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Draußen
regnete es immer noch. Es ging schon langsam auf die Nacht zu. Der trübe
Himmel wurde dunkler und dunkler, die Berggipfel verschwanden in der verwaschenen
Düsternis. El-Girto saß in einer Mauerecke des Burghofes zusammengekauert
und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. In den Gebäuden lebte
außer dem Tod und einigen Geistern nichts mehr. Doch er würde
wieder hinein müssen, um nach der Leiche Piojrs zu suchen. Vorher hatte
er immer nur geglaubt, er würde nur ein Rätsel lösen müssen,
um das Erbe anzutreten. Doch jetzt mußte er langsam erkennen, daß
hier ein Kampf um Leben und Tod auf ihn wartete. Und bei diesem Gedanken
wurde ihm plötzlich etwas klar: Er war das Leben. Piojr gehörte
zum Tod. Um an Piojr zu kommen würde er den Tod besiegen müssen.
Ja! Er mußte zurück in das Kaminzimmer und den 'Alten' töten!
Nein! --- Stimmte gar nicht! Das war nicht die Lösung des Rätsels.
Man konnte den Tod nicht töten. Er mußte sich etwas anderes ausdenken.
Das Schwert! Es mußte der Schlüssel zum Rätsel sein! Das
Schwert!
Das Schwert? Er tastete zur Scheide hin. Doch dort war nichts. Wo war sein
Schwert? Er mußte es verloren haben. Aber wo? Am Ausgang der Verließe
hatte er es noch gehabt. Er rappelte sich auf und ging auf das Tor zu. Eigenartig!
Wenn man aus der Burg herauskam, gab es keine Trugbilder. Sie waren wohl
als Wächter gedacht. Vorsichtig stieg er zu der Öffnung hinab.
Das war nicht ganz ungefährlich, denn inzwischen war es Nacht und er
konnte fast nichts sehen. Der Felsen war vom Regen rutschig. Einmal wäre
er beinahe abgestürzt.
Dann schließlich ertastete er die Öffnung mit dem aufgebrochenen
Gitter. Aber sein Schwert konnte er nicht finden. Nachdenklich setzte er
sich hin. Sollte er es etwa beim Tod gelassen haben? Unangenehmer Gedanke!
Aber das wäre doch Irrsinn! Er hatte es im Kaminzimmer nicht gezogen
oder abgelegt. Verlieren hätte er es dort auch nicht gekonnt. Dafür
hatte er sich zu langsam bewegt. Wo war es dann also?
Er stützte den Kopf in die Hände und überlegte. In der feuchtglänzenden
Dunkelheit jenseits des schmalen Felsvorsprungs, auf dem er saß, konnte
man die Berge nur erahnen. Der Himmel war nur ein wenig heller als die Bergkulisse.
In diesem Augenblick spürte er von hinten einen Stoß und stürzte
auf den Abgrund zu. Verzweifelt krallte er sich an dem Felsen fest, doch
der war so glitschig! Endlich fand er Halt. Schwer atmend versuchte er,
etwas vor sich zu erkennen. Aber da war nur Dunkelheit ... und ein Geräusch
--- ein sehr bekanntes Geräusch. Leises Atmen! El-Girto versuchte,
sich hinaufzuziehen - es ging nicht. Er hatte nicht mehr die Kraft dazu.
Da spürte er, wie kalte Finger seinen Griff lockerten. Er zitterte.
Unter ihm gähnte schwarz und unendlich der Abgrund. Dieses kalte, tote
Etwas wollte ihn hinunterwerfen! Er ekelte sich furchtbar. Da verlor er
mit der rechten Hand den Halt. Instinktiv griff er nach der kalten Klaue
über ihm. Doch dort war nichts! Aber er konnte doch noch die andere
Hand fühlen! Warum konnte er es spüren, aber nicht greifen? Mit
der Macht der Verzweiflung zog er ein Bein hoch. Da waren plötzlich
die kalten Finger fort! Und beinahe im gleichen Augenblick spürte er
sie an seinem herunterhängenden Fuß! Konnte dieses Ding denn
fliegen? Jetzt zog es an seinem Knöchel. Er krallte sich so gut es
ging am Felsen fest und versuchte, das kalte Tote abzuschütteln. Es
half nichts, so sehr er auch sein Bein schüttelte. Die kalten Finger
begannen jetzt, an seinem Knöchel zu kratzen. Scharf schnitten sich
irgendwelche Nägel in die Haut. El-Girto schrie wie am Spieß.
Doch die kalten Finger ließen nicht los. Endlich gelang es ihm, sich
wieder hinaufzuiehen. Im selben Moment ließen die Finger von ihm ab.
