Aufblendung.
Unscharfer Schwenk über einen Schrottplatz. Von rechts latscht Sonja, die
wohlgeformte... äh, wohlbekannte bildhübsche Reporterin von detebe TV ins Bild. Der Zoom
springt für drei Sekunden vor, das Bild fokussiert sich auf ihrer Auslegeware und fährt
zurück. Nachdem nun endlich die Unschärfen beseitigt sind, wird erkennbar, daß Sonja
einen dünnen Pullover und eine Jeans trägt, dazu ihre unvermeidlichen schwarzen Stiefel.
Das Bild wird immer wieder durch Schnee gestört, und wenn man ein paar mal gegen seinen
Fernseher tritt, kann man feststellen, daß das Gerät in Ordnung ist und es offenbar
tatsächlich schneit.
Wohl daher schaut Sonja so verfroren in die Kamera. Ihre Hände umklammern ihr Sennheiser
Defender Mark VI Mikrofon, das schon fast zu ihrem Markenzeichen geworden ist (oder ist es
sogar das Mark VII?).
Sonja: "Ich stehe hier vor dem Sendegebäude..." Sie deutet nach hinten auf den zugeschneiten Wohnwagen von detebe TV. "...das Wetter ist lausig, um nicht zu sagen erbärmlich, und vor allem kalt. Und es schneit. Für die nächsten Tage hoffe ich auf besseres Wetter, aber die anderen Sender meinen, es wird noch schlimmer. Irrsinn! Wer braucht diesen ganzen Schnee? Sagte ich schon, daß es verdammt kalt ist?" (wird leiser) "Nee Leute, ich geh jetzt wieder rein. Vielleicht ist noch Kaffee da. Okay, das war der Wetterbericht."
Stimme aus dem Off: "Sonja, der Tonpegel war ziemlich schwach. Wahrscheinlich haben die Akkus vom Mark VI in der Kälte eher nachgelassen. Können wir die letzte Einstellung nochmal machen?"
Sonja: (glotzt fassungslos in die Kamera und schreit irgendetwas (vermutlich nicht jugendfreies) ins Sennheiser, aber das ist bereits eingefroren und überträgt keinen Ton mehr.)
Schnitt.
Im Inneren des Wohn... der Sendezentrale. Das Bild ist um moderate 7 Grad nach links geneigt. Die Personen im Wohnwagen hingegen wären froh, wenn die Temperatur auch bei 7 Grad liegen würde.
Ernst Schreck: "Damit war ich ja überhaupt nicht zufrieden. Früher hatten wir noch einen Frosch im Glas, so einen Wetterfrosch eben, und daneben den Moderator..."
Jan Kropeky: "Tja, heute wird der Wettermann per Bluescreen in eine Computersimulation eingestanzt, während die Satellitendaten als Film ablaufen, zusammen mit einer Hochrechnung der Bewegungswahrscheinlichkeiten der Wetterfronten und Tiefdruckgebiete."
Sonja: "Und warum haben wir sowas nicht?"
Jan: "Hm, die Satellitenbilder könnte ich aus dem Internet ziehen und als AVI-File speichern, ´ne gebrauchte Digitizerkarte dazu, einen blauen Vorhang... dann müßte ich noch ein kleines Simulationsprogramm schreiben..."
Schreck: "Weil wir nicht das Geld für so einen Unfug haben, basta! Früher hatten wir nur einen Frosch im Glas, und das hat gereicht!"
Jan: "Wir haben auch keinen Frosch."
Sonja: "Wieso haben wir keinen Frosch?"
Schreck: "Der Frosch ist 1971 gestorben. Außerdem haben wir mutige Reporter, die sich heldenhaft auch einem Blizzard stellen würden. Ich weiß noch, als ich 1983 in Nepal war..."
Jan: "Oh, nicht schon wieder die Geschichte..."
Schreck: "Das war kalt, da ist das hier noch gar nichts, Leute."
Sonja: "Dann machen Sie doch selbst den Wetterbericht!"
Jan (murmelt): "Wahrscheinlich ist der Frosch erfroren."
Schreck: "Das habe ich gehört, Kropeky!"
