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10 Jahre Simpsons im deutschen Fernsehen

Eine schrecklich gelbe Familie

Als George Bush gegen Ende seiner Amtszeit als US-Präsident 1992 den bemerkenswerten Wunsch äußerte, die Nation solle mehr den Waltons ähneln als den Simpsons, da hätte er sich das vielleicht noch einmal gut überlegen sollen. Denn die Rache folgte auf dem Fuße. In der Folge "Die bösen Nachbarn" zieht niemand geringerer als George Bush in das jäh gegenüber den Simpsons aus dem Boden gewachsene piekfeine Haus an der unterprivilegierten Straße "Evergreen Terrace" ein - in der trügerischen Hoffnung, in der Stadt mit der niedrigsten Wahlbeteiligung, Springfield, werde er seine Ruhe haben.

Natürlich bricht er stattdessen bald einen Nachbarschaftsstreit mit Bart und Homer vom Zaun, und Homer lernt den humorlosen Mann zu hassen: "Nur weil er mal an der Spitze der freien Welt stand, meint er, er kann hier den Großkotz spielen!" Bush dreht allerdings erst so richtig durch, als Bart aus Versehen dessen Memoiren schreddert. Sie enden mit dem Satz: " . . . und da ich all meine Ziele als Präsident in einer Amtsperiode erreicht hab´, war eine zweite Amtszeit überhaupt nicht nötig." Grantelig, nachtragend, einfach uncool: Nein, eine gute Figur gibt Bush bei den Gelben nun wirklich nicht ab.

Natürlich ist an sich gegen die Waltons ("Gute Nacht, Jim-Bob!" - "Gute Nacht, Mary-Ellen!" - "Gute Nacht, John-Boy!" usw.) überhaupt nichts einzuwenden. Und dass Bill Clinton im Gegensatz zu Bush tatsächlich eine zweite Amtszeit schaffte, hängt bestimmt nicht wesentlich damit zusammen, dass er bei den Simpsons nicht unbedingt unsympathisch wirkte (einmal wurde er gar von einem außerirdischen Körperfresser ersetzt: "Ich bin Clin-ton! Ihr seid alle verdammt!"). Und doch: Seit die Simpsons (Ursprung des Wortes: son of a simpleton, Sohn eines Einfaltspinsels) als komplette Familie geboren wurden - inzwischen sind sie seit zehn Jahren im deutschen Fernsehen zu sehen -, hat sich das zuvor mit reichlich Zuckerguss zementierte Bild der amerikanischen Fernsehfamilie gründlich zerkrümelt. Obwohl sich wohl niemand tief im Herzen so aufrichtig liebt wie Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie. Was sie allerdings nicht daran hindert, alles, was George Bush wohl in den Waltons sieht, ad absurdum zu führen.

Fangen wir doch mal mit dem Großvater an. Der schiebt nicht etwa verschmitzt guckend Holzbretter über die Kreissäge wie andere Großväter in den grünen Bergen von Virginia. Opa Abraham Simpson wurde von seinem eigenen Sohn ins Heim abgeschoben, weil er das Geld aus dem Verkauf von dessen Haus für sein eigenes brauchte. An der Tür des Heims hängt ein Schild mit der Aufschrift "Thank you for not discussing the outside world" (Bitte nicht über die Außenwelt sprechen), und die einzige Zerstreuung des greisen Steinmetzes (auch das ist in einer Folge wichtig!) ist die Anwaltserie mit dem ebenfalls greisen "Matlock".

Und Homer? Unberührt von jeder Wirtschaftskrise und bar jeden Fachwissens, ist er Sicherheitsinspektor in einem Atomkraftwerk, dessen Besitzer die Raffgier und Ausbeutung in Person ist: C. Montgomery Burns. Sein Geld lässt er in der Kneipe, und was er an seiner Frau hat, merkt er immer erst dann, wenn es fast zu spät ist. Marge ihrerseits kehrt trotz aller kurzfristigen Ausbrüche stets willig zur Rolle der Hausfrau und Mutter zurück: "Mir ist es egal, ob jemand seine Macht oder seine Hemden stärkt."

All dies war zunächst als Skizze gedacht, als Intermezzo in der "Tracey-Ullman-Show" 1987. Erst 1989 entstand eine eigene Serie, die seitdem in den USA, im Unterschied zu Deutschland, im Hauptabendprogramm läuft. Zu Recht: Denn obwohl die poppig-bunte Cartoon-Oberfläche dies zunächst suggeriert, sind die "Simpsons" nicht wirklich eine Serie für Kinder. Das zeigen schon die vielen Anspielungen in jeder Folge, speziell auf die Filmgeschichte.

