Das Jahrtausendgrab © 2006 by Marcel Sommerick Nach einer Idee von Ralf Schmidt Erstes Kapitel Das Schlimmste waren die Fliegen. Er hatte mit Durst und Hitze gerechnet, mit Muskelkrämpfen und Durchfall. Aber dass er mitten in der Wüste auf Fliegen treffen würde, die sich einen Spaß daraus machten, seinen Schweiß aufzusaugen und ihn den ganzen Tag zu umschwirren, erschien paradox. Die afrikanischen Fliegen waren ungleich aggressiver als ihre europäischen Artgenossen und schienen darauf programmiert zu sein, den Menschen das Leben zur Qual zu machen. Hier in der Weißen Wüste Ägyptens gab es sonst kaum Leben. Am Vortag hatte er die Spuren einer Gazelle gesichtet, und jeden Abend beobachtete er, wie zwei Wüstenfüchse in seinen Abfällen nach Essbarem wühlten. Aber er hatte sich weit von der Hauptroute entfernt und in den drei Tagen, die er nun hier war, hatte er keinen einzigen Landcruiser gesichtet, keine Touristen und auch kein Militär. Nachts funkelten die Sterne über seinem Lager, und tagsüber brannte die sengende Sonne vom Himmel, so dass er sich in den Mittagsstunden in den Schatten des Camions flüchtete und bei einem Glas Minztee abwartete, bis die größte Hitze vorbei war. André hatte damit begonnen, die Grube auszuheben. Ein Spaten gehörte in das Gepäck jedes Wüstenreisenden, und es kam vor, dass jemand in echter Verzweiflung oder aus Sportsgeist nach Wasser grub. Gang und gäbe war es auch, zu der Schaufel zu greifen, wenn das Auto eingesandet war. Aber dass jemand ein zwölf Meter langes und vier Meter tiefes Erdloch anlegte, war nicht an der Tagesordnung. Selbst in der Abgeschiedenheit der Weißen Wüste war sein Vorhaben ein Rennen gegen die Zeit. André musste jeden Tag damit rechnen, dass sein Plan endgültig scheiterte. Er bereitete sich auf den perfekten Abgang vor. Manche Leute stecken viel Geld in ihr Begräbnis, lassen sich einen pompösen Grabstein setzen und investieren ihr Erbe in eine Stiftung. André hatte nichts dergleichen im Sinn, denn er hatte kein Geld und nur wenige Freunde. Er war nur hier, weil er in zwei Monaten die Geldautomaten von ganz Südeuropa mit seiner Scheckkarte geplündert hatte. Den Lkw hatte er von seiner Fahrschule gestohlen und die Papiere gefälscht. In einer Nacht- und Nebelaktion war er von zu Hause ausgerückt. Drei Brüche hatte er gemacht, um seine Fracht zu komplettieren, und so enthielt der Laderaum neben seinem Hausrat und der Expeditionsausrüstung alles, was ihm für sein Jahrtausend lieb und wichtig erschien. Sein Grab sollte etwas Besonderes werden, nicht eines von diesen schäbigen Erdlöchern, in denen die Einheimischen ihre Toten verscharrten. Wenn man André fragte, war es immer noch besser, unter Palmen im Süden begraben zu werden als daheim auf dem Kölner Melatenfriedhof. Aber er hatte sich diese Abgeschiedenheit der westlichen Wüste Ägyptens ausgesucht, um mit seinem Suizid ein Zeichen zu setzen für das Leben in der fernen Zukunft. Niemand wusste, was einst geschehen könnte und ob die Menschheit das nächste Jahrtausend überhaupt erleben würde. Aber André Becker hatte sich vorgenommen, Nägel mit Köpfen zu machen. Sein Grab sollte ein Zeugnis seiner Zeit abgeben und künftige Archäologen in Freudentaumel versetzen. Er plante nichts Geringeres als eine geschichtliche Sensation: Das Jahrtausendgrab. Verbissen grub André weiter. Es war sein Schicksal, um die Jahrtausendwende zu leben, aber niemand sollte sagen, dass schon alle Würfel gefallen waren. Er hätte auch ganz einfach den Benzinschlauch seines Fahrzeuges durchschneiden können, den Sprit und die Wasservorräte in den Sand kippen können. Wahrscheinlich wäre er dann qualvoll verdurstet. Doch er wollte sich das Ableben nicht zu einfach machen, nicht aus Schwäche den einfachsten Weg wählen. Solange er zurückdenken konnte, hatte er sich einsam gefühlt. Seine Kindheit war dornig, in der Jugend war er ein extremer Außenseiter, und auch die Adoleszenz brachte keine einschneidenden Veränderungen. Er studierte mit mäßigem Erfolg, jobbte nebenher in einer Spedition und machte schließlich den Lkw-Führerschein, um hauptberuflich Brummis zu fahren. So hätte er sich eine geregelte Existenz aufbauen können, mit Wohnung im Kölner Norden und Job, um schließlich zu heiraten und eine Familie aufzubauen. Manchmal geht das Leben seltsame Wege, dachte er und sprach die Gedanken laut aus, “... und nichts steht geschrieben.” Er stutzte, legte den Spaten beiseite und lauschte. In der Stille der Wüste hätte er schwören können, eine menschliche Stimme zu vernehmen. Er schüttelte den Kopf, schaute nach allen Richtungen. Eine Halluzination. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn, setzte sich in den Schatten, um eine Kanne Kaffee zu kochen. Vorräte führte er im Überfluss mit sich, und wenn es drei Wochen dauern sollte, die Grube auszuheben, er war für alle Eventualitäten gerüstet. Sogar ein Satellitentelefon führte er mit sich, seine letzte Verbindung zur Zivilisation, und solange niemand sein Versteck entdeckte, konnte er seine Pläne unbeirrt zu Ende bringen. Er trank den Kaffee und zündete sich eine Zigarette an. Es war sengend heiß. Er hatte vergessen, sich eine Mütze aufzusetzen. Eine psychische Aberration hätte seine Pläne durchkreuzt. Doch momentan sah es eher nach einem Sonnenstich aus. Er kippte den Rest Kaffee aus der Tasse und kletterte auf die Ladefläche, um ein kaltes Bier aus der Kühlbox zu holen. Es war eine kleine grüne Flasche mit der Aufschrift “Birell”, alkoholfreies Bier. In Bahariya hatte er die letzten Vorräte eingekauft, nur die Zigaretten wurden langsam knapp. Er trank das Bier und legte sich in den Schatten. Sein Kopf war heiß, und um die Stirn zu kühlen, wand er sich ein feuchtes Handtuch um den Schädel. Es herrschte die absolute, totale Stille. Kein Auto, kein Menschenlärm, selbst der Wind war eingeschlafen. Nur zwei Fliegen summten um sein Gesicht, bis er sich aufrichtete und beide zerklatschte, um seinen Frieden zu haben. Er dachte an das Satellitentelefon, doch noch war die Wüste sein Freund, und er wollte das karge Idyll nicht zerstören. Er hatte einige Zarges-Kisten in dem Schatten abgeladen und holte eine Packung Kekse hervor, die er mit einer Handvoll Datteln zusammen verspeiste. Das Blut pochte im Schädel. Ein Pillendreher kam über den Sand gehuscht und verschwand unter der Luftmatratze. Seit vier Tagen hatte er mit keinem Menschen gesprochen. Er ging davon aus, dass in der Heimat schon lange nach ihm gefahndet wurde. Der Rückzug war versperrt. In Ägypten schien sich die Polizei nicht für ihn zu interessieren, das lag wohl hauptsächlich daran, dass er genügend Geld mit sich führte und einen vernünftigen Eindruck machte. An der Grenze hatte er den Zollbeamten erklärt, er führe die Habseligkeiten eines wohlhabenden Einheimischen mit sich, der von Deutschland zurückgekehrt sei und ihn in Luxor erwarte. Es war nicht anders als an jeder x-beliebigen Grenze, die er bisher mit dem Brummi überquert hatte. Solange man alles bezahlen konnte, gab es keine Schwierigkeiten. Also verteilte er großzügig einen Bakschisch nach dem anderen. Wiewohl alles glatt lief, konnte er sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Ägypter Schlitzohren waren. Sie schienen genau zu wissen, wieviel sie bei ihm abstauben konnten. Aber eigentlich mochte er die Schlepper und Geschäftemacher gerne, denn sie wurden nicht müde, ihm immer wieder zu versichern, “welcome to Egypt”. Die Hitze flirrte über der Wüste. Es war die heißeste Zeit des Tages, die man nur im Schatten ertragen konnte. André wand sich ein feuchtes Handtuch um den Kopf, übergab sich in einiger Entfernung von dem Lkw. Er hatte sich tatsächlich einen Sonnenstich eingefangen. Sein Schädel war glühend heiß, und ihm war todschlecht. Er brühte sich eine Tasse Tee auf, die er anschließend gleich wieder von sich gab. Sein Magen rebellierte, er war wacklig auf den Beinen. Das Weitergraben kam nicht in Frage. Er krümmte sich auf der Luftmatratze zusammen und erbrach sich in regelmäßigen Abständen. Am Abend gelang es ihm zum Glück wieder, etwas Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Er schlich um das Satellitentelefon herum. Was wäre einfacher gewesen, als diesen ganzen Wahnsinn zu vergessen und reuig heimzukehren. Er wählte eine Nummer, doch kaum hielt er den Hörer in der Hand, mußte er schon wieder brechen. Es war die Hölle. In dieser Nacht fand er keinen Schlaf, wälzte sich fiebrig auf seinem Lager und nahm auch die beiden Feneks nicht wahr, die an seinen Abfällen schnupperten. Die beiden folgenden Tage waren auch nicht besser. Zum Glück gelang es ihm, wieder etwas Tee zu sich zu nehmen. Am dritten Tag war er dann wieder halbwegs auf den Beinen. Unbeirrt griff er zur Schaufel und schippte noch mehr Sand zur Seite. Gegen Mittag drehte er das Autoradio auf und verkroch sich in den Schatten. Abends nahm er das erste Mal wieder eine warme Mahlzeit zu sich. Es gab braune Bohnen mit Reis. Er kippte das restliche Essen in den Sand, damit die Füchse auch etwas davon hatten. Probehalber warf er den Lkw an, der Motor lief. Die Starterbatterie war ganz neu, offensichtlich hatte sein Fahrlehrer den Lkw gut gepflegt. Wie viele Monate Gefängnis gab es wohl für Autodiebstahl, überlegte André laut und griff dann doch endlich zum Satellitentelefon, um nicht ständig mit sich selbst zu reden. Er wählte die Nummer eines Freundes. “Hallo, hier ist Wolfgang.” “Hallo, ich bins.” “André! Wo zum Teufel steckst du?” “In Ägypten.” “Heiliger Bimbam, ich dachte schon, sie hätten dich eliminiert.” “Mach dir keine Sorgen. Die Leute hier sind freundlich.” “Keine Sorgen, du bist gut. Die Polizei sucht dich überall.” “Ich werde nicht zurückkehren.” “Ja, aber...” “Ich habe einen Platz gefunden, der mir gefällt.” “Sag mal, bist du jetzt völlig durchgeknallt? Weißt du überhaupt noch, mit wem du redest?” “Das nehme ich stark an.” “Dann meld dich bitte wieder, wenn dir noch zu helfen ist. Ich sehe jetzt keine Chance, das Gespräch vernünftig zu beenden.” Sein Freund legte auf, und André war wieder allein, mit all der Technik, die sein Lastwagen enthielt, den Vorräten, der Ausrüstung. Mit einem Mal fühlte er sich schrecklich einsam und hielt die Tränen nicht zurück. Wie lange hatte er nicht geweint? Ein Jahr, zwei oder drei? Er wusste es nicht genau, heulte die halbe Nacht. In Anbetracht seiner Pläne ließ er noch einmal sein Leben Revue passieren. Seine Kindheit, die Urlaube in Griechenland mit der ganzen Familie, die Schulzeit, in der er ein Außenseiter war. Die erste Verliebtheit in ein Mädchen aus seiner Klasse. Später das Abitur, der Zivildienst. Die Nächte mit Natascha in ihrer kleinen Studentenbude. Der Autounfall, als er bei Captieux über die Leitplanke donnerte. Die Nacht in dem verlassenen Bahnwärterhäuschen bei Lézignan, als ihm die Fledermäuse um die Ohren schwirrten und er furchtbar fror, nur in eine Alufolie eingewickelt. Der Pass am Sognefjord, den er auf dem Fahrrad erklomm. Die Sonntage bei Iris in Bordeaux und die Kletterübungen in den Calanques bei Cassis. Die Tage auf der Straße in Spanien und der erste Bruch in Holland, als er nachts im Schnee lag und erbärmlich fror. Die Prügel, die er von der Polizei kassierte. Die WG in Paris und das Nachtleben von Köln. Die Pyrenäen. Der schäbige Campingplatz in Madrid und die wilden Feten im Studentenwohnheim von Rodenkirchen. Die Nächte auf französischen Raststätten und die Dünen im Erg Chebbi in Marokko. Der Anblick seines sterbenden Vaters. Die Felder mit Lavendel und Sonnenblumen, die kleine Tochter des französischen Bauern, mit der er den ganzen Tag spielte. Die Vorlesungen an der Uni Köln. Die Landungsbrücken im Regen. Das verlassene Fort Rekeb in Tunesien. Die Flüchtlingslager der Sahrauis bei Tindouf. Die verpatzte Abiturrede und die Tage in der Psychiatrie. Die kleine Autowerkstatt, in der er das Schrauben lernte. Deutschlands Autobahnen im Nebel. Das Judotraining bei Bushido und die kleine Sporthalle an der Pädagogischen Hochschule. Das Funkhaus vom WDR, in dem er die Post verteilte. Seine Freunde, seine Feinde. Die Liebschaften. André weinte, bis der Ärmel seines Hemdes ganz feucht war. An Schlaf war nicht zu denken. Er zündete die Gaslampe an und holte eine Flasche Wein aus seiner Vorratskiste. Wenn man ihn fragte, so war es ohnehin zweifelhaft, ob die Menschheit eine Zukunft hatte. Sein kleiner Tod spielte da gar keine Rolle. Der Himmel hing voller Bomben, eine Hölle brannte auf Erden. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass auch sein Grab keine Zukunft hatte, weil niemand da sein würde, der es entdecken könnte. Es war sein zweiter Anlauf, mit dem Leben Schluss zu machen. Vor drei Jahren hatte er eine Chartermaschine nach Gambia gebucht, mit dem festen Vorsatz, sich den wilden Tieren zum Fraß vorzuwerfen. Er fand tatsächlich einen unberührten Flusslauf mit wilden Krokodilen, doch diese waren so träge und vollgefressen, dass sie sich kein bisschen für ihn interessierten, so nah er ihnen auch auf den Pelz rückte. Er hatte noch ein verschwommenes Foto davon, wie er in seiner Safarikleidung am Fluss stand, im Hintergrund die müden Krokodile. Nachdem der Versuch gescheitert war und er sich ausgiebig von einer einheimischen Schönheit hatte trösten lassen, flog er mit der nächsten Maschine zurück nach Deutschland. Seitdem hatte er keinen weiteren Versuch unternommen, doch sein Projekt – das Jahrtausendgrab – hatte er akribisch vorbereitet. Zunächst hatte er überlegt, dass die täglichen Gebrauchsgegenstände aus dem 21. Jahrhundert in der Zukunft sicher von Interesse sein würden. Es war ein leichtes Unterfangen, den gesamten Hausrat in den MAN 16-Tonner zu verfrachten. Schwieriger wurde schon die Suche nach echten Kunstwerken und Vasen, die seinem Grab die besondere Note geben sollten. Also brach er in zwei Kunstgalerien ein und stahl alles, was nicht niet-und nagelfest war. Der dritte Einbruchdiebstahl fand im Atelier eines bekannten Goldschmiedes statt, den er neben diversen Edelsteinen und Schmuck auch um drei schwere Goldbarren erleichterte. Es war nicht schwer, den Tresor zu öffnen, denn er war ein begnadeter Schlossknacker. Dennoch war er der Polizei nur um eine Nasenlänge voraus. Mit knapper Not schaffte er es über die Grenze, bevor der Lkw auf der Fahndungsliste stand. Die Fahrzeugpapiere zu fälschen, war auch nicht einfach. Er bestach einen Buchbinder, um das geeignete Papier zu erhalten. Da er nicht viel Zeit zur Verfügung hatte, arbeitete er mit einem Scanner und einem Farbdrucker, um den Fahrzeugschein zu präparieren. Das Ergebnis war fragwürdig, aber zum Glück interessierte sich niemand groß für seine Papiere, als er in Alexandria von der Autofähre rollte. Die kriminelle Energie, die er in sein Unternehmen steckte, bestärkte ihn nur in seinem Vorhaben. Für ihn gab es nur zwei Wege: Zurück in die Heimat, um einige Jahre einzusitzen, oder seine Schatzgrube fertigzustellen und in einsamer Entrücktheit in das Nirvana einzugehen. Er trank einen Schluck Wein und zündete sich eine Zigarette an. Hieß es nicht im Koran: “Siehe, diejenigen welche glauben und das Rechte tun, leiten wird sie ihr Herr um ihres Glaubens willen. Eilen werden unter ihnen Bäche in Gärten der Wonne.” André war kein sehr gläubiger Mensch, aber hier draußen in der gespenstischen Stille gewannen die Worte eine andere Dimension. Er rauchte eine Kippe nach der anderen und stellte plötzlich fest, dass es die letze Packung war. Nur das leise Surren der Gaslampe war zu vernehmen. Ein Skorpion durchquerte den Lichtkreis der Lampe. Seine Spuren blieben im Sand zurück. André blickte auf und stellte fest, dass es schon dämmerte. Er beschloss, in die nahegelegene Oase zu fahren, die Wasservorräte aufzufüllen und zwei Stangen Zigaretten zu kaufen. Im Licht der Dämmerung kochte er eine Kanne Kaffee, aß den letzten Rest Brot. Dazu gab es Ölsardinen und Tomatenmark. In den frühen Morgenstunden war es angenehm kühl. Er begutachtete seine Grube und war zufrieden, wiewohl der Sonnenstich ihn weit zurückgeworfen hatte. Er trank den Kaffee aus, räumte seinen Lagerplatz auf und warf den Motor an. Mit Hilfe des GPS-Gerätes würde er den Standort leicht wiederfinden. Er fuhr im Zickzack durch die bizarren Kalkformationen der Weißen Wüste. Bald hatte er die Straße erreicht. Eine Sandverwehung zwang ihm äußerste Konzentration ab. Er war froh, dass er den Hänger stehen gelassen hatte und nur mit der Zugmaschine unterwegs war. Mit etwas Anlauf erreichte er wieder festen Untergrund. Auf halber Strecke gab es eine kleine Quelle, an der er die Wasserkanister auffüllte. Von hier aus war es nicht mehr weit bis nach Bahariya. Am frühen Morgen erreichte er die Oase. In einem Millionen-Store erstand er frisches Brot, einen Kasten Birell und die ersehnten Zigaretten. Die Schlepper des Ortes waren auch schon wach und umringten ihn lärmend. “My friend, come to El Beshmo Lodge. Would you like to visit my garden? Come, have a cup of coffee.” André lachte und war froh, endlich wieder ein paar Worte reden zu können. Er parkte die Zugmaschine am Straßenrand und setzte sich in das nächste Café, um Postkarten