Die Weihnachtssendung 1999


Aufblendung.

Einblendung am rechten unteren Bildrand: 24.12.1999.

Weitwinkeleinstellung: ein Schrottplatz mit allerlei Autoleichen, darunter einige Modelle, die inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen sind, wie etwa ein Lada Niva, ein VW-Bus mit abgerundetem Dach und ein VW Derby.

Links im Bild steht ein Wohnwagen, an der Satellitenantenne auf dem Dach und der Aufschrift "deteb  T\" eindeutig als Fernsehsender erkennbar.
Zoom auf den Wohnwagen.
Man erkennt, daß das dritte "e" abgeblättert ist und das "\" auch mal einen rechten Schrägbalken gehabt haben muß.
Die Tür des Wohnwagens öffnet sich, und Sonja, die wohlgeformte... nun, wohlbekannte bildhübsche Reporterin von detebe TV latscht wie im Vorjahr ins Bild. Sie trägt einen "Delta III"-Anorak, eine schwarze Jeans, ihre berühmten Stiefel, das Mark VI Mikrofon und einen Schal.
Und was für einen Schal!

Cassio (aus dem Off): Läuft!

Sonja (hebt das Mikrofon an die niveagestärkten Lippen): "Mnnn lchrr Zuchrrrr, chrr hrrr drrr..."

Sie läßt das Mikrofon sinken und fährt sich mit dem Finger über die Kehle: "Cut!"

Schnitt.

Im Wohnwagen. Keine Datumseinblendung mehr. Ernst Schreck, Jan Kropeky und Sonja sitzen um den kleinen Tisch im hinteren Wohnwagenteil herum. Auf dem Tisch steht eine kleine Vase mit einem Tannenzweig und eine brennende Kerze. Das Bild schwankt ein wenig.

Schreck: "Was?"

Sonja gestikuliert wild, sagt aber keinen Ton.

Jan: "Moment. Nimm das hier."

Er lädt SAGEWORD auf dem 386er und drückt Sonja die Tastatur in die Hand. Sonja sieht ihn verärgert an und beginnt zu tippen.

Sonja: "ich bin heiser"

Schreck: "Sag bloß. Daß Du gerade jetzt damit ankommen mußt. Sehr ungünstig. Morgen muß die Sendung raus!"

Jan: "Kann man die nicht verschieben?"

Schreck: "Es ist die Weihnachtssendung, Junge! Sonst noch Vorschläge?"

Cassio: "Nachsynchronisieren."

Sonja: "und wie soll ich da ein interview führen können? depp!"

Jan: "Hm, wir haben auch keine andere Frontfrau für Synchronzwecke."

Schreck: "Halt, halt! Es geht hier nicht um erweiterte Personalfragen, die erst im nächsten Jahrhundert anstehen mögen, sondern einzig und allein um die - vermutlich durch zu knappe Bekleidung verursachte - Heiserkeit unserer Reporterin."

Sonja: "was heißt zu knapp??"

Jan: "Du weißt schon."

Sonja schlägt ihm die Tastatur leicht gegen den Kopf.

Schreck: "Aufhören! Das ist eine Redaktionssitzung!"

Jan: "Ich hab doch nicht angefangen!"

Schreck: "Verzweifelte Situationen verlangen verzweifelte Maßnahmen. Daher..."

Jan: "...lassen wir die Sendung ausfallen?"

Schreck: "Detebe TV läßt niemals irgendwas ausfallen, höchstens freiwillig!"

Jan: "Jaja."

Schreck: "...wird Cassio die Sendung moderieren."

Das Bild wackelt bedenklich, dann wird die Kamera hart abgesetzt, immer noch den Besprechungstisch zeigend.

Cassio (ins Bild kommend) "Was, ich?"

Schreck: "Ja. Kropeky ist mir zu kindisch dafür, und ich muß hier die Verantwortung tragen. Sonja wird die Kamera führen, das wird sie ja wohl hinkriegen."

Sonja: "oh mann, das wird ein chaos!"

Cassio: "Muß das sein?"

Schreck: "Ja, leider. Ich sehe keinen anderen Weg."

Jan: "Ist Ihnen schon aufgefallen, daß Cassio nicht gerade geschwätzig ist?"

Sonja: "im gegensatz zu mir, oder was?"

Jan: "So war das nicht gemeint."

Schreck: "Natürlich müssen Sie als Reporter eine gewisse Eloquenz an den Tag legen."

Sonja: "der typ ist wortkarg!!"

