in dem warmen Zeug. Auf seiner Glatze spiegelte der Schweiß. Irgendwo weit weg am Rand der Wiese standen düstere Bäume. Kein Wind raschelte in den Blättern. Nichts bewegte sich. Neben ihm ging Silja in einen weinroten Bedumil(+) gehüllt.
(+ Ein Bedumil ist ein Poncho-ähnlicher Mantel mit Kapuze, ein typisches Kleidungsstück der Liskis.)
"Bei dem Wetter machen wir ein Picknick?" fragte er.
"Ja, das tun wir", sagte Silja mit leerem Blick.
Vetter Mannik ließ sich mit einem Seufzer nieder. Er betrachtete die Landschaft. Die Luft über der Wiese war warm, obwohl kein Himmel da war. Mannik keuchte.
"Das ist doch nicht schön!" erwiderte El-Girto.
Mannik schaute ihn an. Das strubbelige, rote Haar machte ihn
häßlich.
Silja ging ein Stück weg.
"Du mußt das noch verstehen!" sagte Mannik. Die Wiese wurde von kahlen Hügeln eingegrenzt. Auf der Wiese war es still. Vetter Mannik sah mit dem grünen Haar noch häßlicher aus.
"Du denkst was", sagte Ogon.
"Ich möchte zu Silja!" antwortete El-Girto. Er wollte gehen, aber da stand Vetter Mannik. Dunkle, tiefliegende Augen schauten ihn an und hielten ihn auf. Es blieb aber still. Vetter Mannik setzte
sich wieder hin. Es war eine Düne mit grünem, scharfen Strandhafer. Mannik saß da mit seinem weißen Haar und
den feinen, schwarzen Kleidern, und Silja stand hinter einer anderen Düne.
"Warum bist du mein Vetter?" fragte El-Girto.
Mannik antwortete nicht, sondern schaute hinaus ins Licht.

El-Girto wachte auf. Er konnte wohl nicht mehr den Traum von der Wirklichkeit unterscheiden.

In der folgenden Zeit ging es ihm sehr schlecht. Er mußte immer an Silja denken. Was sie wohl gerade tun mochte? Sie war gewiß schon wieder in Mjordorf und genoß den warmen Sommer. Sommer? Unsinn! Es war noch immer Frühjahr. Dennoch war es wohl im Liskisland sehr warm. Bald würde Trikirschernte sein. Die Großmütter würden dann aus den blühenden und reifenden Gärten mit gekrümmtem Buckel die Trikirschen von den niedrigen Büschen pflücken und dann daraus Saft pressen, Marmelade kochen und allerlei Leckereien mehr. Und die Kinder würden sich wieder allerlei Streiche ausdenken, um an dieses Zuckergebäck zu kommen.
Er erinnerte sich noch genau, wenn in Braz die Trikirschen geerntet wurden, rüsteten er und seine Brüder zum Eroberungsfeldzug auf die Speisekammer der Oma Rolanta. Ogon, damals mit elf Jahren der älteste der drei, führte das Kommando. 'Männer', sagte er immer, 'Männer, wir werden den Feind überlisten! Soldat Alor!' - Alor, damals neun Jahre alt und völlig vernarrt in die Kriegskunst, salutierte - 'Soldat Alor, du wirst hinter der alten Echel(+) lauern! Währenddessen wird Soldat El-Girto den Feind von seiner Festung fortlocken.'
(+ Eine Echel ist ein Baum, der meist sehr alt wird, und wegen seiner heilwirksamen Blüten bekannt ist.)
Als Ogon seinen Namen nannte, stand El-Girto, gerade acht geworden und damit der kleinste, stramm. Obwohl er immer die Drecksarbeit erledigen mußte und daher gar nicht so gierig darauf war, machte er den Quatsch doch mit, weil es dabei etwas Leckeres zu futtern gab.
'Gelingt Soldat El-Girto das, wird Soldat Alor in die Festung eindringen und das Lager plündern!' tönte Ogon. 'Noch Fragen?'
Alor meldete sich: 'Ja, was tust du dabei?'