Das nutzte er und sprang ein Stück den Berg hinauf. Er wollte wegrennen,
doch er rutschte aus und fiel unsanft auf einen harten, schmalen Gegenstand.
Er tastete danach. Sein Schwert! Endlich!
Er nahm es in die Hand und schnitt in der Luft herum. Es leuchtete ziemlich
stark, dennoch konnte er in der Dunkelheit nichts erkennen. Da spürte
er an seinem Fuß wieder die Finger und schlug in ihre Richtung. Plötzlich
zuckte ein grüner Blitz auf, der scheinbar die Konturen einen Körpers
hatte. Und einen Augenblick später war er fort. Das leise Atmen war
verstummt.
Am nächsten
Morgen wurde es beinahe gar nicht richtig hell. Schwerer Wolkendunst hing
dicht über den Bergen und tauchte die ganze Landschaft in ein dämmerig
graues Halbdunkel. El-Girto lag immer noch mit dem Schwert in der Hand
vor der finsteren Öffnung. Seit drei Tagen und vier Nächten
war er nun auf der Burg, und seither hatte er nur ein mageres Stück
Fleisch gegessen. Sein Beutel mit der Verpflegung war längst irgendwo
verschollen. Nun knurrte ihm empfindlich der Magen. Aber er konnte es
nicht ändern.
Er besah sich die Kratzer an seinem linken Knöchel. Sie waren in
der Nacht einigermaßen verheilt. Der naßkalte Wind ließ
ihn frösteln. Er hatte Kopfschmerzen. Überhaupt fühlte
er sich elend. Eine Weile saß er einfach nur so da, in sich zusammengekauert
und irgendwie aphatisch. Eine Stunde verging. Er blickte über die
grauen, trüben Berge und die nebligen Täler. Mit der Zeit bemerkte
er einen unruhigen Gedanken: Er mußte in die Burg, um den Leichnam
des Zauberers zu suchen, eine andere Aufgabe hatte er hier nicht. El-Girto
stand träge auf und kletterte irgendwie teilnahmslos zum Tor hinauf.
Er konnte die Burgmauer in all dem Dunst kaum noch erkennen. Dafür
sah er etwas anderes. Vor ihm stand ein dicker, gemütlich aussehender
Wirt, der in den wulstigen Händen ein Tablett mit köstlichen
Speisen darauf ihm entgegen hielt. Es duftete eigenartig säuerlich,
aber das störte El-Girto nicht. Er sah nur die wunderbaren Gerichte:
Dampfender Braten mit dunkler Soße, warmes Salzgebäck mit Pilzfüllung,
Pasteten, Salate, Würste, Käse, Brot, Wein... El-Girto spürte
seinen Hunger. Und vor sich diese Leckereien... Der Wirt machte eine einladende
Geste und ging auf eine Tür zu.
El-Girto wußte nur zu gut, daß dies nicht die Wirklichkeit
war. Irgendwie konnten die Geister der Burg wohl in ihn hineinschauen
und seine Wünsche sehen. Aber vielleicht spielten sie auch nur ein
Spiel mit ihm, um ihn von seiner Suche abzulenken. Und vielleicht konnte
er wenigstens sein Hungergefühl loswerden, wenn er ein wenig mitspielte.
Also folgte er dem dicken Wirt. Durch die Tür kamen sie in eine gemütliche
Wirtsstube, in der viele nette Leute saßen und miteinander plauderten.
Der Wirt deutete El-Girto, sich zu setzen. Bereitwillig ließ er
sich nieder und schaute in die Runde. An seinem Tisch saßen einige
Leute und erzählten sich Geschichten aus ihren Erinnerungen. Jeder
hatte einen dicken Humpen Bier vor sich und einige rauchten reich verzierte,
alte Pfeifen. In der Mitte des Tisches stand ein kleines Öllämpchen
und tauchte die Gesellschaft in ein gemütliches Licht.
Der Wirt deckte eine große Fülle von Köstlichkeiten auf,
und El-Girto konnte sich gar nicht entscheiden, womit er anfangen sollte.
Dann nahm er ein fettes Stück Braten und biß hinein. Es schmeckte
widerlich sauer nach Dreck und fauligem Wasser. Er verzog das Gesicht.
In seinen Ohren verhallte das Hohngelächter der Leute in der Stube.
Er schlug die Augen auf. Er saß auf einem Stein an der Burgmauer
und hatte in einen Fladen von Lehm gebissen. Angewidert spuckte er den
Dreck aus.