Schreck: "Leute. Das hier ist detebe TV. Wir sind ein Team. Also arbeiten wir auch zusammen. Ihr beiden freundet euch besser mit der Situation an. Morgen nachmittag will ich das Tape vorliegen haben."

Cassio: "Hm..."

Schreck: "Und zwar geschnitten, klar, Jan?"

Sonja: "yeah, wir sind das team"

Schreck: "Also, d´Ril, gehen Sie einfach so vor, wie es Sonja tun würde. Noch Fragen? An die Arbeit!"

Cassio geht zur Kamera und hebt sie auf.

Schnitt.

Außen. Halbtotale. Das Bild zeigt zur Hälfte den Wohnwagen, zur Hälfte den Boden. Am oberen Bildrand sieht man Cassios Beine.

Sonja: "Chrrrr?"

Cassio: "Du hältst die Kamera zu tief. Nimm mich in die horizontale, aber nicht in die vertikale Bildmitte."

Wildes Geschwenke, das direkt aus dem "Lair Glitch Project" stammen könnte. Dann beruhigt sich das Bild. Man erkennt Cassio d´Ril. Er ist mittelgroß, blond (eine Spur dunkler als das Blond von Sonja), trägt einen hellbraunen Wildledermantel, eine mittelbraune Hose und schwarze Trekkingschuhe.

Sonja: "Chhrrwarum?"

Cassio: "Das hat mit dem Goldenen Schnitt zu tun. Es gibt eine bestimmte Relation von Seitenverhältnissen, wie man das Bild einteilen kann..."

Sonja: "Chrrrr!"

Cassio: "Gut. Können wir loslegen?"

Sonja hustet, wobei das Bild schrecklich wackelt.

Sonja (leise und eine Oktave tiefer als sonst): "Ja. Aber mußtest Du Dir nochmal den Pilotfilm von "Max Headroom" reinziehen?"

Cassio: "Unbedingt. Ich soll doch eine Reportage machen."

Sonja: "Dasss isst nurrr eine SF-Serie!"

Cassio: "Quatsch. Hast Du mich drauf?"

Sonja: "Chraa."

Cassio: "Hier ist Cassio d´Ril von Sender Drei... detebe TV. Das heutige brandheiße Thema ist Weihnachten. Nachdem wir im vorigen Jahr den Kontrast zwischen den Feierlichkeiten in der Südstadt und denen von der Vorstandsetage bei Sponbyl Industries gezeigt haben, wenden wir uns diesmal einem anderen aktuellen Konzern zu, dessen Monopolbestrebungen nicht weniger offensichtlich und drastisch sind. Wir melden uns gleich wieder."

Er läßt das Sennheiser Mikro sinken.

Sonja (aus dem Off): "Du kannst ja chrrichtig gut chrreden!"

Cassio (brummt) "Wenn´s sein muß..."

Schnitt.

Im Auto. Nahaufnahme von Cassio, der am Steuer sitzt. Hinter ihm huschen unverschneite Tannen am Fenster vorbei.

Sonja (aus dem Off, immer noch krächzend): "Und welchrrren Konzerrrn hast Du im Auge?"

Cassio: "Nimmst Du auf?"

Sonja (aus dem Off): "Chraa."

Cassio: "Okay. Es handelt sich um einen Konzern, der in den letzten Jahren versucht hat, das Monopol unter den Onlinediensten zu erringen, und zwar mittels zweier Grundmethoden. Einerseits wurden die potentiellen Kunden mit Demo-CDs zugeworfen, bis sie genug hatten - sowohl vom Anbieter als auch von den CDs. Zum zweiten wurde massiv Werbung im Fernsehen geschaltet. Nur unabhängige Sender wie detebe TV konnten sich diesem Werbedruck entziehen und davon Abstand nehmen, auch für jenen Dienst zu werben, der dem Kunden lange Zeit noch 16bittige, proprietäre Clients aufnötigte, während der Rest der Welt schon längst mit 32bit arbeitete."

Sonja: "Achhrrr, Du meinst den mit der schwachsinnigen Werbung von Doris Decker?"

Cassio: "Genau. Schon in den frühen Werbespots wurde deutlich gemacht, daß der Kunde der letzte Idiot ist - diese Ehrlichkeit muß man ihnen lassen. Wenn schon damit geworben wird, daß die Kunden zu dumm sind, ihren Videorecorder einzustellen, oder daß sie - wie in den neueren Spots - nicht einmal merken, daß sie die notwendige Software bereits installiert haben und eingeloggt sind, dann zeigt das deutlich, was man vom User hält.
Er ist nur Vieh, das es zu melken gilt. Da macht es keinen Unterschied, ob man 16,   32 oder auch nur 8 Bit anbietet."