zu schreiben und einen Minztee zu trinken. Zufrieden stellte er fest, dass weit und breit keine Polizei in Sicht war. Einer der Schlepper war besonders hartnäckig, und sie wechselten einige Worte. Er hieß Nuri, hatte gerade seinen Dienst bei der Armee geleistet und lebte nun von den Gaben der wenigen Touristen, die sich hierher verirrten. André hatte Zeit und ließ sich auf ein Gespräch ein. Nuri wollte ihm gerne die Gegend zeigen, aber André deutete auf sein Fahrzeug auf der anderen Straßenseite und erklärte, er käme schon allein zurecht. Dennoch folgte er dem Ägypter, der ihm sein Heim zeigte und ihn seiner Familie vorstellte. Der Vater war freundlich und zurückhaltend, doch der kleine Bruder bestand hartnäckig darauf, ihm zu erklären, “I love you.” André wusste nicht so recht, wie er das zu interpretieren hatte. War der Kleine homosexuell, oder wollte er sich nur ein paar Pfund verdienen? Es war ein hübscher kleiner Bursche, aber er dachte nicht im Entferntesten daran, auf das Angebot einzugehen. Also ließ er sich noch einige Fotos zeigen und verschwand dann unter dem Vorwand, weitere Einkäufe erledigen zu müssen. Langsam kam die Hitze des Tages wieder auf. André beschleunigte seine Schritte. Hier war der kleine Laden, dort war eine Quelle und gegenüber ein Hotel. Er kam zu dem Café, in dem er gesessen hatte, und blickte ungläubig zur anderen Straßenseite. Der Lkw war weg. Zweites Kapitel Es war der 23. April 3005. Der bullige Antigrav-Gleiter glitt im Zickzack durch das Gelände. Eine tödliche Stille lastete über der Landschaft. Die Welt lag in Trümmern, und dieser Teil der Wüste war besonders unwirtlich. Der Gleiter zischte an der versiegten Quelle vorbei durch die bizarren Kalkformationen. Mit etwas Phantasie konnte man sich unter den Felsen Figuren vorstellen, wie auf einem Schachbrett. Yassir stoppte den Gleiter abrupt und kam unter einem Felsblock zum Stehen, der der Form nach wie ein Springer aussah. Hier machte es Sinn, nach Wasser zu graben. Es war der ideale Rastplatz. Er öffnete die Seitentür, und ein Schwall von Hitze schlug ihm entgegen. Aus dem Kofferraum kramte er eine Schaufel hervor und begann zu schanzen. Er war ein Berber vom Stamm der Rifkabylen aus dem nördlichen Marokko, und dies war für ihn unbekanntes Terrain. Der Geigerzähler knarzte ein wenig, es mochte an die 200 Jahre her sein, dass hier die letzte Atombombe gefallen war. Yassir unterbrach seine Arbeit, um das Gebet zu verrichten. Er öffnete den Gleiter, holte einen Teppich vom Rücksitz. Aus dem Radio kam die Stimme des Imam: “Allahu akbar.” Er richtete den Teppich gen Mekka aus und begann zu beten. Es war seine erste Pilgerfahrt, die Haddsch. Er war seit drei Wochen unterwegs und wäre gut vorangekommen, wenn nicht die Hälfte aller Brunnen versandet gewesen wäre. Er presste seine Stirn in den Sand. “Und wahrlich, prüfen werden Wir euch mit Furcht und Hunger und Verlust an Gut und Seelen und Früchten; aber Heil verkünde den Standhaften.” Er rollte den Teppich wieder zusammen und stopfte ihn in den Kofferraum. Seit fünf Tagen hatte er mit keinem Menschen gesprochen. Es war ratsam, die Gesellschaft zu meiden. Er trug keinen Freezer bei sich und hätte davon auch nur ungern Gebrauch gemacht. Wichtiger war für ihn der schnelle Gleiter, mit dem er jeden räuberischen Bedu abgehängt hätte. Die Schaufel stieß auf etwas Hartes. Besessen schippte Yassir den Sand beiseite. Ihm stockte der Atem. Unter dem Sand kam die Kofferkante eines Lkws zum Vorschein. Wie lange war es her, dass jemand mit Diesel gefahren war? Der Fund musste mindestens 900 Jahre alt sein. Vorsichtig legte er die Stelle frei und holte dann einen Trennschleifer aus seiner Werkzeugkiste. Wie gut, dass er sich so sorgfältig auf seine Reise vorbereitet hatte. Der Trennschleifer sprühte Funken. Vorsichtig schnitt er ein kreisrundes Loch in den Koffer des Lkws. Dann holte er ein Kevlarseil und eine Taschenlampe aus seinem Gepäck und kletterte in das Innere des Hängers. Allah sei Dank, das Erste, was er erblickte, war eine Batterie von Wasserkanistern. Er kramte einen Streifen Micropur aus seiner Hosentasche und warf in jeden Kanister zwei Tabletten. Dann sah er das Gerippe. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Leiche zersetzt. Alles, was noch übrig war, war ein Paar Schuhe, die fein säuberlich neben dem Toten abgestellt waren. Ein Stück Papier war zu Staub verfallen; unmöglich, hier noch einen letzten Willen zu entschlüsseln. Er nahm das Innere des Lkws in Augenschein. Ein Generator, zwei Fässer mit Benzin. Fünfzehn Aluminiumkisten, antike Gemälde, die an die Wände des Hängers angeschraubt waren. Szenen in Öl aus einer versunkenen Welt. Fünf Vasen, ein uralter Computer, der allem Anschein nach das Zeitliche gesegnet hatte. Expeditionsausrüstung. Unmengen Schrauben, Werkzeug und Autoersatzteile. Zwei Beutel mit mottenzerfressenen Kleidungsstücken. Ein Koffer mit Medikamenten und zwei Kartons mit Büchern. Er nahm eines zur Hand, blätterte darin. Es war nicht in Mondial geschrieben. Er kratzte seine bescheidenen Geschichtskenntnisse zusammen und entschied, dass die Bücher in Deutsch geschrieben sein müssten. Ein unglaublicher Fund. Doch dann, als sei dies alles nicht genug, sah er die Vitrine. Zwei Barren Gold mit 24 Karat. Sein Puls pochte. Wenn er jetzt keinen Fehler machte, hatte er ausgesorgt. Allein das Gold musste vier Millionen Lunos wert sein. Er kletterte aus dem Lkw und überdachte die Lage. Zu seinem Vorteil lag die Fundstelle sehr abgelegen, und es war nicht mit Patrouillen oder räuberischen Bedus zu rechnen. Das Wasser in den Kanistern mochte für zwei Wochen reichen. Er nahm einen Schluck. Es war genießbar. Der Fund war atemberaubend, doch um das Gold in Lunos einzutauschen, würde er sich schon auf den Weg zur nächsten Handelsstation der Amerikaner machen müssen. Und die lag auf dem Mond. Nachdem im Dritten Weltkrieg sämtliche Goldminen in Südafrika und Russland in die Luft gesprengt worden waren, hatte das Gold sehr viel an Wert gewonnen und war in den amerikanischen Kolonien ein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel. Es wurde hauptsächlich in elektrischen Schaltungen sowie bei der Computerherstellung verwendet, und schon die Kinder reimten: “Mit vier Gramm Gold bist du mir hold, komm, zahle den Sold, du hast es gewollt.” Yassir seufzte und schaltete das Radio ein. Er wusste genau, dass sie den Ohrwurm bald wieder bringen würden. Er setzte sich in den Sand und brühte eine Kanne Tee auf. Gerne hätte er jetzt eine Ziege oder ein Kamel geopfert, doch hier, am Ende der Welt, waren ihm die Hände gebunden. Seine Vorräte reichten noch für drei Wochen, und nun, da er mit unverhofftem Reichtum gesegnet war, musste er seinen Fund auch verteidigen. Er nahm einen Schluck Tee und kratzte sich den Bart. Das größte Problem war, dass er auf Pilgerfahrt war. Er konnte nicht einfach alles stehen und liegen lassen, um dem Mammon zu frönen. Er würde den Rat eines Marabuts einholen müssen, um die weitere Vorgehensweise zu planen. Eine Windbö riss ihn aus den Gedanken. Die Luft knisterte. Es sah nach einem Sandsturm aus. Er deckte den Antigrav-Gleiter mit einer Plane ab, um den Lack zu schonen, und streckte sich auf der Rückbank aus. Es half nicht viel, alle Fenster zuzukurbeln. Bald hatte er den Sand überall. Es knirschte zwischen den Zähnen. Zu seinem Glück hatte er daran gedacht, die Fundstelle mit einem Blech abzudecken. Elektrizität lag in der Luft. Es dauerte nur eine Stunde, doch er hatte seine liebe Not, den Gleiter von Sand freizukriegen. Das Blech über der Fundstelle war von einer dicken Sandschicht bedeckt. Als sei dies alles nicht genug, bemerkte er mit Schrecken, dass sich von jenseits der Felsen ein ausgewachsener Krokofant näherte. Es war eines dieser Geschöpfe, die während des Krieges in Genlaboren zum Leben erweckt wurden, um vielen Menschen den Tod zu bringen. Der Krokofant lief in der Deckung durch die Felsen auf ihn zu. Er musste schon lange seiner Spur gefolgt sein. Er zischte und bleckte die Zähne. Yassir zögerte, griff dann nach der Schaufel. Geschickt parierte er die Attacken des Monstrums. Doch was war eine Schaufel schon wert gegen zwei doppelte Zahnreihen und zum Töten geschärfte Klauen. Er rettete sich in das Innere des Antigrav-Gleiters, während das Biest von außen gegen die Scheiben trommelte. Er trat das Gaspedal durch und zischte davon. Nach fünfhundert Metern machte er eine Kehrtwendung und fuhr mit voller Geschwindigkeit auf den Krokofanten zu. Der Rammschutzbügel krachte gegen das Biest. Knochen splitterten. Er stoppte den Gleiter und begutachtete den Schaden. Der Krokofant lag tot im Sand. Sein Fahrzeug hatte einige Kratzer im Lack und dummerweise auch einen langen Riss in der Windschutzscheibe. Das Radio lief immer noch, und jetzt brachten sie endlich den Song: “Mit vier Gramm Gold bist du mir hold...” Yassir trank noch einen Schluck von dem Wasser und holte dann einen großen Gaskocher aus dem Kofferraum. Er schnitt ein saftiges Steak aus den Lenden des Krokofanten und hievte das Biest dann mit Hilfe eines Abschleppseils hinter den nächsten Felsen, um seinen Rastplatz sauber zu halten. Im Licht der Dämmerung kochte er sich eine heiße Shorba, dazu briet er das Steak in der Pfanne und bereitete sich in einem großen Topf auch etwas Couscous mit Gemüse zu. Dann zündete er sich ein Lagerfeuer an und saß noch unendlich lange in der Dunkelheit, wärmte die Glieder am Feuer und sah in den funkelnden Sternenhimmel. Am nächsten Morgen ließ er sich noch einmal zu der Fundstelle hinab. Er öffnete die Aluminiumkisten, stöberte in alten Büchern herum, begutachtete das Geschirr und die mottenzerfressenen Kleidungsstücke. In der trockenen Luft waren die Fundstücke gut erhalten geblieben. Ihm kam eine Idee. Er warf den Generator an, stöpselte die Verteilersteckdose ein. Der Computer blinkte auf, stürzte dann ab. Yassir stutzte. Plötzlich erklang Musik. “That’s me in the corner, that’s me in the spotlight losing my religion...” Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Aus dem Lautsprecher erklang Gesang, eine elektrische Gitarre jaulte auf. Nach tausend Jahren Einsamkeit war dies die richtige Musik für den Ort. Er untersuchte den Kabelstrang, der in einer Kiste endete. Eine Stereoanlage mit CD-Spieler, das Cover der CD lag obenauf. “R.E.M., Out of Time.” Eine dreiviertel Stunde lang tat Yassir nichts anderes, als der Musik zu lauschen und eine Kippe nach der anderen zu rauchen. Eine Sternstunde seines Lebens. Er fand einen Haufen weitere CDs und Kassetten. Anscheinend hatte der Grabinhaber vor seinem Tod alle Habseligkeiten mit ins Grab genommen. Dann fand er das Tagebuch. Es war ebenfalls in Deutsch geschrieben, er verstand kein Wort. Eine Skizze mit einem Galgenmännchen ließ ihn vermuten, dass der Tote Suizid begangen hatte. Der Generator stotterte, setzte dann aus. Auf einmal verspürte Yassir Durst, trank einen Schluck Wasser aus einem der Kanister. Es schmeckte nach Chlor. Er kletterte nach draußen, schob die heiße Asche des Feuers beiseite und bereitete aus Mehl, Wasser, Salz und Trockenhefe einen Teig vor. Er legte den Teig in den Sand und häufte eine weitere Sandschicht darüber, dann die glühende Asche. Nachdem er das Brot einmal gewendet hatte, konnte er einen frischen Fladen aus dem Sand bergen. Dazu trank er starken schwarzen Kaffee. Als er das Gebet verrichtet hatte, überdachte er die weitere Vorgehensweise. Der Antigrav-Gleiter hatte eine Reparatur dringend nötig. Zudem brauchte er den Rat eines Gelehrten. Auf keinen Fall durfte er die Lage des Fundes verraten, sonst würde sich ein Rudel Grabräuber an seine Fersen heften. Er vergrub seinen Müll und häufte Sand über die Feuerstelle. Er stieg in den Antigrav-Gleiter, warf das Antriebsaggregat an. Dann machte er sich auf den Weg nach Luxor. Es war brütend heiß, und die Klimaanlage seines Fahrzeugs war ausgefallen. Er hatte auf automatische Navigation umgestellt und gönnte sich noch ein Nickerchen. Dann und wann fuhr er hoch, wischte sich den Schweiß von der Stirn, blickte auf das unwirtliche Geröll zu beiden Seiten der Piste. Einmal hielt er kurz an, um auszutreten. Er hatte Kopfschmerzen. Die Gegend war einsam und verlassen, niemand begegnete ihm in den sechs Stunden, die er unterwegs war. Hätte er jetzt eine Panne gehabt, so wäre er völlig auf sich allein gestellt. Er fuhr einen schicken Gleiter, aber wenn das Aggregat einmal aussetzte, brauchte man schon einen Mechaniker, der zehn Jahre lang den Beruf gelernt hatte. Gottseidank verlief die Fahrt ohne weitere Zwischenfälle. Einmal konnte er einen Wüstenfalken beobachten, der weit über ihm über der Piste kreiste und nach Beute Ausschau hielt. Luxor war eine Geisterstadt. Eine Handvoll Bauern und Nilschiffer teilten sich das Wasser des Nils. Yassir parkte den Gleiter vor dem antiken Tempel und schlenderte dann zwischen den Säulen umher, die einen bescheidenen Schatten spendeten. Es dauerte eine halbe Stunde, bis er den Einsiedler fand, der den Tempel hütete. Er saß im Inneren des Tempels und wischte den Staub von einigen Fundstücken. Yassir räusperte sich. Der Tempelhüter brummte etwas in seinen Bart. “... Ich wusste schon, dass mich Besuch erwartet. L-hamdu-l-ellah – Ehre sei Gott.” “Wa alikum es-salam. Ich brauche den Rat eines Weisen.” “Du bist kein Nasrani?” “Nein, ich bin gläubiger Moslem und auf dem Weg nach Mekka.” “Von woher stammst du?” “Ich komme aus dem Rifgebirge in Marokko. Ich bin Bauer und pflanze Kif an.” “Was treibt dich dazu, deine Pilgerfahrt zu unterbrechen? Hast du einen Fund gemacht?” “Du kannst Gedanken lesen, weiser Mann. Ich fand eine halbe Tagesfahrt von hier entfernt das Grab eines Christen. Gemälde, Vasen, Gold. Er hat seine Besitztümer mit sich ins Grab genommen, vor vielleicht tausend Jahren.” “Das haben schon die alten Pharaonen gemacht. Wie kann ich dir helfen?” “Ich denke daran, meine Pilgerfahrt zu unterbrechen.” “Gemach. Wenn das Grab tausend Jahre alt ist, kommt es auf ein weiteres Jahr nicht an.” “Kannst du mir helfen, den Fund zu bergen?” “Das kann ich, sofern du mir vertraust.” “Dein Ruf ist dir weit vorausgeeilt. Wozu rätst du mir?” “Kif anzubauen ist unehrenhaft. Du könntest an der Fundstelle ein kleines Café einrichten oder ein Museum.” “Es geht mir darum, das Gold gegen Lunos einzutauschen.” “Dazu müsstest du eine Rakete chartern. Wie viel Gold hast du gefunden?” “Zwei Kilogramm.” “En-sha-allah! Dann bist du ein gemachter Mann.” “Das scheint mir auch so. Wo kann ich meinen Gleiter reparieren lassen?” “In Kairo.” “Und von wo fliegt die nächste Rakete?” “Ebenfalls von Kairo aus.” “Dann steht mein Reiseziel fest.” “Hüte dich. Kairo ist ein Moloch.” “Wollt ihr mich begleiten?” “Ich komme gerne mit zu der Fundstelle. Aber hast du keine Angst um dein Gold?” “Das Gold führe ich mit mir. Ich vertraue dir.” “Shokran, Ssohib. Du hast mich neugierig gemacht.” “Wann können wir aufbrechen?” “Jetzt gleich.” Sie schlenderten aus dem Schatten des antiken Tempels in die glühende Sonne. Der alte Mann murmelte einen Koranvers vor sich hin. “Und Allahs ist der Westen und der Osten, und wohin ihr euch daher wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist weit und breit und wissend.” Er kramte eine gepackte Tasche aus dem Schatten und stieg zu Yassir in den Antigrav-Gleiter. “Nach Kairo ist es nicht weit, aber bis zum Mond – das wird eine weite Reise. Sprichst du überhaupt Mondial?” “Ein wenig. Meine Muttersprache ist Tarifi.” “Sieh dich vor. Den Beni-l-kelb ist nicht zu trauen.” Yassir warf den Gleiter an. Sie fuhren los. Das Summen des Antriebsaggregats versetzte Yassir in einen kurzen Schlaf. Als er erwachte, parkte das Fahrzeug schon an der Fundstelle, und der alte Mann begutachtete das Erdloch, das zu dem Lkw führte. Yassir stieg aus. Der Chromgriff war glühend heiß. Wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn, nahm einen Schluck Wasser. Der Alte stocherte mit der Schaufel im Sand herum. “Wir werden einen Brunnen graben müssen.” “Zehn Kilometer von hier gibt es eine versiegte Quelle.” “Das könnte eine Lösung sein. Wieviel Wasser haben wir noch?” “Etwa hundert Liter.” “Ich schlage vor, dass du dich zunächst nach Kairo begibst, während ich damit beginne, die Fundstelle freizulegen.” “Einverstanden.” “Und kein Wort von dem Gold! Sonst stehen bald die Grabräuber Schlange.” “Einverstanden.” Der Alte klopfte ihm auf die Schulter. “Gute Reise.” “Shokran. Eines noch. Wie ist dein werter Name?” “Mein Name ist Rashid Mechri, und seit Generationen hütet meine Familie den Tempel in Luxor.” Yassir bedankte sich nochmals, schüttelte dem Alten die Hand und ließ das Grab hinter sich, das bald nur noch ein verschwommener Punkt in der Entfernung war. Drittes Kapitel Perplex starrte André auf die andere Straßenseite, wo eben noch die Zugmaschine gestanden hatte. Er umrundete das Viertel, lief die Straße auf und ab. Nichts. Spielende Kinder umringten ihn laut lachend. “What are you looking for, mister?” André überlegte und machte dann kehrt, ging zurück zu Nuri. Der empfing ihn breit grinsend vor seinem Haus. “Welcome