Das Faltbusch-Interview


Formatfüllend: das detebe-Logo.
Kurze Bildstörung, dann Schwärze und langsame Aufblendung.
Das Bild ist ungefähr um sieben Grad nach links geneigt.
Eine uns allen wohlbekannte Blondine entsteigt gerade einem Aufzug und geht einen Flur entlang.

"Guten Tag, meine Damen und Herren! Wir freuen uns, Sie auch heute wieder bei detebe TV, der letzten Bastion der Wahrheit, begrüßen zu dürfen.
Hier spricht Sonja, die bildhübsche Reporterin, live aus Duisburg. Wir befinden uns vor dem Penthouse von... na, Sie werden unsere Interviewpartnerin sicherlich kennen. Mal sehen, ob sie daheim ist.
Cassio, halt die Kamera gerade!"

Das Bild rotiert langsam um die Z-Achse und neigt sich dann um dreizehn Grad nach rechts. Man hört Wagner. Sonja wirbelt ihr Mikrofon tatendurstig im Handgelenk herum und schellt an einer violetten Tür. Nach einigen Momenten wird diese von einer uns allen wohlbekannten Brünetten geöffnet.

Sonja: "Guten Tag, Frau Faltbusch. Danke für den Termin. Lächeln Sie mal - wir sind live!"

Sie schubst die Dunkelhaarige beiseite und betritt die Wohnung. Ein Rottweiler mit verstärktem Chromgebiß springt kläffend auf sie zu, kann aber einem seitlichen Schlag von Sonjas Mikrofon (Sennheiser Defender Powermike Serie III) nicht standhalten. Er sinkt betäubt zu Boden. Die Kamera verharrt einige Sekunden auf dem Tier, schwenkt dann hoch zu der Reporterin, die darüber hinwegsteigt und ihre Frisur ordnet. Im Hintergrund kommt die Wohnungseigentümerin näher, in der Hand in furchtbares drahtloses Sennheiser Attack Mike Serie VI.

"Verdammt," zischt Sonja, "die von RTL2 haben wohl zuviel Geld!"

Die beiden Frauen umkreisen sich für einen Moment raubkatzenhaft. Die Wagnermusik erreicht ein ohrenzerfetzendes Crescendo und bricht abrupt ab, als die Gastgeberin eine Infrarot-Fernbedienung aus dem Ausschnitt zieht und "Start/Beenden/Anlage herunterfahren" auswählt.
Dann erscheint auf ihrem Gesicht das aus ihrer Sendung bekannte Lächeln; sie wirft das Attack Mike auf die Couch und nimmt in einem schwarzen Ledersessel Platz, nicht ohne die Beine übereinander zu schlagen.

Veronika Faltbusch: "Sie sind hartnäckig und einfallsreich. Ich respektiere das. Also gut - Sie haben das Interview."

Sonja: "Danke. Entschuldigen Sie die Sache mit dem Köter."

Veronika: "Keine Sorge, Karl kann das ab. Er ist so scharf abgerichtet, daß er jeden angreift. Daher habe ich ja auch das Attack Mike VI aus dem Sender mitgenommen."

Sonja: "Aha. Nun, kommen wir zu Ihnen."

Veronika: "Sie wollen wahrscheinlich die üblichen Fotos, Posen, Antworten..."

Sonja: "Nein. Es geht um Sie."

Veronika: "Um mich?"

Sonja: "Genau. Detebe TV ist stets an der Wahrheitsfindung interessiert."

Veronika: "Hach, da wären Sie die erste. Sie wollen mich also nicht in der Rolle interviewen? Und ich soll Ihnen nicht meine Sammlung an Lacklederklamotten vorführen?"

Sonja: "Nö."

Stimme aus dem Off: "Doch, doch..."

Sonja (leise): "Kannst ja später ein Exklusivinterview mit ihr machen, Cassio. Jetz nich´."

Veronika: "Sie scheinen da bereits in Ihrem Team auf Divergenzen zu stoßen..."

Sonja: "Keinesfalls. Ich will etwas über Sie erfahren."

Veronika: "Ich hätte da noch eine Sammlung aus tief ausgeschnittenen kurzen Kleidern, die ich in der letzten Sendung nicht alle anziehen konnte, weil die Zeit nicht ausreichte."

Sonja: "Nein danke. Erzählen Sie mir lieber etwas über Ihren Werdegang."

Veronika (seufzt): "Also schön. Ich habe vier Jahre in der Schauspielschule in München gelernt und dann zwei Jahre Gesangsunterricht in Berlin gehabt. Dort habe ich auch Theater gespielt - Lady Macbeth, die Gräfin von Windsor und natürlich die Julia. Später habe ich mich Richtung Komödie orientiert und sogar einige kleine Stücke geschrieben, während ich mich auf meine Rollen vorbereitete."

Sonja: "Und dann?"