Sonja: "Und denen statten wirrchh chrretzt einen Besuchrrr ab?"

Cassio: "Yeah. Fahr schon mal in den vollen Weitwinkel, Blende 5,6... ach was, bleib bei der Automatik. Aber dreh die Aussteuerung wieder auf normal, wenn wir ausgestiegen sind.

Das Bild weitet sich auf.

Sonja: "Aus-Steuerung? Ist das dieserchrrr Knopf...?"

Schnitt.

Voller Weitwinkel. Dennoch reicht er nicht aus, das Gebäude abzudecken, vor dem Cassio gerade steht. Es ist ein graues Hochhaus aus Beton, Plastik und Stahl, es nimmt den gesamten Bildhintergrund ein, mißt mindestens 70 Stockwerke und trägt in furchterregenden Lettern die Aufschrift "LOA".

Cassio: "Wir befinden uns in Hamburg vor dem LOA-Gebäude. Jeder, der seinen Gibson gelesen hat, weiß, was ein Loa ist. Alle anderen sind dazu angehalten, sich zu Weihnachten die Bücher "Neuromancer", "Biochips" und "Mona Lisa Overdrive" von William Gibson, sowie von Bruce Sterling die "Inseln im Netz" zu schenken. Wer dann noch Geld übrig hat, kann noch "Hardware" von Walter Jon Williams dazu tun.
Insgesamt ist die unverhohlene Präsenz eines Loa innerhalb unseres Sendegebietes eine besorgniserregende Entwicklung, die ursächlich mit den Monopolbemühungen des Konzerns zusammenhängt.
Wir werden jetzt einen spontanen Run auf die Zentrale durchführen, um Näheres zu erfahren."

Sonja (aus dem Off): "Was?"

Cassio: "Komm mit."

Schnitt.

Schußsichere Pförtnerloge, offenbar ein Nachbau der Loge bei Sponbyl Industries. Selbst der Pförtner hat denselben Gesichtsausdruck, nur natürlich eine andere Uniformfarbe. Das Bild pendelt hin und her.

Cassio: "Halt doch mal die Kamera ruhig, Sonja!"

Sonja: "Dasss Dingrrr ist zu chwerrr."

Cassio: "Du hast sie doch gerade erst ein paar Minuten auf der Schulter."

Sonja: "Und? Es gibt dochrr jetzt diese hübschen chrrleinen Digitalchrrrameras..."

Cassio: "Bah! Nicht abschaltbare Vollautomatik, zu hohes Laufgeräusch, miese Farbsucher, winzige Mikrofone - und sie sind einfach zu leicht.

Sonja: "Chrrzu leicht??"

Cassio: "´Ne gute Kamera muß ordentlich auf der Schulter aufliegen, die ganzen Nasenkameras sind der letzte Mist. Los, wir gehen ´rein."

Er wendet sich an den Pförtner, der ein verdutztes Gesicht macht.

Pförtner: "Was gibt es?"

Cassio: "Wir sind vom Fernsehen und sollen die Rede Ihres Vorstands aufzeichnen."

Pförtner: "Ach. Davon weiß ich ja gar nichts."

Cassio: "Tja, leider teilt unser Chef uns auch nicht immer alles mit."

Pförtner: "Ja, da sagen Sie was..."

Cassio: "Tja, da Ihr Job ja genauso gefährdet ist wie alle anderen, wie wär´s, wenn Sie auch etwas zu der Sache sagen? Wir wollen ja nicht nur immer die Leute aus den oberen Etagen zeigen. Schließlich geht Sie das ja um so mehr an."

Pförtner (besorgt): "Wie? Mein Job? Welche Sache?"

Cassio: "Sagen Sie bloß, die haben Ihnen noch nichts von dem Aktiensturz erzählt. Das ist ja eine Unverschämtheit, wie Sie hier behandelt werden! Los Sonja, das müssen wir bringen. Mach mal eine Halbnahe auf den Mann, dann stelle ich meine Fragen, und Du zoomt auf Groß rein."

Pförtner (kopflos): "Wie? Was?"

Die Kamera zeigt für einen Moment beide Personen relativ ruhig, dann zoomt das Bild in drei Schüben näher auf den Pförtner.

Cassio: "Wie stehen Sie als Angestellter zum Fall der LOA-Aktien auf eine Mark vierundsiebzig? Meinen Sie, daß der Kurs nochmal anziehen wird, oder haben Sie schon eine neue Beschäftigung im Auge?"