to Egypt, my friend.” André erklärte die Sachlage. Nuri schlug gleich vor, zur Polizei zu gehen, aber André winkte ab. “No police, please”. Nuri fragte ihn, ob ihm sonst noch etwas abhanden gekommen sei, und André deutete auf seinen Rucksack. Nein, er habe alles aus dem Fahrzeug mitgenommen. Er zeigte Nuri die Stelle, an der die Zugmaschine gestanden hatte. Sie machten Halt vor dem nächsten Café, und André gestikulierte wild mit Händen und Füßen, während Nuri auf den Kellner einredete. Andere Ägypter umringten sie. Es entstand ein lebhaftes Gespräch. Nuri meinte schließlich, er werde Augen und Ohren offenhalten. Vielleicht fände man den Lkw wieder. Solange André darauf angewiesen sei, könne er bei ihm ein Fahrzeug mieten. Er führte André zu einer Garage und deutete auf ein Mokick, das im Schatten stand. “Try this, my friend.” André nahm das Motorrad in Augenschein. Es war eine alte Honda Dax, die schon bessere Tage gesehen hatte. Probehalber setzte er sich darauf und betätigte den Kickstarter. Er fühlte sich wie ein Affe auf dem Schleifstein, aber der Motor sprang sofort an. Sie wurden handelseinig. André versprach, alle drei Tage vorbeizuschauen und die Miete für das Mokick zu entrichten. Dann brauste er davon, im Rucksack die Zigaretten und das frische Brot sowie einige Flaschen Bier. Es war die heißeste Zeit des Tages. Der Fahrtwind kühlte den Körper ein wenig, aber eigentlich hätte André sich jetzt gerne im Schatten verkrochen. Er passierte die kleine Quelle und kam dann an die Stelle, an der er die Straße verlassen hatte. Siedendheiß fiel ihm ein, dass das GPS-Gerät in dem gestohlenen Fahrzeug verblieben war. Er fuhr von der Straße ab und dann im Zickzack durch das Gelände. Alles kam ihm so bekannt vor und dennoch fremd. Er folgte einer Spur, von der er annahm, es sei seine eigene. Der Tank war noch voll, daher konnte er sich einen Abstecher erlauben. Wieder kreuzte er die Spuren einer Gazelle. Die Tiere wussten, wie sie zum nächsten Wasserloch kamen. Er fuhr jetzt der Sonne entgegen. Die Honda wühlte sich durch den Sand. Er merkte sich die Felsformationen für den Rückweg und irrte weiter durch das Gelände. Es wurde Nachmittag, und er musste sich eingestehen, dass er im Kreis gefahren war. Sein Schutz – das Versteck vor neugierigen Beobachtern – wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Der Tank war noch zur Hälfte voll. Er hätte alles für einen Kompass gegeben, doch der lag bei seinem übrigen Gepäck im Hänger. Als er aufgebrochen war, hatte er fest damit gerechnet, mit dem GPS-Gerät den Standort punktgenau wiederzufinden. Er wollte Benzin sparen und nahm eine Abkürzung, um zu seiner Hauptspur zurückzufinden. Eigentlich wusste er genau, dass dies die verkehrte Taktik war, doch plötzlich – es dämmerte schon – erblickte er in der Ferne seinen Lagerplatz. Er jubelte auf und drehte eine Ehrenrunde. Dann lud er sein Gepäck ab. Alles stand noch so da, wie er es verlassen hatte: hier die Feuerstelle, dort der abgekuppelte Hänger, die vollen Wasserkanister und das Benzin für den Generator. Er füllte gleich etwas Benzin in den Tank der Honda und war froh, dass er sich so gut auf seine Expedition vorbereitet hatte. Er kochte sich Nudeln mit Tomatenmark, dann trank er noch ein Bier und streckte seine müden Knochen auf der Luftmatratze aus. Die Nacht war ruhig, und er schlief gut. Die nächsten Tage verbrachte er mit der Arbeit an seiner Grube. Mittags hielt er sich im Schatten auf, und einmal am Tag fuhr er zu der Quelle zurück, um frisches Wasser zu holen. Nachdem er die Strecke ein paar Mal gefahren war, kannte er sich gut aus und konnte den Weg anhand der Felsformationen auch ohne Kompass finden. Die Honda Dax gefiel ihm zunehmend, und nachdem er das Ventilspiel neu eingestellt hatte, war auch das lästige Klappern der Ventile verschwunden. Manchmal drehte er noch eine Runde durch den Sand, aber über die Weiße Wüste wagte er sich nicht hinaus. Am dritten Tag fuhr er nach Bahariya, um die Miete für das Mokick zu entrichten und Zigaretten einzukaufen. Er hatte sich einen großen Rucksack umgehängt, um alles transportieren zu können und genoss es, im Fahrtwind über den Asphalt zu brausen. Nuri war in seinem Garten beschäftigt, als er ihn besuchte. “Hello, my friend, how are you?” Er wusch sich die Hände in einem Eimer Wasser und begrüßte ihn freudestrahlend. Sein kleiner Bruder hatte die Avancen wohl zwischenzeitlich aufgegeben und kam herbei, um mit Andrés Apparat ein paar Fotos zu schießen. Dann kam auch noch der Vater aus dem Haus, um sich den fremden Gast anzusehen und ein paar Worte zu wechseln. Nuri zeigte ihm Fotos von sich und anderen Touristen. Er trug eine Kombination, die er bei einer italienischen Rallye abgestaubt hatte. André fühlte sich eigentlich ganz wohl bei seinem neuen Freund und schlug daher auch eine Einladung zum Abendessen für den folgenden Tag nicht aus. Die MAN-Zugmaschine blieb weiterhin verschwunden. André bezahlte die Miete für das Mokick und ging dann ins Stadtzentrum, um in einem Laden für alles noch die Zigaretten zu kaufen. Hinter der Theke stand ein junges Ding, das verlegen kicherte, als André die Regale durchstöberte. “Haben Sie auch Mais?” fragte André auf Deutsch, schlug dann in seinem Wörterbuch nach. “Mais – sora?” Sie ging in eine Ecke des Ladens, kam mit einer Flasche Mineralwasser wieder. “Soda?” André verneinte, versuchte es noch einmal. “Maize, Mais, thora?” Sie schüttelte den Kopf. “You mean ful?” Sie deutete auf eine Dose Bohnen. André resignierte und packte die Bohnen in den Rucksack, zu den Keksen und dem alkoholfreien Bier. “Would you like?” fragte das Mädchen. “Pardon?” “What would you like?” “This is all, thank you.” “Shokran, ila-l-liqa.” André verließ den Laden und versuchte es ein paar Ecken weiter noch einmal. Anscheinend gab es keinen Mais in Ägypten, und sein Kauderwelsch verstand erst recht keiner. Er setzte sich auf das Mokick und rauschte davon. Polizei gab es hier anscheinend nicht, und wenn es ihm auch höchst ungelegen kam, dass sie den MAN gestohlen hatten, aufgeben kam für ihn nicht in Frage. Fast schien es, als seien seine Lebensgeister wieder ein wenig erwacht, und er hätte sich von seinen Plänen entfernt. Doch als der Abend hereinbrach und er völlig allein am Feuer saß, kam die Depression wieder. Es war wie ein langer, dunkler Tunnel, in den er plötzlich hineingeschleudert wurde. Er begann leise vor sich hinzuwimmern und barg den Kopf in den Händen. Immer noch verfügte er über das Satellitentelefon, aber in diesem Zustand konnte er kein vernünftiges Gespräch führen. Er rief seinen Onkel an, legte dann einfach auf, als sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Was mochte wohl seine Familie denken? Er war sich nicht sicher, ob ihn jemand vermissen würde. André griff in die Tasche, holte das Taschenmesser hervor. Was konnte ihn davon abhalten, sich ganz einfach die Pulsadern aufzuschlitzen? Er strich mit der Klinge über den Unterarm. Das Blut pochte in seinen Adern. Ein Bekannter von ihm hatte einmal bemerkt, man dürfe sich die Adern nicht waagerecht, sondern nur vertikal aufschlitzen, da man sich sonst die Sehnen mitverletze. Was spielte das in diesem Moment für eine Rolle? Er hatte schon die häßlichen Narben gesehen, die bei einem solchen Versuch zurückblieben. Seine Familie mochte vielleicht schon denken, er sei tot. Dann erinnerte er sich an sein Projekt, das Jahrtausendgrab. Er steckte das Messer wieder ein und begann erneut zu graben, mitten in der Nacht, beim Licht der Gaslampe. Schlafen konnte er ein andermal. Als der Morgen graute, begutachtete er sein Werk. Er hatte mittlerweile eine Grube von drei mal vier Metern ausgehoben. Er überlegte, dass hinterher alles so aussehen musste, als sei hier nichts geschehen, damit das Grab nicht verfrüht entdeckt wurde. Aber wer würde die letzte Schaufel Erde auf seine Leiche werfen? Und wie um alles in der Welt sollte er den Hänger in die Grube manövrieren ohne die Zugmaschine? Sein ganzes Projekt schien ihm manchmal lachhaft. Er öffnete eine Alukiste und holte die beiden Goldbarren hervor. Wer auch immer sein Grab finden würde, das Gold allein würde ihn reich belohnen. Er zählte sein Geld, es reichte noch für eine Weile. Er würde bald wieder etwas tauschen müssen, und in Bahariya gab es keine Bank. Vielleicht konnte er bis nach Dakhla fahren. Das waren gut 400 Km, doch es war immer noch besser, als wieder nach Kairo zurückzukehren. Für die Dax war das zu weit entfernt, aber sicher gab es auch einen Bus. Er musste auch darauf Acht geben, dass ihm nicht einfach einer etwas über den Schädel zog und mit seinem Geld verschwand. Glücklicherweise waren die Leute hier freundlich, und von dem vielbeschworenen islamischen Fundamentalismus war wenig zu spüren. Die Dax leckte Öl. Er baute den Motor aus, wobei er dummerweise vergaß, den Zündkerzenstecker abzuziehen. Der Motor fiel in den Sand, und der Stecker splitterte. Mit etwas Sekundenkleber flickte er ihn wieder zusammen. Dann entfernte er den Ventildeckel, nahm das Nockenwellenrad ab und band die Steuerkette hoch. Schließlich konnte er den Zylinderkopf abnehmen. Aus einem Bogen Folie schnitt er eine neue Zylinderfußdichtung aus und montierte die Teile in umgekehrter Reihenfolge. Er baute den Motor wieder ein, betätigte den Kickstarter. Der Motor heulte auf. Der Gaszug hatte sich im Vergaser verhakt. Er fummelte ihn in die richtige Position, und die Dax schnurrte wieder wie eine Eins. Das alles hatte viel Zeit gekostet. In der heißen Sonne schwitzte er sein T-Shirt durch. Nicht noch einmal einen Sonnenstich riskieren, dachte er und leerte im Schatten nach und nach den Wasserkanister. Als er auf die Uhr sah, war es schon später Nachmittag. Er erinnerte sich an seine Verabredung bei Nuri und nahm den gewohnten Weg durch die Einöde, um pünktlich anzukommen. Auf halber Strecke kam ihm ein Auto mit Touristen entgegen. Er winkte freundlich, hoffte dabei, dass sie seinem Versteck nicht zu nahe kommen würden. Bald kam er wieder an die Quelle, wo er den Wasserkanister auffüllte. Dann ging es noch ein Stück geradeaus durch die Schwarze Wüste. Geröll erstreckte sich bis zum Horizont. Er war froh, auf Asphalt zu fahren, denn hier hätte er sich sicher schnell eine Reifenpanne eingehandelt. Der Lkw hätte das vielleicht noch weggesteckt, aber mit der Dax fühlte er sich verloren wie ein Floh im Ozean. Er verdrängte diesen Gedanken und fuhr in die kleine Oase ein, bog nach links ab, dann noch einmal nach rechts und stand vor Nuris Haus. Erst war niemand da, der ihn in Empfang nahm, doch nachdem er eine halbe Stunde gewartet hatte, sah er Nuri, der ihm mit einem Bündel Holz von der Hauptstraße entgegenkam. Er begrüßte ihn freudestrahlend und verschwand dann mit ihm im Inneren des Hauses. Nuris Mutter ließ sich nicht blicken, aber der Vater kam bald zu Tisch mit einer Schüssel voll dampfendem Essen. Auch der kleine Bruder war wieder da. Es gab Tajine mit Lammfleisch. Nuri begann zu erzählen. Von seiner Zeit bei der Armee, seinem letzten Urlaub im Libanon. Von seinen Freunden in Europa und seiner Arbeit als Fremdenführer. Sie redeten die halbe Nacht, doch als Nuri ihn fragte, was er eigentlich hier suche, blieb er die Antwort schuldig. “You know, tourism.” Es entstand ein peinliches Schweigen, und André beeilte sich, allen die Hände zu schütteln und zu seinem Lagerplatz zurückzukehren. Am nächsten Morgen packte er seine Siebensachen zusammen, fuhr dann noch einmal in die Oase. Er schloss das Mokick ab und erkundigte sich in einem Café nach dem nächsten Bus nach Dakhla. Er solle warten, gab man ihm zu verstehen, der Bus würde schon kommen. Er trank einen lauwarmen Kaffee und wartete. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hielt ein roter VW-Bus vor dem Café und hupte. Der Kellner winkte. André war skeptisch. Man versicherte ihm, dies sei der Bus nach Dakhla. Am Steuer saß ein junger Bursche, der offensichtlich gerade seinen Führerschein erworben hatte und sich einen Spaß daraus machte, alle Kurven in rasantem Tempo zu nehmen. Warte nur, dachte André, irgendwann werden sie dich auch aus einem Ei von Schrott herauspellen. Dann und wann hielt der Bus an, damit die Fahrgäste austreten konnten. Die Fahrt dauerte etwa fünf Stunden. André trank dann und wann einen Schluck Wasser und war froh, als in der Entfernung endlich der Ortseingang sichtbar wurde. Es war schon zu spät, um noch Geld zu tauschen. André nahm sich ein Hotelzimmer, wimmelte den Portier ab, der ihn mit tausend Fragen überschüttete. Ihm war schlecht, beinahe musste er brechen. Es war die Hitze und das ungewohnte Essen. Er legte sich auf das schäbige Bett und wartete auf das Morgengrauen. Wie viele Männer mussten auf dieser abgenutzten Matratze gelegen haben? An der Wand war noch ein fettiger Fleck, wo ihre Köpfe die Tapete berührten. André kämpfte mit der Übelkeit. Aber schließlich kam der neue Tag, und sein Magen beruhigte sich wieder. Neben dem Hotel gab es eine Imbissbude, wo er eine Portion Falafel aß, dazu trank er starken schwarzen Kaffee. Er zählte sein Geld. Es reichte nicht. “I am going to pay you when I leave.” Die Bank war schon früh geöffnet, und er war froh, als er sechshundert Euro eintauschen konnte. Für alles und jedes musste man in Ägypten bezahlen, das Geld reichte nicht so lange, wie er sich das vorgestellt hatte. Er verbrachte noch eine Nacht in dem Hotel, diskutierte ewig lange mit dem jungen Burschen an der Rezeption, um das Haus schließlich im Morgengrauen zu verlassen, ohne das Falafel zu bezahlen. Diesmal konnte er einen regulären Omnibus nehmen, der ihn einige Stunden später in Bahariya absetzte. Das Mokick stand noch dort, wo er es verlassen hatte. Er traf Nuris kleinen Bruder Hassan, der anscheinend auf ihn gewartet hatte. “Tomorrow there is a party of our neighbour. We would like you to come.” André hakte nach und erfuhr, dass die Nachbarin von Mekka zurückgekehrt sei. Es gäbe ein großes Fest mit Tanz und Gesang, zu dem er herzlich eingeladen sei. Er sagte zu und verschwand dann zu seinem Lager, nachdem er noch einige Einkäufe getätigt hatte. Am Ortsausgang rannte ein kleines Mädchen vor ihm über die Straße, beinahe hätte er sie überfahren. Schnell sammelte sich eine Menschenmenge. André vergewisserte sich, dass der Kleinen nichts fehlte und sah dann zu, dass er Land gewann. Ein paar Kinder schrien noch hinter ihm her und warfen mit Steinen. Er war froh, als er die Ortschaft hinter sich gelassen hatte und auf die Piste einbog. Fast schien ihm sein Lagerplatz ein wenig heimatlich mit der Luftmatratze, den vielen Kisten voller Bücher und Hausrat, der Elektronik, die sein Grab bereichern sollte und den Wasserkanistern. Er sank bald in traumlosen Schlaf, um anderntags wieder sechs Stunden zu graben. Nach der harten Knochenarbeit war es reine Erholung, wieder zu Nuri zu fahren. In einem kleinen Innenhof waren nach Einbruch der Dunkelheit alle Nachbarn des Viertels versammelt. Eine Kapelle aus Trommeln, einer Flöte, hatten auf Matten am Boden Platz genommen. Um sie herum gruppierten sich – streng nach Männern und Frauen getrennt – die Besucher. Mit einem religiösen Gesang wurde das Fest eröffnet. Dann stellten sich einige Männer in einer Reihe auf und begannen ruhig und rhythmisch nach einem monotonen Gesang zu tanzen. Dumpfe Trommeln untermalten den Tanz, der sich mehr und mehr steigerte und bei dem die Tänzer mehr und mehr in Trance gerieten. Die Trommeln wurden schneller, bis sie in einen anderen Rhythmus kamen und dann wieder langsamer, um eintönig zu werden. Dabei wiederholten die Tänzer ständig eine religiöse Formel. Räucherwerk wurde abgebrannt und den Tänzern zum Einatmen gegeben. Stundenlang ging das so, bis der Höhepunkt der Trance erreicht war. Aus der Reihe der Tänzer wurden einige ausgewählt, die vortraten. Der Leiter des Tanzes brachte Nadeln, die etwa 25 Zentimeter lang waren und mit Holzknäufen am Ende versehen waren. Er bohrte sie den Tänzern durch die ausgestreckte Zunge. Es sah unheimlich aus. Dann tanzten sie mit den Nadeln im Mund weiter. Die nächste Gruppe wurde ausgewählt. Sie entblößten den Oberkörper und bekamen Nadeln unterhalb der Brust in die Haut gestochen und in den Oberarm. Dabei wurden die Trommeln weiter gespielt, und der Tanz nahm eine Art Stampfen an. Nach einer Viertelstunde wurden die Nadeln wieder eingesammelt, und die Tänzer wurden durch Umhängen einer Gebetsschnur wieder zurückgebracht. Teilweise unter starken Schockwirkungen kamen die Männer zu sich. Einige lagen noch am Boden und zuckten unter den Nachwirkungen des Tanzes. Bei keinem konnte André Blut an den Einstichstellen der Nadeln sehen. Noch stundenlang später traten bei einigen Schwächeanfälle und Krämpfe auf. Die Trommeln dröhnten weiter, und ihren dumpfen Ton konnte André als Resonanz bis in den Magen spüren. Gegen ein Uhr wurde das Fest – wieder mit einem religiösen Gesang – beendet. André drückte Nuri noch einen Batzen Scheine für das Mokick in die Hand und verschwand dann in der Dunkelheit, um seinen Lagerplatz aufzusuchen. Viertes Kapitel “Kairo ist ein Moloch”, hatte der Alte gesagt, und