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Musik in der Diktatur - Halt an der Poesie

Die Musik von Dmitri Schostakowitsch und Rodion Schtschedrin wurde großartig interpretiert.

Mit einem spannenden und aufschlussreichen Liederabend schloss sich in der Philharmonie der Zyklus "Musik in der Diktatur". Die besonderen Bedingungen, denen das Komponieren in der Sowjetunion unterlag, äußerten sich auch in den intimeren Gattungen des Liedes und der Kammermusik. Die Idee des Projekts - der Spreizschritt zwischen Parteidoktrin und individuellem Ausdrucksbedürfnis - ist hier gleichwohl schwieriger zu erfassen als in den repräsentativen, auf öffentliche Wirkung zielenden Genres der Sinfonie oder des Oratoriums.

Dmitri Schostakowitsch nutzte die Kammermusik immer wieder als geschütztes Areal; hier konnte er chiffrierte Botschaften versenden, deren Bedeutung den Schergen der Macht unzugänglich blieben. Kurz vor seinem Tode komponierte Schostakowitsch zwei Liederzyklen nach Gedichten von Michelangelo Buonarroti und Marina Zwetajewa. In beiden Zyklen ist der musikalische Satz konzentriert und ausge-spart; Klangräume werden angedeutet, aber nur selten ausgefüllt. Die überwiegend dunklen und gedämpften Farben der Klavierbegleitung leuchtete Vladimir Ashkenazy mit der Differenzierungskunst des gro-ßen Pianisten aus. Die volle und weiche Stimme der Mezzosopranistin Lilli Paasikivi umgab die lyrischen Episoden der Zwetajewa-Lieder mit sanftem Trauerflor. Für die Michelangelo-Suite war der Bariton Sergej Leiferkus zweifellos der ideale Interpret: sein pastoses Legato, die gebietende Kraft seiner Deklamation fesselten in jedem Takt.

Von besonderem Interesse war die Uraufführung eines Werkes von Rodion Schtschedrin (geb. 1932), der jahrelang den sowjetischen Komponistenverband gelenkt hat. Im Zentrum seines Vokalzyklus "Meine Zeit, mein Raubtier" steht der Dichter Ossip Mandelstam, der 1938 in einem russischen KZ den Tod fand. Stationen seiner Biographie spiegeln sich in Tagebuchnotizen der gleichfalls verfemten Dichterin Anna Achmatowa.

Diese Aufzeichnungen hat Schtschedrin mit Fragmenten aus Mandelstams Dichtung zu einer Kantate für Sprecherin (Achmatowa), Tenor (Mandelstam) und Klavier verbunden. Die kühle Rezitation (Salome Kammer) und der expressiv aufgeladene Gesang (Mark Tucker) verbanden sich zu eindrucksvoller Wirkung. Schtschedrins Musik, die einfach strukturiert ist und illustrative Effekte nicht verschmäht, steht der dramatischen Szene näher als dem Lied. Sie macht die existenzielle Bedeutung der Dichtung am Dichter fest und lässt ahnen, wie viel Halt die Menschen in der Sowjetunion durch die Idealisierung ihrer geschundenen und verfolgten Poeten gefunden haben.

Stefan Rütter

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