Pförtner: "Ich... äh, ich bin noch gar nicht... also ich habe gar keine Aktien. Hören Sie, ich bin verheiratet, ich muß noch einen Kredit abzahlen... das können die doch nicht machen!"

Cassio: "Danke. Wir werden jetzt versuchen, eine Stellungnahme von ganz oben zu erhalten. Sie bekommen dann bescheid."

Pförtner: "Vielen Dank auch! Wenn ich das gewußt hätte... viel Erfolg!"

Cassio: "Welches Zimmer?"

Pförtner: "Ach so, Zimmer 6822, das ist im 68. Stock, den Gang links."

Cassio bewegt sich zielstrebig auf die Aufzüge zu.

Sonja (aus dem Off, leise): "Gut gemachrrrt."

Drei schwarzgekleidete Sicherheitsleute treten aus Aufzug 2. Als sie die Kamera sehen, werden sie sofort mißtrauisch, bilden einen Halbkreis und kommen langsam näher.

Cassio: "Guten Tag. Wir sind vom Fernsehen..."

Mittlerer Sicherheitsmann: "Haben Sie eine schriftliche Genehmigung?"

Er legt lässig die Hand auf seinen Schlagstock.

Cassio: "Eine Genehmigung wollen Sie? Reicht es Ihnen nicht, daß Ihr Chef einen Termin mit uns gemacht hat?"

Mittlerer Sicherheitsmann (kneift die Augen zusammen): "Soso, einen Termin..."

Während er noch sichtlich überlegt, ob das besser ist als eine schriftliche Genehmigung, läuft der Pförtner von links ins Bild.

Pförtner: "Karl, laß die Leute durch!"

Mittlerer Sicherheitsmann (Karl): "Wieso?"

Pförtner: "Du hast doch Aktien von LOA, nicht wahr?"

Karl: "Ja, und?"

Pförtner: "Weißt Du nicht, daß die auf einsvierzig gefallen sind? Die Reporter hier wollen diese Sauerei aufklären. Wenn Du also Wert auf Deine Aktien legst, dann laß die beiden durch!"

Karl: "Folgen Sie mir!"

Er dreht sich um, drückt den Aufzugknopf und winkt Cassio hinein. Die Kamera folgt ihm.

Cassio: "Lassen Sie sich nichts anmerken!"

Karl: "Wie? Nein, natürlich nicht. Los, Jungs, weiter!"

Die Aufzugtür schließt sich.

Schnitt.

Zoom auf Zimmernummer 6822. Eine Doppeltür.

Sonja (aus dem Off): "Und jetzt?"

Cassio: "Normalerweise würde ich ja die Tür eintreten, weil LOA es nicht anders verdient hat, aber wir sind in deren Zentrale, also wähle ich eine etwas subtilere Annäherung."

Er nimmt einen Feuerlöscher von der Wand

Cassio: "Zehn Sekunden."

Er drückt den Auslöser und besprüht die Tür für fünf Sekunden, dann reißt er sie auf und verteilt den Rest der Ladung in 6822. Einige Personen, im Nebel kaum erkennbar, rudern mit den Armen und husten.

Cassio: "Keine Panik! Es ist alles unter Kontrolle. Bitte verlassen Sie geordnet das Stockwerk. Wer von Ihnen ist der Aufsichtsratsvorsitzende?"

Einer der Männer im Anzug meldet sich.

Cassio: "Hier entlang bitte."

Die anderen Personen laufen hinaus und lassen dabei einige Papiere fallen.

Cassio: "So, Sie sind also Herr Hartwig Bergmann, sozusagen der Chef von LOA?"

Bergmann (verwirrt): "Ja, richtig..."

Cassio: "Wir haben einige Fragen an sie."

Bergmann: "Das Gebäude ist nach modernsten feuerpolizeilichen Gesichtspunkten..."

Cassio: "Jaja. Es geht uns um Ihre User."

Bergmann (noch mehr verwirrt): "Um die User?"

Cassio: "Es ist uns schon klar, daß Sie sich um die kaum Gedanken machen. Wir wollen wissen..."

Bergmann (in Panik): "Hilfe! Sicherheit!"

Aus dem Halonnebel taucht Karl mit seinen beiden Wachhunden auf.

Cassio: "Ich stelle ihm gerade ein paar unbequeme Fragen, Karl."

Karl grinst und aktiviert sein Headset.

Karl: "Durchsage an alle von der Schwarzen Garde. Für die nächste Stunde ist kein Einsatz im 68. Stock nötig. War nur eine Probe."

Dann sieht er Bergmann verächtlich an und geht.

