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Musik in der Diktatur - Gut und Böse

Vladimir Ashkenazy und die Tschechische Philharmonie gastierten drei Tage in Kölns Philharmonie.

Die Zeit zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Stalins Tod im März 1953 sind die dunkelsten Jahre der sowjetischen Musikgeschichte. Stalins Kulturfunktionär Andrej Schdanow profilierte sich in dieser Zeit durch eine Hetzjagd auf Komponisten, die nicht im Sinne der Staats- und Partei-Doktrin schrieben. Besonders das Schaffen Prokowjews und Schostakowitschs stand im Kreuzfeuer einer Kritik, die ideologische und ästhetische Fragen beständig vermengte.

Die Trennung dieser Fragen ist heute noch schwierig. Das erwies sich auch bei einem dreitägigen Konzertzyklus, den Vladimir Ashkenazy und die Tschechische Philharmonie diesem Thema in Köln widmeten. Ashkenazy hatte ein Programm entworfen, das Werke der Anpassung und der Verweigerung einander gegenüberstellte. Aber ist diese Unterscheidung wirklich so klar zu treffen?

Von Prokowjews 1951 beifällig aufgenommenem Festpoem "Die Verbindung von Wolga und Don" führen klare Linien zu seiner sechsten Sinfonie, die 1947 mit dem gefürchteten Verdikt des "westlichen Formalismus" belegt wurde. In beiden Werken kämpft Prokowjew um jene Einfachheit der musikalischen Aussage, die zentraler Inhalt der sowjetischen Ästhetik war. Aber für Prokowjew war diese Einfachheit nur um den Preis einer noch größeren Komplexität zu haben.

Die gefälligen Melodien der "Sechsten" ebenso wie des Wolga-Don-Poems sind schwer errungen, sie erblühen auf dem Grund einer massiven, blechgepanzerten Härte. Es ist Musik derselben Zunge, desselben Geistes. Nur haben sich inzwischen die Werte verkehrt: Was damals böse war, ist heute gut - und umgekehrt. Aber mit dem Gegensatz von Gut und Böse kommt man in der Kunst nicht weit.

Dmitri Schostakowitsch tat sich weniger schwer mit dem Einfachen. Seine 13. Sinfonie ist ganz auf Fasslichkeit und lapidare Prägnanz angelegt. Aber diese Musik transportiert auch nicht nur sich selbst, sondern vor allem Jewtuschenkos berühmtes (seinerzeit heiß umstrittenes) Gedicht über den Judenpogrom von Babi Jar im September 1941. Der russische Bariton Sergej Leiferkus deklamierte eindrucksvoll, mit der angemessenen Kälte und Bitterkeit. Die Bässe des Philharmonischen Chores Prag wurden durch Mitglieder des Oratorienchores Köln wirkungsvoll verstärkt.

Wie die sowjetische Musikästhetik abseits der "Problemfälle" Prokowjew und Schostakowitsch umgesetzt wurde, dafür ist das zweite Cellokonzert (1964) von Dmitri Kabalewsky ein Musterbeispiel. Das Stück steht in der romantischen Virtuosen-Tradition, auch wenn die monologhafte Expressivität des Soloparts eigene Wege weist. Mats Lidström, kurzfristig für den erkankten Steven Isserlis eingesprungen, spielte ihn gestisch, fesselnd, beredt. Man vergaß darüber, wie viel Leerlauf eigentlich in diesem Stück ist. Überhaupt sind es letztlich nicht Fragen der musikalischen Qualität, die den Umgang mit diesen Werken schwierig machen. Das gilt sogar für ein so übles Machwerk wie Prokowjews Oratorium "Auf Friedenswacht", das den Frieden im Schilde führt, aber zugleich die Positionen des Kalten Krieges festschreibt. Die schwedische Mezzosopranistin Charlotte Hellekant und der Philharmonische Chor Prag (samt jubilierender Kinderstimmen) ließen Prokowjews Stalin-Hymnen sonnenhell aufstrahlen. Der Hörer darf sich diesem Pathos verweigern. Aber der Musiker muss es glaubhaft machen: keine leichte Aufgabe.

Vladimir Ashkenazy und die gewohnt exquisit spielende Tschechische Philharmonie wandten Sorgfalt und Engagement gleichermaßen auf Gutes und Böses, Starkes und Schwaches. Ashkenazy mag kein übermäßig geschickter Kapellmeister sein - aber er ist ein Enthusiast, ein mitreißender Musiker, der Chor und Orchester beständig zu entflammen versteht. Auch für jene Werke, von denen er sich in seiner Begrüßungsansprache wortreich distanziert hatte.

Stefan Rütter

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