Nachwirkungen


Aufblendung.
Im Innern des Wohnwa^W Senders. Ernst Schreck sitzt mit mißmutigem Gesicht am Tisch und dreht Däumchen. Jan lümmelt in seiner Ecke am Beta-Recorder ´rum. Cassio steht mit einem Militärfeldstecher am Fenster und sieht hinaus. Sonja betritt das Sendegebäude und legt ihren bordeauxfarbenen Schal ab. Mehr nicht.

In der unteren linken Bildecke leuchtet das orange Symbol für $STORY auf. Die Licht- und Farbcharakteristik der Szene ändert sich unmerklich. Damit ist ein ganz leichter Sepiaton gemeint, und die grauenhafte Kantenschärfe des Videosignals nimmt eine Spur ab.

"Leute..." knarrte Schreck mit steinernem Gesicht.

Sonja warf einen Blick über die Schulter. "Was gibt´s?"

Der Programmdirektor räusperte sich. Es schien ihm nicht leicht zu fallen, den Satz zu beenden.
"Eh nun," nahm er den Faden ein wenig zusammenhangslos wieder auf, "vor kurzem habe ich im Radio von einem Ereignis gehört, das in gewissem Bezug zu eurer letzten Sendung stehen könnte..."
Er hielt inne.

Sonja grinste: "Ach, die Fusion von LOA mit Wime Tarner?"

Schreck nickte. "In der Tat."

Die Vorzeigereporterin hob die Schultern. "War Cassios Idee, da aufzuschlagen."

"Ein großartiger Erfolg für detebe TV. Jahrelange Recherchen. Aufdeckung des faktischen Monopols," Schreck kam langsam in Fahrt, "wir haben es geahnt, ja: gewußt!"

Sonja nickte zustimmend.
"Sie mußten die Übernahme von WT durchführen, bevor bekannt wurde, daß ihre Aktien nur noch 1,47 DM wert sind."

Jan nahm seinen Kopfhörer ab. "Alle zusammen?"

"Nein, pro Stück," gab die bildhübsche Reporterin zurück.

"Im Internet steht aber, daß die Aktien von LOA viel höher gehandelt werden," warf der Cutter ein, "vor allem jetzt, nach der Fusion."

"Es gibt keine kalte Fusion," sagte Cassio überraschend, und alle blickten ihn für 1W6 Runden fassungslos an, weil sie einerseits nicht erwartet hatten, daß er zugehört hatte und andererseits nicht sicher waren, ob er sich zum Thema geäußert hatte oder zur Kernphysik.
Bei Cassio wußte man nie.

Schreck wischte ein paar imaginäre Staubkörnchen (und dazu ein paar dicke Krümel) vom Tisch.
"Wer wird denn alles glauben, was im Internet steht? Ich meine aber, wir hätten aufgrund dieser soeben erwähnten aktuellen Entwicklung unzählige Zuschriften erhalten müssen, wie damals, als ich noch bei diesem Radiosender war. Damals..."

"Ja, schon klar," warf Sonja hastig ein, um eine halbstündige Rede des Programmdirektors zu vermeiden. Seine ellenlangen und umständlichen Ausführungen, meist verbunden mit angeblich unterhaltsamen Anekdoten, die letztlich betrachtet wenig Humor aufwiesen, waren in der gesamten Redaktion gefürchtet.

Schreck sah sie mißbilligend an.
"Kein Grund zur Sorge. Ich könnte eine Menge unterhaltsamer Anekdoten aus jener Zeit erzählen, aber mir scheint, als hättet ihr sie..."

"...satt," murmelte Jan und schielte zu Schreck hinüber, um sich zu vergewissern, daß dieser es nicht gehört hatte.
Er hatte nicht.

"...schon gehört," setzte Schreck unbeirrt fort. "Jedenfalls wollte ich nur zum Ausdruck bringen, daß ich mich wundere, daß nach eurem wacker recherchierten Stück Reportage, das seinen Schatten über die Weihnachtssendung geworfen hat, die internationale Reaktion so marginal ist."

"Vermutlich besser so," meinte Cassio und setzte das Fernglas ab. (Für Interessierte: es war ein grün gummiertes 8x40 mit indirekt beleuchtbarem Kompaß und Entfernungsskala, relativ lichtstark und stoßgeschützt).

"Wie? Was?" Schreck war sichtlich verwirrt.

Der Kameramann setzte sich an der Tisch und legte die Füße auf die Sitzbank.
"Es war nicht auszuschließen, daß uns LOA wegen unserer Weihnachtssendung eine Verleumdungsklage anhängen wollte."

"Wollte?" hakte Sonja ein, getrieben von ihrem nahezu untrüglichen Reporterinneninstinkt.

