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Musik in der Diktatur - Huldigung, Banalität und Trauer

Die Tschechische Philharmonie unter Vladimir Ashkenazy

Das Abschlusskonzert im Zyklus "Musik in der Diktatur" warf Fragen auf.

Der dritte Abend mit der Tschechischen Philharmonie, dem Philharmonischen Chor Prag und mit Vladimir Ashkenazy am Dirigentenpult brachte im ersten Teil die Begegnung mit tönenden Huldigungen für Stalin durch die renommiertesten Komponisten der damaligen Sowjetunion: Prokofiev und Schostakowitsch. Während sich Prokofiev noch in seinem zur Kantate avancierten Trunkspruch "Heil Stalin" von 1939 kompositorisch über das unsägliche poetische Machwerk erhebt und seine Musik auch in den vorgeführten Filmausschnitten von Sergeij Eisensteins "Ivan der Schrecklikche" trotz der pompösen Fassade phasenweise seine Qualitäten hörbar machte, steckte Schostakowitsch weiter zurück. In der Zeit höchster lebensbedrohender Bedrängnis nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es ihm, durch Vertonung von Tschiaurelis Filmen "Das unvergessliche Jahr 1919", op. 89 und "Der Fal von Berlin" das stalinistische Damoklesschwert durch eine platt und trivial zu nennende Jubel- und Siegesmusik von sich abzuwenden. Die ausgewählten Szenen des so kitschigen wie propagandistischen Berlin-Films begleitete das Orchester aus Prag mit dem gleichen Elan mit dem der junge Pianist Lukás Vondrácek sich für den Konzertsatz "Der Angriff auf dem Roten Hügel" aus der Suite des anderen Machwerks einsetzte.

Beim Hörer bleibt nach diesen Eindrücken der Zwiespelt, ob Schostakowitsch mit solchen Tönen, wie denen dieses pianistischen Knallbonbons, das geradezu Addinsells Warschauer Konzert nachgestellt zu sein scheint, nur seinen Kopf retten oder die grausame Dummheit der Adressaten entlarven wollte. (Bai Marco Polo ist kürzlich eine CD mit dem Moskauer Sinfonieorchester erschienen, die die ganze Filmmusik zu "Der Fall von Berlin" enthält). Der Einsatz des Orchesters und des voluminösen, leider nicht immer ganz sauber intonierten Chorklangs trug dazu bei, dass man sich nicht alleine der kulturpolitischen Dimensionen diktatorischer Zustände bewusst wurde. Auch wurde eine Seite des Schaffens eines so integren Komponidten wie Schostakowitsch offenbar, die seine Apologeten gerne verdrängen. Dass am Schluss Rudolf Barschais Orchesterfassung von Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 durch die Prager so eindringlich als Trauermusik und Gegengewicht zu den erschreckenden Banalitäten erklangen, ließ das Anlitz des Komponisten wieder ohne Maske erkennen.

Hans Elmar Bach

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