als Yassir über den ausgebrannten Häuserblocks dahinglitt, schienen die Worte an Gehalt zu gewinnen. Er parkte den Gleiter im Halbdunkel auf einer Baustelle, um noch eine Mütze Schlaf zu nehmen. Doch als kurz darauf ein Bandit mit einer Schrotflinte auf den Gleiter zusteuerte, musste er einen Kavalierstart hinlegen. Die Straßenkämpfe waren in vollem Gange. Yassir entschied sich, ein paar Pfund zu investieren und fuhr in die Neustadt. Hier patrouillierte die Polizei. Er parkte in der Garage des Hotel Continental, packte die beiden Goldbarren in sein Handgepäck und begab sich zur Rezeption. Der Portier schickte ihn in das Büro des Hotelchefs, damit er einen guten Preis aushandeln könnte. Der Hotelchef war eine jener begüterten Personen, die sich durch eine Gentherapie unnatürlich lange am Leben halten konnten. Er mochte schon weit über hundert Jahre alt sein. Sein Gesicht war fleckig, aber in seinen Augen blitzte die Energie eines jungen Mannes auf. Er telefonierte auf Arabisch, als Yassir das Büro betrat. Dann legte er das Telefon auf und musterte Yassir. “Was kann ich für Sie tun?” “Der Portier meint, es gäbe vielleicht einen Rabatt für das Zimmer.” “Zahlen Sie in Lunos?” “Ich habe nur ägyptische Pfund.” “Lunos wären besser.” Er beugte sich über seinen Papierkram und zählte das Bündel Geldscheine, das Yassir ihm reichte. “Dafür können Sie eine Woche bleiben.” “Wechseln Sie auch Gold?” “Leider nein. Das ist mir zu heikel.” “Und wann geht die nächste Rakete?” “Gehen Sie in den Hammam. Dort trifft sich alles, was Rang und Namen hat.” “Danke für die Information.” “Nichts zu danken.” Ein Hoteldiener führte Yassir zu seinem Zimmer. Er lud sein Gepäck ab, gab dem Diener ein Trinkgeld. Der druckste ein wenig herum, deutete auf das Nachbarzimmer. “Hier ist es schön, oder?” Nebenan herrschte Rotlicht. Yassir verstand nicht gleich, was der Diener wollte, und drückte ihm noch ein Pfund in die Hand. “Ja, schön hier. Mezyana.” Er schloss die Tür hinter sich, hörte, wie die Dirne nebenan stöhnte. Dann versteckte er die beiden Goldbarren unter einem Bündel Kleider im Wandschrank, packte zwei Handtücher zusammen und ging über die Straße in den Hammam. “As-Salam aleikum” grüßte er die bereits anwesenden Badegäste. Frischgebadete, dick in Badetücher gehüllt, erholten sich im hohen, kuppelgekrönten Umkleideraum bei einem Zigarettchen. In der Mitte plätscherte ein Springbrunnen, in dem Limoflaschen gekühlt wurden. Grünpflanzen und bemaltes Gewölbe sorgten für Farbe. Die Stimmen der Gäste und das Klopfen ihrer Holzpantinen hallten im hohen Kuppelraum wieder. Platz zur Entspannung boten die hohen, mit Teppichen abgedeckten Sitzbänke. “Ahlan wa sahlan”, hieß ihn der Badevorsteher willkommen. Yassir entkleidete sich, schlüpfte in ein Paar der bereitgestellten Holzpantoffeln und deponierte die Wertsachen. Dann nahm er ein Dampfbad und ließ sich einseifen. Der Chef rubbelte ihn ab und befreite seinen Körper von Schmutz und alter Haut. Schließlich wurde er in eine Ladung frischer Tücher verpackt. Er ging in den Kuppelraum, ließ sich eine Wasserpfeife bringen. Ein Gast fasste ihm in den Schritt, aber Yassir regte sich nicht auf, da er damit gerechnet hatte, dass sich hier die Homosexuellen trafen. Er fragte den Badevorsteher nach den Fahrtverbindungen, und der führte ihn zu einer Gruppe diskutierender Männer. Nachdem Yassir sich weiter durchgefragt hatte, erfuhr er, dass er zunächst ein Ticket bräuchte. Die gebe es am Busbahnhof. Weiterhin müsse er sich aus Sicherheitsgründen in der Botschaft vorstellen. Der nächste Raketenstart sei in zehn Tagen. Yassir bedankte sich und rauchte seine Wasserpfeife zu Ende. Nachdem er noch ein kleines Trinkgeld hinterlassen hatte, verließ er das Bad. Er ging in das Hotel zurück und trank einen starken süßen Kaffee an der Bar. Auf dem Flur begegnete er der Dirne von nebenan. Sie war anfangs sehr zurückhaltend, und er verwickelte sie in ein kurzes Gespräch. Sie hieß Tanita und kam aus Europa, Genaueres war nicht herauszufinden. Er betrachtete sie verstohlen. Mit ihren kurzen rotblonden Haaren und ihrem burschikosen Auftreten gefiel sie ihm sehr gut. Sie bemerkte seinen Blick und kicherte. Aber da er sonst keine Avancen machte, verabschiedete sie sich und verschwand in Richtung Bar. Er ging auf sein Zimmer und vergewisserte sich, dass die Goldbarren noch da waren. Als er sich später noch zwei Flaschen Bier auf das Zimmer bringen ließ, befragte er den Hoteldiener, was er über Weltraumreisen wisse. Der Diener lachte und sagte, “du musst dir einen Chip ins Hirn pflanzen lassen, sonst lassen sie dich erst gar nicht auf die Abschussbasis.” “Einen Chip ins Hirn, wie bei einem Homuter?” “Exakt. So können sie dich jederzeit kontrollieren. Es ist wegen der Terrorismusgefahr.” Yassir schluckte, dachte dann aber an die vier Millionen Lunos, die das Gold wert sein mochte. Er fragte den Diener, ob er schon einmal dort gewesen sei. “Auf dem Mond?” “Genau da.” “Hör zu, mein Freund, ich bin nicht irre. Seit die arabische Liga ganz Amerika mit Atombomben gepflastert hat, sind Ausländer dort nicht gerade willkommen. Wenn du einen Ratschlag haben willst, dann bleib hier.” Er deutete auf Tanitas Zimmer. “Du willst mir doch nicht erzählen, dass man hier keinen Spaß haben kann, oder?” Yassir stimmte ihm zu und nahm ihm die zwei Flaschen Bier ab. “Ich werde darüber nachdenken, mein Freund. B-es-släma.” Er brauchte nicht viel Alkohol, um sich einen Schwips zu holen. Die Hitze tat ein Übriges, und bald schon lallte er vor sich hin, “eine Fahrkarte, ein Chip, ich mach einen Trip.” Eine automatische Wespe kam durch das Fenster gesurrt und umkreiste ihn bedrohlich. Yassir griff zur Fliegenklatsche und erlegte sie. Möglich, dass ihn die Amerikaner jetzt schon im Visier hatten. Er hätte sich gerne noch mit Tanita vergnügt, aber sein Geld war knapp, er musste erst wieder tauschen. Er trank den letzten Schluck Bier und dachte sehnsüchtig an seine Felder, die Heimat, die Freunde. Die Pilgerfahrt war schon in weite Ferne gerückt, aber was würde die Verwandtschaft sagen, wenn er unverrichteter Dinge wieder zurückkäme? “Gemach”, hatte der Alte aus Luxor gesagt, “auf ein weiteres Jahr kommt es nicht an.” Draußen rief der Muezzin zum Gebet. Yassir verneigte sich gen Mekka. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er dem Alkohol zugesprochen hatte. Aber dann überwog die süße Trunkenheit, und er sank ins Bett. Am folgenden Tag begab er sich zum Busbahnhof. Die Fahrkartenverkäufer kämen erst gegen Abend, erfuhr er, und er richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Der Busbahnhof war die schäbigste Ecke, die er je gesehen hatte. Schmutz und Unrat faulten auf der Straße. Ein Straßenhändler verkaufte Fladen mit Bohnenmus, die wie Abfall aussahen und auch so schmeckten. Yassir holte sich eine Zeitung. Wenn er als gemachter Mann zurückkäme, könnte er ein Presseinterview geben und seinen Fund der Öffentlichkeit präsentieren. Er schwelgte in Tagträumen. Sein Bild auf der Titelseite, die Leute würden in Strömen kommen. Er las die Zeitung, blätterte sich durch bis zum Goldkurs. Dann faltete er die Zeitung schuldbewusst zusammen. “Kein Wort von dem Gold”, hatte der Alte ihm eingeschärft. “Sonst bist du verraten und verkauft.” Der Vormittag verstrich, und einige klapprige Busse fuhren ab nach Sinai und Hurghada. Yassir trank Limonade, aß ein paar Kekse und verschwand zwischendurch mehrmals aus Nervosität auf der Toilette, wobei er sein Handgepäck nicht aus den Augen ließ. Schließlich wurde es Abend. Yassir erfuhr, dass er zunächst ein Ticket zur Abschussbasis bräuchte, erst dort könne er die Reise buchen. Außerdem bräuchte er ein Visum. Der Fahrkartenverkäufer wurde von einer Horde ägyptischer Frauen umlagert und hatte nicht einmal Platz, die Tickets einzeln vom Block abzureissen. Yassir versuchte sich durchzudrängeln. Zwecklos. Der Verkäufer flüchtete quer über den Busbahnhof, versuchte sich etwas Platz zu schaffen. Die Meute riss ihm die Tickets förmlich aus der Hand. Yassir wollte schon aufgeben, da sprach ihn ein alter Ägypter an. Er habe ein Ticket, sagte der Alte, gegen ein ausreichendes Entgelt könne Yassir es bekommen. Yassir überlegte nicht lange. Ein Batzen Scheine wechselte den Besitzer, und Yassir zog zufrieden von dannen. Am folgenden Tag stellte Yassir sich auf der amerikanischen Botschaft vor. Die Botschaft war schwer bewacht. Er redete auf das Sicherheitspersonal an der Pforte ein, damit sie ihn durchließen. Schließlich versuchte er es mit einem Bestechungsversuch, aber auch das fruchtete nicht. Dann machte er einen Fehler. Er sprach von dem Gold. “Gold?” Der Sicherheitsfachmann wurde hellhörig. “Wieviel?” “Zwei Kilo.” Der Summer ertönte, und Yassir konnte passieren. Der Rest erledigte sich wie von selbst. Ein paar Formulare ausfüllen, eine Bearbeitungsgebühr zahlen. Zwei Fotos abgeben, ein tabellarischer Lebenslauf. Von einem Chip im Kopf war nicht die Rede. Es läuft, dachte Yassir zufrieden, und verließ eine Stunde später die Botschaft mit dem ersehnten Visum. Er fuhr zurück zu dem Hotel, lag die halbe Nacht wach und hörte Tanita nebenan stöhnen. Wie lange hatte er keine Frau gehabt? Sprach nicht der Koran: “Und verwehrt sind euch verheiratete Frauen außer denen, die eure Rechte besitzt. Dies ist Allahs Vorschrift für euch. Und erlaubt ist euch außer diesem, dass ihr mit euerm Geld Frauen begehrt, zur Ehe und nicht in Hurerei. Und gebet denen, die ihr genossen habt, ihre Morgengabe. Dies ist eine Vorschrift; doch soll es keine Sünde sein, wenn ihr über die Vorschrift hinaus miteinander Übereinkunft trefft. Siehe, Allah ist wissend und weise.” Am nächsten Tag ließ Yassir den Antigrav-Gleiter in einer Werkstatt, um die Windschutzscheibe auswechseln zu lassen. Der Mechaniker bestaunte den Riss und wollte die Geschichte von dem Krokofanten wieder und wieder hören. “Mein Freund, das wird einiges kosten, aber es ist immer noch besser, als wenn die Scheibe unter Spannung steht und mitten in der Fahrt zerspringt. Dann verreißt du das Steuer und krachst ins Nirvana. Und das wollen wir doch nicht.” Er versprach Yassir, den Schaden binnen zwei Tagen zu reparieren und rief noch ein Taxi, damit er unversehrt ins Hotel zurückkäme. Es war ein uraltes, verrostetes Fahrzeug, das noch auf Asphalt fuhr. Die Straßen waren schlecht, und überall lagen Minen und Biofesseln. Yassir saß wie auf glühenden Kohlen. Der Fahrer bemerkte seine Nervosität und beruhigte ihn, er kenne sich hier bestens aus. “Fahren Sie nicht zu den Pyramiden und in den Norden der Stadt, dort lungern die Banditen herum.” Yassir bedankte sich für den Ratschlag und fragte den Fahrer dann, wo er einen Freezer bekommen könnte. Der Fahrer griff unter den Sitz und fuchtelte mit der Waffe herum. “Bei mir, gut und billig. Drück diesen Knopf, und zisch – alles in deiner Umgebung gefriert zu Eis. Besser kannst du dich gar nicht verteidigen.” Sie wurden handelseinig. Yassir verstaute den Freezer in seinem Rucksack. Sie erreichten das Hotel, und Yassir stieg die Treppe zu seinem Zimmer hoch. Auf dem Flur begegnete er wieder Tanita. Sie zog einen Schmollmund und legte einen Arm um seinen Hals. “Irgendwie hab ich ein Herz für dich, Yassir. Ich weiß auch nicht so genau. Es ist ein Gefühl.” Yassir wurde es heiß und kalt. Sie strich mit dem Finger über seinen Nacken. “Schau mal, dort wo deine Brusttasche hängt, ist deine Haut ganz weiß. Du solltest deine Börse lieber bei mir lassen. Wozu willst du nach Mekka, hier ist es doch auch schön.” Yassir machte sich frei. “Ich habe einen Weg und ein Ziel. Vielleicht, wenn ich von Mekka zurückkomme.” “Nun tu nicht so geheimnisvoll. Ich habe gehört, du willst die nächste Rakete nehmen?” “Woher weißt du das?” “So etwas spricht sich schnell herum. Wenn du zurückkommst, werde ich auf dich warten.” “Vielleicht. Ich muss zunächst noch einmal in die westliche Wüste.” “Du bist ein seltsamer Mann. Du fährst den dicksten Gleiter der Welt, fast wie ein Zuhälter. Du sagst, du würdest Kif anpflanzen, aber wenn es um Sex geht, kommst du mir mit dem Koran. Du willst nach Mekka, machst aber zunächst einen Abstecher zum Mond. Ich werd aus dir nicht schlau, aber wenn du durchaus so einen Holzkopf hast, werde ich dir keine Steine in den Weg legen. Du wirst schon merken, was dir fehlt.” “Sie spielt mit dir”, dachte Yassir und zog sich auf sein Zimmer zurück. Unter der lauwarmen Dusche spülte er den Schmutz des Tages ab. Gerne hätte er gewusst, was der Alte in der Zwischenzeit tat, aber er musste erst warten, bis der Mechaniker den Gleiter repariert hatte, bevor er in die Weiße Wüste zurückfahren könnte. Wieder trank er sich einen an und verbrachte den folgenden Tag auf seinem Zimmer, ging nur einmal kurz nach draußen, um sich eine Tüte Falafel zu kaufen. Die Nähe zu Tanita erregte ihn. Er begehrte sie und nahm sich vor, bei seiner Rückkehr vom Mond länger in dem Hotel zu logieren. Dann kam der nächste Tag, und er fuhr mit dem Taxi durch die abgerissenen, schmutzigen Straßen zu der Werkstatt. Als er aus dem Wagen stieg, drängte ihn ein schäbiger Penner gegen die nächste Häuserwand. “Gib mir Geld”, zischte er. “Allah möge dir geben.” Er rückte Yassir noch dichter auf den Pelz. “Gib mir dein Geld.” Yassir tastete nach dem Freezer, kämpfte sich frei. “Ich geb dir kein Geld.” Der Penner schubste ihn noch ein wenig herum, gab dann auf. “Nun gut, wenn du durchaus nicht möchtest, dann möchtest du halt nicht.” Yassir grinste und ging hinüber zu der Werkstatt. Der Mechaniker hatte seine Arbeit gut gemacht. Er deutete auf die Alarmanlage und frotzelte. “Die Diebstahlsicherung hätte mich fast das Leben gekostet. Ist es wahr, dass der Dieb eine Landung Giftgas abkriegt?” “Nur Betäubungsgas.” “Du meine Güte. Ich glaub, ich pflanze auch bald Kif an. Du musst sehr reich sein.” “Bald. Bald bin ich reich.” Aus dem Lautsprecher der nahegelegenen Moschee erklang der Aufruf zum Gebet. Yassir fuhr zurück zu dem Hotel und räumte sein Zimmer. Die Goldbarren lagen unberührt in ihrem Versteck im Schrank, und er verstaute sie in seinem Gepäck. Er hatte mehr Glück als Verstand gehabt, dass die Putzfrau nicht seine Sachen durchsucht hatte. Er fuhr noch in dieser Nacht. Mit 300 Stundenkilometern zischte er über die Piste zurück zu der Fundstelle. Niemand kam ihm entgegen, als der Scheinwerfer die Dunkelheit zerteilte. Sein Auto war randvoll mit Wasser und Lebensmitteln, die er einige Tage zuvor in einem Supermarkt erstanden hatte. Er rechnete mit einem warmen Empfang, doch der Alte aus Luxor begrüßte ihn kaum, als er den Gleiter an der Fundstelle parkte. “Da bist du endlich. Ich wäre fast verdurstet.” “Tut mir leid, ich musste mit dem Gleiter in die Werkstatt.” “Tut dir leid, tut dir leid. Du bist vielleicht ein Einfaltspinsel. Wegen ein paar Beulen im Blech gefährdest du unser ganzes Unternehmen. Was hast du denn erreicht?” “Ich habe ein Visum und die Fahrkarte zur Abschussbasis. Den Flug selbst habe ich noch nicht bezahlt.” “Allah! Das Wichtigste hast du vergessen. Ich schlage vor, du lässt deinen Gleiter in meiner Obhut. Ich werde dich zurückfahren nach Kairo zu deiner kleinen Freundin. Dann flieg meinetwegen, wohin du willst. Ich werde hier einen Brunnen graben und den Fund auswerten. Und wo wir schon dabei sind, die Goldbarren lass ich dir, aber alles andere ist für dich zu schade. Du kannst ja gerade mal Auswurf von Kif unterscheiden. Dass du damit Erfolg hast, wundert mich sehr.” Yassir ließ den Alten schimpfen und schlich zurück zu seinem Gleiter. Die Goldbarren funkelten im Licht des Mondes. Mochte Rashid sagen, was er wollte. Er war nur ein Mann unter vielen, doch bald würden alle zu seinem Reichtum aufblicken. Er könnte dann noch viele Jahre in Frieden verbringen, und wenn er aus Mekka zurückkäme, würde er Tanita vielleicht mitnehmen zu seinen Feldern im Rif. Der Alte könnte ruhig seinen Schrott sortieren, ihm ging es um vier Millionen Lunos, und die würde er sich nicht nehmen lassen. Allah wird es richten, dachte er, und verkroch sich auf den Rücksitz des Gleiters, um in dumpfen Schlummer zu sinken. Fünftes Kapitel André erwachte auf seiner Luftmatratze und kratzte sich den Bart. Er war noch etwas benommen von der Feier am vorangegangenen Tag und entschloss sich, eine kleine Ruhepause einzulegen. Er kochte sich eine Kanne Kaffee und überdachte seine Situation. Er war 25 Jahre alt und bei guter Gesundheit. Er hatte genügend Geld in der Hinterhand und hätte einen neuen Start wagen können. Aber da war dieser schwarze Schatten, der sich über seine Seele legte. Sein Blick war getrübt und seine Gedanken verschleiert. Er kam immer nur bis zu dem einen Punkt: dem Suizid. Eine Zukunft konnte er sich nicht vorstellen. Er wollte seiner Seele keinen Frieden gönnen, es sei denn die ewige Ruhe in einem kühlen Grab. Manchmal weinte er nachts ein bisschen, wenn er an seine Freunde und an seine Familie dachte. In seinem Leben hatte es zwei Vaterfiguren gegeben. Der eine, Gerd, zog ihn groß und gab der Familie finanziellen Rückhalt. Der andere, Jascho, war der Freund seiner Mutter und zeigte ihm alles, was in seiner