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Musik in der Diktatur - Der Schreckliche im Konzertsaal

KÖLN. "Projekte" haben ihre Reize, im Konzertsaal finden sie noch viel zu selten statt. Inhalte lassen sich von verschiedenen Perspektiven aus beleuchten, so vermittelt sich Erfahrung und manchmal auch ein roter Faden. Die dritte Station von Vladimir Ashkenazys "Musik in der Diktatur"-Projekt widmete sich allerdings in der ausverkauften(!) Philharmonie zunächst gut 70 Minuten lang nur peinlicher Gebrauchsmusik von Prokofjew und Schostakowitsch.

Dass beide ihre Meisterwerke überwiegend unter unsäglichen Druckverhältnissen schufen, war ja kein Geheimnis mehr. Eher schon, in welchem Umfang sie sich auch vor Stalins Karren spannen ließen. Daher wohl führten die Tschechische Philharmonie und der Philharmonische Chor Prag gleich zu Beginn Prokofjews Loblied "Heil Stalin" (op. 85) aus dem Jahre 1939 auf.

Die Kantate verriet freilich in jedem Takt ihre Absicht und verstimmte daher sogleich. Nirgends die kompromisslose Erfindungsgabe oder die persönliche Handschrift eines der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Und doch konstatierte der Dirigent anschließend unter spontanem Beifall: "'Ne Menge schöne Musik, nicht wahr?"

Anschließend war Kino angesagt, Ausschnitte aus Sergeij Eisensteins "Iwan der Schreckliche" zum LiveSoundtrack Prokofjews. Die magische Perfektion von Bild- und Klangkomposition verhehlte leider auch hier nicht ihren unseligen Propagandazweck. Anschließend lag die Kopie von "Das unvergessliche Jahr 1919" als Anschauungsmaterial zu Schostakowitschs Filmmusik nicht vor. Aber mussten nun statt dessen unablässig Stalin-Konterfeis von der Großbild-Leinwand prangen? Irgendwie war hier die Geschmacksgrenze überschritten.

Hilfreich hingegen wäre vielleicht der Hinweis gewesen, dass die Flachheit der Musik möglicherweise mit einer unterschwelligen Persiflage-Absicht des Komponisten in Einklang stand. Der erst 16-jährige Pianist Lukas Vondracek leistete hier gleichwohl Glänzendes. Auch Chor und Orchester spielten unter Ashkenazys Leitung besonders feinsinnig, obwohl gerade bei ihnen das massive Sowjetmaterial traumatische Erinnerungen (z. B. an den "Prager Frühling") hätte wach rufen können.

Immerhin labten sich die Streicher nach der Pause hörbar an Schostakowitschs Kammersinfonie op. 110a (in der Barshai-Fassung) - reiner "Weizen" ohne jeden schalen Beigeschmack. Bleibt resümierend die Frage, ob die "Spreu", zumal so naiv und geradezu kulinarisch aufgetragen, nicht besser vom Tisch geblieben wäre.

Volker Fries

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