Wütend ging er auf das Tor zu. Er würde sich nicht mehr von
den Dämonen täuschen lassen. Er wollte durch das Tor schreiten,
stieß aber gegen eine harte Wand. Was war das? Vor ihm nah er den
Durchgang, aber fühlen tat er eine Mauer! Wieder eine Täuschung!
Die Geister hatten die echte Bresche verdeckt. Langsam tastete er sich
an der Mauer entlang. Wenn er den Durchgang schon nicht sehen konnte,
so mußte er ihn doch fühlen. Und tatsächlich. Da, wo er
eine Mauer sah, spürte er nichts als Luft. Er schloß die Augen
und machte einige Schritte vorwärts. Dann schaute er wieder auf.
Er stand im Burghof.
Obwohl er ziemlich sicher war, wieder nichts zu entdecken, suchte er doch
den ganzen Tag lang, und es kam ihm dabei so vor, als würde er ständig
im Kreis gehen. Er suchte und suchte immer wieder dieselben Stellen ab
und wurde dabei immer müder. Es gab entsetzlich viele sterbliche
Überreste auf der Burg. Die meisten waren eindeutig Soldaten gewesen,
steckten in staubbedeckten, verwitterten Rüstungen und hielten rostzerfressene
Waffen in den skelettierten Händen. Die anderen waren an Hand von
Kleidungsresten als Bürger oder Burgpersonal zu erkennen. Aber keiner
der Leichname wirkte wie ein toter Zauberer. Keiner hatte irgend etwas
außergewöhnliches, das zu dem verzauberten Schwert in seiner
Hand paßte.
Er suchte weiter.
Als er den Eindruck bekam, erneut im Kreis gegangen zu sein, suchte er
sich ein verkohltes Stück Holz und markierte damit die Wände
der Räume, die er abgesucht hatte. Aber als er nach Stunden auf einen
Raum stieß, von dem er sich absolut sicher war, daß er ihn
schon markiert hatte, waren seine Zeichen an der Wand verschwunden.
Grimmig begann er damit, sich den Aufbau der Burg einzuprägen und
sich lieber auf sein Gedächtnis zu verlassen.
Es wurde Abend und der Himmel verfinsterte sich. El-Girto machte sich
Fackeln aus den herumliegenden Resten und suchte im Feuerschein weiter.
Seine Schritte wurden schleppend, sein Blick trüb, sein Geist fahrig.
El-Girto
wanderte mit Silja und seinem Vetter Mannik über eine weite Wiese,
deren langes, struppiges Gras herbstlich gelb aussah. Die Sonnen waren
nicht zu sehen, aber es war doch ziemlich warm. Auch ein Himmel war nicht
da. Es sah merkwürdig aus.
Der dicke Mannik hatte graues Loden um seinen Wanst geschnürt und
schwitzte mächtig in dem warmen Zeug. Auf seiner Glatze spiegelte
der Schweiß. Irgendwo weit weg am Rand der Wiese standen düstere
Bäume. Kein Wind raschelte in den Blättern. Nichts bewegte sich.
Neben ihm ging Silja in einen weinroten Bedumil(+) gehüllt.
(+ Ein Bedumil ist ein Poncho-ähnlicher Mantel mit Kapuze, ein typisches
Kleidungsstück der Liskis.)
"Bei dem Wetter machen wir ein Picknick?" fragte er.
"Ja, das tun wir", sagte Silja mit leerem Blick.
Vetter Mannik ließ sich mit einem Seufzer nieder. Er betrachtete
die Landschaft. Die Luft über der Wiese war warm, obwohl kein Himmel
da war. Mannik keuchte.
"Das ist doch nicht schön!" erwiderte El-Girto.
Mannik schaute ihn an. Das strubbelige, rote Haar machte ihn
häßlich.
Silja ging ein Stück weg.
"Du mußt das noch verstehen!" sagte Mannik. Die Wiese
wurde von kahlen Hügeln eingegrenzt. Auf der Wiese war es still.
Vetter Mannik sah mit dem grünen Haar noch häßlicher aus.
"Du denkst was", sagte Ogon.
"Ich möchte zu Silja!" antwortete El-Girto. Er wollte gehen,
aber da stand Vetter Mannik. Dunkle, tiefliegende Augen schauten ihn an
und hielten ihn auf. Es blieb aber still. Vetter Mannik setzte
sich wieder hin. Es war eine Düne mit grünem, scharfen Strandhafer.
Mannik saß da mit seinem weißen Haar und
den feinen, schwarzen Kleidern, und Silja stand hinter einer anderen Düne.
"Warum bist du mein Vetter?" fragte El-Girto.
Mannik antwortete nicht, sondern schaute hinaus ins Licht.
