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Druckgrafik - Von der Tradition zur Moderne
Der Begriff Druckgrafik löst bei vielen Menschen in Bezug auf Kunst eher nichtssagende oder abwegige Empfindungen aus. Drucken erinnert an das Zeitungswesen und modernes Computerzubehör und bei Grafik denkt man an Illustration und Werbung. Doch damit tut man dieser traditionellen künstlerischen Technik gewaltig unrecht, verdanken wir ihr doch einige der eindrucksvollsten Zeugnisse der Kunstgeschichte. Man denke nur an die Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen Caprichos von Fransisco Goya oder an die umfangreichen Serien Picassos wie die Suite Vollard oder die Suite 347, die man ja im vergangenen Jahr im Kölner Museum Ludwig bewundern konnte. Meisterwerke der Radierungen.
Ulrike Hagenkort arbeitet neben der Acrylmalerei in mittleren bis größeren Formaten überwiegend mit eben dieser Drucktechnik. In dieser Ausstellung sind ausschließlich Radierungen präsentiert, in deren Herstellung die Künstlerin sehr experimentell und variantenreich vorgeht.
Das Herstellen einer Druckplatte und der anschließende Druck ist eine sehr aufwändige Sache und erfordert große Sorgfalt. Bei dem hier angewendeten Tiefdruckverfahren werden in eine Metallplatte Vertiefungen gebracht, die - mit Farbe gefüllt- beim Drucken auf das Blatt übertragen werden. Diese Vertiefungen kann man mit einem Werkzeug direkt in die Platte ritzen (Kupferstich Dürer), was schwer und anstrengend ist.
Bei der Radierung überlässt man diese Arbeit einem Säurebad. Zunächst wird die Platte mit einer säurefesten Schicht (Asphaltlack - Wachs und Harz) überzogen, in die sich die Vertiefungen leichter einbringen lassen. Hagenkort fertigt zunächst eine exakte Entwurfzeichnung an, die sie dann seitenverkehrt auf diese Schicht überträgt. Je länger die dann mit verschiedenen Werkzeugen und Techniken freigelegten Stellen später dem Säurebad ausgesetzt sind, umso tiefer wird die Einätzung, umso mehr Farbe wird aufgenommen und umso dunkler wird die Stelle beim Druck. Hier ergeben sich für die Künstlerin ungeheure Variationsmöglichkeiten, aber es erfordert auch ein sehr exaktes und geplantes Vorgehen, denn schnell können nicht rückgängig zu machende Fehler entstehen.
Wirkt zum Beispiel die Säure zu lange ein, wird die Ätzung zu tief und die Stelle wird beim Druck nicht wie vorgesehen dunkel, sondern bleibt weiß. Die Technik, mit der Flächen erzeugt werden, nennt man übrigens Aquatinta, dabei wird dann ein säurefester Staub auf die entsprechenden Stellen aufgetragen. Auch hier wird je nach Dauer der Ätzung beim Druck eine Grauvariante bis hin zur tiefen Schwärze erzeugt.
Doch bei allem geplanten Vorgehen und dem Bestreben, die Vorzeichnung exakt umzusetzen, spielt die Künstlerin mit den verschiedenen Techniken und lässt auch Zufälligkeiten zu. Im Normalfall wird die Platte immer nur Sekunden, im Maximalfall wenige Minuten dem Säurebad ausgesetzt, dann wird wieder etwas von der säurefesten Schicht entfernt und wieder ins Bad gelegt. Die zuletzt freigelegten Flächen bleiben am hellsten. Das funktioniert natürlich auch anders herum, indem die später hellen Stellen vor dem nächsten Bad abgedeckt werden.
Manchmal aber setzt Hagenkort bestimmte Stellen stundenlang der Säure aus, so dass die Platte dort vollkommen durchgeätzt wird. Diese Stellen bleiben beim späteren Druck dann vollkommen weiß und stehen etwas erhaben auf dem Blatt. Manchmal hilft die Künstlerin auch mit der Säge nach und entfernt ganze Partien aus der Platte. Oder sie zersägt bereits einmal benutzte Platten und integriert Teile davon in eine neue Arbeit. Weitere zum Teil ungewohnte Hilfsmittel sind eine kleine Schleifmaschine wie sie beim Modellbau benutzt wird oder auch Zuckerwasser, dass auf die Platte aufgetragen wird und eine ganz besondere Struktur hinterlässt.
Hagenkorts Einfallsreichtum ist meiner Ansicht nach unerschöpflich, und dabei arbeitet sie sehr sorgfältig. Trotz mancher scheinbar zufälliger Effekte ist doch alles sehr überlegt und konzentriert. In ihrem Atelier legt sie Versuchreihen an, wie sich ihre Techniken auswirken. Auch die Mischung der Druckfarben überprüft sie so auf Qualität und Veränderungen.
Derzeit experimentiert sie mit dem Einbringen einer zweiten oder auch weiteren Farben in die Drucke. Für jede Farbe muss eine weitere Druckplatte angefertigt werden, die dann nacheinander auf das Blatt gedruckt werden. Neben dem exakten Zusammenspiel dieser Platten ist natürlich auch beim Druck selbst besondere Sorgfalt geboten.