Kindheit gut und wissenswert war. Er wusste selber nicht so genau, welcher der beiden sein biologischer Vater war. Er fühlte sich als Kind mehr zu Jascho hingezogen, der immer Zeit für ihn hatte und viel mit ihm bastelte. Gerd brachte weniger Verständnis für ihn auf, und sie lachten niemals über die gleichen Dinge. Seine Mutter stand zwischen den beiden Männern und konnte sich nicht für einen entscheiden. Es war eine Art Experiment, das damit endete, dass Jascho zu Drogen Zuflucht nahm und schließlich an einer Überdosis Äther starb. Seitdem klaffte ein schrecklicher Riss in André´s Kindheit. Manchmal wünschte André sich, es Jascho gleichzutun und ihn im Jenseits wiederzusehen. Er wusste nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gab. Das Einzige, was er wusste, war, dass er so nicht weiterleben wollte, inmitten von Leuten, die ihn nicht verstanden und keine Rücksicht nahmen auf das, was ihm wichtig war. Er wollte niemandem zur Last fallen und es seiner zerstrittenen Verwandtschaft nicht zumuten, seinen Besitz aufzulösen. Daher wählte er den Tod in der Fremde, fern von allen Freunden und Bekannten. Gleichzeitig wollte er nicht dahinscheiden, ohne der Nachwelt ein Zeichen zu setzen. Sein Grab sollte seinem Tod einen letzten Sinn geben, und was dann kam, wusste allein der Wind. Zwei Jahre lang hatte André Zeitungsausschnitte gesammelt, die die politischen Ereignisse und die geistigen Strömungen seiner Zeit wiedergaben. Jeden Tag verbrachte er Zeit damit, Texte in den PC einzuspeisen, den er mit sich führte. Er wusste nicht, wie lange der Computer noch funktionieren würde, aber er hoffte, dass dieser das kommende Jahrtausend überstehen würde. Er fühlte sich wie ein unbedeutender Chronist, der eines Tages ganz groß herauskommen würde. Oft kam er sich klein und wertlos vor, und das Grab gab seinem Leben einen neuen Sinn. Wenn ihn jemand gefragt hätte, so hätte André sich als Versager bezeichnet. Gewiss, er hatte einiges gelernt in seinem kurzen Leben. Aber er hatte keinen beruflichen Abschluss erreicht, hatte keine Familie gegründet, und auch das Geld war knapp. Der Suizid versprach eine tröstliche Linderung seiner Probleme. Zwei Packungen Schlaftabletten hatte er sich schon daheim besorgt. Alle drängenden Fragen vergessen, einfach einschlafen, das schien ihm eine befriedigende Lösung zu sein. Schon Jascho musste es damals so empfunden haben: “Wenn es nicht mehr geht, mach ich Schluss. Wer sollte schon groß nach mir fragen.” Daheim würden die Angehörigen vermuten, er sei von Terroristen über den Haufen geschossen worden. Er selbst würde in dem Jahrtausendgrab vermodern, und seine Seele wäre endlich frei. Er trank den letzten Schluck Kaffee und rauchte noch eine Zigarette, bevor er sich auf den Weg zu der Quelle machte, um frisches Wasser zu holen. Die Luft flimmerte über dem Asphalt, und in der Ferne konnte er eine Fata Morgana beobachten. Dort wo der Sand den Horizont erreichte, flackerte grünes Licht wie von zahlreichen Palmen. Das Licht wurde von der heißen Luft reflektiert. Er füllte den Kanister und machte sich auf den Rückweg zu seinem Versteck. Dabei verließ er seine übliche Route und nahm einen Umweg in Kauf, um sich die Landschaft genauer anzusehen. Die Honda Dax wühlte sich durch den Sand. Schwarzes Gestein säumte den Weg. André wollte schon wieder umkehren, da stieß er mitten im Gelände auf eine Erdhütte. Sie war halb in den Boden gegraben, halb aufgemauert mit Feldsteinen. Das Dach aus Palmenrippen, mit Erde gedeckt. Niemand wohnte dort. Vor der Tür ein kleiner Steinkranz, die Feuerstelle. Zwei zerbrochene Hakenpflüge, Wasserkrüge – das schien zuerst alles zu sein, was dort war. Als er dann das Häckselstroh durchwühlte, verschlug es ihm die Sprache. Kleine Leinen und Lederbeutel mit getrockneten Kröten, Skorpionen, Kräutern und – besonders verpackt – ein menschliches Herz von einem Säugling. Dazu Fläschchen mit Ölen und Aromastoffen. Steinmörser, Holzlöffel und Schalen aus Ton. Er hatte die Hütte einer Beduinenzauberin gefunden. Er räumte die Sachen wieder ein, einen Lederbeutel und einen Holzlöffel sowie Teile von den getrockneten Skorpionen nahm er mit. Es war früher Nachmittag, als er zu seiner Lagerstelle zurückkehrte. Er entschloss sich, an diesem Tag eine Ruhepause einzulegen und machte zunächst ein kleines Nickerchen im Schatten des Hängers. Am Abend holte er dann das Satellitentelefon hervor und wählte die Nummer seines Freundes Wolfgang. Er war auch gleich am Apparat, und sein Tonfall war diesmal etwas freundlicher. “André! Was machst du?” “Ich habe mich hier in der Wüste häuslich eingerichtet.” “Mach keine Witze. Jeder sucht dich, und deine Angehörigen verzweifeln.” “Und die Polizei?” “Sie schauen jeden Tag bei deiner Mutter vorbei. Wenn du zurückkommst, erwartet dich eine längere Haftstrafe.” “Dann bleibe ich eben hier.” “Ja, aber...” “Hier ist es auch schön, und ich fühl mich wohl.” “Aber was machst du, wenn du kein Geld mehr hast?” “Mach dir keine Sorgen. Ich habe genug.” “Denk doch mal an deine Zukunft. Willst du nie mehr nach Deutschland zurückkehren?” “Genau das.” “Deine Bank hat auch angerufen. Du hast deinen Dispokredit hoffnungslos überzogen.” “Ich weiß.” “Du redest, als ob du nichts zu verlieren hättest.” “Vielleicht ist das so.” “Aber das ist doch Wahnsinn. Wenn du jetzt zurückkommst und alle gestohlenen Sachen zurückgibst, kommst du vielleicht noch mit zwei Jahren davon.” “Ich geh nicht in den Knast.” “Glaub mir, da wirst du landen. Die ägyptische Polizei hat dich sicher auch schon im Visier.” “Das wird sich zeigen.” “Ich werde versuchen, eine Lösung zu finden, aber viel tun kann ich nicht. Hast du noch eine Nachricht an deine Angehörigen?” “Eigentlich nicht.” “Überleg dir das. Es ist immerhin deine Familie.” “Sie haben sich nie um mich gekümmert. Jetzt ist es zu spät.” “Wie du willst. Ich werde alle von dir grüßen. Wann rufst du wieder an?” “In ein paar Tagen.” “Also dann Hals- und Beinbruch.” “Bis dann.” André lag noch lange wach und dachte an seine Heimat, die Freunde, die Wohnung in Köln. Alles schien so weit entfernt, und er hatte sich fast schon an den Alltag in Ägypten gewöhnt. Er lag auf seinem Lagerplatz und blickte in den Sternenhimmel. Man konnte deutlich die Milchstraße sehen. Manchmal fand er tatsächlich Gefallen an seiner Expedition, und neben all der Schinderei gab es auch ein paar schöne Momente. So ging die Nacht vorüber, und er fand keinen Schlaf. Am nächsten Morgen aß er ein paar Datteln, dazu eine Tasse Kaffee, dann machte er sich auf den Weg in den Ort. Nuri empfing ihn breit lächelnd und inspizierte die Honda Dax. “Good motorcycle, my friend. You won´t need it any longer.” “Was ist denn los”, fragte André auf Englisch. “Man hat deinen Lkw gesichtet.” “Wo?” “In Assiut.” André wollte sofort los, aber Nuri hielt ihn zurück. “Come, have a cup of tea.” Sie tranken Tee, und Nuri erinnerte ihn daran, dass er vor wenigen Tagen fast ein kleines Mädchen überfahren hätte. “Ihr Schicksal wird für immer mit deinem verbunden sein”, meinte er. André rechtfertigte sich und erklärte, dass man mit einem Mokick wohl kaum jemandem großen Schaden zufügen könnte. Aber Nuri ließ das nicht gelten. “Be careful, my friend. You will get into trouble with the police.” André lachte und sagte, er werde sich gehörig in Acht nehmen. Nuri telefonierte ein bisschen herum und sagte dann, er habe jemanden gefunden, der ihn mitnehmen würde nach Assiut. Er solle jedoch vorsichtig sein, da dort Touristen nicht gern gesehen wären. Der Fahrer kam vorbei, und André bezahlte im Voraus. Dann stieg er ein in den klapprigen Landcruiser und versank bald in bleiernen Schlaf. Als er erwachte, waren sie schon kurz vor Dakhla. Der Fahrer hielt an für eine Pinkelpause. André fragte ihn, wie er denn vorgehen sollte, wenn er den Lkw sähe. “No problem, my friend. You see lorry, you get in and go away. No police, no problem. Everything in order.” André dachte sich seinen Teil, sagte aber nichts. Sie stiegen wieder ein und setzten die Fahrt fort. Monotone arabische Musik dudelte aus dem Lautsprecher. Sie passierten Kharga. Andrés Kopf brummte. Er hatte nichts zu trinken dabei. Links und rechts der Straße zog sich eine öde Mondlandschaft elend lange hin. Der Verkehr nahm zu. Sie passierten die Außenviertel von Assiut. Der Fahrer hielt im Zentrum. “You stay here, my friend. Tomorrow we will look for lorry.” André nahm sich ein Zimmer in einem schäbigen Hotel und starrte an die Decke. Ein riesiges Insekt ließ sich an der Wand nieder, das André mit einem Buch zerklatschte. Die Dusche auf dem Flur war dreckig und schäbig. Er wollte auf sein Zimmer zurückgehen, da begegnete er einem anderen Touristen. Es war ein Deutscher namens Florian. Er lud ihn ein. “Komm mit auf die Dachterrasse, dann lernst du meine Freundin Petra kennen. Wir können uns zusammen die Stadt ansehen.” Seine Freundin saß mit nacktem Oberkörper auf einer Liege und genoss die letzten Sonnenstrahlen. Sie war hübsch anzusehen, aber André merkte bald, dass sie Haare auf den Zähnen hatte. Es wurde gekifft. André freute sich, endlich wieder deutsch reden zu können und verabredete sich mit den beiden für den folgenden Tag. Dann ging er in sein schäbiges Zimmer zurück, schwitzte unter seiner Decke, nicht zuletzt weil er fürchtete, von irgendwelchen Wanzen gebissen zu werden. Am nächsten Vormittag strolchte André endlos lange in den Gassen herum und hielt nach dem Lkw Ausschau. Überall Autos in allen Stadien des Zerfalls, nur die Zugmaschine war nicht in Sicht. Eine Bettlerin kreuzte seinen Weg. Er sah sie an, und sie grinste. “Want to fuck?” Entgeistert wandte André sich ab und bog in eine Nebenstraße ein. Nichts. Er ging zu dem Hotel zurück, wo der Fahrer auf ihn wartete, der ihn nach Assiut gebracht hatte. “Better look together. Tomorrow we will see.” André besuchte seine neuen Bekannten und erfuhr, dass sie ihn auf dem Rückweg mitnehmen könnten bis nach Bahariya. Er sagte seinem Fahrer Bescheid, der daraufhin das Weite suchte, nicht ohne noch ein saftiges Bakschisch einzustreichen. Das Mädchen recherchierte für einen Reiseführer und tat den ganzen Tag nichts anderes, als sich sämtliche Hotels und Restaurants der Stadt anzusehen und diese zu klassifizieren. Ihr Freund begleitete sie. Sie waren zwei erfahrene Traveller mit Leib und Seele und hatten genügend Geld, da Petra gerade eine Erbschaft angetreten hatte. In einem Restaurant gingen sie zusammen Couscous essen. Florian versuchte ihn auszuhorchen, was er in Ägypten mache, aber André stellte sich stur und blockte alle neugierigen Fragen ab. Die beiden waren gut ausgerüstet, wiewohl sie nur mit einem alten VW-Bulli unterwegs waren, und André gelang es, ihnen einen Greifzug abzukaufen. Damit könnte er den Hänger zur Not auch ohne die Zugmaschine in die Grube hieven. Florian war neugierig, warum er nicht zur Polizei ging wegen des Diebstahls. André antwortete lapidar, er habe schon genug Probleme, da suche er keinen Ärger mit den Behörden. Am Abend kifften sich die beiden wieder zu, und André zog sich auf sein Zimmer zurück. Spät in der Nacht hörte er, wie sie nebenan Sex hatten. Er holte seinen Walkman aus dem Gepäck und drehte ihn voll auf. Mit einem Mal wurde ihm wieder bewusst, wie einsam er war. Das Mädchen hätte ihm schon gefallen, aber nun war sie ja vergeben, und außerdem hatte sie so eine biestige Art, die schwer zu ertragen war. Er zog sich die Decke über den Kopf, und nachdem er die Kassette zu Ende gehört hatte, versank er tatsächlich wieder in Schlaf. Am anderen Tag berichtete ihm Florian, er habe den Lkw in der Stadt gesehen. André war Feuer und Flamme und begleitete ihn auf dem Weg in die Innenstadt. Ein kleiner Junge hängte sich an ihre Fersen und redete ununterbrochen auf sie ein. Ob sie dieses oder jenes Hotel besuchen wollten, wo man etwas essen könne oder einen Teppich kaufen sollte. André riss schließlich der Geduldsfaden, und er schrie den Kleinen an: “Hau ab!” Der hielt den Ausdruck wohl für ein deutsches Schimpfwort und wiederholte beständig “hau ab, hau ab”, bis er sich schließlich doch aus dem Staub machte. Sie kamen zu der Gasse, wo Florian den Lkw gesehen hatte, aber André kam die Sache nicht geheuer vor. Der Lkw parkte vor einer Moschee, doch direkt daneben stand unübersehbar eine Polizeistreife. André gestand Florian schließlich ein, dass er den Lkw selber gestohlen hatte, woraufhin der sich halb tot lachte und ihm empfahl, in diesem Fall auf eine Anzeige zu verzichten. Möglicherweise hatten die ägyptischen Behörden mittlerweile Lunte gerochen. Sie gingen ins Hotel zurück und besprachen die Lage mit Petra. Sie kamen überein, am folgenden Tag die Stadt zu verlassen. Petra hatte ihre Recherchen auch abgeschlossen und war neugierig auf die Landschaft der westlichen Wüste, von der André so begeistert erzählte. Sie tranken eine Flasche Wein. Im Suff spielte André auf sein Projekt an, aber sie waren alle drei stoned, und am anderen Tag machte er sich keine großen Sorgen, dass die beiden seine Pläne durchkreuzen könnten. Der Fahrer des Landcruisers hatte sich schon vor Tagen aus dem Staub gemacht, und André war im Grunde froh, die Stadt verlassen zu können. Assiut war eine Hochburg des islamischen Fundamentalismus, und die Bewohner waren weniger freundlich als im Westen Ägyptens. Hätte er den Lkw einfach gekapert, so wären tatsächlich immense Schwierigkeiten auf ihn zugekommen. Er begnügte sich mit der einstweiligen Lösung, die er gefunden hatte. Zu seinem Grab konnte er mit dem Mokick hinausfahren, und nun hatte er ja noch den Greifzug zur Verfügung, mit dessen Hilfe er vielleicht auch den Hänger bewegen konnte. Nach Bahariya wollten ihn Petra und Florian zurückfahren, und Geld hatte er immer noch genügend zur Verfügung. André hatte einen mächtigen Brummschädel, als sie am nächsten Tag ihre Siebensachen zusammenpackten und sie in den Bulli hievten. Petra und Florian hatten viel Gepäck, bald war der Kofferraum voll. Sie bezahlten die Rechnung an der Rezeption und fuhren dann los. André dachte sich nichts dabei, als sie in eine Polizeikontrolle kamen und der Polizist ihre Papiere sehen wollte. Aber dann mussten sie alle drei aussteigen, und seine Fragen wurden aggressiver. Der Polizist öffnete den Kofferraum. “Haben Sie Haschisch dabei?” André verneinte, aber der Beamte ging gar nicht darauf ein und fragte erneut, diesmal schärfer. André verneinte nochmals. Der Polizist fragte ein drittes Mal, und André hätte am liebsten die Frage bejaht, nur um endlich Ruhe zu haben, aber natürlich wäre er dann in Teufels Küche gekommen. Sie mussten ihre Gepäckstücke aus dem Kofferraum holen und der Reihe nach auf dem Asphalt anordnen. Der Beamte deutete auf eine Reisetasche. “Wem gehört die?” André meldete sich zu Wort. “Das ist meine Tasche.” Der Beamte lachte verächtlich, zog den Reißverschluss auf. Er durchwühlte den Inhalt und zog triumphierend eine Tafel Haschisch hervor, in Aluminiumfolie verpackt. André wurde flau. Seine Begleiter hatten ihn übers Ohr gehauen und den Stoff in seinem Gepäck verstaut. Wie sollte er das dem Beamten begreiflich machen? Der machte wenig Federlesen und lud die Tasche in den Streifenwagen. Handschellen klickten. Fassungslos starrte André Florian und Petra an. “Wir holen dich da wieder raus”, murmelte Florian noch, dann schubste der Polizist André in den Wagen. Mit Blaulicht fuhren sie auf die Wache. André kam erst wieder zu sich, als er in einem kleinen dunklen Loch mit Steinpritsche und ohne WC abgeladen wurde. So gingen seine Pläne zunichte, fern der Heimat und ohne juristischen Beistand. Er warf sich auf die Pritsche und wurde ohnmächtig. Sechstes Kapitel Liftoff! Die Triebwerke des kleinen Raketenflugzeugs dröhnten, und Yassir versuchte vergeblich, den Druck auf die Ohren loszuwerden. Mit 18144000 Kilogramm Schub beschleunigte das Raumschiff auf 39300 Kilometer pro Stunde; gerade genug Geschwindigkeit, um dem Gravitationsfeld der Erde zu entkommen. Yassir rebellierten alle Organe: Unmöglich, noch irgendwo Halt zu finden. Doch dann übernahm der Chip in seinem Kopf die Kontrolle, und die irrsinnige körperliche Anstrengung fiel von ihm ab. Mit allen Gliedern war er in seinen Sitz festgeschnallt, aber er spürte nichts mehr, fühlte keine Schmerzen, hörte nur, wie leiser Plastikpop durch sein Gehirn rauschte. Der Security-Check in der Amerikanischen Botschaft von Kairo war gründlich ausgefallen. Alles, was noch sein Gepäck ausmachte, waren ein paar Unterhosen, eine Zahnbürste und natürlich das Gold, das paradoxerweise niemand anzutasten gewagt hatte. Sie hatten ihm eine gehörige Gehirnwäsche verabreicht und ihm einen Chip ins Zwischenhirn gepflanzt, alles nur wegen der leidigen Flugsicherheit, denn es war eigentlich schon absonderlich genug, dass ein Passagier arabischer Herkunft in den Flieger einsteigen durfte. Wirtschaftliche Überlegungen hatten den Ausschlag gegeben. Yassir hatte sich in seiner Naivität keine großen Gedanken gemacht, träumte nur von seinen Feldern im Rifgebirge und davon, dass er bald zu den Reichen und Schönen gehören würde. Die warnenden Worte des Alten aus Luxor hatte er längst vergessen, und wenn er ehrlich sein sollte, war die Pilgerfahrt nach Mekka, für die er sein Leben lang gespart hatte, nun zweitrangig geworden. 