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Musik in der Diktatur - Existenzielle Widersprüche

Existentielle Widersprüche - Laudatio auf Ilona Jeismann und Peter Avar

Vor einer Woche ist in deutscher Sprache ein Buch erschienen, das bereits seit einem Jahr in Frankreich Furore macht. Unter dem Titel "Le livre noir du communisme", ganz wortwörtlich als Schwarzbuch des Kommunismus übersetzt, hat ein Dutzend Wissenschaftler untersucht und dargestellt, welche Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Namen eines Beglückungssystems begangen wurden. Die Bilanz, wie es jetzt erst vielen bewußt wird, ist erschreckend.

In Deutschland hat dieses Buch, nach den damaligen ersten Besprechungen der französischen Ausgabe, hohe Aufmerksamkeit gefunden. Alle großen Zeitungen und Wochenblätter widmen ihm viel Platz, nehmen die Diskussion auf. Die Zeitschrift "Die Woche" hat einen der Autoren des Schwarzbuches, nämlich Stephane Courtois, mit Joachim Gauck diskutieren lassen, unter der Überschrift: "Glaube und Schuld". Von Gauck, der hier bei uns die Stasi-Geschichte aufarbeitet, ist dem Schwarzbuch ein Aufsatz beigegeben: "Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung". Im Gespräch mit Courtois nun bekennt Gauck: "Aber sich anzuschauen, wie sehr man selbst, sogar als Oppositioneller, auch verwoben war in eine Art Gläubigkeit oder auch der Selektion von Wahrnehmung, das macht ja nicht nur Spaß."

Es ist wahr: Die Beschäftigung mit diesem spannungsvollen Thema von Verführung und Verstrickung, mit der uralten Frage nach dem Verhältnis von Macht und Geist, nach der Funktion der Intellektuellen im staatlichen Gefüge, nach der Rolle der Wissenschaft und der Kunst, nach den Proportionen und dem Wert von Dichtung und Wahrheit: Das alles macht nicht unbedingt Spaß.

Natürlich, auch dort kann die fröhliche Wissenschaft ihren Platz haben, auch dort können Witz und Parodie oft mehr aufklären als die vermeintlich tiefschürfenden und formal seriösen Gedanken. Aber oft drängt sich als erster Zugang doch ein Fragespektrum auf, das von Ernst geprägt ist, bei dem nicht die Leichtigkeit des Seins, sondern die Pein des Daseins im Vordergrund steht.

Das alles soll kein Plädoyer sein für schwitzende Ernsthaftigkeit, für ein falsches Pathos der Aufklärung. Wohl aber ein Auftakt, der erklärt, was die Jury an dem Hörspiel "Die graue staubige Straþe" von Ilona Jeismann und Peter Avar mehrheitlich so beeindruckt hat, daß am Schluß die Entscheidung stand: Ja, dieses außerordentliche Stück soll den Hörspielpreis der Kriegsblinden bekommen.

Als vor wenigen Wochen das Stück "Die Wiederholung" von Heiner Goebbels von der Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt als Hörspiel des Jahres ausgezeichnet wurde, monierte die dortige Jury, daß sich um die Weiterentwicklung dieser einzigen originären Radiogattung nur wenige der Verantwortlichen und Macher wirklich Gedanken zu machen schienen. Noch kleiner erscheine die Zahl derer, welche die Gattung auch ausschöpfen wollten. Nur selten seien Worte, Musik, Geräusche und andere Elemente sinnvoll eingesetzt und verbunden worden. Und eine noch größere Rarität sei gewesen, daß die gehörten Stücke existentielle Fragen berührten.

Diese pauschale und damit natürlich auch angreifbare Kritik, sie träfe auf unser Preisstück nie zu. Im Gegenteil, selten hat die Jury in den letzten Jahren ein Stück gehört, das mit größerem Ernst und mit tieferem Engagement nun wahrhaft existentielle und elementare Fragen behandelt. Und eben nicht nur behandelt, sondern auch darstellt, in einem ganz wörtlichen Sinne:

Indem sie präsent werden, so entfernt der historische Zeitpunkt auch sein mag. Die Auseinandersetzung des Musikers, des Künstlers Schostakowitsch mit dem Sowjetsystem, und, ganz persönlich und ganz konkret, mit dem Stalinismus, sie wird auf beklemmende Weise gegenwärtig, sie zwingt sich uns auf in diesen sechzig Minuten, in bedrängendem Maße und unausweichlich. Und eben mit hoher künstlerischer Intensität.