Sonja: "He Cassio, warum sagst Du eigentlich gar nichts dazu?"
Cassio d´Ril: (schläft).
Jan: "Laß ihn schlafen, das war eine lange Nacht. Wir haben uns bis um fünf die Pamela-Anderson-Seiten für die Reportage am Dienstag angesehen."
Schreck: "Reportage?"
Jan: "Ja, für den detebe Telekolleg. Webdesign und so."
Sonja: "Aha!"
Schreck: "Hoffentlich war das ein Ortsgespräch!"
Jan: "Meinen Sie, ich würde einen Provider aus Timbuktu nehmen?"
Schreck: "Ihnen traue ich alles zu, Kropeky!"
Sonja: "War es wenigstens lehrreich?"
Jan (grinst): "Und wie! Zum Beispiel die lustigen Bilder von Pamela als Weihnachtsfrau. Waren sogar schon auf dem Cover der TV Spielfilm."
Schreck: "Bitte keine unbezahlte Schleichwerbung! Aber das bringt mich zum Thema des heutigen Abends. Wie sieht es denn mit der alljährlichen Weihnachtssendung aus?"
Alle: (schweigen).
Schreck: "Ja, ihr dachtet wohl, ich hätte das vergessen, aber weit gefehlt! Die Tradition von detebe TV..."
Sonja (hastig): "Schon gut. Natürlich haben wir uns schon unsere Gedanken gemacht."
Jan: "Den einen oder anderen."
Schreck: "Gut, gut. Und d´Ril?"
Sonja (tritt den Kameramann unter dem Tisch): "Der auch."
Schreck: "Hat jemand vielleicht die Güte, ihn zu wecken?"
Sonja: "Na gut." (zu Cassio:) "Deine Kamera ist kaputt."
Cassio (springt auf): "Was?" (Hechtet zur Kameratasche).
Jan: "Laß man, falscher Alarm."
Schreck: "Nachdem wir jetzt endlich alle an dieser Konferenz teilnehmen... wie soll unsere Weihnachtssendung also aussehen?"
Sonja: "Kommt auf das Budget an."
Schreck: "Nun... äh, lassen wir diese prekäre Frage zunächst außen vor."
Jan: "Wir wollten ja eigentlich Pamela Anderson als Stargast einladen..."
Schreck: "Damit kämen wir eventuell in geringfügige Liquiditätsprobleme. Außerdem halte ich einen Bericht über Personenrettung am Strand nicht für sehr winterlich."
Cassio: "Barb Wire."
Schreck: "Wie bitte?"
Sonja: "Er meinte eine Barbecue Feier."
Schreck: "Glänzend, glänzend! Ich hatte auch schon an eine Revue gedacht."
Jan: "Wo die alten Schachteln aus den Vierziger Jahren auf der Bühne herumhopsen? Nein danke."
Schreck (lauernd): "Kropeky, Sie haben sicher einen besseren Vorschlag, nicht wahr?"
Jan: "Wie wäre es mit Der Weihnachts-Hack? Ich brauche nur ein wenig Onlinezeit..."
Schreck: "Kommt nicht in Frage. Die wollten schon vorigen Monat das Telefon sperren."
Sonja: "Tja, wenn´s am Geld mangelt... warum nehmen wir nicht einfach die Sendung vom Vorjahr? Hat der alte Kanzler zu Silvester ja auch immer gemacht."
Jan: "Nur einmal."
Sonja: "Wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen."
Schreck: "Wißt ihr was, diese Diskussion erscheint mir reichlich fruchtlos. Ich muß auch noch zu meinem Orthopäden. Also müßt ihr euch selbst darum kümmern. So, hier sind fünfzig Mark, jetzt macht mal. Am Heiligen Abend strahlen wir das dann aus. Bis später!"
Der Programmdirektor wirft eine Banknote im Nennwert von 50 Deutschen Mark auf den Tisch und verläßt die Sendezentrale.
Sonja: "Tolles Budget!"
Jan: "Da habe ich ja schon mehr bekommen, als ich damals den Schnitt für das Fernsler-Interview gemacht habe."
Sonja: "Echt?"