Da flüchtet Opa Simpson mit Marges Mutter, in die er verliebt ist, bei deren Hochzeit aus der Kirche in einen gelben Bus, auf dessen Rückbank sie ratlos in die Zukunft fahren: die Schluss-Sequenz aus "Die Reifeprüfung" mit Dustin Hoffman. Da bricht sich Bart das Bein und muss mit Gips vom Fenster aus zusehen, wie Nachbar Ned Flanders scheinbar seine Gattin meuchelt: "Das Fenster zum Hof" lässt grüßen. Wie Monty Burns als Kind seinen Teddybären Bobo verlor (was eine Erklärung für seine Hartherzigkeit ist), wird in den Anfangsbildern von "Citizen Kane" erzählt. Und das Idol der Kinder, "Krusty der Clown", der in Wirklichkeit Hershel Krustowsky heißt, wurde von seinem Vater, einem Rabbiner, wegen seinem Streben zum Showgeschäft verstoßen - das ist exakt das Handlungsgerüst des allerersten US-Tonfilms, "The Jazz Singer".

Kein Wunder, dass mit den "Simpsons" auch die "Muppet-Show" als begehrter Tummelplatz der Stars ihren würdigen Nachfolger gefunden hat. Leonard Nimoy tauchte gleich zweimal auf, ebenso wie Tom Jones; Boxkampf-Moderator Michael Buffer kündigte Homers großen Kampf an, Johnny Carson spielte mit, ebenso sein Talkshow-Kollege Conan O´Brien, der übrigens früher Folgen der Simpsons schrieb und produzierte. Fast alle Promis liehen sich selbst die Stimme - Michael Jackson tat dies sogar für den Insassen eines Irrenhauses (mit verblüffender Ähnlichkeit zur Einrichtung aus "Einer flog übers Kuckucksnest"), der sich lediglich für Michael Jackson hielt. Im Abspann tauchte dieser Gaststar allerdings nicht auf.

Vielleicht ist es diese völlige Unberechenbarkeit, die einen Teil der Faszination der Serie ausmacht: In Springfield scheint schlichtweg alles möglich zu sein. Da kann ein mutierter dreiäugiger Fisch zum Wappentier der Stadt werden, ohne dass je ein Mensch aufgrund des Atomkraftwerks an Krebs erkrankt. Da kann der Stadtgründer ein Held bleiben, obwohl Lisa einmal dessen dunkle Vergangenheit aufgedeckt hat. Da kann der Anwalt Lionel Hutz ungehindert praktizieren, obwohl er seine Klienten jedes Mal ins Verderben reißt. Und obwohl es in der Grundschule oft genug Zeitungsmehl mit Sägespänen zu essen gibt, weil wieder mal kein Geld da ist (ein Hoch auf das amerikanische Schulsystem!), nehmen die Kinder keinen Schaden. Nicht wirklich. Ganz zu schweigen davon, dass ihr Schuldirektor gar nicht ihr Schuldirektor Seymour Skinner ist, sondern ein Kriegskamerad Skinners namens Armin Tansarian, der sich an seiner Stelle eingeschlichen hat. Doch weil der Original-Skinner unerträglich ist, wird Tansarian schließlich offiziell in "Rektor Skinner" um- beziehungsweise zurückbenannt.

All das ist verrückt? Nun, ist es etwa weniger verrückt, dass die Familie Walton in den 30er Jahren von Virginia sieben Kinder hat, nie was zu beißen und trotzdem immer, gnadenlos gute Laune und Gottvertrauen? Dass der älteste Sohn niemals an seiner Berufung als Autor zweifelt, obwohl er nur nostalgisches Geschwurbel schreibt, und nicht einfach anfängt zu schreien, weil man ihn als erwachsenen Mann immer noch "John-Boy" nennt? Kurz: In Springfield steckt viel mehr echtes Amerika als in Walton´s Mountain. Im Amerika der Simpsons ist der Bürgermeister korrupt, die Polizei ebenso und unfähig dazu, und in der Schule herrscht das Recht des Stärkeren. Das wahre Leben eben - nur ein bisschen gelber.

Und doch wäre da noch die tiefe Liebe und Loyalität innerhalb der Familie. Nicht ohne Grund hat Simpsons-Erfinder Matt Groening die Familienmitglieder im Wesentlichen nach seiner eigenen Familie benannt. Da könnte Marge zum Beispiel Mitglied in einem schnieken Country-Club werden. Doch weil sie so sehr an ihrer nicht gesellschaftsfähigen Familie hängt, gibt sie den versnobten Ziegen der Oberklasse einen Korb. Und als Bart einmal 500 Dollar bekommt, kauft er dafür nach innerem Kampf für seine Schwester Lisa das einzige Album ihres Jazz-Idols, des Saxophonisten "Bleeding Gums Murphy", der kurz zuvor gestorben ist.

Die "taz" formulierte es so: "Die Simpsons demonstrieren die postmoderne Variante von Kritik als Affirmation und zeigen, wie zersetzend Zustimmung sein kann." Genau. Oder anders: So kaputt die Simpsons auch sind - als Familie funktionieren sie einwandfrei. Und das muss nicht unbedingt ein Kompliment für die Familie an sich sein.

Von Claudia Freytag

Super-Links zu den Simpsons:

Pro-Sieben Simpson-Page

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