Veronika: "Dann passierte es. Für das Drehbuch eines Freundes hatte ich eine Nebenrolle entworfen, und zwar eine Ulknudel wie damals Ingrid Steeger. Sie sollte eine naive, unfähige Moderatorin sein, die zu dumm ist, sich ihren Text zu merken, aber dauernd von sich begeistert ist. Das Ganze war natürlich eine Satire auf die damals aktuellen Fernsehshows... na, da hat sich inzwischen ja kaum was geändert. Jedenfalls habe ich der Figur den Namen Verona Feldbusch gegeben, so als Wink mit dem Zaunpfahl für den Autor, denn ich wollte schließlich eine Rolle beim Film.
Leider ist das Skript nie verfilmt worden. Ein Jahr später habe ich einigen Bekannten auf dem RTL-Empfang von Tony Moskowitz und dem Berliner Sinfonieorchester von der Idee erzählt, und sie waren begeistert. Die haben das doch wirklich für das Konzept einer Show gehalten, und zwei Monate danach gab es schon die erste Folge von Peer ."

Sonja: "Jetzt wird mir einiges klar... sagen Sie, waren Sie damals nicht noch mit Dieter Bohlen verheiratet?"

Veronika (lacht): "Wo denken Sie hin - das gehört doch zu Veronas Geschichte. Es wundert mich immer wieder, wieviele Leute das glauben. Ich kenne Bohlen überhaupt nicht, und ich mag seine Musik auch nicht, darum habe ich ihn ja dazugeschrieben. Es paßte einfach gut."

Sonja: "Und jetzt?"

Veronika: "Wissen Sie, ich bin die Rolle der Verona inzwischen leid. Die meisten Leute glauben ja auch, daß ich wirklich so bin wie sie. Und meine Chefs drängen mich dazu, auf dieser Schiene immer weiterzumachen. Das war bei der unsäglich schlechten "Conan"-Serie mit Rolf Möller so und genauso vor ein paar Wochen auf der großen Messekonferenz des Fernsehens. Da mußte ich die Verona drei Tage lang spielen - in einem lächerlichen schwarzen Kostüm mit einem großen "F" vorne drauf. Sogar der Spiegel hat darüber berichtet. Es nimmt wirklich groteske Ausmaße an."

Sonja: "Und wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?"

Veronika: "Sobald mein Vertrag ausläuft, werde ich entweder zum Theater zurückgehen oder versuchen, endlich ernsthafte Rollen zu spielen, vielleicht beim Remake des Films "Die Katze auf dem heißen Blechdach". Die Stücke von Tennessee Williams haben mir immer schon gefallen. Geht Ihnen das auch so?"

Sonja: "Williams... hm... also..."

Veronika: "Wenn das alles nicht klappt, werde ich mein Physikstudium wieder aufnehmen. Hauptsache, ich muß die Verona nicht mehr spielen. Diese schrille Kiekstimme ist furchtbar. Da habe ich klassischen Gesang gelernt... und wofür?"

Sonja: "Ich finde Ihre normale Stimme auch wesentlich angenehmer."

Veronika: "Klar. Die Sache mit der Stimme hat sich übrigens zufällig ergeben. Vor der ersten Sendung bat mich ein Tontechniker für die Justierung der Mikrofone um etwas Lautstärke. Aus Scherz habe ich dann meine Stimme verstellt und hineingekreischt. Der Regisseur fand das so toll, daß ich dabei bleiben mußte."

Sonja: "Ich wußte gar nicht, daß Peer einen Regisseur hat."

Veronika (lacht): "Stimmt. Er hält sich auch ziemlich zurück. Immerhin ist er gleich nach der ersten Sendung in die Anstalt zurückgebracht worden."

Sonja (entsetzt): "In die Irrenanstalt?"

Veronika: "Nein, zum WDR . Das ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Ich denke immer noch, daß die unsere Einschaltquoten durch eine Intrige senken wollten und sich nicht träumen ließen, daß Peer trotz Verona so erfolgreich wird."

Sonja: "Tja, dann danke für dieses Interview und viel Erfolg weiterhin, Frau Feldbusch."

Veronika: "Faltbusch !!!"


 

Okay, Leute, soviel zur Geschichte. Nachdem wir diese Wahrheit aufgedeckt haben, wollen wir euch die anderen Wahrheiten nicht vorenthalten. Sogar die Theorie, daß Verona tatsächlich existiert und eine prima Geschäftsfrau ist, darf nicht unerwähnt bleiben. So stand´s in einem Stern-Artikel .
Der wie immer zuverlässige Spiegel wartet dagegen mit zwei anderen Artikeln auf, die eine deutlichere Sprache sprechen. Hier ist
der eine und hier der andere . Viel Spaß.

Ein Bild sagt mehr als tausend Artikel, heißt es... darum machen wir ja auch Fernsehen und keine reine Web-Seite. Jedenfalls habe ich für die Recherchen versucht, ein Bild zu finden, das die Veronika-Faltbusch-Theorie belegt. Also ein Bild, auf dem Verona intelligent guckt und nicht wie ein Schaf. Das Bild, das ihr da oben gesehen habt, war die beste Näherung. Nicht gerade ideal. Sie schaut wirklich meist so aus, als müsse sie selbst ihren Namen von einer Karte ablesen. Traurig, nicht wahr?
Hoffen wir, daß diese talentierte junge Schauspielerin endlich ans Wiener Burgtheater gelangt. Damit wir sie nicht mehr als Verona im Fernsehen sehen müssen.


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