El-Girto
wachte auf. Er konnte wohl nicht mehr den Traum von der Wirklichkeit unterscheiden.
In der folgenden
Zeit ging es ihm sehr schlecht. Er mußte immer an Silja denken.
Was sie wohl gerade tun mochte? Sie war gewiß schon wieder in Mjordorf
und genoß den warmen Sommer. Sommer? Unsinn! Es war noch immer Frühjahr.
Dennoch war es wohl im Liskisland sehr warm. Bald würde Trikirschernte
sein. Die Großmütter würden dann aus den blühenden
und reifenden Gärten mit gekrümmtem Buckel die Trikirschen von
den niedrigen Büschen pflücken und dann daraus Saft pressen,
Marmelade kochen und allerlei Leckereien mehr. Und die Kinder würden
sich wieder allerlei Streiche ausdenken, um an dieses Zuckergebäck
zu kommen.
Er erinnerte sich noch genau, wenn in Braz die Trikirschen geerntet wurden,
rüsteten er und seine Brüder zum Eroberungsfeldzug auf die Speisekammer
der Oma Rolanta. Ogon, damals mit elf Jahren der älteste der drei,
führte das Kommando. 'Männer', sagte er immer, 'Männer,
wir werden den Feind überlisten! Soldat Alor!' - Alor, damals neun
Jahre alt und völlig vernarrt in die Kriegskunst, salutierte - 'Soldat
Alor, du wirst hinter der alten Echel(+) lauern! Währenddessen wird
Soldat El-Girto den Feind von seiner Festung fortlocken.'
(+ Eine Echel ist ein Baum, der meist sehr alt wird, und wegen seiner
heilwirksamen Blüten bekannt ist.)
Als Ogon seinen Namen nannte, stand El-Girto, gerade acht geworden und
damit der kleinste, stramm. Obwohl er immer die Drecksarbeit erledigen
mußte und daher gar nicht so gierig darauf war, machte er den Quatsch
doch mit, weil es dabei etwas Leckeres zu futtern gab.
'Gelingt Soldat El-Girto das, wird Soldat Alor in die Festung eindringen
und das Lager plündern!' tönte Ogon. 'Noch Fragen?'
Alor meldete sich: 'Ja, was tust du dabei?'
Ogon stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte zu Alor herab: 'Ich gebe
die Befehle!'
Soldat Alor sah das zwar nicht ganz ein, gab aber Ruhe.
Der Angriff lief dann. Oma Rolanta saß auf dem Bänkchen vor
ihrem kleinen Haus und rupfte kleine Blätter von den frischgepflückten
Trikirschen. Heimlich, still und leise schlich sich Alor hinter die alte
Echel, die vor dem Häuschen stand. Ogon saß irgendwo hinter
einem Zaun und beobachtete das Ganze. Da kam El-Girto mit einem unreifen
Kernapfel hinter dem Rücken des Weges geschlendert. Als er an Oma
Rolantas Häuschen vorbeikam, warf er den Kernapfel mitten in den
Korb mit den Früchten, so daß eine Menge Trikirschen durch
die Gegend flogen. Dann lachte er dreckig, bis Oma Rolanta mit einem Knüppel
in der Hand wüste Beschimpfungen keifend auf El-Girto zustakste.
El-Girto lief ein Stück den Weg hinunter, blieb dort stehen und steckte
der Alten die Zunge raus. Oma Rolanta nahm erhobenen Knüppels die
Verfolgung auf.
El-Girto wollte weiterrennen, prallte aber auf jemand anderem hinter ihm.
Es war Jorco, der Schmied.
'Halt ihn fest!' rief die Rolanta. 'Der Lausebengel hat mich beworfen!'
Und schon hing El-Girto in den großen Händen des Schmieds wie
festgeschraubt. Da half kein Rucken und kein Zappeln.
Oma Rolanta kam mit ihrem Knüppel näher. Jetzt schlägt
dein letztes Stündlein, dachte El-Girto mit schreckgeweiteten Augen.
Da fiel ihm etwas ein. Er starrte in den Himmel. Und dann schrie er: 'Da
hängt ja einer im Baum!'
Die alte Rolanta und Jorco starrten in die angegebene Richtung, obwohl
da gar kein Baum war. Der Schmied hatte vor Überraschung den Griff
gelockert, und nun konnte sich El-Girto losreißen. Er rannte, als
würde hinter ihm die Welt untergehen.
'Halt!' schrien Schmied und Oma, obgleich das natürlich wirkungslos
war. El-Girto verschwand in den kleinen Dorfwegen.