Bergmann (entsetzt): "Sie können mich doch nicht bei denen lassen!"

Cassio: "Haben Sie Angst vor Publicity?"

Bergmann (rückt sich die Krawatte zurecht): "Nein."

Cassio: "Vielleicht morgen... also Mr. Bergmann... ist es wahr, daß Sie beabsichtigen, mit LOA als monopolistischer Anbieter von Online-Dienstleistungen aufzutreten?"

Bergmann: "Wir sind immer für eine gesunde Expansion gewesen und haben innerhalb der marktwirtschaftlichen Möglichkeiten unsere Areale abgesteckt."

Cassio: "Mit Ihrem Einkauf von NETSHAPE haben Sie brilliante Softwareentwickler Ihrem lausigen Pool an 16-Bit-Codern hinzugefügt, ja. Es soll dramatische Szenen gegeben haben. Die Leute von NETSHAPE waren, gelinde gesagt, betrübt darüber, plötzlich einem Konzern wie dem Ihren anzugehören."

Bergmann: "Wir hatten doch nur Win-3.1-Leute, was sollten wir machen?"

Cassio: "Danach haben Sie Ihren Konkurrenten COMPUSURF vereinnahmt."

Bergmann: "Die Aktionäre waren dafür!"

Cassio: "Ich kannte mal einen Mann, der hat diesen Spruch auf seinen Grabstein meißeln lassen."

Bergmann: "War das eine Drohung?"

Cassio: "Nein, er war Engländer."

Bergmann: "Äh... haben Sie nichts Besseres zu tun, als mir unseren Finanzplan vorzuwerfen?"

Cassio: "Nein, ich bin gekommen, um Sie zu fragen, warum Sie Ihre Zugangssoftware so dreist und penentrant aller Welt anbiedern, so daß inzwischen jeder Affe ins Internet kann! Bereits jetzt werden User von der Domain LOA.COM seitens einer Vielzahl von Usenet-Teilnehmern automatisch geplonkt."

Bergmann (wird bleich): "Geplonkt? Was meinen Sie damit?"

Cassio: "Naheliegend, daß Sie das nicht wissen. Es bedeutet, daß die User ins Killfile gesteckt werden."

Bergmann: "Um Himmels willen! Das ist ja schrecklich!"

Cassio: "Ja nun, die Leute können ja nichts für den schlechten Ruf Ihrer Firma. Sie müssen damit leben. Die Lernfähigen darunter suchen sich irgendwann einen anderen Anbieter, damit sie wieder auftauchen können."

Bergmann: "Und der Rest - die ganzen Leichen?"

Cassio: "Sie meinen Karteileichen?"

Bergmann: "Wollen Sie LOA wirklich für den Tod unzähliger User verantwortlich machen?"

Cassio: "Wie bitte?"

Bergmann (murmelt): "Wie erkläre ich das bloß der Rechtsabteilung... ich wundere mich, daß es dann bisher so wenig Schadensersatzklagen gibt. Hm, vielleicht könnte man den Jahresbeitrag gleich im voraus abbuchen..."

Cassio (irritiert): "Hallo? Was meinten Sie?"

Bergmann: "Eine Pressekonferenz. Das wäre das Beste. Und eine Preissenkung. Und..."

Cassio: "Danke für dieses Gespräch." (in die Kamera) "Komm, Sonja, wir packen ein."

Schnitt.

Ein endlos erscheinender Gang. Rechts und links Türen.

Sonja (aus dem Off): "...hierrr auchrr nichrrt."

Cassio: "Das Treppenhaus müßte da hinten sein."

Sonja (aus dem Off): "Ächrrrz."

Das Bild schwankt wie bei ordentlichem Seegang und Windstärke 7.

Cassio: "Tja, die Aufzüge hängen alle wegen des Jahrtausendtests im Keller."

Sonja (aus dem Off): "Rrrr!"

Cassio: "Ich frag einfach mal hier nach."

Er öffnet eine Tür. Das Bild schwankt näher und zeigt die Aufschrift "User Simulation In Progress". Eine rot blinkende Anzeige darüber verrät "Do not disturb", während mehrere Aufkleber behaupten: "Geheim", "Forschungsbereich A-01" und "Nicht füttern!"

Cassio (laut): "Ich ahnte es schon immer!"

Die Kamera folgt ihm. Das Bild kommt zur Ruhe und zeigt die Decke. Man hört seltsame quietschende Geräusche.

Cassio: "Mehr Weitwinkel, Sonja!"