Spannungsfeld von Totalitarismus und Individuum

Und dies nicht zuletzt, ganz im Gegenteil, weil am Anfang dieser Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von Totalitarismus und Individuum ein Kunstgriff steht: nämlich ein individuelles Zeugnis als Grundlage, als Ur-Text zu nehmen, vor jeder eigenen Autorenschaft. Ein individuelles Zeugnis zudem, das eben kein Gebilde aus Worten ist, aus gesprochenen und geschriebenen Zusammenhängen unserer Sprache. Sondern eines, das aus der abstraktesten aller Kunstformen besteht: der Musik. Hier: der Zehnten Symphonie des russischen Komponisten.

Eine Symphonie, die nach dem Tode Stalins im Jahr 1953 entstanden ist. Und in der sich, ganz programmatisch, die tragischen Erfahrungen des Musikers spiegeln. Eines Musikers, der zuerst die russische Revolution künstlerisch feierte, der dann aber immer stärker in die Zwänge des Stalinismus verstrickt wurde. Diese Symphonie verstehen und deuten Ilona Jeismann und Peter Avar als musikalisches Zeitgemälde. Sie führen es vor als akustische Grundlage, in voller Länge gespielt, und sie übersetzen es zugleich, indem sie einen interpretierenden Text hineinkomponieren.

Die Themen und Motive der Musik, die Zäsuren und Rhythmen werden bis in die kleinsten Verästelungen analysiert, gedeutet und in dicht geschriebene Aussagen umgesetzt. So daß, wie die Jury es in ihrer Begründung hervorhebt, als interpretierende Spiegelung der Musik ein vielschichtiges Bild der inneren Zustände Schostakowitschs entsteht.

Es ist sicher mehr als ein Zufall, sondern vielmehr eine Bestätigung von erwachendem, auch wachsendem Interesse und dem dafür richtigen Zeitpunkt, daþ im Frühjahr auch eine Fernsehdokumentation im ZDF ausgestrahlt wurde, die genau unser Thema als Zentrum hatte: "Kunst zerstört das Schweigen" heißt sie, mit dem Nachtitel: "Schostakowitsch contra Stalin". In dieser Dokumentation, so die Kritikerin Renate Stinn, werde der Kampf zwischen Geist und Materie, zwischen Kunst und Macht mit den beiden namentlichen Antipoden bis ins Monströse gesteigert.

Der Film beginnt 1936, als alles noch gut und schön war, wie es heißt, als Schostakowitsch bereits unglaublichen Erfolg hatte und Stalin mitten in der Wandlung vom angehimmelten Führer des Volkes zum Tyrannen war. Damit setzt dann, wie weiter beschrieben wird, die Geschichte der Symphonien ein, als Abfolge von Horror, Tod, Tragödie, aber auch von Menschlichkeit, Würde, Leidensfähigkeit, von genialer künstlerischer Kreativität und prophetischer Kraft. Seine 4. Symphonie, just aus dieser Phase, zog der Musiker noch vor der Uraufführung zurück. Stalin, so weiß es der Film, haßte sie.

Funktion und Wirkung der Musik

Es begann dann das, was man mit Fug und Recht Formalismusdiskussion nennt. Mit den klassischen Vorwürfen, nicht nur Stalinischer Prägung: Die Musik sei volksfremd, seelenlos, wo doch nach politischer Staatsräson das neue sozialistische Leben leichter und fröhlicher war. Die Kampagne gegen die Trotzkisten begann, es verschwanden täglich Freunde, Verwandte, Bekannte. Schostakowitsch entgeht dem Geheimdienst KGB nur, weil sein vernehmender Offizier selbst verhaftet wird.

Der Diktator, der - wie alle Potentaten - sehr wohl um die große emotionalisierende Macht der Musik weiß, besteht darauf, daß man diese Kunstform, wie die anderen auch, instrumentalisieren, sie mit aller Macht in Dienst nehmen muß, daß sie dem eigenen Ruhme und dem des Systems zu widmen ist.

In diesem Sinne scheut er sich natürlich gar nicht, den befehdeten Schostakowitsch auch zu benutzen. So läßt er dessen 7. Symphonie, die Leningrader, weltweit verbreiten als Symbol des Widerstands gegen den Faschismus. Das halbe Orchester der Leningrader Philharmonie ist tot, verhungert, erfroren, als das Stück uraufgeführt wird.