Weiter draußen saßen zwischen den Feldern und Wiesen Ogon
und Alor auf einem Zaun und stopften die Leckerein in sich hinein, als
hätten sie jahrelang gehungert. Als El-Girto völlig außer
Atem ankam, war nur noch wenig für ihn übrig.
'He! Das ist ungerecht!' jammerte er.
Ogon legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte so gewissenhaft, wie
er es mit vollem Mund konnte: 'Hätten wir auf dich gewartet, hätten
sich die Moskitos und Fliegen darüber hergemacht!'
Mißmutig setzte El-Girto sich ins Gras und aß die spärlichen
Reste. Allerdings bekamen Ogon und Alor bald schlimme Bauchschmerzen,
worüber El-Girto natürlich nur schadenfroh grinste.
El-Girto saß in einer Ecke des Burghofes und lächelte über
diese sonnigen Erinnerungen. Er lächelte... und weinte.
Endlich
hatte der Regen aufgehört. Über dem Burghof hing eine feucht-würzige
Luft, deren Einatmen recht gut tat und den Geist erfrischte. Die verwitterten
Steinplatten waren noch dunkel vom Regen. Verstreut lagen die Gebeine
längst toter Menschen dort in dem blassen Licht. El-Girto suchte
wieder einmal, obgleich er eigentlich keine Hoffnung mehr hatte, etwas
zu finden. Aber wie das so ist, trat es genau dann ein, als er am wenigsten
damit rechnete.
Er suchte die Wehrgänge auf den Burgmauern ab, als er auf dem Abschnitt
hinterm Haupthaus auf ein geöffnetes Tor stieß. Neugierig ging
er hinein. Von dem Tor ging es auf eine Galerie und dann eine Treppe hinunter
in den Speisesaal. Dort lagen die sterblichen Überreste nicht - sie
standen! Wie mitten in der Bewegung erstarrt. Starb so ein Lebewesen?
Mit dem Glas in der Hand?
Auf dem Holzfußboden, der nur noch in total morschen Überresten
vorhanden war (darunter befand sich ein Steinboden), war weiter hinten
ein großer, schwarzer Fleck wie von einem Feuer.
"Hier hat Forcuona gestanden!" dachte El-Girto mit klopfendem
Herzen. Ihm wurde flau im Magen. Er kehrte um. Da fiel sein Blick auf
merkwürdige, braune Punkte, die sich in einer Reihe über die
Holzbohlen hinzogen. Er schaute sie sich näher an. Es waren kleine,
braune Kleckser... Blut? Die Flecken verliefen in eine bestimmte Richtung
- auf ein Stück verrotteten Stoffes zu. El-Girto ging dorthin. Der
Stoffetzen mochte einmal ein Umhang gewesen sein. Auch darauf war ein
dicker, brauner Blutfleck --- und... magische Symbole! El-Girto erkannte
sie wieder. Einige davon standen auch auf dem Schwert!
Dies war der Umhang des Landzauberers! El-Girto schluckte. Endlich hatte
er eine Spur gefunden! Das Blut bewies es: Der Zauberer mußte das
Tuch in seiner Todesstunde liegengelassen haben. Er hatte sich also, bevor
er starb, irgendwohin geschleppt. Aber wohin? Die Blutstropfen! Die Flecken
verliefen nach dem Umhang weiter auf eine offene Tür zu!
El-Girto lief dorthin. Hinter der Tür ging es einen Gang entlang.
El-Girto ging ein Stück hinein, aber auf dem Boden waren keine Flecken
mehr zu sehen. Einen Schritt hinter der Tür hörten sie auf.
El-Girto dachte angespannt nach. War der Zauberer durch einen Geheimgang
gekrochen? Er tastete die Wände ab. Aber die Steine saßen alle
felsenfest. Er klopfte die Mauern ab, aber nichts klang hohl. Er setzte
sich verzweifelt hin und dachte weiter nach. Da fiel sein Blick auf eine
Nische in der einen Wand. Er lief hin. Darin ging eine schmale Wendeltreppe
nach oben und auf den Stufen --- die Blutflecken! Er jagte die Treppe
hinauf. Immer höher ging es in immer engeren Windungen. Und die Flecken
waren ohne Unterbrechung auf den Stufen zu sehen. Es mußte ein Turm
sein. El-Girto kam ins Keuchen, als er an das Ende der Treppe gelangte.
Auch hier war wieder eine offene Tür. Dahinter lag ein kleiner düsterer
Raum - das Turmzimmer. Man konnte nicht viel erkennen. Fußboden,
Wände und Decke waren beschmiert mit Symbolen. Es waren die Zeichen
des Schwertes!