700 Tonnen Wasserstoff verdampften unter ihm im Weltall; er verlor das Bewusstsein, erwachte erst wieder, als die irrsinnige Beschleunigung ein Ende genommen hatte und eine sanfte Stimme in akzentfreiem Hocharabisch ihn informierte, dass das Raketenflugzeug in den Mondorbit eingeschwenkt sei. Es herrschte angenehme Schwerelosigkeit. Auf dem Bildschirm der Außenbordkamera konnte er die Oberfläche des zerpflügten Erdtrabanten erkennen; wieder zündeten die Triebwerke. Das Raketenflugzeug wurde abgebremst, um schließlich mit einem letzten Aufheulen aller mechatronischen Systeme mitten im Inneren des Alphonsus-Kraters auf der Mondoberfläche aufzusetzen. Yassir betete einen Koranvers: “Er ist’s, der euch reisen lässet zu Land und Meer, so dass, wenn ihr auf den Schiffen seid – und sie mit ihnen mit gutem Wind dahineilen und sich dessen freuen, überkommt sie plötzlich ein Sturmwind und über sie kommen die Wogen von allen Seiten, und sie glauben, dass sie rings von ihnen umschlossen sind; dann rufen sie zu Allah in lauterem Glauben: “Wahrlich, wenn du uns hieraus errettest, dann sind wir dir gewisslich dankbar.” Er ließ die Gebetsschnur durch die Finger gleiten und registrierte erleichtert, dass der Druck auf alle Glieder nachgelassen hatte. Über ihm blinkte eine Lampe auf und informierte ihn, dass er nun seinen Sicherheitsgurt abnehmen könnte. Eine Stewardess lief herum und teilte über den Bordlautsprecher den Passagieren mit, dass sie in wenigen Minuten das Raketenflugzeug verlassen könnten. Yassir lechzte nach einer Zigarette, aber er wusste, dass aus Sicherheitsgründen auf der gesamten Kolonie das Rauchen verboten war. Man behalf sich mit Nikotinpflastern. Die schwenkbare Schleuse dockte an das Raumschiff an, und schon zückten die ersten Handlungsreisenden ihre Mobiltelefone, um von ihren Geschäftspartnern die Börsenkurse der Sekunde zu erfahren. Yassir klammerte sich an die Goldbarren in seinem Handgepäck und wartete, bis alle aufgestanden waren. Dann verließ er als letzter das Raumschiff. Die Stewardess verabschiedete sich jovial. Yassir trottete hinter den anderen Passagieren durch endlose Korridore, machte kurz Halt an der Toilette, um sich zu erleichtern. Er kramte seinen Reisepass hervor, der schon jetzt nur so vor Eintragungen strotzte, und händigte ihn dem Grenzer an der Kontrollstation aus. Dieser warf einen kurzen Blick hinein, griff dann hinter sich und zog ein langes Kabel aus dem Rechner hinter ihm. Er verband den Steckkontakt direkt mit dem Interface in Yassirs Kopf, und schon rauschten seine Daten durch die Leitung. Yassir verharrte lethargisch und wartete, bis der Chip in seinem Kopf alle Daten übermittelt hatte. Dann nahm er den Reisepass wieder in Empfang, schluckte noch eine Beruhigungspille und folgte einem weiteren Grenzbeamten, der ihn auf die Wache lotste. Sein Handgepäck hatte bislang niemand angetastet, soviel Anstand hatten die Amerikaner doch wieder, dachte er sich. Genauso gut hätten sie ihm das Gold abnehmen können und ihn mit der nächsten Raumfähre wieder nach Hause schicken können. Aber es gab Gesetze, und nichts war auf dem Erdtrabanten heiliger als die Verfassung der Vereinigten Staaten, die es trotz Korruption und internationaler Verschwörung der Geheimdienste untersagte, einen Verdächtigen länger als 144 Stunden ohne triftigen Grund festzuhalten. Dann begann das Verhör. Yassir sprach nur leidlich Mondial, und er bestand darauf, dass ein Übersetzer anwesend war, als die Beamten vom Secret Service ihre Fragen stellten. Die erste Frage betraf natürlich das Gold. Woher er es hatte, was er mit dem eingetauschten Geld vorhatte. Yassir gab ausweichende Antworten und war froh, dass die Beamten nicht nachhakten. Fürs Erste schien das Thema vom Tisch zu sein. Er musste seine Herkunft und Familienverhältnisse offenlegen. Seine Bekannten, Schulweg, Ausbildung, Arbeit. Nach zwei Stunden war er es leid und fragte, ob er jetzt in sein Hotel könnte. Der Agent lachte zynisch. “Sehen Sie, wir könnten Sie hier auch mit Zigarettenstummeln foltern, damit sie schneller antworten und uns keine Lügen auftischen. Aber wo wir schon einmal dabei sind: Trinken Sie das.” Er hielt Yassir einen Becher Kaffee entgegen. Yassir schnupperte misstrauisch daran. “Was ist das?” “Was meinen Sie wohl, was das ist?” Yassir trank den Kaffee. Er schmeckte ganz normal, aber bald merkte er die Wirkung. Wenn er auch vorher nicht mit der Wahrheit hinter dem Berg gehalten hatte, so steigerte sich jetzt sein Redefluss ins Grenzenlose. Er konnte den Mund nicht mehr halten. Bald wusste der Secret Service alles: Wann er wo eine Frau gehabt hatte, wer die Abnehmer waren, für die er das Kif anbaute, wer aus seinem Bekanntenkreis schon einmal Kontakt zur Arabischen Liga gehabt hatte. Der frühe Tod seines Vaters, die Beerdigung, die falschen Tränen, die alle vergossen. Zwischendurch kicherte Yassir blöde und fragte immer wieder, ob er nicht auf sein Hotel könnte, er hätte Fantastisches gehört von den Nutten auf Alphonsus. Der Speichel troff ihm aus dem Mund. Die Beamten zogen sich ins Nebenzimmer zurück. “Meinst du nicht, dass wir es mit der Dosierung etwas übertrieben haben?” “No matter. Er wird schon nicht daran sterben. Aber ich habe ihn im Verdacht, dass er uns etwas vorenthält.” “Also weiter.” Yassir war auf seinem Stuhl zusammengesunken. Der Beamte weckte ihn mit einer Ohrfeige. “Noch mal von vorne. Wie war das mit der Arabischen Liga?” “Aber ich sagte Ihnen doch, dass ich nichts darüber weiß. Das Rif-Gebirge ist die hinterste Provinz, dahin verirren sich keine Terroristen.” “Wir haben andere Informationen. Was ist mit Ihrem Freund Kamil Rejef?” Kamil! Yassir erinnerte sich. Sein bester Freund in der Koranschule, der vorzeitig abging, um in Syrien Elektroniker zu lernen. Sie hatten sich nach kurzer Zeit aus den Augen verloren. “Er hasste die Amerikaner.” “Das wissen wir so gut wie Sie. Was, glauben Sie, macht er heute?” “Keine Ahnung. Vielleicht sagen Sie es mir.” “Jetzt werden Sie nicht frech. Er baut Bomben, das wissen Sie ganz genau.” Yassir blickte den Übersetzer ratlos an. “Sind Sie sicher, dass Sie das richtige Wort gefunden haben?” “Absolut.” Yassir kicherte blöde und wischte sich den Mund ab. “Bomben, ja, das wusste ich nicht. Sicher, er hatte das Talent. Aber ich dachte eher, er würde Antigrav-Gleiter reparieren, als gegen die Amis Terror zu machen.” “Sie wussten es also nicht?” “Nein.” Die Beamten vom Secret Service blickten einander an, schüttelten die Köpfe. “So kommen wir hier nicht weiter.” Sie zwangen Yassir, eine weitere Pille zu schlucken, und zogen sich zurück. Yassir blickte sich das erste Mal in dem Raum um. An der Wand eine Pritsche, eine Wolldecke. Keine Fenster. Die Wände weiß, keine Toilette, keine Ablagefläche. Er wurde müde. Er hörte von nebenan Stimmen. Wahrscheinlich Halluzinationen, dachte er, und streckte sich auf der Pritsche aus. Er wehrte sich gegen die Müdigkeit, konnte aber nicht verhindern, dass er in tiefen Schlaf fiel. Später wurde er kurz wach und merkte, wie ihm jemand eine Spritze ins Bein rammte, schlief aber gleich wieder ein. Als er erwachte, schaute er auf seine Uhr und sah, dass er 24 Stunden geschlafen hatte. Er fühlte zwischen seine Beine und registrierte erleichtert, dass noch alles an ihm dran war. Dann begann er, wie ein Kind auf und ab zu hüpfen, was wegen der geringen Schwerkraft auf dem Mond ohne weiteres möglich war. Er sprang bis zur Decke, hielt sich an der Lampe fest und kritzelte seinen Namen mit einem Bleistift auf die Tapete. Wieder hörte er Stimmen. “Man sollte ihm die Augen ausstechen.” “Ich schneid ihm die Eier ab.” “Warum bringen wir ihn nicht gleich um die Ecke?” Yassir suchte nach einem Lautsprecher in der Wand, aber da war nichts. Nur vier Stühle, die Pritsche und sein Handgepäck mit den Goldbarren. Er bekam Panik, schrie auf Arabisch: “Ich will hier raus! Ich bin kein Terrorist! Nehmt doch das Gold und lasst mich zufrieden!” Er hämmerte seinen Kopf gegen die Wand, woraufhin der Microchip in seinem Schädel einen Reset durchführte. Ihm wurde heiß und kalt, er zitterte, dachte an Tanita und dass er sofort mit der ersten Rakete zurückfliegen wollte, Gold hin oder her. Aber der Chip würde in seinem Kopf bleiben, und nichts würde so sein, wie es vorher war. Er fürchtete Erektionsstörungen, vielleicht würde es nie wieder gehen mit Tanita, und selbst wenn er als reicher Mann zurückkäme, würde er kinderlos bleiben. Auf einmal verspürte er ein dringendes Bedürfnis, und er verrichtete seine Notdurft in einer Zimmerecke. Was hatte er nicht geträumt von Spazierfahrten im Moonbuggy, von Whiskey und Koks, von schönen Dirnen und Nächten in der Disco. Jetzt hockte er hier, und sein Schicksal drohte zwischen vier weißen Wänden zu scheitern. Vielleicht würden sie ihn nie wieder gehen lassen und ihn als menschliches Versuchskaninchen missbrauchen. Er blieb fünf Tage und Nächte auf der Isolierstation. Dann explodierte die Bombe. Die Wände bebten, es war Mittwoch, der 15. Mai 3005. Was folgte, waren hektische Aufräumarbeiten. Der Secret Service hatte Yassirs Freund aus Kindertagen im Verdacht, für den Anschlag verantwortlich zu sein. Sie dachten jetzt nur noch daran, Yassir so schnell wie möglich abzuschieben, da er ein Sicherheitsrisiko darstellte. Ein Chemiker prüfte die Beschaffenheit des Goldes, denn die Kolonie brauchte jedes Gramm der kostbaren Substanz. Sie machten ihm ein gutes Angebot, und Yassir dampfte mit vier Millionen Lunos ab in das verlotterte Nachtleben von Alphonsus. Er hatte noch 48 Stunden Zeit, bis sein Flug auf dem Programm stand. Also kippte er erst mal eine halbe Flasche Whiskey in sich hinein, rauchte heimlich zwei Joints, nahm eine Nase Koks und verschwand dann mit drei Damen im Hinterzimmer eines zwielichtigen Etablissements. Er hatte alle Hände voll zu tun, denn bei der geringeren Schwerkraft war der Sex ganz anders, als er ihn bisher kannte. Er war schon froh, dass die drei Nutten nicht die Gunst der Stunde nutzten und ihn einfach strangulierten. Aber es gab strenge Gesetze auf Alphonsus, und Verbrechen kamen hier so gut wie keine vor. Als Yassir eine Ruhepause brauchte, erzählten ihm die Dirnen in allen Einzelheiten von dem Anschlag. Eine ferngesteuerte Rakete war mitten in einem Wohnblock eingeschlagen, wobei eine Menge kostbaren Sauerstoffs ungehindert ins All verdampfte. Die Reparaturarbeiten würden Monate dauern. Der einzige Grund, weshalb man Yassir in Ruhe ließ, war sein teures Gold. Nach der verlotterten Nacht schlich er noch einmal durch die Kolonie, sein Gepäck voller Geldbündel. Alles war peinlich sauber, jeder Zentimeter wurde von Kameras überwacht. Androiden kümmerten sich um die Sauberhaltung der künstlichen Siedlung. Durch Panzerglasscheiben konnte man nach draußen gucken, wo riesige Roboter Erz und andere Rohstoffe aus dem Gestein schürften. Die Kolonie bestand seit 400 Jahren, die Amerikaner kannten nichts anderes. Aber Yassir sehnte sich langsam nach seinen Feldern, nach langer, mühseliger Arbeit an der frischen Luft. Der Alkohol, die Drogen und der Sex hatten ihre Spuren hinterlassen. Schwer angeschlagen kehrte Yassir in sein Hotel zurück, um vor dem Start noch eine Mütze Schlaf zu nehmen. Er schloss die Zimmertür auf, stellte noch eine Flasche vor die Tür – um ungebetene Eindringlinge rechtzeitig wahrzunehmen – stopfte sich die Lunos unter das Kopfkissen und versank in bleiernen Schlaf. Mitten in der Nacht – es mochte gegen vier Uhr morgens sein – wurde er schlagartig wach, als jemand an seinem Kopfkissen zerrte. Er tastete nach dem Lichtschalter, aber der Dieb hatte sich schon durch den Luftschacht davongemacht. Er zählte die Lunos, es mochten einige Tausend fehlen. Mit seinem Katerschädel war es schwer auszumachen, ob er sich alles nur eingebildet hatte oder ob tatsächlich jemand in dem Zimmer gewesen war. Er legte sich wieder schlafen, und nach einer Stunde wurde er schon wieder wach und merkte, dass ein Bündel Scheine fehlte. Er verfluchte seine Trägheit, stopfte die Scheine wieder sorgfältig unter sein Kopfkissen und legte sich ins Bett, achtete aber darauf, nicht wegzudösen. Als es im Luftschacht polterte, war er trotzdem schon wieder eingeschlummert: Zu spät, um etwas gegen den Dieb zu unternehmen. Doch dann polterte es erneut im Luftschacht, anscheinend war der Eindringling ausgerutscht und hatte den Halt verloren. Es rumpelte noch einmal, dann war Stille. Yassir wurde vom Schlaf übermannt und kam erst wieder zu Bewusstsein, als jemand gegen die Tür hämmerte. Vielleicht die Kinder, dachte er, und blieb im Bett liegen. Zwei Stunden ging das so, dann siegte seine Neugier. Er riss die Tür auf und sah, wie sich eine Horde Halbwüchsiger davonmachte. Als sie wegliefen, johlten sie noch: “Er hat sich das Genick gebrochen.” Yassir wusste nicht, was er davon halten sollte, aber es war schon möglich, dass der Eindringling auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Er beschloss, dass dies nicht seine Schuld sei, zählte noch einmal die Scheine und war froh, dass nicht allzu viel fehlte. Dann stellte er sich unter die heiße Dusche – ein absoluter Luxus, denn Wasser war knapp – rauchte verbotenerweise noch ein paar Kippen und packte seine Sachen. Viel war es nicht, was sein Gepäck ausmachte, und als er am frühen Vormittag durch die Schleuse zum Raketenflugzeug torkelte, dankte er Allah, dass er noch am Leben war und sich von nun an in Reichtum und Glanz hüllen könnte. Siebtes Kapitel Als André erwachte, dachte er erst, er sei noch im Schlummer und hätte einen Alptraum. Dann fiel ihm alles wieder ein, das Haschisch, Florian und Petra, die Festnahme. Er blickte sich in der Zelle um. Es herrschte Halbdunkel, und er konnte nicht feststellen, wie lange er in Ohnmacht verbracht hatte, denn sie hatten ihm seine Uhr abgenommen. Es war ein etwa neun Quadratmeter großes Loch, in dem sich nichts außer einer Steinpritsche befand, auf der man sich nur unbequem ausstrecken konnte. Es schmerzte ihn in allen seinen Gliedern, außerdem hatte er bohrenden Hunger. Er war allein in der Zelle, ein Privileg, wie sich später herausstellen sollte. Er begann zu schreien. “Hello? Is there anybody? Is there anybody out there?” Eine halbe Stunde ging das so, dann knirschte ein Schlüssel im Schloss, der Riegel sprang auf, und ein Wärter trat ein. André fiel gleich die geladene Schusswaffe an seiner Hüfte auf. Widerstand war völlig zwecklos. Ausdruckslos hörte sich der Wärter André’s Klagen an, machte dann kehrt und kehrte wenig später mit einem Stück Brot und einer Flasche Wasser zurück. André aß hastig und trank in großen Schlucken. Er bestürmte den Wärter mit Fragen, doch der zuckte nur die Schultern. “Ana asif.” Anscheinend sprach er kein Englisch. Die Tür fiel wieder zu, und André war abermals allein. Er durchwühlte seine Taschen. Alles hatten sie ihm abgenommen, sogar den Gürtel und die Schnürsenkel. Nach etwa einer halben Stunde öffnete sich die Tür erneut, und André hatte die Möglichkeit auszutreten. Es war eine große Erleichterung. Er fragte nach einer Matratze und einer Decke, aber niemand verstand ihn. So ging das eine Weile hin und her, es mochten zwei, drei Tage sein, aber André kam es wie Wochen vor. Einmal kam ein Mithäftling in die Zelle. Er sah kopfschüttelnd zu, wie André das belegte Brot herunterschlang und fragte dann: “What do you think are you eating there?” André war es egal, er hatte einfach Hunger. Gut möglich, dass sie die Reste aus den Mülleimern für ihn hervorkramten. Der Mithäftling, ein sonnengebräunter Ägypter mit kurzen Haaren in Jeans und – wie er erst jetzt bemerkte – einem Hemd, das sich in seinem Gepäck befunden hatte, wurde wieder abgeführt und André war allein. Dann ging plötzlich das Licht im Flur an, die Tür öffnete sich, drei Beamte führten André auf die Wache, und sie quetschten ihn nach allen Regeln der Kunst aus. Wie sein Name sei, woher er komme, wann er geboren sei und wo. Der Grund seines Aufenthaltes in Ägypten. “Well, tourism”, murmelte André. Niemand schien ihm das so ganz abzukaufen, und sein Reisepass verschwand in einer Schublade. André beschwerte sich, und der Beamte – ein Dicker mit Glatze, der fortwährend Cleopatra-Zigaretten paffte – murmelte etwas, was dem Tonfall nach so klang wie: “Den sehen Sie sowieso nie mehr wieder.” Sie steckten André zurück in seine Zelle, und aus Schwäche und Wut begann er zu weinen. Er fand in einer Ecke der Zelle eine Glasscherbe und begann an seinen Pulsadern zu ritzen. Dann dachte er an sein Projekt und warf die Glasscherbe weg. Eine Woge der Verzweiflung übermannte ihn. Was hatte er eigentlich in seinem Leben zustande gebracht? Er saß auf einem Trümmerhaufen, und niemand konnte ihm helfen. Seinen Suizid mit dem Jahrtausendgrab zu umrahmen – das hatte schon Stil, aber einfach so in einem ägyptischen Kerkerloch zu verschimmeln, entbehrte jeder Logik. Er wollte Petra und Florian auch nicht in Schwierigkeiten bringen, aber nach dem Haschisch