Ogon stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte zu Alor herab: 'Ich gebe die Befehle!'
Soldat Alor sah das zwar nicht ganz ein, gab aber Ruhe.
Der Angriff lief dann. Oma Rolanta saß auf dem Bänkchen vor ihrem kleinen Haus und rupfte kleine Blätter von den frischgepflückten Trikirschen. Heimlich, still und leise schlich sich Alor hinter die alte Echel, die vor dem Häuschen stand. Ogon saß irgendwo hinter einem Zaun und beobachtete das Ganze. Da kam El-Girto mit einem unreifen Kernapfel hinter dem Rücken des Weges geschlendert. Als er an Oma Rolantas Häuschen vorbeikam, warf er den Kernapfel mitten in den Korb mit den Früchten, so daß eine Menge Trikirschen durch die Gegend flogen. Dann lachte er dreckig, bis Oma Rolanta mit einem Knüppel in der Hand wüste Beschimpfungen keifend auf El-Girto zustakste. El-Girto lief ein Stück den Weg hinunter, blieb dort stehen und steckte der Alten die Zunge raus. Oma Rolanta nahm erhobenen Knüppels die Verfolgung auf.
El-Girto wollte weiterrennen, prallte aber auf jemand anderem hinter ihm. Es war Jorco, der Schmied.
'Halt ihn fest!' rief die Rolanta. 'Der Lausebengel hat mich beworfen!'
Und schon hing El-Girto in den großen Händen des Schmieds wie festgeschraubt. Da half kein Rucken und kein Zappeln.
Oma Rolanta kam mit ihrem Knüppel näher. Jetzt schlägt dein letztes Stündlein, dachte El-Girto mit schreckgeweiteten Augen. Da fiel ihm etwas ein. Er starrte in den Himmel. Und dann schrie er: 'Da hängt ja einer im Baum!'
Die alte Rolanta und Jorco starrten in die angegebene Richtung, obwohl da gar kein Baum war. Der Schmied hatte vor Überraschung den Griff gelockert, und nun konnte sich El-Girto losreißen. Er rannte, als würde hinter ihm die Welt untergehen.
'Halt!' schrien Schmied und Oma, obgleich das natürlich wirkungslos war. El-Girto verschwand in den kleinen Dorfwegen.
Weiter draußen saßen zwischen den Feldern und Wiesen Ogon und Alor auf einem Zaun und stopften die Leckerein in sich hinein, als hätten sie jahrelang gehungert. Als El-Girto völlig außer Atem ankam, war nur noch wenig für ihn übrig.
'He! Das ist ungerecht!' jammerte er.
Ogon legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte so gewissenhaft, wie er es mit vollem Mund konnte: 'Hätten wir auf dich gewartet, hätten sich die Moskitos und Fliegen darüber hergemacht!'
Mißmutig setzte El-Girto sich ins Gras und aß die spärlichen Reste. Allerdings bekamen Ogon und Alor bald schlimme Bauchschmerzen, worüber El-Girto natürlich nur schadenfroh grinste.
El-Girto saß in einer Ecke des Burghofes und lächelte über diese sonnigen Erinnerungen. Er lächelte... und weinte.

Endlich hatte der Regen aufgehört. Über dem Burghof hing eine feucht-würzige Luft, deren Einatmen recht gut tat und den Geist erfrischte. Die verwitterten Steinplatten waren noch dunkel vom Regen. Verstreut lagen die Gebeine längst toter Menschen dort in dem blassen Licht. El-Girto suchte wieder einmal, obgleich er eigentlich keine Hoffnung mehr hatte, etwas zu finden. Aber wie das so ist, trat es genau dann ein, als er am wenigsten damit rechnete.
Er suchte die Wehrgänge auf den Burgmauern ab, als er auf dem Abschnitt hinterm Haupthaus auf ein geöffnetes Tor stieß. Neugierig ging er hinein. Von dem Tor ging es auf eine Galerie und dann eine Treppe hinunter in den Speisesaal. Dort lagen die sterblichen Überreste nicht - sie standen! Wie mitten in der Bewegung erstarrt. Starb so ein Lebewesen? Mit dem Glas in der Hand?