DER IM TODE BESTEHT
DER IM TODE VERGEHT
Immer wieder, überall im ganzen Raum.
In einer Ecke stand ein Thron aus Stein.
Und in diesem Thron saß jemand.
Es war ein breitschultriger Mann in zerfetzter Kleidung.
Es war Piojr.
Mit einem unbeschreiblichen Gefühl in seinem gesamten Körper
trat El-Girto näher.
Das Schwert an seiner Seite leuchtete nun wie verrückt. Und der grüne
Schein erhellte die Gestalt in dem Thron ein wenig. Piojr sah aus, als
wäre er eben gerade erst gestorben. Die Haut war rosig und ohne Falten,
die Kleidung zwar zerrissen aber so gut wie neu und das Blut an den Wunden
noch rot und flüssig. Die Augen starrten ins Leere.
El-Girto konnte es nicht fassen. Die Leiche hatte sich in hunderten von
Jahren keinen Deut geändert. Doch wie sollte er nun das Erbe antreten?
Den Zauberer begraben? --- Es mußte irgendwie mit dem Spruch zu
tun haben.
DER IM TODE BESTEHT
DER IM TODE VERGEHT
Es stand überall in dem Raum. Also mußte sein Rätsel hier
gelöst werden. El-Girto setzte sich hin. Er dachte über den
Spruch nach. WER bestand im Tod? Er drehte sich zum Thron um. Ja. Piojr
sah tatsächlich so aus, als würde er im Tod weiterbestehen.
Kein Zweifel! Piojr mußte gemeint sein! Er sollte im Tode vergehen?
Natürlich verging er im Tode! Was sollte er sonst tun? Was bedeutete
denn nun diese zweite Zeile? El-Girto entschloß sich nochmal von
vorn anzufangen. Also: Piojr war weder tot noch lebendig. Was für
einen Sinn sollte das haben? Sollte er einmal wieder zum Leben erweckt
werden? Aber wie? Und warum hieß es dann DER IM TODE VERGEHT? Lag
Piojr etwa in einem ständigen Kampf mit dem Tod?
Da fiel ihm siedend heiß das Kaminzimmer ein, in dem er dem leibhaftigen
Tod begegnet war. So mußte es sein! Er mußte den Tod besiegen,
um Piojr zu retten! Deshalb stand der Spruch auch auf dem Schwert! Das
Schwert wäre vielleicht mächtig genug, den Tod zu schlagen.
El-Girto rannte die Wendeltreppe hinunter, durch den Gang, durch das Speisezimmer
hinaus auf den Burghof. Er mußte das Kaminzimmer finden. Auf dem
Burghof standen Gestalten. Trugbilder! Sie riefen alle "Wo willst
du hin? So bleibe doch!", doch El-Girto rannte an ihnen vorbei.
Er kam durch den Raum, in dem immer noch der Fleck seines Harmora-Getränkes
lag, lief in den langen, eigenartig sauberen Gang. Er rannte an sein Ende
bis zu der schweren Tür mit dem dicken Knauf. Hastig stieß
er sie auf.
Der Raum war leer. Kein Sessel, kein Teppich, keine Bilder, kein Tod.
Der Kamin war zusammengestürzt, die Wandtäfelung vermodert.
Hier war seit tausend Jahren niemand mehr gewesen.
"Das ist nicht wahr!" schrie El-Girto. "Stell dich zum
Kampf!"
Das Zimmer mußte ein Trugbild sein! Er schlug mit dem Schwert auf
die Trümmer des Kamins ein, aber nach einigen wilden Attacken mußte
er einsehen, daß vielmehr der alte Mann am Kamin ein Trugbild gewesen
war.
Vor Wut und Verzweiflung sackte er zusammen. Das konnte doch nicht sein!
Wie sollte er den Zauberer denn nur retten?
"El-Girto?" sagte eine weibliche Stimme neben ihm. Er schaute
sich um. Neben ihm kniete Silja. Eine Halluzination.
"Verschwindet!" schrie er.
Doch das Trugbild ging nicht. "DER IM TODE VERGEHT", sagte Silja.
Ihr Bild verblaßte. Es war still in der ganzen Burg. Keine Trugbilder,
keine Geräusche. Es regnete nicht, und die Sonnen gingen auch nicht
unter. Alles schien auf etwas zu warten.
El-Girto trottete über den Burghof. Die Luft hatte irgendwie keine
Temperatur und keinen Geruch. Es schien alles stillzustehen. Die Schwertklinge
leuchtete immer noch, doch von dem Heft nur noch die eine Seite DER IM
TODE VERGEHT. Entmutigt ging er wieder in den Turm.