Jan: "Ja, was meinst Du, was das für eine Arbeit war, eure ganzen verwackelten Innenaufnahmen so zurechtzubekommen, daß es noch irgendeinen Sinn ergab? Sogar den Ton mußte ich zum Teil neu machen."
Sonja: "Wieso? Ich fand ihren Vortrag über Stickerei und Blumengießen recht gut verständlich."
Jan: "Hm, den mußte ich rausnehmen. Ich fand die Szene, wo Du gegen ihre Nähmaschine gefallen bist, viel actionmäßiger. Oder die Außenaufnahmen! Hätte ich nicht noch ausrangiertes DDR-Material von 1950 gehabt, hätten wir nie zeigen können, wo sie überhaupt wohnt."
Sonja: "Na ja, und was machen wir jetzt?"
Cassio: "Tanken."
Jan: "Dann haben wir gar kein Geld mehr."
Sonja: "Cassio hat recht. Wir können keine Reportage machen, wenn wir nicht zu den Leuten kommen. Und zu Fuß will ich in dieser Kälte nicht herumlaufen."
Jan: "Also gut."
Sie brechen auf, begleitet von der schwankenden Kamera. Das Bild bricht fast zusammen, als für einige Sekunden ein extremes Wackeln auftritt; danach sieht man die Rücken von Sonja und Cassio, wie sie in den Pontiac einsteigen. Letzterer läßt den Wagen an, und ein schneller Zoom verrät dem Zuschauer, daß der Füllstandsanzeiger schon im Reservebereich steht.
Schnitt.
Das Bild ist um 90 Grad gekippt. Man erkennt das linke Profil von Sonja, die sich auf dem Beifahrersitz befindet. Hinter ihr zischen Häuser und verschneite Bäume vorbei.
Sonja: "...meinst Du das, Cassio?"
Cassio: "Kontrast."
Sonja: "Klingt nicht uninteressant. Dann fahren wir zuerst in die Südstadt."
Jan (aus dem Off, offenbar nah bei der Kamera): "Du willst zur Kampfzone Süd? Dann laß´ mich vorher aussteigen!"
Sonja: "Wer wollte denn dauernd mal mit mir eine Reportage machen?"
Jan: "Mit Dir, nicht mit der Gang vom Chlodwigplatz!"
Sonja: "Mitgegangen, mitgefangen."
Cassio: "Mitgehangen."
Jan: "Ihr macht mir Mut, Leute! Hey, ich könnte jetzt an meinem Schnittpult sitzen oder mir Tomb Raider reinpfeifen!"
Sonja: "Das echte Leben hat auch seinen Reiz. Hast Du schon mal ein Defender Mark III in der Hand gehabt?"
Jan: "Wieso krieg´ ich nur ein Mark III?"
Sonja: "Weil ich kein Mark II mehr habe. So, wir sind fast da. Mach die Kamera fertig."
Jan: "Oh, ich glaube, sie läuft noch..."
Schnitt.
Es schneit immer noch. Sonja steht in einer namenlosen Straße bei drei Polizeifahrzeugen. Im Hintergrund hört man vereinzelt Schüsse und ab und zu einige Schreie.
Sonja: "Hallo Leute! Unsere diesjährige Weihnachtssendung beginnt in Zollstock am
Südstation. Was ihr da hört, ist nicht das Endspiel des 1. FC Schluppendockers gegen den
SC Gießfelden. Dafür wären wir nämlich eine Woche zu spät da. Nein, hier beginnen
gerade die Vorverhandlungen für eine weihnachtliche Feuerpause... Feierpause der
zerstrittenen Gangs bis zum Jahresende. Man will die damit gewonnene Zeit für letzte
Einkäufe nutzen. Veranstalter und Sponsor dieses Treffens ist, wie jedes Jahr, die
Kölner Polizei, unterstützt von der Vereinigung des Einzelhandels.
Uns interessiert hier vor allem: wie feiert man in der Südstadt Weihnachten?"
Hinter treffen zwei weitere Einsatzfahrzeuge ein. Polizisten mit Splitterschutzwesten springen heraus und gehen hinter dem Wagen in Stellung. Sonja schaltet das Mikro ab.