hatte die Polizei gar nicht groß gefragt. Für sie war es eine abgemachte Sache. André war sich nicht sicher, ob ihn überhaupt jemand vermissen würde. Seine Freundin hatte vor einer Ewigkeit mit ihm Schluss gemacht. Seine Mutter, gewiss, aber die war schon alt und krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Mit seiner Schwester hatte er sich nur gestritten, solange er zurückdenken konnte. Sein Freund Wolfgang hatte andere Sorgen. Auf der Arbeit hatten die Kollegen sei jeher nur den Kopf über ihn geschüttelt. Alles was ihm blieb, war ein Stück unendlicher Leere. So musste man sich fühlen, wenn man lebendig gelähmt war. Seit Wochen gab es nichts, was ihm auch nur die geringste Freude bereitet hätte, und hier im Knast war es noch tausendmal schlimmer. Die Dinge reduzierten sich auf Kleinigkeiten – eine Matratze, eine Decke, ein Stück Brot; in Freiheit hätte er die Depression noch gerade so ausgehalten. Er führte auch keine Psychopharmaka mit, vielleicht hätte das eine Erleichterung bedeutet. So war die Welt grau in grau, und es gab keinen Lichtblick. Der Gedanke, in tausend Jahren als Zeuge der Zeit ans Licht zu treten, hatte ihn fasziniert. Er war von den Menschen in seiner Heimat enttäuscht. Was taten sie anderes, als die Umwelt zu verpesten, immer tödlichere Waffen zu entwickeln und diese bei jeder Gelegenheit an Drittweltstaaten zu verscherbeln. Die Privilegien der Industrienation wurden mit Klauen und Zähnen verteidigt, dass halb Afrika brannte, interessierte daheim niemanden groß. Er wollte den Puls der Zeit fühlen und dokumentieren, wie die Menschheit den Bach herunterging. In dem Lkw stapelten sich Bücher, Hefte und Magazine, die alle um die Jahrtausendwende herum erschienen waren. Wenn jetzt durch Zufall jemand seine Baustelle entdeckte, musste das Erstaunen groß sein. Er hegte noch eine kleine Hoffnung, dass er irgendwann aus dem Knast entlassen wurde und alles sich als ein großer Irrtum herausstellte. Aber er hatte auch nicht die geringste Ahnung, wie er einen ägyptischen Polizisten bestechen könnte, und ob es überhaupt ein Gerichtsverfahren für ihn geben sollte. Wenn Petra und Florian nichts unternahmen, würde er vielleicht für immer hinter den Kerkerwänden verschimmeln, so lange, bis er den Mut aufbrachte, sich endlich das Leben zu nehmen. Er hielt es für sein angestammtes Privileg, zu diesem Schritt zu greifen. Keiner hatte ihn gefragt, ob er kommen wollte, warum sollte er jemanden fragen, wenn er ging? Die Schritte des Wärters rissen ihn aus seinen Gedanken. Er öffnete die Tür, schubste ihn von der Pritsche und sagte in gebrochenem Englisch: “You have vacation for some hours. But you need to come back afterwards.” André blinzelte verwirrt, als er in das pralle Sonnenlicht auf der Straße zurückkehrte. Florian wartete auf ihn vor der Wache. Er fing gleich an, André mit Fragen zu bestürmen, aber der musste sich erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen. “Was sagst du?” “Wir wollen versuchen, die Polizei zu bestechen. Hast du Geld?” “Ein wenig.” “Wieviel?” “Um die viertausend Euro.” “Das sollte reichen. Stimmt das auch wirklich?” “Na klar.” “Dann werden wir das Geld vorstrecken. Mit etwas Glück bist du in ein paar Tagen wieder draußen.” André schluckte. Er hätte gerne etwas gesagt zu der gerissenen Methode, das Dope einfach in seinem Gepäck zu verstauen, aber vielleicht wäre Florian wütend geworden und hätte die Hilfsaktion abgeblasen. Dass er ein Windhund war, war André jetzt klar. Er durfte bloß kein Wort über den Lkw verlieren, sonst könnte er sein ganzes Projekt abschreiben. Sie gingen in ein einfaches Restaurant und aßen gebratenes Hähnchen mit Pommes frites, tranken dazu eine Cola, und Florian erklärte ihm in allen Einzelheiten, wie er die Polizei bestechen wollte. André hörte nur mit halbem Ohr hin, obwohl es lebenswichtig für ihn war. Er genoss die Sonne, das Essen, den Schweiß auf seiner Haut. Schließlich rüttelte Florian ihn an der Schulter. “Hörst du mir überhaupt zu?” “Na klar.” “Dann ist ja alles abgemacht. Ich glaube, du musst jetzt wieder zurück.” “Schon?” “Es muss sein. Sonst lassen sie dich niemals gehen.” “Okay.” André seufzte, trank noch eine letzte Cola und rauchte eine Zigarette. Dann rappelte er sich auf, und Florian ging mit ihm zur Wache. Er klopfte André auf die Schulter und murmelte: “Mach es gut, Kamerad.” Der Polizist am Eingang verlor kein Wort und stieß André zurück in den Keller, wo die Zelle lag. André streckte sich auf der Pritsche aus und fiel in tiefen Schlaf. In der Nacht wurde er wach und merkte, dass er sich noch eine Packung Kippen eingesteckt hatte. Also steckte er sich eine an, dann die zweite, bis die Schachtel leer war. Morgens rasselte der Wärter mit dem Schlüsselbund und brachte ihm ein Stück Brot und eine Flasche Wasser. André aß und trank gierig. Er beschloss, es sei besser, den Wärter nicht nach seiner Freilassung zu fragen. Der verlor auch kein Wort darüber und verschwand schweigend. André machte ein paar Kniebeugen und Liegestütze und legte sich dann auf die Pritsche, um über sein Leben nachzudenken. Er wusste, dass es eigentlich nur eine Durstphase war, die er zu durchstehen hatte. So war das mit der Depression, wie es in den Lehrbüchern stand. Er hätte vielleicht in medikamentöse Behandlung gehen sollen, aber er hielt nichts von Psychopharmaka. Sie machten dick und träge, er hatte die traurigen Gestalten in der Psychiatrie gesehen. Man konnte nie sagen, wie lange so eine Depression dauerte. Er misstraute den Ärzten in seiner Heimat und wählte lieber den Freitod, als den steinigen Gang in die Psychiatrie anzutreten, der möglicherweise Jahre dauern würde. Er war sich auch sicher, dass er vielleicht von seiner Entscheidung abrücken würde, wenn nur eine hübsche Frau zufällig seinen Weg kreuzte. Er hatte sich nie viel Zeit genommen für die Frauen, für ihn war das Verliebtsein eine Art Fieber, das vielleicht zwei Wochen dauern würde und dann wieder abklang. Seine letzte Freundin war mit einem Latin Lover durchgebrannt, seitdem hielt er es nach der Devise: “Selbst ist der Mann.” Aber es war weit und breit keine Frau in Sicht, die ihn von seinem Entschluss hätte abbringen können, und er konnte ein entsetzlicher Dickschädel sein, wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte. Ein einfacher Suizid war sinnlos, er hinterließ nur eine traurige, klaffende Lücke im Leben der Angehörigen. Aber das Jahrtausendgrab bedeutete etwas Großes, Sensationelles. Er hatte leider nicht die finanziellen Mittel, um abzutreten wie seinerzeit Tutanchamun. Aber ein kleine Sensation könnte sein Grab vielleicht in tausend Jahren bedeuten. Er war sicher, dass der Ort abgeschieden genug war, um all die Jahre unentdeckt zu bleiben. Aber noch saß er in seiner Zelle, und die Entlassung schien in großer Ferne dahinzuschwinden. Er konnte am folgenden Tag den Wärter überreden, dass er sich kurz waschen konnte. In der Zelle herrschte eine brütende Hitze. Kakerlaken krochen über den Flur. Er zertrampelte sie mit den Schuhen, so gut das im Halbdunkel möglich war. Er fragte den Wärter, ob er ihm nicht etwas zu lesen geben könnte, woraufhin dieser ein religiöses Traktat aus der Hemdentasche zog, das in Englisch verfasst war. Es mochte von den Zeugen Jehovas sein. Im Dämmerlicht der Zelle war es auch schwierig, die Buchstaben zu entziffern. Was hätte er gegeben für ein kurzes Telefonat mit einem Freund oder einem seiner Angehörigen. Aber das Satellitentelefon und die Annehmlichkeiten seines Lagers waren in weiter Ferne. Er war schon froh, dass die Wärter ihn nicht verprügelten oder ihn mit einer Horde Homosexueller zusammen in eine Zelle sperrten. Er hatte gehört, dass Häftlinge dazu neigten, aufgrund der Isolation zu übertriebener Masturbation zu greifen. Aber das Dreckloch, in dem er steckte, lähmte die Lebensgeister derartig, dass er nicht im Traum daran dachte. Er fühlte sich schmutzig, verschwitzt und abgerissen, und alles, wonach er sich sehnte, war, wieder einmal eine saubere Hose anzuziehen und eine ordentliche Dusche zu nehmen. So vergingen Stunden und Tage, und nichts geschah. Dann, als er schon glaubte, alles sei am Ende, erschien der Wärter plötzlich, grinste ihn an, gab ihm seine Sachen zurück und flachste: “You are free, my friend. Come with me, I’ll open the door for you.” Er schubste André vor sich her, bis sie zum Ausgang der Wache kamen. Das grelle Licht blendete André, und er sah nicht sofort, dass Florian auf der gegenüberliegenden Seite der Straße auf ihn wartete. Dann kam Florian zu ihm herüber und klopfte ihm auf die Schulter. “Hallo, alter Freund, alles in Ordnung?” André wollte etwas sagen, aber die Freude über die wiedererlangte Freiheit schnürte ihm die Kehle zu. Er grinste Florian an. “Lass uns gehen.” Sie stiegen in den Bulli, der ein paar Ecken weiter geparkt war, und machten sich auf den Rückweg. Es wurde eine lange Fahrt. Sie hatten nichts zu trinken dabei, und André bekam leichte Kopfschmerzen. Florian versuchte André auszuquetschen über seinen Lagerplatz und wieviel Geld er nun dabei hatte, aber André gab nur ausweichende Antworten. “Wie viel hast du dem Wärter gegeben?” “Viertausend Euro.” “Du bekommst von mir fünftausend. Und jetzt verschon mich mit deinen Fragen.” André wusste selbst nicht so genau, woher er das Geld nun eigentlich nehmen sollte. Er würde versuchen, einen der Goldbarren umzutauschen. Die nächste Bank war in Dakhla. Er druckste herum. “Nimmst du auch Gold als Zahlungsmittel?” “Warum nicht?” “Dann ist ja alles klar.” Sie kamen nach Farafra. André bat Florian, kurz anzuhalten, da er austreten musste. Sie setzten die Fahrt fort, und je näher sie dem Ziel kamen, desto nervöser wurde André. Gewiss, er wollte Florian das Geld gleich geben, aber er durfte unter keinen Umständen seinen Lagerplatz verraten. Sie kamen in Bahariya an, wo Nuri schon auf sie wartete. Er umarmte André. “My friend, what a bunch of problems! I’m so lucky that you are back.” Sie tranken Kaffee aus kleinen Gläsern. Nuri holte das Mokick aus einem Schuppen, und André lud den Greifzug darauf, den er Florian abgeluchst hatte. Dann wollte er sich auf den Weg machen. Florian hielt ihn zurück. “Moment.” “Was?” “Wer sagt mir, dass du dich nicht einfach in die Wüste verdrückst und mich mit meinen Schulden hier sitzen lässt?” André deutete auf das Mokick. “Meinst du vielleicht, damit komme ich weit?” “Also gut. Dann treffen wir uns morgen Mittag in dem Cafe, und du bringst mir das Gold.” “Abgemacht.” Sie gaben sich die Hand, und André fuhr auf dem Mokick davon. Er fand den Lagerplatz ohne Probleme wieder. Alles war, wie er es zurückgelassen hatte, nur war seine Ausrüstung von einer dicken Sandschicht bedeckt. Er brachte alles in Ordnung, besichtigte die Grube und entschied, dass sie ausreichen musste, um den Hänger darin zu verbergen. Je näher der Tag X rückte, desto nervöser wurde er. Jetzt musste er beweisen, dass er es ernst meinte mit seinem Suizid. Gerade hatte er wieder ein bisschen Freude gefunden am Leben, das Licht, das Lachen unter Freunden, der heiße Kaffee, die Zigaretten, ein Nickerchen im Schatten. Er war sich unschlüssig. Und wenn er sich im Koffer des Lkws umbringen würde, wer würde die letzte Schippe Sand werfen, um das Versteck perfekt zu machen? Mit solchen Gedanken beschäftigt, tat er die letzten Spatenstiche. Dann befestigte er das eine Ende des Greifzuges an einem Felsen, das andere am Lkw, und betätigte den Hebel. Zufrieden stellte er fest, dass der Hänger sich in Bewegung setzte und langsam über die schräge Rampe in die Grube rollte. Es war eine Knochenarbeit. Nach zwei Stunden war der gesamte Koffer in dem Loch verschwunden. Jetzt musste er es nur noch zuschaufeln. Er stellte die Reste seiner Expeditionsausrüstung an den Rand der Grube und spannte eine Plane, um etwas Schatten zu haben. Dann kochte er sich einen Kaffee und griff zu dem Satellitentelefon. Wieder wählte er die Nummer seines Freundes Wolfgang. “Hallo, ich bin es, André. Ich möchte mich von dir verabschieden.” Schweigen. “Hallo, kannst du mich hören?” “Sicher. Was soll das?” “Ich meine es ernst. Ich mache Suizid.” Wolfgang wurde wütend. “Von mir aus mach das. Aber begreifst du nicht, was du deiner Familie damit antust?” “Jeder hat das Recht zu sterben.” “Bitte rede noch einmal mit deinen Angehörigen. Ich schick dir eine Bekannte nach Bahariya. Sie heißt Judith und studiert in Kairo Islamwissenschaft.” “Eine Freundin von dir?” “Sozusagen.” André überlegte. “Das hilft mir jetzt auch nicht weiter.” “Von mir aus denk darüber, wie du willst. Ich hab etwas dagegen, dass du dich suizidierst.” Es knackte, die Verbindung war unterbrochen. André räumte das Telefon beiseite und rauchte eine letzte Zigarette. Dann begann er, die Grube zuzuschaufeln. Der hintere Teil des Hängers war noch frei, sodass er später die Reste seiner Ausrüstung in den Lkw packen könnte. Seinen letzten Willen hatte er auf Papier festgehalten. Nach drei Stunden machte er eine Pause und aß eine Dose Bohnen mit Brot, trank dazu eine Flasche Bier. Er war gerade dabei, den ersten Schluck zu genießen, da schreckte er zusammen. Von hinter den Felsen hörte er Schritte im Sand. Ungläubig starrte er der untergehenden Sonne entgegen. Es war Florian, und in der Hand hielt er eine Waffe. Achtes Kapitel “Die Zeit bis zum Touchdown: 7 Sekunden.” Yassir klammerte sich an seinem Sitz fest und betete einen Koranvers: “Jede Seele schmeckt den Tod, und auf die Probe wollen wir euch stellen mit Bösem und Gutem, und zu Uns kehrt ihr zurück.” Dann heulten die Triebwerke auf, und das alte Raketenflugzeug hatte Bodenkontakt. Es rumpelte über die Piste, bis es an Geschwindigkeit verloren hatte, folgte dem Abfertigungsfahrzeug, bis es die Fluggastbrücke erreicht hatte. Yassir krallte sich den Beutel mit dem Geld und verschwand als Erstes auf der Toilette, um einem Bedürfnis nachzugehen. Ihm war leicht schlecht, als er durch endlose Korridore bis zur Gepäckabfertigung schlich. Dann dachte er an seinen neuerworbenen Reichtum, und er dankte Gott, dass er den Ausflug zum Mond unversehrt überstanden hatte. Von der Raketenbasis war es nicht weit bis in die Innenstadt von Kairo. Yassir stieg in seinem alten Hotel ab, versteckte die Scheine unter dem Bett, und liess Tanita zu sich kommen. Sie sah aufregender denn je aus, die roten Haare noch leicht vom Schlaf zerzaust, in einer leichten Bluse, die ihre Formen nur schlecht verhüllte, Shorts und Sandalen. Um den Hals trug sie ein goldenes Kettchen. Yassir griff danach und ließ dann in seiner Erregung die Hände über ihren Körper gleiten. Sie setzte sich rittlings auf ihn und flüsterte ihm ins Ohr: “Hast du denn genügend Geld, um eine Nacht mit mir zu bezahlen? Ich bin nicht billig, musst du wissen.” Yassir griff in die Nachttischschublade und zog ein Bündel Scheine hervor. “Reicht das für drei Tage?” fragte er und drückte ihr die Banknoten in die Hand. Tanita pfiff durch die Zähne und stellte fest, “anscheinend bist du ein reicher Mann geworden. Mach dir keine Sorgen, wir werden unseren Spaß haben.” Sie trieben es drei Tage und drei Nächte lang, und Yassir stand nur auf, um auszutreten oder eine Flasche Champagner und etwas zu essen an der Tür entgegenzunehmen. Er war nur froh, dass der Chip in seinem Gehirn ihn nicht beim Sex störte, ihn sogar zu stimulieren schien. Tanita verwöhnte ihn nach allen Regeln der Kunst, aber irgendwann überwog dann doch ihr Egoismus, und sie machte Yassir klar, dass sie auch noch andere Kunden hätte und sie im Leben nicht zu einer festen Bindung bereit sei. Yassir seufzte, erklärte dann, “ich muss mich sowieso um meine Fundstelle kümmern. Und dann werde ich versuchen, diesen verfluchten Chip wieder aus meinem Kopf heraus zu bekommen.” Er ließ sie gehen, sah ihr zufrieden nach, wie sie sich anzog, ihre Sachen zusammenraffte. Nur ihr Parfum schwebte noch im Zimmer. Er streckte sich zufrieden auf dem Bett aus und nahm eine Mütze Schlaf. Als er wieder erwachte, war es spät nachts. Er knipste die Nachttischlampe an und griff unter das Bett, um sein Geld zu zählen. Aber da war nichts. In blinder Panik durchwühlte er das Bett, den Schrank, sein Gepäck. Tanita hatte sein Vermögen mitgehen lassen. Er rauschte aus dem Zimmer, klopfte an ihrer Tür. Niemand öffnete. Mit aller Wucht warf er sich gegen die Tür, das Holz splitterte, und er stand in ihrem Zimmer. Sie war ausgeflogen. Yassir ging zum Nachtportier und fragte nach. Ja, sie habe das Hotel vor drei Stunden verlassen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Wo das denn sei, wollte Yassir wissen. “Also hören Sie, bei diesen Mädchen weiß man das nie so genau. Nehmen Sie sich doch eine andere, Sie wissen schon.” Yassir ging auf sein Zimmer und barg den Kopf in den Händen. So war sein ganzer Reichtum in Luft zerronnen, denn er war sich sicher, dass er Tanita nie wiedersehen würde. Ein schneller Aufstieg, ein tiefer Fall. Alles, was ihm jetzt noch blieb, waren seine Felder im Rif, und er würde hart arbeiten müssen, um den teuren Antigrav-Gleiter zu bezahlen. Um einen Schlussstrich zu setzen, entschied er sich, den Alten aus Luxor noch