Das Bild zoomt zurück. Es handelt sich hier offenbar um ein Versuchslaboratorium. Ein Dutzend Arbeitsplätze, alle vernetzt und mit den neuesten Athlons ausgestattet (wenn man den Beschriftungen glauben darf), passende 21-Zoll-Monitore, auf denen jeweils die LOA-Clients zu sehen sind, springen dem Betrachter ins Auge.
Was noch umherspringt, sind die zwölf Schimpansen, die an den PCs sitzen und eifrig in den Tasten hauen und mit den Mäusen spielen.

Sonja (aus dem Off): "Sindrr chrras die Twelve Monkeys?"

Cassio pirscht sich näher. Die Tiere beachten ihn nicht, sondern starren nur auf die Monitore. Der unerschrockene Reporter umrundet die Tische und wirft einen Blick auf die hochauflösenden Inhalte der Bildschirme. Seine Augen weiten sich für einen Moment.
Die Kamera schwebt hinterher, die Trinitronmaske des ersten Monitors erreicht den Bildrand...

Cassio (aus dem Off, resigniert klingend) "Laß es, Sonja. Ist auf allen das Gleiche."

Sonja (aus dem Off): "Solchrrr ein Mist!"

Die Kamera wird hart abgesetzt. Die Schimpansen lassen sich durch die beiden Teilwahrheitsfinder nicht im Geringsten stören. Man sieht die Rückseiten der Monitorphalanx, Cassio auf einem Stuhl und Sonja, die hinzutritt.

Sonja: "Das können wirrr fürrr die Weihnachrrtssendung nichrrrt nehmen."

Cassio: "Nein. Aber jetzt bin ich beruhigt."

Sonja: "Wieso?"

Cassio: "Den Statistiken nach gibt es solches Zeug gigabyteweise im Internet. Aber daß die Nachfrage so hoch ist, hat mich immer beunruhigt. Unsere Gesellschaft schien mir noch maroder und brüchiger zu sein, als ich bereits befürchtete."

Sonja: "Nun ja..."

Cassio: "Aber jetzt weiß ich, daß die Statistiken verzerrt sind. Solche Seiten werden nicht von zahllosen Sabbertypen besucht, sondern nur von ein paar Affen bei LOA."

Schnitt.

Im Auto.

Sonja (aus dem Off): "Hättest mir auch gleich sagen können, daß Du noch ein paar Halstabletten im Handschuhfach hast!"

Cassio: "Ich habe seit zwei Jahren nicht mehr ins Handschuhfach gesehen."

Sonja (aus dem Off): "Urks... na ja, die Dinger haben trotzdem gewirkt."

Cassio: "Behalt sie."

Sonja (aus dem Off): "Und was sollen wir jetzt Schreck erzählen?"

Schnitt.

Abend. Im Wohnwagen. Die ganze Crew drängt sich um den Tisch.

Schreck: "Seid ihr wahnsinnig geworden? Jugendfrei muß die Sendung sein, vor allem zu Weihnachten! Nein: erst recht zu Weihnachten!"

Jan: "Aber Affen tragen fast nie Kleidung!"

Schreck: "Ha! Und was war das für eine Szene am rechten unteren Bildrand?"

Cassio: "Es war ein Standbild."

Jan: "Ich kann die 17 Frames ja rausschneiden."

Sonja: "Ach, Du hast sie schon gezählt?"

Jan: "Ich bin eben ein sorgfältiger Cutter."

Schreck: "Abgesehen davon, was fällt euch ein, bei LOA reinzumarschieren und den Laden aufzumischen?"

Jan: "Hey, das haben Sie flott gesagt!"

Schreck (zieht sich am Hemdkragen): "Ähem, ich bin ein wenig aufgeregt ob meiner Verantwortung als verantwortlicher Programmdirektor dieses Senders... und vor allem wegen euch beiden!"

Er deutet anklagend auf Cassio und Sonja.

Cassio: "Ich sollte wie Sonja vorgehen. Haben Sie gesagt. Und viel reden."

Schreck: "Mag sein, aber was hat dieses Interview mit Weihnachten zu tun?"

Sonja: "Geht es uns nicht stets vordringlich um die Wahrheitsfindung?"

Schreck: "Teilwahrheitsfindung!"

Sonja: "Haben wir nicht ein paar davon gefunden?"

Jan: "War das eine rhetorische Frage?"

Schreck: "Na gut, was haben wir? Affen. LOA testet also mit Affen. Ein Skandal, vielleicht, aber manchmal komme ich mir auch so vor, als ob hier... Schwamm drüber. Affen sind nicht weihnachtlich. Skandale sind auch nicht weihnachtlich. Euer Bericht ist nicht geeignet."