Sonja: "Hast Du alles gut drauf, Cassio?"
Cassio: "Der Schnee stört den Autofocus. Außerdem ist da hinten zu viel Rauch von dem brennenden BMW. Wir müssen näher ran."
Sonja: "Okay. Wir gehen da links an der Absperrkette lang, dann kannst Du einen Schwenk machen, und dann umrunden wir den BMW."
Jan: "Seid ihr wahnsinnig? Die haben wahrscheinlich sogar eine Panzerfaust."
Cassio: "Zwei, nach dem Winkel der Fahrzeuge dort zu urteilen."
Sonja geht auf die Absperrung zu. Zwei Polizisten versuchen sie abzudrängen, doch sie weicht, durch jahrelange Erfahrung geschult, elegant aus.
Polizist: "Halt! Wer sind Sie?"
Sonja: "Detebe TV. Wir machen die Weihnachtssendung."
Polizist: "Sind Sie verrückt?"
Sonja: "Hm. Ist das erforderlich?"
Polizist: "Hrrr... der südliche Sektor ist außerhalb der Ladenschlußzeiten gesperrt."
Sonja: "Prima. Ich möchte nur mal kurz einkaufen."
Polizist (zeigt in die Kamera): "Und wer ist das?"
Sonja: "Mein Kameramann. Er inspiziert Umkleidekabinen. Darf ich jetzt weiter?"
Polizist: "Auf eigene Gefahr."
Sonja: "Ist schon in Ordnung, ich habe ja 8 Tage Umtauschrecht."
Sie geht weiter und läßt die Beamten im Schnee stehen. Ab und zu schimpft sie über die Kälte. Das Drehbuch sieht aus optischen Gründen keine Jacke für sie vor.
Sonja: "So, Leute. Da vorne scheint eines der Gangmitglieder zu sitzen. Wir werden uns mit aller Vorsicht annähern."
Eine Person in einem rotweißen Poncho und mit weißrot gemustertem Schal springt von einer Mülltonne auf.
Person: "Halt! Das hier ist Geißbock-Gebiet!"
Sonja: "Tach. Ich bin Sonja, die bildhübsche Reporterin von detebe TV."
Person: "Mensch, seid ihr nicht die Typen mit der eigenen Newsgroup und den coolen Sendungen?"
Sonja: "Äh... ja klar. Wir machen hier gerade..."
Person: "Ich bin Ralf Gößler von der Geißbock-Gang. Ich hoffe, ihr mögt Fußball..."
Sonja: "Na ja..."
Ralf: "Der 1. FC Schluppendockers ist der beste Fußballverein der Welt, nicht wahr?"
Sonja: "Unbedingt. Immer. Auf jeden Fall."
Ralf: "Cool! Ihr dürft reinkommen. Hatte zuerst schon gedacht, ihr seid welche von denen."
Sonja: "Von welchen? Von der Polizei?"
Ralf: "Von der anderen Gang. Die Ziegenbock-Gang halt. Unsere Erzfeinde."
Sonja: "Aber sind das nicht auch Fans des 1. FC Schluppendockers?"
Ralf: "Ja, das sagen sie! Aber wir wissen es besser. Außerdem sind wir die wahren Fans. Egal, reden wir nicht von ihnen. Sag mal, wie geht´s dem alten Schreck? Hab´ ja schon einiges von euch gelesen. Ist der echt so komisch drauf?"
Sonja: "Na ja..."
Ralf: "Cool. Und du mußt Cassio sein. Cooler Mantel."
Cassio: "Hm."
Ralf: "Moment mal."
Er hebt ein paar Steine auf und wirft sie Richtung Absperrung. Ein paar Scheiben klirren.
Sonja (Richtung Kamera): "Interessant. Man trifft sich mit seinen Idolen und betätigt sich in hinreichend krimineller Weise eine neuartige Variante des Feierns. Ich kann mir vorstellen, daß dies nicht unumstritten bleiben wird..."
Ralf: "Ich habe noch zu tun. Kommt doch besser später wieder, okay?"