Diese 7. Symphonie übrigens hat in einem anderen groþen Hörspielprojekt eine bedeutende Rolle gespielt, nämlich in der "Wolokolamsker Chaussee" von Heiner Müller. Das war vor zehn Jahren, natürlich in anderer Form. Aber das damalige und das jetzige Aufgreifen der Musik Schostakowitschs belegt, jeweils im eigenen Zusammenhang, welch' exemplarische Kraft in dieser Auseinandersetzung steckt, die in der Stalinzeit für den Musiker mit Berufsverbot und dem Verlust des Lehramtes verbunden war - wobei er gleichwohl für Filmmusiken herangezogen wurde, so für den Film "Der Fall von Berlin" aus dem Jahre 1949.

Es ist eine, vielleicht eine besonders sarkastische und tragische Variante des Satzes 'Wes Brot ich eß', des Lied ich sing', selbst dann, wenn es nach pathetischen und programmatischen Gegenliedern klingt, auch nach schwarzen und dissonanten Galgenliedern. Das Besondere liegt ja, wie auch das "Schwarzbuch des Kommunismus" an vielen Stellen aufzeigt, in einem anderen Urgrund dieses Brotes und dieses Lohns: im Glauben an eine als gut, richtig und einzigartig angesehene Sache.

In diesem politisch grundierten Glauben, der gleichwohl alle religiösen Elemente einer Heilsgeschichte in sich aufnimmt und der sich deshalb auch oft so radikal abschottet gegen jede Anschauung und Analyse der gelebten Wirklichkeit, ist, wie bei vielen Künstlern und Intellektuellen der Zeit, ein wichtiger Faktor zu sehen.

Die innere Zerrissenheit

Ilona Jeismann und ihr musikanalytischer Tonmeister Peter Avar haben viele schriftliche Quellen mit Aufzeichnungen, Erinnerungen, Reden, Interviews und Briefen ausgewertet, um die musikalische Abrechnung des großen Komponisten mit dem Diktator nicht zu einer Sache allein des heutigen Gefühls und des heutigen Wissens zu machen. Vielmehr spüren sie, reflektierend und in höchster Konzentration, dem auch an Zeugnissen abzulesenden und zu belegenden inneren Entwicklungsprozeß des Komponisten nach.

Eingewoben in dieses innere Bild werden fiktive Begegnungen mit dem Diktator, mit Weggefährten und mit Opfern. Und genau durch diese Verschränkung entfaltet sich die beklemmende Einheit von Musik und Text.

Erinnerungsfragmente, Fortschrittsparolen, Reflexionen, drängende Momente der Angst, Staatsräson, Besessenheit: Dies alles nimmt der von innerer Zerrissenheit geprägte Handlungsbogen auf.

Eine besondere Intensität, der sich der Hörer kaum entziehen kann, gewinnt diese zugleich musikalisch-abstrakte als auch sprachlich konkrete Auffächerung eines Lebens im existentiellen Spannungsfeld von Kunst und Zwangsherrschaft durch die hochpräzise akustische Gestaltung. Eine Gestaltung, die in dieser Genauigkeit bis in die Sechzehntelnoten hinein erst durch die moderne Studiotechnik möglich wurde.

Wobei auch hier Peter Avar, der ja auch Toningenieur ist, von der Wort-Autorenschaft nicht zu trennen ist. Weil erst durch die enge gemeinsame Arbeit bei Analyse und Montage die Komposition im besten Sinne verbal erschlossen werden kann. Hier also ist, ganz unverkennbar, die digitale Produktion am Schnitt- und Aufnahmecomputer kein Selbstzweck. Vielmehr schafft diese hochdifferenzierte Technik des Zerlegens, des Speicherns und der Neumontage erst die Voraussetzung, um die zeitlich und rhythmisch genau abgestimmten Textpassagen in die komplizierte musikalische Struktur und deren Dynamik einzuschreiben und sie so zu einer bewegenden Gesamtaussage zu verbinden.

Es ist nicht das erste Mal, daß die beiden so gearbeitet haben. Schon vorher haben sie beim Stück "Tönende Fratzen Tag und Nacht" eine solche textkomponierende Montage als Verfahren gewählt. Dabei dienten die beiden Sreichquartette Smetanas als Musik-Grundlage eines auf Dokumenten beruhenden Monologs, der beschreibt, wie der Komponist taub wird. Auch hier schrieb Ilona Jeismann bereits punktgenau in die Partitur hinein, und Peter Avar entwickelte mit ihr zusammen die musikalische und akustische Gestaltung mit Hilfe der digitalen Aufnahme- und Schnittechnik.