Cassio zuckt mit den Schultern.

Sonja: "Moment! Nachdem ich die Kamera den ganzen Tag geschleppt habe, wollen Sie das nicht senden?"

Schreck: "Nö. Außerdem ließ die Kameraführung noch mehr zu wünschen übrig als sonst."

Sonja: "Was??"

Cassio: "Nimm nächstens einfach mehr Weitwinkel, dann brauchst Du nicht so auf Tiefenschärfe und Licht achten, und das Motiv hast Du dann meistens gleich mit im Bild."

Sonja: "Das ist gemein, bäh!"

Sie streckt ihm die Zunge raus.

Schreck: "Nun werden wir wieder mal konstruktiv. Morgen ist ja auch noch Weihnachten. Ich erwarte für morgen was Neues. Also dann!"

Er zieht sich in die andere Ecke des Wohnwagens zurück und vom Videorecorder eine Folge von "Stargate" rein.

Schnitt.

Einblendung am rechten unteren Bildrand: 27.12.1999.

Im Wohnwagen. Miese Auflösung, winziges Bild. Dünner Ton.
Sonja tritt ins Bild.

Sonja: "Hier ist Sonja, die... ach was. Die gute Nachricht: ich bin nicht mehr heiser. Die schlechte Nachricht: gestern war ein Orkan, und unser Wohnwagen..."

Schreck (aus dem Off): "Das Sendegebäude!"

Sonja (nickt müde): "...das Sendegebäude wäre fast weggeflogen. Wir bitten unsere Zuschauer, die auf die Weihnachtssendung gewartet haben, um Entschuldigung, aber es war wohl höhere Gewalt..."

Jan kommt ins Bild und schiebt Sonja ein wenig zur Seite.

Jan (winkt): "Toll, daß ich meine Webcam seit zwei Wochen am Laufen habe. Das ist..."

Schreck (drängt sich ins Bild): "Ein unzureichender Ersatz!"

Sonja: "Hey, da ist Cassio! Er hat seine Kamera endlich im Auto aufgeladen."

Alle stürzen zur Tür.

Schnitt.

Vor dem Wohnwagen. Qualitätsbild (mindestens 500 Zeilen), satter Ton. Bildneigung nur 3 Grad.
Der Wohnwagen steht schiefer als sonst. Eine Autotür (grün) liegt auf dem Dach.

Sonja: "So... damit sind wir ja wieder ziemlich sendefähig. Ja, was ist passiert? Am Samstag haben wir ein paar Probeaufnahmen für unsere alternative Weihnachtssendung gemacht. Sonntag wollten wir dann 'richtig' drehen und schneiden. Aber der Sturm hat unsere Zeitplanung durcheinandergewirbelt. Daher hat sich Schreck entschieden, daß wir unsere bisherigen Aufnahmen mit nur wenig Bearbeitung senden..."

Die Tür des Wohnwagens wird aufgerissen. Schreck gestikuliert wild herum.

Schreck: "Unverantwortlich! Dieser Zeitdruck! Ich habe niemals zugestimmt..."

Jan zieht ihn wieder hinein und schließt grinsend die Tür.

Sonja: "Na ja, wir senden halt, was wir haben, und wir hoffen, ihr hattet ein fröhliches Weihnachtsfest."

Schnitt.

Einblendung am rechten unteren Bildrand: 26.12.1999.

Im Wohnwagen. Sonja sitzt am Tisch, hat ihre lächerliche Weihnachtsfraumütze auf und lächelt freundlich in die Kamera. Vor ihr liegt ein Stapel von CDs, ungefähr 50 Stück.

Sonja: "Hallo liebe Kinder, und jetzt zeigt euch die Sonja mal, wie man aus den alten LOA-CDs ein prima Mobile macht..."

Schnitt.

Vor dem Wohnwagen. Sonja und Cassio haben je ein Dutzend CDs in der Hand.

Sonja: "Und wenn ihr nicht alle CDs aufgebraucht habt, dann eignen sich sich auch gut als kleine Frisbees!"

Sie wirft Cassio eine CD an den Kopf. Er wirft zurück und trifft sie am Bein. Im Nu entspinnt sich eine kleine Schlacht. Sonja gewinnt mit 9:7 Punkten.

Sonja (ordnet ihre Frisur): "Aber macht das nicht zuhaus!"

Schnitt.