Sonja: "Okay. Vielleicht im nächsten Jahrtausend."
Die Kamera entfernt sich rückwärts vom Konfliktschauplatz. Ganz hinten wehen die rotweißen Fahnen des 1. FC Schluppendockers. Ralf kramt in der Mülltone herum und holt einen langen Metallzylinder hervor, den er auf seine Schulter legt. Das Bild kippt weg, als sich Sonja und Cassio in Deckung werfen; am Bildrand ist nur eine Leuchtspur zu erkennen. Sekundenbruchteile später ertönt eine Explosion. Das Bild nimmt wieder ein halbwegs normale Position ein; man sieht ein brennendes Polizeiauto. Weiter rechts brüllt ein Uniformierter in sein Handfunkgerät.
Polizist: "Es ist mir ganz egal, wie lange der Transport von Detroit hierher braucht! Das ist ein Notfall! Wir haben schon sieben Fahrzeuge verloren! Wollen Sie, daß auch noch Menschen verletzt werden? Ich brauche ihren Experten unverzüglich! Nein, es gibt keine Alternative!"
Sonja: "Offenbar werden wir hier Zeuge einer deutsch-amerikanischen Kooperation zur Verbrechensbekämpfung. Ich werde mich erkundigen, was..."
Ein weißer Krankenwagen hält mit quietschenden Reifen an der Absperrung. Vier grobschrötige Insassen in weißen Kitteln springen routiniert heraus, sehen sich um und stürzen sich dann auf den Polizisten mit dem Funkgerät.
Polizist: "Laßt mich los, ihr Idioten! Ihr habt den Falschen! Ich habe eben Verstärkung angefordert..."
Die Ärzte schleifen den Protestierenden in den Krankenwagen und fahren sofort weg. Ein anderer Polizist taucht kopfschüttelnd hinter dem großen Einsatzwagen auf.
Sonja (hält ihm das Mikrofon hin): "Detebe TV. Können Sie mir diesen Vorfall erklären? Warum wurde dieser Mann abtransportiert?"
Der Polizist sieht betreten in die Kamera, räuspert sich.
Sonja: "Na?"
Polizist: "Er... er hat Robocop angefordert."
Schnitt.
Sonja steht vor einem großen grauen Gebäude, das sich links und rechts von ihr bis zum Bildrand erstreckt.
Sonja: "Hey, hier ist immer noch Sonja von detebe TV. Frohe Weihnachten allerorten
und so. Wegen der Bedeutung des Festes haben wir diesmal auf Werbeeinblendungen
verzichtet. Dadurch verlieren wir zwar massig an Werbeeinnahmen, aber wir stecken ja jeden
Pfennig in die Sendung, ihr wißt schon.
Tja, nach diesem kleinen Zwischenspiel in der Südstadt wollen wir doch mal sehen, wie die
Reichen feiern. Daher sind wir zu dem Konzern gefahren, der für Köln gerade in den
letzten Jahren eine steigende Bedeutung erlangt hat, und zwar nicht nur durch sein
steigendes Gewerbesteueraufkommen, sondern auch durch seine ständigen erfolglosen
Versuche, unseren Sender zu übernehmen: ich rede von keinem anderen als Sponbyl
Industries!"
Das Zoom fährt zurück und enthüllt die schrecklichen weißen Buchstaben auf grauem
Grund, die unübersehbar über dem Haupteingang prangen, geschmacklos zwischen Arial
Fett und Penyae einzuordnen.
Sonja stapft tapfer durch den wirbelnden Schnee auf den Eingang zu. Ein gelangweilter
Pförtner in der grauen Uniform des Konzerns sitzt herrisch hinter einer schußsicheren
Glasscheibe und mustert Sonja uninteressiert bis herablassend.
Sonja (klopft gegen die Scheibe): "Hey Grand-Moff, machen Sie mal die Tür auf."
Pförtner (indigniert): "Wer sind Sie?"
Sonja (zuckersüß): "Wir sind vom Fernsehen und machen gerade eine Weihnachtssendung, wobei wir die großzügigen Spenden Ihres Vorstands an das Armenhilfswerk erwähnen wollen."