Auf dem Holzfußboden, der nur noch in total morschen Überresten vorhanden war (darunter befand sich ein Steinboden), war weiter hinten ein großer, schwarzer Fleck wie von einem Feuer.
"Hier hat Forcuona gestanden!" dachte El-Girto mit klopfendem Herzen. Ihm wurde flau im Magen. Er kehrte um. Da fiel sein Blick auf merkwürdige, braune Punkte, die sich in einer Reihe über die Holzbohlen hinzogen. Er schaute sie sich näher an. Es waren kleine, braune Kleckser... Blut? Die Flecken verliefen in eine bestimmte Richtung - auf ein Stück verrotteten Stoffes zu. El-Girto ging dorthin. Der Stoffetzen mochte einmal ein Umhang gewesen sein. Auch darauf war ein dicker, brauner Blutfleck --- und... magische Symbole! El-Girto erkannte sie wieder. Einige davon standen auch auf dem Schwert!
Dies war der Umhang des Landzauberers! El-Girto schluckte. Endlich hatte er eine Spur gefunden! Das Blut bewies es: Der Zauberer mußte das Tuch in seiner Todesstunde liegengelassen haben. Er hatte sich also, bevor er starb, irgendwohin geschleppt. Aber wohin? Die Blutstropfen! Die Flecken verliefen nach dem Umhang weiter auf eine offene Tür zu!
El-Girto lief dorthin. Hinter der Tür ging es einen Gang entlang. El-Girto ging ein Stück hinein, aber auf dem Boden waren keine Flecken mehr zu sehen. Einen Schritt hinter der Tür hörten sie auf.
El-Girto dachte angespannt nach. War der Zauberer durch einen Geheimgang gekrochen? Er tastete die Wände ab. Aber die Steine saßen alle felsenfest. Er klopfte die Mauern ab, aber nichts klang hohl. Er setzte sich verzweifelt hin und dachte weiter nach. Da fiel sein Blick auf eine Nische in der einen Wand. Er lief hin. Darin ging eine schmale Wendeltreppe nach oben und auf den Stufen --- die Blutflecken! Er jagte die Treppe hinauf. Immer höher ging es in immer engeren Windungen. Und die Flecken waren ohne Unterbrechung auf den Stufen zu sehen. Es mußte ein Turm sein. El-Girto kam ins Keuchen, als er an das Ende der Treppe gelangte.
Auch hier war wieder eine offene Tür. Dahinter lag ein kleiner düsterer Raum - das Turmzimmer. Man konnte nicht viel erkennen. Fußboden, Wände und Decke waren beschmiert mit Symbolen. Es waren die Zeichen des Schwertes!
DER IM TODE BESTEHT
DER IM TODE VERGEHT
Immer wieder, überall im ganzen Raum.
In einer Ecke stand ein Thron aus Stein.
Und in diesem Thron saß jemand.
Es war ein breitschultriger Mann in zerfetzter Kleidung.
Es war Piojr.
Mit einem unbeschreiblichen Gefühl in seinem gesamten Körper trat El-Girto näher.
Das Schwert an seiner Seite leuchtete nun wie verrückt. Und der grüne Schein erhellte die Gestalt in dem Thron ein wenig. Piojr sah aus, als wäre er eben gerade erst gestorben. Die Haut war rosig und ohne Falten, die Kleidung zwar zerrissen aber so gut wie neu und das Blut an den Wunden noch rot und flüssig. Die Augen starrten ins Leere.
El-Girto konnte es nicht fassen. Die Leiche hatte sich in hunderten von Jahren keinen Deut geändert. Doch wie sollte er nun das Erbe antreten? Den Zauberer begraben? --- Es mußte irgendwie mit dem Spruch zu tun haben.