Und insofern ist es natürlich keineswegs ein Zufall, daß sie als Preisträgerfoto ein Doppelporträt anfertigen ließen: beide an einem reglerübersääten Schnitt- und Regiepult mit den Computerbildschirmen als flankierenden Technik-, nein, nicht -altären, sondern als hochsensiblen Arbeitsinstrumenten.

Der Wert der Digitaltechnik

Instrumente, Maschinen, die aber nie im Vordergrund stehen, sondern allein für die notwendige Realisierung per Technik stehen. Hier sehen und hören wir dann tatsächlich, wie bei kreativer und intelligenter Nutzung die Möglichkeiten des Hörspiels erweitert werden, wie ein Klang, der doch in der musikalischen Grundlage hunderttausendfach schon in den üblichen Speichern abgelagert war und ist, durch interpretierende Autorenschaft und neue Bearbeitung eine bislang nicht gehörte und so nicht wahrgenommene Dimension gewinnt.

Wie dort also, wie Jurymitglied Eva Maria Lenz schreibt, der totalitäre Terror dem Hörer instrumental und verbal um die Ohren peitscht, zischt und säuselt, wie dieser Terror in der Gespaltenheit eines bald aufbrausenden, bald kuschenden russischen Musikers wütet. In der Gespaltenheit eben zwischen offiziellen Lippenbekenntnissen und geheimem Abscheu, zwischen Märtyrertum und Verrat, zwischen Wahrheit und Lüge.

Daß und wie dies geschieht, das ist in ganz anderer als üblicher Form Aufklärung: Es ist eine Aufklärung, welche die Begleitung durch das Gefühl, Emotion und Kunst immer vor Augen, hier also: vor Ohren führt. Nähe und Distanz bedingen sich hier, die Kritik vergewissert sich ihres Gegenstands auch, indem sie ihn beschwört, auch in dessen Formsprache. Zwar partiell und gebrochen, aber immer auch sinnlich. Hier übrigens liegt, wenn auch nicht sofort einsehbar, die Parallele zu dem Stück, das am Schluß nur knapp unterlegen war: der parodierenden Radiorevue "Rocky Dutschke '68", bei der Christoph Schlingensief auf seine Art mit den Mythen und Moral-Mustern der 68er aufräumt: frech, ja rotzfrech, radikal und überdreht. Eben in seiner bekannten Schmuddelästhetik, die - natürlich auf ihre Art medial versiert - von der politischer Korrektheit befreit.

"Du marschierst mit klappernden Knochen auf der grauen staubigen Straße und leierst das alte Lied ab ..", so heißt es in der Schlußpassage von Ilona Jeismanns und Peter Avars Hörspiel, und Schostakowitsch sieht sich selbst als "überlebenden Leichnam" in einem Totentanz. Ja, darauf läuft es im Finale hinaus.

Aber es gibt auch, ohne falsche Behaglichkeit, Sätze, welche Trost spenden in der unendlichen Geschichte von Macht und Geist. Nehmen wir nur Tschechow, der gleich am Anfang in einem Dialog mit dem Komponisten zitiert wird. Erst sagt er, "frei von Gewalt und Lüge bleiben", ja, das wäre für ihn die Hauptsache. Auf die Frage des Komponisten, wie das denn gehen könne, sagt er nur: "Sehen Sie, das ist die Frage." Und dann, bei der bangen Nachfrage nach einem möglichen Wiedersehen, antwortet Tschechow nur, fast im Büchner-Ton: "Bin ich Hellseher? Wenn man anfängt, über die Zukunft zu spekulieren, wird einem nur schwindelig." "Bleiben Sie kühl", rät der Dichter dem Musiker, "und gesund". Ein lapidarer Satz im Angesicht von Schrecken und Tod und elementarem Zweifel. Doch wahrscheinlich haben wir nicht mehr. Und dazu die Kunst. Denn die, sagt Schostakowitsch im Hörspiel, sie wird weiterleben. Wie er auch. Es ist wahr. Die Kunst und der Komponist leben weiter, in allen Widersprüchen. Eben auch, weil es Radiokünstler gibt, die diesen Widerspruch formulieren und darstellen. Radiokünstler wie Ilona Jeismann und Peter Avar. Die Jury freut sich darüber. Und gratuliert von Herzen.

(Quelle: Evangelischer Pressedienst)

Uwe Kammann

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