In dem Turmzimmer stand an den Wänden nur noch der eine Satz DER
IM TODE VERGEHT.
"Wie denn, verdammt nochmal?" schrie El-Girto wütend und
warf das Schwert auf den Boden. Da leuchtete die Klinge grell auf und
bewegte sich zum Zauberer hin. "Was soll das?" fragte El-Girto
sich. Die Klinge rutschte schneller auf Piojrs Fuß zu. "Nein!"
schrie El-Girto und stürzte sich auf die Klinge. Er bekam sie gerade
noch zu fassen. Mit aller Kraft zerrte er sie zurück. Aber das Schwert
schien einen eigenen Willen zu besitzen und zog immer stärker zu
Piojr hin.
El-Girto trat der Schweiß auf die Stirn. Grellgrün strahlte
ihm der Satz auf dem Heft in die Augen: DER IM TODE VERGEHT. Und endlich
begriff er.
Piojr war nicht tot, konnte aber nicht mehr leben. Um sein Erbe abzugeben,
mußte der Landzauberer sterben. Vorsichtig ließ El-Girto nach.
Das Schwert stach nur drei Finger breit in die Seite des Zauberers, dort
wo die alte Wunde klaffte. Das Leuchten verschwand, die Klinge zog nicht
mehr.
Piojr stöhnte auf. Sein Kopf kippte ein winziges Stück nach
vorn, richtete sich dann aber wieder auf. Die Augenlider bewegten sich.
Matten Blickes schaute er El-Girto an. Nach einer Weile sprach er kraftlos
und leise: "Endlich ist jemand meinem Ruf gefolgt, und es ist nicht
Forcuona, wie ich befürchtete. Du bist gekommen, um mich abzulösen.
Gut. Darauf habe ich eine Ewigkeit gewartet, El-Girto!"
Der Kure wollte etwas sagen, bekam aber nichts über die Lippen. Er
war so aufgeregt, daß ihm die Kehle wie zugeschnürt war.
"Ich bin schon länger bei dir gewesen, als du denkst, mein Sohn",
sprach Piojr. "Du hast mich immer mit dir herumgetragen. Denn damals,
bei meinem letzten Kampf, hat mich der elendige Verräter, der feurige
Forcuona, mit meinem eigenen Schwert niedergestochen. Doch meine Seele
ließ ich in das Schwert wandern, mit dem mich der Schwarze verschleppte.
Mein Körper jedoch konnte ohne Seele nicht sterben, und er überdauerte
hier die Jahrhunderte. Meine Seele ging also nach Trastan, weg von meinem
Körper und ich konnte nichts tun. Sehr viel später, als ich
schon die Hoffnung aufgegeben hatte, fand mich dein Vater, der von meinem
Schicksal etwas ahnte. Und meine Klinge drang in dein Fleisch und ich
beseelte dich mit der Berufung, mein Nachfolger zu werden. Du solltest
meine Seele wieder mit meinem Körper vereinen, damit ich dir meine
Bürde weiterreichen könnte und in Frieden sterben dürfte.
Dieser Augenblick ist nun gekommen. Du wirst mein Erbe."
"Aber wie werde ich das?", fragte El-Girto.
"Das werde ich dir gleich sagen!" entgegnete Piojr matt. Das
Sprechen fiel ihm langsam schwer. "Doch zuvor mußt du mir etwas
versprechen: Forcuona wird schon sehr bald wieder erwachen - ich weiß
das - und danach streben, die Welt zu verbrennen. Wenn du Landzauberer
bist, mußt du das magische Dreieck wieder aufbauen und Forcuona
vernichten! Versprich mir das!"
"Ich verspreche es dir! Denn das ist der Wunsch, der mich zu dir
geführt hat", sagte El-Girto mit überraschender Selbstsicherheit.
"Gut", stöhnte Piojr erleichtert. "Du sollst jetzt
mein Erbe werden. Nimm meine Hand!"
El-Girto gehorchte. Die Hand des Zauberers, die vorhin noch kalt wie der
Tod gewesen war, war nun heiß und verschwitzt. Da spürte El-Girto,
wie ihm ein wenig Kraft entzogen wurde. Hinter ihm krachte es in der Mauer.
Eine Öffnung entstand in der Wand und gab den Blick auf das Gebirge
frei.
"Wir müssen zusammen dort hinunterspringen!" preßte
Piojr mühsam hervor.
"Dort hinunterspringen? Das überleben wir nicht!" entgegnete
El-Girto.