Pförtner: "Oha! Natürlich! Kommen Sie doch herein!"
Die doppelt gesicherte Glastür gleitet auf. Sonja geht zielstrebig auf den Aufzug zu, gefolgt von der Kamera. Ein Bodyguard schiebt sich von links ins Blickfeld.
Bodyguard: "Haben Sie einen Termin?"
Sonja (tänzelt zu Seite): "Aber ja doch!"
Bodyguard (hopst hinterher): "Mit wem?"
Sonja (bleibt stehen): "Hören Sie mal. Glauben Sie, ihr Pförtner hätte uns hier reingelassen, wenn wir keinen Termin gehabt hätten? Wollen Sie den guten Eindruck Ihres Unternehmens dadurch trüben, indem Sie mich aufhalten und ich zu meinem Termin zu spät komme? Im übrigen sind wir auf Sendung, mein Herr!"
Bodyguard (wird blaß): "Entschuldigung. Gehen Sie nur. Schönen Tag noch."
Sonja betritt den Aufzug, die Kamera bleibt dran.
Sonja: "Idioten. Aber ich hatte es mir schwieriger vorgestellt."
Schnitt.
Sonja steht in einem hellgrau gekachelten Gang. An den Wänden sind abstrakte Gemälde aufgehängt. Das Licht ist dezent, auf dem Boden liegt Kurzfaserteppich 07b, nögelgrau.
Sonja (leise): "Seid mal leise da draußen. Wir sind hier in der Höhle des Löwen. Seit zwei Jahren will der Konzern unseren Sender übernehmen und somit das Rundfunkmonopol im Sektor besitzen. Programmdirektor Schreck hat bisher jede Summe heldenhaft abgelehnt. Das müssen wir ihm zugute halten... viel mehr kann man ihm auch nicht zugute halten. Jedenfalls wäre unsere Reportage nicht abgerundet ohne einen Blick auf die Feiergewohnheiten des Konzernvorstands, von dem wir annehmen, daß er hinter den Türen dieses Ganges bereits die Sektflaschen angeschlagen hat..."
Man hört Gegröle und unweihnachtliche Musik.
Sonja: "Okay, das Fest ist bereits in vollem Gange. Es wird Zeit für etwas Tatsachenaufklärung."
Sonja marschiert auf die Doppeltür mit der Aufschrift "Konferenzraum" zu und reißt sie auf. Das Bild fährt in den Weitwinkelbereich.
Im Raum sind etwa hundert Personen versammelt, davon rund drei Viertel Männer in Anzügen und mit Krawatte sowie ein Viertel Frauen in eleganten Bürokostümen, ohne Krawatte. Auf dem U-förmigen Konferenztisch stehen Dutzende von Sektflaschen. Links erkennt man ein kaltes Büffet.
Sonja (geht zielstrebig vorwärts): "Bleiben Sie bitte auf Ihren Plätzen! Es besteht kein Grund zur Panik."
Hastige Schwenks über angstverzerrte Gesichter. Schnell werden die Sektgläser ausgetrunken, die Blusen zurechtgerückt, die Krawatten geradegezogen.
Sonja: "Vielleicht glauben Sie, wir kämen von der Steuerfahndung..."
Tiefste Betroffenheit. Mehr als einer wischt sich über die Stirn. Mehrere stattliche Herren nehmen vor Schreck die Finger von ihren Nachbarinnen. Einer versucht offenbar vergeblich, das Fenster zu öffnen, um sich hinauszustürzen.
Sonja: "...aber das trifft nicht zu. Wir machen nur einen kurzen Fernsehbericht. Fahren Sie einfach mit Ihren dekadenten Tätigkeiten fort."
Allgemeines Gelächter. Man prostet ihr zu, ein besonders Beflissener bietet ihr ein Glas Sekt an, die Musik wird um zehn Dezibel lauter (uffz uffz uffz uffz).
Sonja (laut): "Werte Zuschauer in der Schweiz und auch im Berner Alpenland, ich berichte hier live über die vorhin schon erwähnte Trachtengruppe bei ihrem heurigen Ringelpiez. Für Kulturinteressierte weise ich auf die geschmackvolle Farbgebung der Krawatten hin..." (sehr leise:) "Diesen Mist werden wir nachher im Studio nachsynchronisieren..."