Irgendwo auf dem Schrottplatz. Es ist dunkel. Der Gain-Up-Modus der Kamera überzieht das Bild mit einem elektronischen Rauschen. Plötzlich wird in zwei Meter Entfernung ein Streichholz entfacht, welches eine Kerze zündet.
Man erkennt Cassio, der die Kerze in der Hand hält. Um ihn herum sind schemenhaft alte Autowracks erkennbar.

Cassio: "Wir schreiben das Jahr 2015."

Sonja (aus dem Off, leise): "Nein!"

Cassio: "Na gut. Wir nehmen an, daß es 1999 ist. Das Jahr nähert sich dem Ende. Dank Weihnachten gibt es in der Bevölkerung eine halbwegs akzeptable Grundversorgung mit Kerzen. Die allgemeine Panikmache vor dem angeblichen Jahrtausendwechsel gipfelt in schlecht gemachten Panikfilmen und gut gemachten Musikvideos."

Sonja (aus dem Off): "Kein Wort über Jennifer Lopez!"

Cassio: "Okay. Leute, haltet eure Kerzen bereit, behaltet die Ruhe und ladet die Videokameras vor Mitternacht auf."

Sonja (aus dem Off): "Wieso, sind das Gremlins? Nicht nach Mitternacht laden?"

Cassio: "Ich schätze, das ach so mystische Datum wird später noch interressant werden."

Sonja (aus dem Off): "Der Bug?"

Cassio: "Viele Leute werden einfach später fragen, wo man zu Sylvester war und was man da gemacht hat."

Sonja (aus dem Off): "Zum Beispiel die Polizei."

Cassio: "Wie auch immer. Und wenn ihr mal ein Programm schreibt, dann verwendet ordentliche Datentypen, haltet genug Platz bereit, denkt an Überlaufbedingungen und fragt die Result Codes ab, ja?"

Sonja (aus dem Off): "Gibt es unordentliche Datentypen?"

Cassio: "Also Integer oder Shortint können je nach Implementation verschieden lang sein..."

Sonja (aus dem Off): "Hör´ auf, mir wird die Kamera zu schwer."

Ein Windstoß löscht die Kerze.

Schnitt.

Im Wohnwagen. Das Bild ist um 90 Grad gedreht, offenbar liegt die Kamera seitlich auf dem Tisch. Schreck steht an der offenen Tür und schaut besorgt.

Schreck: "Und wenn wir die Vorjahressendung nehmen? Meint ihr, das würde jemandem auffallen?"

Sonja und Cassio betreten den Wohnwagen. Cassio gibt ihm eine Kerze.

Sonja (zu Cassio): "Ungleich!"

Cassio: "Natürlich sind sie stets verschieden lang, es sind ja auch verschiedene Typen. Aber in anderen Sprachen können sie jeweils andere Längen haben."

Jan (aus dem Off): "Integer hat immer zwei Byte!"

Cassio: "Nicht in 4GL!"

Schreck: "Hört mir mal jemand zu?"

Sonja: "Wir haben doch jetzt schon so viele Szenen, das müßte reichen..."

Die Welt außerhalb des Wohnwagens schwankt ein wenig, da für die auf dem Tisch liegende Kamera der Wohnwagen das Bezugssystem ist.

Schreck: "He, das ist aber stürmisch!"

Er macht die Tür zu.

Jan (aus dem Off): "Mist, das wird wohl nichts mit der Weihnachtssendung."

Schnitt.

Schwärze. Unheimliches Säuseln und Windbrausen.

Schrecks Stimme: "Haltet die Wände fest, Leute!"

Das Brausen wird lauter.

Sonjas Stimme: "Das ist ja wie beim  'Lair Glitch Project'!"

Cassios Stimme: "Das waren doch Anfänger."

Jans Stimme: "Laßt mich schlafen!"

Schrecks Stimme: "Der schöne Wohnwagen!"

Cassios Stimme: "Ich schlafe besser im Auto."

Schrecks Stimme: "Wir werden umfallen!"

Sonjas Stimme: "Ist doch nur ein Orkan."

Schrecks Stimme: "Ein Orkan? Hmm... also Leute, was ich noch sagen wollte..."

Jans Stimme: "Laßt mich schlafen!"

Schrecks Stimme: "Äh, frohe Weihnachten, Leute!"

Sonja, Cassio, Jan: "Frohe Weihnachten, Herr Schreck!"

Der Wind braust weiter.

Sonja: "Du kannst jetzt aufhören herumzuwippen, Cassio. Und Jan, mach´ die Geräuscheffekte aus."

Schreck: "Was??"

Schnitt.

Logo von detebe TV.

 

Ganz klein, unten rechts, unterstrichen, blau: "schreck@loa.com"

 


Reportagen detebe TV