DER IM TODE BESTEHT
DER IM TODE VERGEHT
Es stand überall in dem Raum. Also mußte sein Rätsel hier gelöst werden. El-Girto setzte sich hin. Er dachte über den Spruch nach. WER bestand im Tod? Er drehte sich zum Thron um. Ja. Piojr sah tatsächlich so aus, als würde er im Tod weiterbestehen. Kein Zweifel! Piojr mußte gemeint sein! Er sollte im Tode vergehen? Natürlich verging er im Tode! Was sollte er sonst tun? Was bedeutete denn nun diese zweite Zeile? El-Girto entschloß sich nochmal von vorn anzufangen. Also: Piojr war weder tot noch lebendig. Was für einen Sinn sollte das haben? Sollte er einmal wieder zum Leben erweckt werden? Aber wie? Und warum hieß es dann DER IM TODE VERGEHT? Lag Piojr etwa in einem ständigen Kampf mit dem Tod?
Da fiel ihm siedend heiß das Kaminzimmer ein, in dem er dem leibhaftigen Tod begegnet war. So mußte es sein! Er mußte den Tod besiegen, um Piojr zu retten! Deshalb stand der Spruch auch auf dem Schwert! Das Schwert wäre vielleicht mächtig genug, den Tod zu schlagen.
El-Girto rannte die Wendeltreppe hinunter, durch den Gang, durch das Speisezimmer hinaus auf den Burghof. Er mußte das Kaminzimmer finden. Auf dem Burghof standen Gestalten. Trugbilder! Sie riefen alle "Wo willst du hin? So bleibe doch!", doch El-Girto rannte an ihnen vorbei.
Er kam durch den Raum, in dem immer noch der Fleck seines Harmora-Getränkes lag, lief in den langen, eigenartig sauberen Gang. Er rannte an sein Ende bis zu der schweren Tür mit dem dicken Knauf. Hastig stieß er sie auf.
Der Raum war leer. Kein Sessel, kein Teppich, keine Bilder, kein Tod. Der Kamin war zusammengestürzt, die Wandtäfelung vermodert. Hier war seit tausend Jahren niemand mehr gewesen.
"Das ist nicht wahr!" schrie El-Girto. "Stell dich zum Kampf!"
Das Zimmer mußte ein Trugbild sein! Er schlug mit dem Schwert auf die Trümmer des Kamins ein, aber nach einigen wilden Attacken mußte er einsehen, daß vielmehr der alte Mann am Kamin ein Trugbild gewesen war.
Vor Wut und Verzweiflung sackte er zusammen. Das konnte doch nicht sein! Wie sollte er den Zauberer denn nur retten?
"El-Girto?" sagte eine weibliche Stimme neben ihm. Er schaute sich um. Neben ihm kniete Silja. Eine Halluzination.
"Verschwindet!" schrie er.
Doch das Trugbild ging nicht. "DER IM TODE VERGEHT", sagte Silja. Ihr Bild verblaßte. Es war still in der ganzen Burg. Keine Trugbilder, keine Geräusche. Es regnete nicht, und die Sonnen gingen auch nicht unter. Alles schien auf etwas zu warten.
El-Girto trottete über den Burghof. Die Luft hatte irgendwie keine Temperatur und keinen Geruch. Es schien alles stillzustehen. Die Schwertklinge leuchtete immer noch, doch von dem Heft nur noch die eine Seite DER IM TODE VERGEHT. Entmutigt ging er wieder in den Turm.
In dem Turmzimmer stand an den Wänden nur noch der eine Satz DER IM TODE VERGEHT.
"Wie denn, verdammt nochmal?" schrie El-Girto wütend und warf das Schwert auf den Boden. Da leuchtete die Klinge grell auf und bewegte sich zum Zauberer hin. "Was soll das?" fragte El-Girto sich. Die Klinge rutschte schneller auf Piojrs Fuß zu. "Nein!" schrie El-Girto und stürzte sich auf die Klinge. Er bekam sie gerade noch zu fassen. Mit aller Kraft zerrte er sie zurück. Aber das Schwert schien einen eigenen Willen zu besitzen und zog immer stärker zu Piojr hin.
El-Girto trat der Schweiß auf die Stirn. Grellgrün strahlte ihm der Satz auf dem Heft in die Augen: DER IM TODE VERGEHT. Und endlich begriff er.
