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Musik in der Diktatur - Prokofjew starb vor 50 Jahren

Moskau - Der Tod schuf eine bittere Ironie: Der russische Komponist Sergej Prokofjew starb vor 50 Jahren am 5. März 1953 am selben Tag wie der sowjetische Diktator Josef Stalin. Damit ging eine 20-jährige Gratwanderung zu Ende, in der Prokofjew versucht hatte, zwischen künstlerischer Eigenständigkeit und Dienst am kommunistischen Regime zu balancieren.

Prokofjew war neben Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) der wichtigste russische Vertreter in der Musik des 20. Jahrhunderts. «Solange Sergej Sergejewitsch lebte, konnte man jeden Tag ein Wunder erwarten», sagte der Pianist Swjatoslaw Richter über die unendliche musikalische Fantasie des Komponisten. Zu Prokofjews Werk zählen nicht nur acht Opern und sieben Symphonien, sondern auch Stücke für Kinder. Weltweit beliebt ist sein musikalisches Märchen «Peter und der Wolf» (1936), das zuletzt mit Michail Gorbatschow, Bill Clinton und Sophia Loren als Erzählern neu eingespielt wurde.

Prokofjew wurde am 23. April 1891 als Sohn eines Gutsbesitzers in Sonzowka im Osten der Ukraine geboren. Den ersten Musikunterricht erhielt er von seiner Mutter, dann studierte er bis 1908 Klavier und Komposition am Konservatorium von St. Petersburg. Er arbeitete mit dem modernen Russischen Ballett von Sergej Djagilew und machte sich 1913 mit seinem wuchtigen «Klavierkonzert Nr. 2» einen Namen.

1918, kurz nach der kommunistischen Oktoberrevolution, emigrierte Prokofjew und wurde mit der Oper «Die Liebe zu den drei Orangen» (1919) weltberühmt. Nach 15 Jahren in Japan, Europa und den USA kehrte er in die Sowjetunion zurück. Er sympathisierte nicht mit dem Stalinismus, wollte aber eine führende Rolle im Musikleben seiner Heimat spielen.

Das Regime hofierte den bekannten Künstler und misstraute ihm zugleich. Prokofjew schuf weiterhin Meisterwerke wie die Ballette «Romeo und Julia» (1940), «Aschenbrödel» (1944) und die Oper «Krieg und Frieden» (1941-1953, Uraufführung erst 1957). Selbst politische Auftragsstücke wie pompöse Kantaten zum 20. und 30. Jahrestag der Oktoberrevolution und ein «Trinkspruch» auf Stalins 60. Geburtstag 1939 zeigen unverkennbar Prokofjews facettenreiche musikalische Handschrift. Doch die Kulturbürokraten spürten in den harten, dissonanten Klängen auch die versteckte Ironie auf.

1948 bezichtigte die Parteiführung Prokofjew, Schostakowitsch und andere Komponisten, vom westlichen «Formalismus» infiziert zu sein. Solche Vorwürfe konnten unter Stalin ein Todesurteil bedeuten. «Ich habe mich unzweifelhaft der Atonalität schuldig gemacht», musste der Komponist Selbstkritik üben. «Ich werde nach einer klaren musikalischen Sprache suchen, die dem Volk verständlich ist.»

Mit seiner 7. Symphonie 1952 wurde Prokofjew zwar rehabilitiert, doch der «Komponist im Schatten Stalins» (Biografin Maria Biesold) war ein kranker und gebrochener Mann. Im Schock der Sowjetunion über das Ableben des allmächtigen Diktators 1953 wurde der Tod des Musikers am selben Tag gar nicht wahrgenommen. Prokofjew wurde ohne Öffentlichkeit auf dem Friedhof des Neujungfrau-Klosters in Moskau beigesetzt. (dpa)

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