Betrunkener Krawattenträger im Anzug (torkelt vorbei): "Gelungener Gag, das mit der Fernsehshow, Puppe!"
Sonja: "Sie wissen ja gar nicht, wie gelungen..."
Die Musik bricht plötzlich ab. Suchender Schwenk. Zoom auf einen dunkelhaarigen Mann, der am Kopfende des Konferenztisches sitzt, umgeben von acht Sekretärinnen.
Unbekannter: "Wer hat Sie geschickt? Welcher Sender?"
Peinliche Pause. Stecknadelstille. Die Gäste weichen von Sonja zurück.
Sonja: "Detebe TV!"
Unbekannter: "Ich ahnte es." (drückt einen Knopf) "Sicherheitsdienst!"
Die Gesichter der Angestellten sind unheimliche Fratzen. Acht Sekretärinnen flanken über den Tisch, ihre Nagelfeilen mordlustig ausgestreckt.
Cassio: "Plan B."
Sonja: "Ganz meine Meinung."
Sie dreht sich um und läuft zum Ausgang, die Kamera schwebt blitzartig hinterher. Man hört erboste Schreie und ein sich näherndes Trampeln. Das Bild wackelt extrem.
Sonja: "Da ist der Aufzug!"
Der Aufzug kommt gerade an, sechs grau Uniformierte springen heraus, Abziehbilder von Moff Tarkin, nur jünger.
Sonja (zeigt nach rechts): "Sie sind da lang gelaufen!"
Die Uniformierten rennen in die gewiesene Richtung, den Verfolgern entgegen. Sonja springt in den Aufzug, drückt "E"... die Tür schließt sich. Zwei doppelseitig geschliffene Nagelfeilen sausen noch herein und bleiben in der Verkleidung der Rückwand stecken.
Sonja: "Das war knapp. Aber was haben wir daraus gelernt? Gewalt und Dekadenz. Bleibt also schön daheim, liebe Zuschauer, besucht eure Verwandten und seid nett zu den Nachbarn. Vielleicht bleiben euch dann solche Feiern erspart."
Schnitt.
Sonja steht wieder auf dem guten alten Schrottplatz, neben ihr Jan. Der Wohnwagen ist mit Lametta geschmückt, und innen brennt eine trauliche Petroleumlampe.
Sonja: "Fast hätten wir unseren Cutter vergessen. Er hatte sich vor dem Krankenwagen versteckt."
Jan: "Ach was. Ich hatte halt ein kleines Gespräch mit einem Polizisten, und er war begeistert von meinen Vorschlägen. Ich konnte doch nicht wissen, daß er über die Zentrale in Detroit anrufen würde... als sie ihn dann abgeholt haben, war ich natürlich schon besorgt..."
Sonja: "Und das war´s auch schon mit unserer diesjährigen Weihnachtssendung. Vielleicht erzählen wir euch zu Silvester, wie wir am Pförtner vorbeigekommen sind. Für diesmal jedenfalls frohe Weihnachten da draußen!"
Jan: "Es schneit gar nicht mehr. Man kann sogar ein paar Sterne sehen."
Sonja: "Mist, was ist das für ein kitschiges Ende?"
Jan: "Auf jeden Fall gutes Material, was ihr da mitgebracht habt. Der Vorstand von Sponbyl Industries wird toben. Wenn die wüßten, daß wir sogar ihren Webspace verwenden..."
Sonja: "Tja. Detebe TV hat eben die Nase vorn. Und jetzt komm rein, mir wird kalt. Ist noch Kuchen da?"
Die beiden betreten den Wohnwagen, die Kamera folgt langsam (stapf, stapf).
Stimme von Ernst Schreck aus dem Wohnwagen, erstaunlich laut: "Eine Reportage aus der Südstadt? Und von Sponbyl Industries? Seid ihr von Sinnen?"
Stimme aus dem Off, nah an der Kamera: "Alles wie immer. Frohes neues Jahr an den Bildschirmen, Leute."
Abblendung.