"Na ja," erwiderte Cassio, "der Postbote mit dem dicken Einschreiben hat sich jetzt nach einer halben Stunde der Suche endlich verzogen. Er sah ziemlich verwirrt aus. Wahrscheinlich konnte er sich nicht vorstellen, daß ein Fernsehsender seinen Sitz auf einem Schrottplatz hat. Die Klageschrift wird also unzustellbar sein."

"Genial!" rief Schreck. "Genauso haben wir es 1967 beim Radio gemacht. Damals war nämlich..."

"Ich weiß!" riefen Jan und Sonja gleichzeitig.

Schreck verzog das Gesicht. "Na gut. Und was machen wir jetzt?"

"Wir sind aus dem Schneider," meinte der Cutter, "wie so oft werden die Behörden nicht glauben, daß es uns überhaupt gibt."

"Das hätte ich früher bei meiner Steuererklärung brauchen können," jammerte der Programmdirektor. Er begann einige Beispiele aufzuzählen, die aufgrund ihrer absurden Mathematik jedoch nicht für die Ausstrahlung im Vorabendprogramm geeignet waren.

Sonja seufzte und zog eine schwarze Haarbürste hervor, Modell 27. "Du meinst, die halten uns für virtuell, Jan?"

Der Cutter zuckte mit den Schultern. "Sollen sie. Für Deine Fans macht das ja keinen Unterschied."
Tatsächlich war die Zahl der Fans, die sich der elektronischen Post bedienten, um ein Vielfaches höher als die Zahl derer, die herkömmliche Briefe auf herkömmliches Papier schrieben. Die Replikation der Sendungen im Internet war schon eine bahnbrechende Sache; eine Idee, auf die man nur bei detebe TV kommen konnte, und selbst das erst nach drei Flaschen Bier.

"Was ist das da für ein Kabel am Kameraausgang?" fragte Cassio unvermittelt.

"Kabel? Was für ein Kabel?" fragte Jan zurück, einen unschuldigen Gesichtsausdruck zur Schau stellend.

"Dieses Kabel da!"

Das Bild flackerte einmal kurz, dann blitzte für einen Moment das elektronische Rauschen auf, und plötzlich...

 

Scharfes Bild. Keine Einblendung. Astreiner Weißabgleich.
Im Vordergrund Cassio, der ein Kabelende in der Hand hat, dahinter Jan, der ihn irgendwie betroffen ansieht.

Jan: "Das war experimentell! Du hast es kaputtgemacht!"

Cassio: "Niemand schließt irgendwas an meiner Kamera an, klar?"

Sonja (aus dem Off): "Läuft sie noch?"

Heftiges Wackeln des Bildes.

Cassio (aus dem Off): "Ja. Sie überträgt noch. Also, was war das auf VIDEO 2?"

Jan: "Ich wollte das Signal etwas filmischer haben. Also habe ich das Bild durch einen Signalverstärker gejagt, bevor es an den Sender ging."

Cassio (aus dem Off): "Hm."

Schreck: "Bitte keine eigenmächtigen Veränderungen der Studiotechnik, ja?"

Jan: "Hey, das war mein Super Video Signal Enhancer Mode, kurz SVSEM!"

Sonja (aus dem Off): "Das ist kein gutes Akronym."

Jan (bedrückt): "Du hast recht. Ich werde meine Erfindung zu den Akten legen."

Schreck: "Hände weg von den Akten!"

Cassio: "He, da kommt der Postbote zurück."

Schreck: "Licht aus! Volle Deckung!"

Plötzliche Dunkelheit, Geklapper, Gepolter. Schwarzes Bild.

Sonja (aus dem Off): "He, nimm die Hand weg!"

Cassio (aus dem Off): "Das ist nicht meine Hand!"

Sonja (aus dem Off): "Mir egal, wessen Hand das ist!"

Gepolter.

Jan (aus dem Off): "Aua!"

Sonja (aus dem Off): "Aha!"

Jan (aus dem Off): "Mir ist nur der Teller auf die Hand gefallen!"

Sonja (aus dem Off): "Das ist ja spannender als ´The Postman´."

Cassio (aus dem Off): "Ganz sicher."

Schreck (aus dem Off): "Wie geht es weiter?"

Jan (aus dem Off): "Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein in die beliebte Serie DIE RÜCKKEHR DES POSTBOTEN! Wird der Postmann die geheime Sendezentrale von detebe TV finden? Hat er wirklich eine Vorladung dabei? Wird LOA versuchen, Sponbyl Industries aufzukaufen?"

Cassio (aus dem Off): "Keine dieser Fragen wird in der nächsten Sendung beantwortet."

Schnitt.

 

 


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