Piojr war nicht tot, konnte aber nicht mehr leben. Um sein Erbe abzugeben, mußte der Landzauberer sterben. Vorsichtig ließ El-Girto nach. Das Schwert stach nur drei Finger breit in die Seite des Zauberers, dort wo die alte Wunde klaffte. Das Leuchten verschwand, die Klinge zog nicht mehr.
Piojr stöhnte auf. Sein Kopf kippte ein winziges Stück nach vorn, richtete sich dann aber wieder auf. Die Augenlider bewegten sich. Matten Blickes schaute er El-Girto an. Nach einer Weile sprach er kraftlos und leise: "Endlich ist jemand meinem Ruf gefolgt, und es ist nicht Forcuona, wie ich befürchtete. Du bist gekommen, um mich abzulösen. Gut. Darauf habe ich eine Ewigkeit gewartet, El-Girto!"
Der Kure wollte etwas sagen, bekam aber nichts über die Lippen. Er war so aufgeregt, daß ihm die Kehle wie zugeschnürt war.
"Ich bin schon länger bei dir gewesen, als du denkst, mein Sohn", sprach Piojr. "Du hast mich immer mit dir herumgetragen. Denn damals, bei meinem letzten Kampf, hat mich der elendige Verräter, der feurige Forcuona, mit meinem eigenen Schwert niedergestochen. Doch meine Seele ließ ich in das Schwert wandern, mit dem mich der Schwarze verschleppte. Mein Körper jedoch konnte ohne Seele nicht sterben, und er überdauerte hier die Jahrhunderte. Meine Seele ging also nach Trastan, weg von meinem Körper und ich konnte nichts tun. Sehr viel später, als ich schon die Hoffnung aufgegeben hatte, fand mich dein Vater, der von meinem Schicksal etwas ahnte. Und meine Klinge drang in dein Fleisch und ich beseelte dich mit der Berufung, mein Nachfolger zu werden. Du solltest meine Seele wieder mit meinem Körper vereinen, damit ich dir meine Bürde weiterreichen könnte und in Frieden sterben dürfte. Dieser Augenblick ist nun gekommen. Du wirst mein Erbe."
"Aber wie werde ich das?", fragte El-Girto.
"Das werde ich dir gleich sagen!" entgegnete Piojr matt. Das Sprechen fiel ihm langsam schwer. "Doch zuvor mußt du mir etwas versprechen: Forcuona wird schon sehr bald wieder erwachen - ich weiß das - und danach streben, die Welt zu verbrennen. Wenn du Landzauberer bist, mußt du das magische Dreieck wieder aufbauen und Forcuona vernichten! Versprich mir das!"
"Ich verspreche es dir! Denn das ist der Wunsch, der mich zu dir geführt hat", sagte El-Girto mit überraschender Selbstsicherheit.
"Gut", stöhnte Piojr erleichtert. "Du sollst jetzt mein Erbe werden. Nimm meine Hand!"
El-Girto gehorchte. Die Hand des Zauberers, die vorhin noch kalt wie der Tod gewesen war, war nun heiß und verschwitzt. Da spürte El-Girto, wie ihm ein wenig Kraft entzogen wurde. Hinter ihm krachte es in der Mauer. Eine Öffnung entstand in der Wand und gab den Blick auf das Gebirge frei.
"Wir müssen zusammen dort hinunterspringen!" preßte Piojr mühsam hervor.
"Dort hinunterspringen? Das überleben wir nicht!" entgegnete El-Girto.
"Dir wird nichts geschehen!" stöhnte der Zauberer. "Beeil dich! Ich halte nicht mehr lange durch. Nimm das Schwert und steck es in deinen Gürtel! Dann nimm mich auf den Rücken, und wenn ich es sage, springst du! Schnell!"
El-Girto steckte das Schwert ein und hievte den kraftlosen Zauberer auf seinen Rücken. Vorsichtig ging er an die Öffnung und schaute hinunter. Es ging eine Viertelmaile senkrecht nach unten. Er schauderte. Währenddessen sprach Piojr leise eine Menge unverständlicher Wörter und dann schließlich: "Spring!"