In ihrem Atelier befindet sich eine beeindruckende Presse, mit der das Blatt mit entsprechendem Druck auf die Druckplatte gepresst wird. Hagenkort fertigt jeweils nur kleine Auflagen (fünf bis zehn) ihrer Arbeiten an und legt großen Wert darauf, dass alle Drucke optimal gelingen und sich nicht voneinander unterscheiden. Dazu ist es wichtig, dass vor dem Druck die Platte sehr sorgfältig - etwa mit Spiritus - gereinigt wird. Von entscheidender Bedeutung ist natürlich die Papierqualität, aber auch die Temperatur der Platte muss korrekt sein und sogar das Wetter zeigt Auswirkungen. Bei Regenwetter werden die Abzüge besser.
Einige Arbeiten hat die Künstlerin auch ganz ohne Farbe gedruckt. Das Ergebnis ist ein weißes Blatt, auf dem die Strukturen der Druckplatte als Relief wiedergegeben werden. Ein sehr interessanter Ansatz und das Ergebnis überzeugt den Betrachter.
Die Frau im Wandel der Zeit
Bei sehr vielen Bildern Hagenkorts steht das Thema Frau im Mittelpunkt, und dies ist auch bei den hier ausgestellten Radierungen der Fall. Die "Göttinnenserie" zeichnet sich durch die Verwendung von historischen Frauendarstellungen aus. Ausgehend von den - in ihren weiblichen Formen überproportionierten - Jahrtausende alten Figuren wie die Venus von Malta oder die noch viel ältere Venus von Willersdorf wird bei Hagenkort die Darstellung der Frau immer schlanker. Dies kann man analog sehen zur Entwicklung des Frauenideals im gesellschaftlichen Wandel der Zeit- von einigen Ausnahmen und individuellen Vorlieben einmal abgesehen.
Durch die intensive Beschäftigung mit diesem Thema hat die Künstlerin eine Figur entwickelt, auf die sie immer wieder zurückgreift. Es ist ein stilisierter Frauenkorpus, bestehend aus einem nach unten spitz zulaufenden Körper in dreieckiger Form, unterbrochen durch jeweils eine Einbuchtung pro Seite im oberen Bereich - als eine Mischung von Armansatz, Schulter und Brust anzusehen -, und dem vom Körper losgelösten ovalen Kopf.
Hagenkorts Aussage zufolge ist diese Figur als Stellvertreterin für die Frau von heute zu sehen. Sie soll als Einzelne aus der Masse heraustreten, wird aber vollkommen anonym und ohne individuelle Merkmale dargestellt. So kann sich jede Frau mit dieser Figur identifizieren.
Die Trennung von Körper und Kopf mag von den historischen Vorbildern herrühren - viele Frauentorsi wurden kopflos aufgefunden wie auch die Venus von Malta. Kann man hier im übertragenen Sinn eine Trennung von Gefühl und Verstand hinein interpretieren?
Das Weibliche der Figur wird ja besonders durch die Form des Körpers signifikant. Und der weibliche Körper steht in der Kunstgeschichte häufig für Fruchtbarkeit und Erotik - und von daher eher gefühlsbestimmt. Der Kopf ist ein neutrales Oval ohne weitere Merkmale, könnte weiblich wie auch männlich sein. Ein Zeichen dafür, dass die Frau in unserer Gesellschaft immer mehr kopfbestimmt ist?
Der gesellschaftliche Stellenwert der Frau interessiert die Künstlerin. Das sagt sie selbst. Die Darstellung der Einzelnen in der Masse, aber auch die Position der eigenen Person. Teile von Stadtplänen, die ihre unmittelbare Umgebung wiedergeben, fließen in ihre Arbeit ein. Die Orte sind jedoch für den Betrachter kaum noch identifizierbar, kennzeichnen aber doch die Bedeutung der lokalen Bestimmung.
Immer wiederkehrende Gitterstrukturen vor den Figuren sind ein Kennzeichen für die Beschränkungen, die die Gesellschaft der Frau auferlegt.
Viele weitere symbolhafte Dinge begegnen uns: Kreuzformen mögen für die Religion stehen, hier auch als Einschränkung zu verstehen - durch die dunkle Schwere wirken sie bedrohlich auf die kleine Figur. Spiralen tauchen immer wieder auf; sie stehen für die Bewegung und in übergeordnetem Sinn für Energie - man kann sie als Motor des Lebens auffassen - und mit ihrer neuerdings auch farbigen Wiedergabe springen sie dem Betrachter direkt ins Auge. Netzartige Strukturen, in denen sich die Figur zu verstricken scheint, symbolisieren die gesellschaftlichen Zwänge. Doch häufig umgibt die Figur auch eine Aura oder eine Art Kasten, die ihr vor den Anfeindungen Schutz bietet? Oder sie isoliert?.
Ich will es bei diesen Interpretationsvarianten belassen, um Ihnen auch noch etwas zum Entdecken zu überlassen. Doch ich will nicht versäumen Sie noch auf den Variantenreichtum der Stile hinzuweisen, die die Künstlerin anwendet. Auffallend sind starke Kontraste zwischen Hell und Dunkel, zwischen schwarzer und anderen Druckfarben, zwischen Linearem und Flächigem.
Die vordergründig flächig erscheinenden Arbeiten entdecken dem Betrachter erst bei intensiverem Hinschauen ihre Tiefe und verschiedenen Ebenen und lassen sich auch dann erst in ihrer Bedeutung entschlüsseln.
Günter Wagner M.A. im März 2003
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