Prolog

  Arden Thargan nennen die Bewohner ihre Welt, und das heißt soviel wie "das Land Thargans". Manche nennen sie auch einfach die Vierlande. Aber im wesentlichen sprechen die Menschen einfach von der "Welt", wenn sie Arden Thargan meinen, denn außer ein paar kleinerer Inseln im näheren Umkreis entsprechen die Vierlande der ganzen bekannten Welt. Da jener Thargan, den die Menschen Vierlandens als Urvater verehren, einst von jenseits der Meere gekommen ist, vermutet man, dass es in weiter Ferne noch viele unerforschte Länder gibt. Unglücklicherweise sind der Schiffbau und die Navigation der Vierlande nicht sonderlich hoch entwickelt, und so sind alle kühnen Seefahrer, die sich jemals auf Entdeckungsfahrt begeben hatten, entweder erfolglos zurückgekehrt oder verschwunden.
Im übrigen stehen die Bewohner der Vierlande solchem neumodischen Forschertum mit Abneigung gegenüber. Die Geister und Dämonen des Wassers werden sich schon etwas dabei gedacht haben, als sie das Land Thargans mit weiten Meeren umgaben.
Über Arden Thargan scheinen zwei Sonnen, eine große rötliche mit Namen Tax und eine kleine gelbliche mit Namen Cimeiron, die in der Mythologie der Menschen als Mutter und Kind gelten. Im Winter verschwindet die kleine Cimeiron hinter der großen roten Tax, als wäre sie von diesem Ungetüm verschluckt worden. Und im Frühjahr kommt sie wieder hervor, als werde sie neu geboren.
Auch an Monden verfügt die Welt der Kinder Thargans über deren zwei, aber sie sind niemals gleichzeitig am Himmel zu sehen. Vom ersten Tauwetter bis zum Spätsommer steht der bräunliche Peridor, der Sommermond, am Himmel, und von der Erntezeit bis zur Wiederkehr der kleinen Sonne erleuchtet der winterliche Aribor mit blauem Schein die Nächte. Wenn sich also der Sommermond dem Horizont zuneigt, wird es Zeit, für den Winter vorzusorgen. Und wenn die Nächte nach dem Untergang des Wintermondes besonders dunkel und kalt werden, heißt es hoffen, dass die kleine Sonne Cimeiron auch wirklich bald wiedergeboren wird und das nächste Frühjahr mit sich bringt. Der Kalender steht für die Menschen der Vierlande also offen am Himmel, und allenfalls Steuereintreiber machen sich die Mühe, die Tage genau zu zählen.
Der geneigte Leser muss sich nicht alle diese Namen merken. Wichtiger ist es da schon, sich in der Geografie der Vierlande ein wenig auszukennen. Wäre da in der Mitte nicht ein schmaler Sund, wären die Vierlande eine zusammenhängende Landmasse. Diesem Manko haben die Menschen schon beizeiten abgeholfen und eine Brücke über den Sund gebaut. Sie verbindet das große, weite Trastan im Süden mit dem kleinen Briban in der Mitte. Nach Norden schließen sich daran die Landesteile Grifor und Angath an. Die Menschen siedeln hauptsächlich an den Küsten und Flussmündungen, während hier wie dort das Landesinnere entweder bergig, sumpfig, öde oder überwuchert, aber in jedem Falle unwegsam ist. Wer jemals eine Reise wagt, die weiter als bis zur nächsten befestigten Stadt gehen soll, wird unmöglich den direkten Weg nehmen können und sich auf allerlei Hindernisse und Gefahren einstellen müssen. So wäre es wohl durchaus möglich, vom südlichsten Ende Trastans bis zum äußersten Winkel Angaths ganz Vierlanden innerhalb von zwei, drei Monaten zu durchmessen, aber dafür wäre ein Reittier nötig, das Berge erklimmen, Flüsse durchschwimmen, Schluchten überspringen und sich von Baumkrone zu Baumkrone schwingen kann. Die Menschen vertrauen dann doch lieber ihren Seefahrern, und selbst die sind gut beraten, immer entlang der Küsten der Vierlande zu segeln, statt sich ins offene Meer hinaus zu wagen. Die Nachkommen Thargans wissen, dass sie der Natur und den Elementen Respekt schulden.