Und El-Girto sprang.

Sein Herz klopfte wie wild als er fiel. Er konnte einfach nicht atmen. Sein Mantel flatterte stark im Wind. Und er schloß die Augen.

Als er wieder die Augen öffnete, stand er im Dunkeln. Piojr war verschwunden. Wahrscheinlich war er endgültig tot. Es war kühl und naß. Er glaubte, in einem unterirdischen Gang zu sein. Und es schienen die Verließe der Burg zu sein, in denen das Etwas mit den kalten Fingern umherging.
Hatte er etwa alles nur geträumt? Wahnsinnig genug war es ja gewesen.
"Wer bist du?" fragte eine tiefe, irgendwie erdige Stimme neben ihm.
El-Girto nahm sich ein Herz und sagte tapfer: "El-Girto, der neue Landzauberer!"
In diesem Augenblick flammten überall Fackeln auf, und er konnte sehen, wo er war. Er befand sich am Ende eines langen Ganges, den Verließen der Burg. Doch an den Wänden waren jetzt große Gesichter aus Stein, deren Augen geschlossen waren.
El-Girto ging vorwärts durch den Gang. Dabei sprachen die Gesichter in einem monotonen Sing-sang: "Bist du der Zauberer, so nehme die Herrschaft über die Mächte des Landes an!"
"Ich nehme sie an!" antwortete El-Girto.
Ein Gittertor ging vor ihm hoch. Er ging weiter.
"Bist du der Zauberer, so schwöre, dein Volk zu schützen."
"Ich schwöre!" Ein weiteres Tor ging hoch.
"Bist du der Zauberer, so verpflichte dich dem Lande bis an dein Lebensende!"
"Ich verpflichte mich!" Und wieder öffnete sich ein Tor. Und so ging es immer weiter den Gang hinauf. Nach jeder Beteuerung ging ein Tor auf. Und nach dem siebenunddreißigsten Tor schritt er auf den Burghof hinaus. Und der Burghof strahlte in Schönheit und Ganzheit. Die Burg reckte sich massiv und ohne Kratzer stolz in den sonnigen Himmel hinauf. Und auf dem Gemäuer warteten hunderte von Vögeln auf ihn.
Er breitete die Arme aus und rief: "Fliegt hinfort und verkündet im ganzen Land: EL-GIRTO IST DER NEUE LANDZAUBERER!"
Die Vögel erhoben sich und flatterten davon. El-Girto stand allein auf dem Burghof. Er zog sein Schwert aus unzerstörbarem Rotholz und betrachtete es. Auf dem Heft standen neue Symbole, und er konnte sie lesen:
DER ALTE HERR
DEM NEUEN HERRN
Ein letzter Gruß von Piojr.

Es waren nun Tage vergangen. El-Girto sank erschöpft in den Thron im hohen Turmzimmer. Seine adligen Gäste waren endlich gegangen. Sie hatten ihrem neuen Herrscher gehuldigt. Die Wandergauren standen voll hinter ihm. Auch der Liskiskönig hatte ihm Sympathie kundgetan. Nur der König in Kundor mit seinen Berggauren hatte sich ablehnend gezeigt und zürnend die Burg verlassen. Die Berggauren kannten den Landzauberer nicht als Herrscher an.
Doch das sollte ihm vorerst egal sein. Er war jetzt wieder allein. Und irgendwie fühlte er sich als Landzauberer leer und einsam. Daher hatte er während der letzten Tage einen Entschluß gefaßt. Bevor er die anderen Zauberer Liskinden und Tamaschar aufsuchte, mußte er ins Liskisland reisen und Silja zu sich holen. Sie sollte seine Frau werden, für ewig und immerdar, denn als Zauberer lebte er unendlich lang. Und so sattelte er seinen edlen, weißen Grusophen und machte sich auf die Reise.
Im 'Toten Gehölz' blühten die Bäume, zwitscherten die Vögel und reiften die wilden Trikirschen in der Sonne.
Der Zauberer ritt nach Süden.

 
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