"Dir wird nichts geschehen!" stöhnte der Zauberer. "Beeil
dich! Ich halte nicht mehr lange durch. Nimm das Schwert und steck es
in deinen Gürtel! Dann nimm mich auf den Rücken, und wenn ich
es sage, springst du! Schnell!"
El-Girto steckte das Schwert ein und hievte den kraftlosen Zauberer auf
seinen Rücken. Vorsichtig ging er an die Öffnung und schaute
hinunter. Es ging eine Viertelmaile senkrecht nach unten. Er schauderte.
Währenddessen sprach Piojr leise eine Menge unverständlicher
Wörter und dann schließlich: "Spring!"
Und El-Girto sprang.
Sein Herz
klopfte wie wild als er fiel. Er konnte einfach nicht atmen. Sein Mantel
flatterte stark im Wind. Und er schloß die Augen.
Als er wieder
die Augen öffnete, stand er im Dunkeln. Piojr war verschwunden. Wahrscheinlich
war er endgültig tot. Es war kühl und naß. Er glaubte,
in einem unterirdischen Gang zu sein. Und es schienen die Verließe
der Burg zu sein, in denen das Etwas mit den kalten Fingern umherging.
Hatte er etwa alles nur geträumt? Wahnsinnig genug war es ja gewesen.
"Wer bist du?" fragte eine tiefe, irgendwie erdige Stimme neben
ihm.
El-Girto nahm sich ein Herz und sagte tapfer: "El-Girto, der neue
Landzauberer!"
In diesem Augenblick flammten überall Fackeln auf, und er konnte
sehen, wo er war. Er befand sich am Ende eines langen Ganges, den Verließen
der Burg. Doch an den Wänden waren jetzt große Gesichter aus
Stein, deren Augen geschlossen waren.
El-Girto ging vorwärts durch den Gang. Dabei sprachen die Gesichter
in einem monotonen Sing-sang: "Bist du der Zauberer, so nehme die
Herrschaft über die Mächte des Landes an!"
"Ich nehme sie an!" antwortete El-Girto.
Ein Gittertor ging vor ihm hoch. Er ging weiter.
"Bist du der Zauberer, so schwöre, dein Volk zu schützen."
"Ich schwöre!" Ein weiteres Tor ging hoch.
"Bist du der Zauberer, so verpflichte dich dem Lande bis an dein
Lebensende!"
"Ich verpflichte mich!" Und wieder öffnete sich ein Tor.
Und so ging es immer weiter den Gang hinauf. Nach jeder Beteuerung ging
ein Tor auf. Und nach dem siebenunddreißigsten Tor schritt er auf
den Burghof hinaus. Und der Burghof strahlte in Schönheit und Ganzheit.
Die Burg reckte sich massiv und ohne Kratzer stolz in den sonnigen Himmel
hinauf. Und auf dem Gemäuer warteten hunderte von Vögeln auf
ihn.
Er breitete die Arme aus und rief: "Fliegt hinfort und verkündet
im ganzen Land: EL-GIRTO IST DER NEUE LANDZAUBERER!"
Die Vögel erhoben sich und flatterten davon. El-Girto stand allein
auf dem Burghof. Er zog sein Schwert aus unzerstörbarem Rotholz und
betrachtete es. Auf dem Heft standen neue Symbole, und er konnte sie lesen:
DER ALTE HERR
DEM NEUEN HERRN
Ein letzter Gruß von Piojr.
Es waren
nun Tage vergangen. El-Girto sank erschöpft in den Thron im hohen
Turmzimmer. Seine adligen Gäste waren endlich gegangen. Sie hatten
ihrem neuen Herrscher gehuldigt. Die Wandergauren standen voll hinter
ihm. Auch der Liskiskönig hatte ihm Sympathie kundgetan. Nur der
König in Kundor mit seinen Berggauren hatte sich ablehnend gezeigt
und zürnend die Burg verlassen. Die Berggauren kannten den Landzauberer
nicht als Herrscher an.
Doch das sollte ihm vorerst egal sein. Er war jetzt wieder allein. Und
irgendwie fühlte er sich als Landzauberer leer und einsam. Daher
hatte er während der letzten Tage einen Entschluß gefaßt.
Bevor er die anderen Zauberer Liskinden und Tamaschar aufsuchte, mußte
er ins Liskisland reisen und Silja zu sich holen. Sie sollte seine Frau
werden, für ewig und immerdar, denn als Zauberer lebte er unendlich
lang. Und so sattelte er seinen edlen, weißen Grusophen und machte
sich auf die Reise.
Im 'Toten Gehölz' blühten die Bäume, zwitscherten die Vögel
und reiften die wilden Trikirschen in der Sonne.
Der Zauberer ritt nach Süden.
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