Das hängt auch mit dem Glauben zusammen, den alle Menschen der Vierlande ursprünglich hatten. Ihrer Mythologie nach waren die Vierlande vor der Ankunft Thargans von chaotischen Geistern und Dämonen beherrscht, und erst der Urvater bezwang diese Kräfte und ordnete sie nach seinen Vorstellungen den vier Elementen zu - Feuer, Erde, Wasser und Luft. Davor mag es durchaus an der Tagesordnung gewesen sein, dass im Meer das Feuer brodelte oder ein Landstrich sturmgepeitscht davonströmte. Die Ordnung machte die Vierlande bewohnbar und Thargan zu einer mächtigen Gestalt. Er führte Menschen über die Weltmeere, die auf den Vierlanden siedelten. Er wurde viel älter als jeder normale Mensch, aber erst mit seinem Tode begannen die Menschen, die Jahre zu zählen. Seine Macht über die Elemente übernahmen vier Männer, die Thargan selbst auserwählt hatte - je einen für ein Naturelement. Die Geister und Dämonen schienen die Erben Thargans anzuerkennen und ebenfalls zu mächtigen Gestalten zu erheben. Die Menschen nannten sie Zauberer und fühlten sich dem einen oder anderen zugehörig. So bildeten sich vier Völker, die sich je einem Element besonders verbunden fühlten. Die Anhänger des Feuerzauberers nannten sich Kuren, die Verehrer des Luftzauberers hießen Gauren, die Gefolgschaft des Erdreiches hatte den Namen Liskis. Nur die schweigsamen Eingeweihten der Mächte des Wassers gaben sich keinen Namen, und so bezeichnete man sie schlicht als Wasservolk.
Unter der Herrschaft der Zauberer baute man Burgen und Straßen, aber auch Tempel und Verließe für die Geister und Dämonen. Jahrhunderte vergingen, und die Zauberer schienen nicht zu altern. Aber dann führten sie Krieg und sie stürzten ihre Völker in einen düsteren Vernichtungskampf. Die Kuren und der Feuerzauberer schienen wie die Sieger, der Landzauberer und vor allem das Wasservolk die Verlierer zu sein. Dann aber fielen die Menschen von der Insel Arink dem Feuerzauberer in den Rücken, und dieser war darüber so erzürnt, dass er mit all seiner Dämonenmacht die ganze Insel zerstörte bis auf einen einsamen Berggipfel. Nun endlich, 632 Jahre nach dem Tode Thargans, wandten sich die Menschen entsetzt von den Zauberern ab, und deren Zeit war abgelaufen.
Einigkeit kehrte aber dennoch nicht ein unter den Menschen der Vierlande. Kuren und Gauren spalteten sich auf zu einer Anzahl kleinerer Königreiche und Fürstentümer. Sie siedelten in anderen Ländern, führten Krieg und ließen ihre alten Städte und Tempel verfallen. Auch ihr Glaube an die Elemente zerfiel in unterschiedliche Richtungen. So kam es, dass im Jahre 1693 nach Thargan niemand mehr von den vier Zauberern sprach, und die verfallenen Burgen und Tempel jener Zeit wie die Überbleibsel eines Volkes wirkten, das die Vierlande vor Beginn der Zeitrechnung besiedelt hatte.
Unsere Geschichte beginnt eben in diesem Jahre 1693, und wie ihr Titel ganz richtig vermuten lässt, in Briban, dem kleinen Land etwa in der Mitte der Landkarte. Die Liskis, die ehemaligen Gefolgsleute des Erdzauberers mit Namen Piojr, bewohnen das moorige Land an den Flüssen Kork und Chan. Sie sind vorrangig Viehzüchter und Waldarbeiter, aber auch geschickte Zimmerleute. Und dass auf unserer Karte ausgerechnet das kleine, verschlafene Mjordorf hervorgehoben ist, hat auch seine Bewandnis...
 
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