einmal zu besuchen. Der Gleiter stand noch in der Tiefgarage, wie Yassir ihn verlassen hatte. Der Parkwächter, ein genetischer Mischling, halb Mensch, halb Hund, gab ihm die Schlüssel und jaulte zufrieden auf, als Yassir aus der dunklen Tiefgarage düste. Der Weg war lang, und Yassir gab Stoff. Die Landschaft interessierte ihn nun nicht mehr, er wollte dem Alten aus Luxor nur mitteilen, wie es ihm ergangen sei, und dann das Weite suchen. Der Alte war mitten bei der Arbeit, als Yassir an der Fundstelle ankam. Er säuberte einen DVD-Rekorder mit dem Pinsel und versuchte, ihn an einem Verstärker anzuschließen, um die zahlreichen CDs abzuspielen. Yassir schaute ihm eine Weile zu, unterbrach ihn dann bei der Arbeit. “Allah! Das Gold ist weg.” “Haben die Amerikaner es einkassiert?” “Ich habe es auf dem Mond in Lunos umgetauscht. In Kairo hat eine Dirne das ganze Geld mitgehen lassen.” “Das überrascht mich nicht. Du hättest besser den Mund gehalten und wärst in deine Heimat zurückgekehrt. Was erwartest du auch, wenn du mit so viel Bargeld durch die Gegend läufst?” “Und was mache ich jetzt?” “Du wolltest doch nach Mekka.” “Das ist wahr. Aber wie werde ich den Chip in meinem Kopf wieder los?” “Frag doch deinen Freund, den Bombenleger. Vielleicht kann er dir helfen.” “Woher hast du von Kamil gehört?” “Manchmal sprechen sich die Dinge halt herum.” Er säuberte den Tonkopf des DVD-Rekorders, stellte dann alle Steckverbindungen her. Fetzige Musik dröhnte durch die Einöde. Der Alte lächelte zufrieden und untersuchte das CD-Cover. “Wir sind Helden. Die Reklamation.” Der Alte drehte die Lautstärke herunter. “Fahr nach Mekka, mein Freund. Dein Leben ist noch lange nicht zu Ende. Vielleicht wirst du bei der Arbeit auf deinen Feldern Erleichterung finden. Und schließlich hast du ja deinen Spaß mit der Dirne gehabt, was beklagst du dich?” “Aber vier Millionen Lunos! Das war ein teures Vergnügen!” “Manchmal nehmen die Dinge halt eine überraschende Wendung. Und jetzt entschuldige mich, ich muss die CDs katalogisieren.” Er stellte den Plattenkoffer in den Sand und begann die Titel abzuschreiben. Yassir schenkte er keine Beachtung mehr. Der lud den Rest seines Gepäcks in den Gleiter und programmierte seinen Pathfinder neu. Das nächste Ziel war Syrien, Damaskus. In zehn Metern Höhe düste er mit 200 Stundenkilometern über das Mittelmeer hinweg. Nach fünf Stunden Fahrt erreichte er das Festland und preschte im Tiefflug über das Gelände. Alle hundert Meter waren Verkehrsschilder aufgestellt, die mit dem Pathfinder gekoppelt waren und ihm in Leuchtschrift den Weg wiesen. Er zirkelte um die Hinterhöfe von Damaskus herum, bis er die Avenue Mohammed 21 gefunden hatte. Sein Freund reparierte gerade einen Holofernseher und blickte irritiert auf, als Yassir den dicken Gleiter im Hof parkte. “Was wollen Sie?” “Salam Aleikum, Kamil, erkennst du mich nicht?” Kamil stutzte. “Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor, vielleicht helfen Sie mir auf die Sprünge?” “Yassir. Dein alter Freund Yassir Zouhir.” “Allah issalmek! Ist das denn die Möglichkeit? Yassir, der alte Freund aus Jugendzeiten! Was treibt dich hierher?” Yassir tippte sich an den Kopf. “Die Amerikaner haben mir einen Chip implantiert. Jetzt möchte ich ihn wieder loswerden.” “Du warst auf dem Mond?” “Genau da.” “Hat die Bombe ihr Ziel getroffen?” “Das hat sie. Du solltest in Zukunft vorsichtig sein.” “Das ist mein Problem. Aber...” “Der Chip?” “Richtig. Das wird eine schwierige Operation, wir brauchen dazu einen Neurochirurgen. Es kann sein, dass du hinterher unter extrapyramidalen Störungen leidest. Hast du Geld?” “Keinen Luno mehr.” “Dann würde ich dir vorschlagen, dass ich ein Virus überspiele, das den Chip funktionslos macht. So kommst du um die Operation herum.” “Können wir das gleich machen? Ich ertrage die Gedankenkontrolle nicht länger.” “Kein Thema. Computer?” Eine sanfte Stimme meldete sich im Hintergrund. “Sie wünschen, Meister?” “Such mir doch eben mal das Merlin-Virus heraus.” “Wie Sie wünschen.” Kamil zog ein 24adriges Kabel aus einer Schublade und stellte eine Steckverbindung mit dem Parallelrechner her. Er schubste Yassir zu dem Computer und befestigte das andere Ende des Kabels an dem Interface in seinem Schädel. Die Daten rauschten durch die Leitung. Yassir wurde schwindelig. Sein Leben schien an ihm vorbeizuziehen, alles färbte sich rot. Dann klärte sich sein Blickfeld mit einem Mal auf, und es war wie früher: das Licht, die Gerüche nach Salz und Lötzinn, die raue Oberfläche des Holzschemels unter ihm, der Geschmack in seinem Mund nach Kurkuma, die Stimme des Imams aus dem benachbarten Minarett, der die Gläubigen zum Gebet aufrief. Yassir lachte. “Es ist vollbracht.” Kamil löste die Steckverbindung und lotste ihn über die Straße in ein billiges Restaurant. “Lass uns etwas essen.” Sie bestellten Couscous mit Lammfleisch, und Yassir fing an zu erzählen. Er erzählte alles: von der Fundstelle, den Antiquitäten und dem Gold, von dem Alten aus Luxor, dem Hotel in Kairo, Tanita und von der Reise zum Mond. Kamil lachte auf. “Ich habe gehört, dass du da warst. Deshalb habe ich die Bombe da hochgeschickt. Der Schlag hat gesessen.” Yassir bejahte und schaufelte gierig in sich hinein. Er wollte weitererzählen, da klingelte Kamils Handy. Kamil wollte abheben, doch plötzlich gab es einen furchtbaren Knall, und Yassir wurde nach hinten geschleudert. Kamil lag blutüberströmt in einer Ecke, sein Kopf war halb abgerissen. Die Polizei war im Nu da. Anscheinend hatte sich in Kamils Handy eine Sprengkapsel befunden. Die Amerikaner hatten sich gerächt. Yassir schenkte niemand große Beachtung, und so lud er sein Gepäck wieder in den Antigrav-Gleiter, gab die Zielkoordinaten von Mekka ein und machte sich von dannen. Er schwebte in kurzem Abstand zum Boden durch die Syrische Wüste, um sich die Landschaft ganz genau anzusehen. Es machte ihm Spaß, auf manuelle Steuerung umzuschalten und größeren Hindernissen selbst auszuweichen. Aber auf diese Weise kam er nur langsam voran, und als er nach zwei Tagen Akaba passierte und in die Wüste Nefud eindrang, gewann er wieder an Höhe und gab Vollgas. Weitere zwei Tage später kam er an das Ziel seiner Pilgerfahrt: Die heilige Stadt Mekka war erreicht. Er parkte den Gleiter außerhalb der Stadt auf einem bewachten Parkplatz und suchte sich ein billiges Hotel. Dann ging er unverzüglich zur großen Moschee. Als er die Kaaba erblickte, verrichtete er zwei Niederwerfungen mit den dazu vorgeschriebenen Gebeten. Anschließend ging er zur Kanzel und zog sich dort die Schuhe aus. Hierauf begann der Gang um die Kaaba, der siebenmal wiederholt werden musste. Nach jedem Umlauf küsste er den heiligen Stein. Zuletzt drückte er die Brust an die Tür der Kaaba, breitete die Arme aus und bat Allah laut um Vergebung aller seiner Sünden. Nun begab er sich zum heiligen Brunnen Sem Sem und trank nach einem kurzen Gebet viel Wasser daraus. Dann ging er zum Hügel Szafa, wo drei offene Bogen standen, wandte das Gesicht zur Moschee, hob die Hände gen Himmel und bat Allah um Beistand auf dem heiligen Weg. Nun ging er sechshundert Schritte weiter zum Altan von Merua. Auf Merua verrichtete er wieder ein Gebet und legte den Weg dann noch sechsmal zurück. Als alle heiligen Handlungen verrichtet waren, ließ er sich das Haupt scheren und bahnte sich den Weg durch die Pilgerströme nach außerhalb der Stadt. Er war jetzt ein Hadschi und durfte die Heimreise antreten. Nach all den Abenteuern, die er erlebt hatte, war er froh, bald wieder in heimatliche Gefilde zu kommen. Er würde sich eine junge Frau suchen, seine Felder weiter bestellen und ein großes Fest feiern. Denn dank Allah war er unversehrt und bei guter Gesundheit, und er würde allen von seinem großen Fund erzählen, auf dass sie sich auf den Weg nach Luxor machten, um zu sehen, wie die Menschen vor tausend Jahren gelebt hatten. Neuntes Kapitel André starrte verwirrt auf Florian und die Waffe, brachte vor Überraschung keinen Ton heraus. Florian nahm die Situation in die Hand. “Sorry, Alter, ich will dich nicht gerne ausknipsen. Also her mit dem Gold und was du sonst noch so Schönes hast. Ich meine es ernst.” Perplex antwortete André: “Das kannst du nicht bringen. Es ist mein Lebenswerk.” “Papperlapapp. Los schon, setz dich in Bewegung, wir haben nicht ewig Zeit, gleich geht die Sonne unter.” Er schubste André vor sich her. Der öffnete den Koffer des Lkws und ließ den Lichtkegel der Taschenlampe über die gesammelten Schätze gleiten. Florian interessierte sich nicht für die Gemälde, die Bücher, Zeitungen und CDs. Er raffte den Schmuck und das Gold zusammen und verstaute alles in seinem Bulli. André druckste herum. “Wie hast du mein Lager gefunden?” “Es war nicht schwierig, deinen Spuren zu folgen. Von ferne konnte ich dich mit dem Feldstecher beobachten.” “Und Petra?” “Sie weiß nichts von allem.” “Wo ist sie denn?” “Sie wartet in Bahariya.” Florian hob die Waffe. “Tut mir echt leid, aber es muss wohl sein.” In diesem Moment geschah zweierlei. Florian stieß einen Schmerzensschrei aus und blickte auf seine nackten Füße. Ein kleiner, schwarzer Skorpion hatte ihn mit dem Stachel in die Haut gestochen und verschwand dann in einer Sandkuhle. Ein Schuss löste sich, und die Kugel schwirrte an André’s Kopf vorbei und bohrte sich in die Verschalung des Lkws. Florian sank im Sand zusammen. André rekapitulierte blitzschnell, was er über Skorpione wusste. Die Größe spielte keine Rolle, wenn es um die Stärke des Giftes ging. Er hatte immer gedacht, die gelben Feldskorpione seien die gefährlichsten, aber eine Französin, die er einmal unterwegs getroffen hatte, hatte ihm erzählt, es gäbe auch kleine Schwarze, deren Stich tödlich sei. André blickte auf Florian, der wie im Fieber wirre Worte ausstieß: “Hilf mir.” “Eben wolltest du mich noch töten.” “Ich will nicht sterben.” “Aber ich habe kein Serum.” Dann verlor Florian das Bewusstsein und krümmte sich im Sand zusammen. André fühlte seinen Puls. Er war schwach und setzte dann ganz aus. Florian war tot. Der Skorpion hatte sich von dannen gemacht. Florian zerrte die Leiche in den Lkw, genau an den Platz, den er für seinen Suizid vorgesehen hatte. Er räumte die Reste der Ausrüstung und das Raubgut in den Hänger und warf die letzten Schaufeln Sand auf das Grab. Er arbeitete die ganze Nacht hindurch. Am Morgen war von der Grube nichts mehr zu sehen. Der Lkw war unter einer dicken Sandschicht verschwunden. André klopfte sich den Sand von der Hose, lud die Honda Dax in den Bulli und machte sich auf den Weg nach Bahariya. Er kannte die Strecke inzwischen in- und auswendig, hatte sich die Formen der verschiedenen Kalksteinfelsen gemerkt und kam im Sand gut voran. Er durchquerte die Schwarze Wüste mit ihrem groben Gestein und kam dann zu der Asphaltstraße. Nun ging es flott voran. Er machte noch einmal Halt an der Quelle, um einen Schluck zu trinken und seinen Kopf unter das kühle Wasser zu halten. Dann sah er von ferne die ersten Häuser von Bahariya. Er fuhr durch die Oase und parkte den Bulli direkt vor El Beshmo Lodge. Nuri kam ihm entgegen. “Hello, my friend! Is your mission completed?” “Yes, indeed.” “A woman has asked for you. She will come back in the afternoon.” Das musste Judith sein. André lud die Dax von dem Bulli und gab Nuri das restliche Geld. “The motorcycle is in good condition.” “No problem.” André wollte sich gerade zur Siesta in das Hotel zurückziehen, da erschien Petra auf der Bildfläche. Wie eine Furie ging sie auf ihn los. “Wo ist Florian?” André schwieg. Sie zerrte an seinem T-Shirt. “Du hast ihn umgebracht!” André wollte etwas sagen, aber sie ließ ihm keine Chance. “Ich geh zur Polizei.” “Jetzt hör mir doch mal zu.” “Was?” Er wollte mich erschießen, wurde dann aber von einem Skorpion gestochen.” “Wo ist er jetzt?” “Ich habe ihn vergraben, an einem geheimen Ort.” “Geheim! Ich glaub dir kein Wort. Zeig mir sein Grab.” “Das geht leider nicht.” “Das wirst du eines Tages bereuen.” “Ja, vielleicht. Jetzt entschuldige mich bitte, ich wollte ein Nickerchen machen.” Er ließ sie bei dem Bulli stehen und zog sich in seine Hütte zurück. Es war drückend heiß. Mochte Petra tun, was sie für nötig hielt, er würde sowieso bald das Weite suchen. Die Hitze und das Summen des Ventilators taten ein Übriges, und er schlief ein. Er wurde erst wieder wach, als jemand an der Tür klopfte. Erst dachte er, es sei die Polizei, doch als er öffnete, traf ihn der Schlag. Ein bildhübscher Blondschopf, braungebrannt von Kopf bis Fuß, einen kleinen goldenen Ring im Ohr, Stupsnase, in Shorts und einem blauen T-Shirt. Das musste Judith sein. Er stotterte verlegen herum. “Komm doch herein.” “Du bist André?” “Ja.” “Freut mich, dass du noch am Leben bist. Hast du dein Projekt beendet?” “Das habe ich.” “Und worum handelt es sich, wenn man fragen darf?” “Das ist leider streng geheim.” “Ich habe gehört, du willst dir das Leben nehmen?” “Gestern noch, ja. Jetzt nicht mehr.” “Und was hat deinen Meinungsumschwung verursacht?” André stammelte unverständliches Zeug. Was sollte er Judith sagen, dass er sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte, auf den ersten Blick? So eine Frau ließ bestimmt niemand im Regen stehen. Sicher hatte sie viele Verehrer. Wie sollte er sie für sich gewinnen? Vielleicht war sie nur aus Mitleid so freundlich zu ihm und fand ihn insgeheim höchst merkwürdig. “Ich werde dir eines Tages alles erzählen.” Sie nickte stumm und blickte ihm in die Augen. Ihm wurde ganz schummrig. “Was hat Wolfgang dir denn erzählt?” “Er sagte, du hättest Ärger mit der Polizei und müsstest raus aus Ägypten. Ich möchte dir ein Angebot machen.” “Welcher Art?” “Ich fliege in zwei Tagen nach Südafrika. Wenn du willst, kann ich dich mitnehmen. Ich könnte dir einen Job vermitteln.” “Hört sich interessant an.” “Du könntest in einem Tierreservat als guide arbeiten. Den Führerschein hast du ja?” “Sogar für Lkws.” “Perfekt. Ist das nicht besser, als sich in der Wüste das Leben zu nehmen?” “Mit dir zusammen würde ich überall hingehen.” “Nicht so schnell. Hast du überhaupt Geld für den Flug?” “Gerade so eben.” “Dann steht die Sache fest.” Sie wollte sich eben in den Schatten setzen, um einen Minztee zu trinken, da stürmte Petra an. Sie war außer sich vor Wut. “Gestern noch ist Florian gestorben, und jetzt vergnügst du dich schon wieder mit einer Blondine. Ich werde dir die Hölle heiß machen.” “Warst du bei der Polizei?” “Ja, klar.” “Und?” “Sie haben mich ausgelacht.” “Sag ich doch. Warum suchst du dir nicht einen neuen Freund und fährst weiter? Du wolltest doch in die Türkei?” “Florian schien dir ja nicht viel bedeutet zu haben.” “Er wollte mich abknallen. Ansonsten fand ich die Geschichte mit dem Kif in meiner Reisetasche auch nicht besonders witzig.” “Selbst schuld, wenn du nicht auf dein Gepäck aufpasst.” Judith mischte sich ein. “Entschuldigt, aber in einer Stunde geht der Bus zurück nach Kairo. Wenn du mitfliegen willst, André, müssen wir uns auf den Weg machen.” Petra zeterte. “Jetzt machst du dich also aus dem Staub, du Verbrecher. Ich werde mich ans Konsulat wenden.” “Das kannst du ruhig machen. Ich geh sowieso nie wieder nach Deutschland zurück.” André gab Petra eine Ohrfeige und ließ sie heulend stehen, ging dann ins Innere der Lodge, um seine Sachen zu packen. Judith wartete draußen auf ihn. Viel war es nicht, was er noch mit sich führte, einige Anziehsachen, Schuhe, Waschzeug, die Papiere und das restliche Geld. Er stopfte alles in die Reisetasche und packte das Handgepäck in einen kleinen Rucksack. Nach einer Viertelstunde war er fertig. Judith versuchte draußen Petra zu beruhigen, doch die ließ nicht mit sich reden. Sie werde den Rest ihres Lebens damit verbringen, André Steine in den Weg zu legen, wo immer es ging, verkündete sie, stieg in den Bulli und fuhr in Richtung Kairo davon. André war so weit, und bald kam auch der Bus. Sie stiegen ein und fuhren in gemächlichem Tempo aus der Oase. Plötzlich stotterte der Motor, setzte dann aus. Der Busfahrer kroch unter den Bus und fing an, den Motor zu reparieren. Das alles dauerte sicher zwei Stunden, und es war spät nachts, als sie in Kairo ankamen. Sie nahmen ein Zimmer in einem gehobenen Hotel mit Klimaanlage, aber an Schlaf war nicht zu denken. André verbrachte die halbe Nacht damit, Judith seine Lebensgeschichte zu erzählen. Sie war eine gute Zuhörerin. Am nächsten Tag gingen sie in ein Reisebüro und buchten einen Flug für André. Von Petra sahen und hörten sie nichts. Aber Kairo war auch groß, da konnte man sich aus den Augen verlieren. Bis zuletzt hatte André Angst, dass noch etwas dazwischen kommen könnte und sein Projekt zum Scheitern verurteilt war. Aber dann fuhren sie zum Flughafen, und als sie im Flugzeug saßen und der Pilot die Maschine auf die Startbahn steuerte, nahm André Judith bei der Hand und wusste, das irgendwo in der Einöde der westlichen Wüste ein tiefes Geheimnis unter dem Sand schlummerte, das ans Licht zu bringen künftigen Generationen vorbehalten war. Das Jahrtausendgrab war vollendet, und auf André wartete eine goldene Zukunft, denn die Erde hatte ihn wieder. Ende