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Musik in der Diktatur

Vom 17. bis zum 19. Januar 2003 wurde in der Kölner Philharmonie ein Zyklus "Musik in der Dikatur" gegeben. Initiator dieses Projektes war der Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy, der dieses Projekt gemeinsam mit der Tschechischen Philharmonie und dem Philharmonischen Chor Prag in Köln, Wien und New York präsentiert. Am 6. Februar wurde in diesem Zusammenhang noch "Die Kunst des Liedes" in den Mittelpunkt gestellt, wobei Ashkenazy als Pianist Vokalsolisten in Stücken von Schostakowitsch und Schtschedrin begleitete.

Ziel Ashkenazys war es, das unglaubliche Spannungsfeld zwischen dem zwingenden Anspruch musikalischer Freiheit und der Anpassung an die Stalinistische Diktatur und Einpassung in die dort herrschenden Mechanismen erlebbar zu machen. Hauptprotagonisten seines Projektes und mithin hauptleidende Komponisten waren Sergei Prokovief und Dimitri Schostakowitsch.

Beide Komponisten mussten auf dem sehr schmalen Grad zwischen reinem Überleben und künstlerischem Schaffen agieren. So ist z.B. erst seit kurzem bekannt, dass Schostakowitsch die Verbannung in den Gulag drohte und ihn lediglich parteiverherrlichende Filmmusiken (allen voran zu "Der Fall von Berlin") quasi in letzter Minute davor bewahrten. Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, dass von diesen genialen Komponisten solche "Machwerke" wie "Auf Friedenswacht" (Prokovief) oder die Musik zu "Der Fall von Berlin" (Schostakowitsch) entstanden. Bei aller Kritik an diesen Werken (die ICH übrigens nicht teilen kann, da die Musik trotz Pathos und Verherrlichung, ergreifend ist!) bleibt die Frage unbeantwortet, ob diese "Machwerke" nicht auch reine Ironie darstellen und sich letztendlich über das Regime lustig machen?

Die Anmerkungen der Kölner Tageszeitungen zu diesem Ereignis waren erstaunlicher Weise sehr neutral und aus meiner Sicht an manchen Stellen respektlos. Aber dadurch lasse ich mich nicht von meiner Begeisterung für dieses Ereignis und die Komponisten abbringen:

 Stalins Friedenstaube geputzt
 Gut und Böse
 Der Schreckliche im Konzertsaal
 Huldigung, Banalität und Trauer
 Halt an der Poesie

An den vier Abenden wurde folgendes Programm gegeben:

 17. Januar 2003
 18. Januar 2003
 19. Januar 2003
 06. Februar 2003

Weitere Informationen zu den Komponisten unter der Stalin-Diktatur:

 5. März 1953: Sergej Prokofjew starb vor 50 Jahren
 Konzertverbot in Budapest am 5. März 2003!
 Rostropowitsch über Prokofjew und Schostakowitsch
 Zur Klärung einer verworrenen Debatte
 Schostakowitschs Oper "Lady MacBeth von Mzensk" wird uraufgeführt
 Uraufführung der Lombardi-Oper "Dmitri oder Der Künstler und die Macht"
 Existenzielle Widersprüche
 Wer sind Sie eigentlich, Genosse?
 Rebell der Seele
 Ein Credo meiner kompositorischen Tätigkeit

Ashkenazy hat den Bogen weitgespannt, um seinen Anspruch, das oben genannte Spannungsfeld darzustellen, gerecht zu werden. Allerdings hätte er sich in seiner Bewertung einzelner Werke, die er in seinen Ansprachen als "Banal" bezeichnete, zurück halten müssen: Ein jeder Zuhörer hätte für sich eine Entscheidung treffen müssen.

Unabhängig von der Bewertung gebührt den großartigen Interpreten ein Dank und ein großes Lob. Alle haben mit Feuereifer und Leidenschaft, sowie mit großem Können alle Werke überzeugend gespielt. Allen voran ist die Tschechische Philharmonie zu nennen, die alle drei Abende hervorragend gestaltete. Unterstützt wurden sie dabei durch den Philharmonischen Chor Prag, den Philharmonischen Kinderchor Prag und die Mitglieder des Oratorienchores Köln. Auch die Solisten waren beeindruckend. Die Mezzo-Sopranistin Charlotte Hellekant hat mich da am meisten beeindruckt. Mit beängstigender Intensität die gesprochenen Passagen entgegenschmetternd und mit dem wirklich mitreißendem Singen ihrer Soloparts hat sie eine beeindruckende Vorstellung gegeben. Erstaunlich fand ich die Virtuosität, mit der der erst 16 (!) jährige Lukas Vondracek den "Angriff auf dem Roten Hügel" spielte.

Die Stücke, die mir in diesem Zyklus am besten gefallen haben, waren Schostakowitschs 13. Sinfonie "Babi Yar" und seine wunderbare Kammersionfonie, Opus 110a, die auf Basis des 8. Streichquartetts entstand. Beide Werke habe ich noch nie so eindringlich und ergreifend gespielt gehört!

Das Konzert am 6. Februar nahm eine Sonderstellung ein. Fernab orchestraler Begleitung wurden hier Sechs Gedichte von Marina Tsvetayeva und die Suite nach Versen von Michelangelo Buonarroti (Beide von Schostakowitsch), sowie Gedichte von Ossip Mandelstam für Tenor und Sprecher (Schtschedrin) gegeben. An keiner Stelle kam hier die Bedienung stalinistischer Ansprüche an die sowjetische Kunst zu Tage, so dass der Zuhörer mit Freude authentisches Schaffen beider Komponisten bestaunen konnte. Wenn auch dieses letzte Konzert sehr leise und intim war, an Begeisterungskraft fehlte es an keiner Stelle!

G.W.

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