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Musik in der Diktatur - Mstislav Rostropowitsch über Prokofjew und Schostakowitsch

Mstislav Rostropowitsch über Prokofjew und Schostakowitsch

Exklusiv für das Festival-JOURNAL des Heidelberger Frühlings sprach Mstislav Rostropowitsch über seine Freunde Dmitri Schostakowitsch und Sergej Prokofjew in der Zeit unter Stalin.

Die Zeit "unter Stalin" gehört zu den dunkelsten in der ganzen Geschichte Russlands, und der Einfluss ihres Grauens und Schreckens ist noch bis heute zu spüren: eine tief sitzende Angst. Das geistige Leben stand unter strengster Kontrolle des Regimes, und alles, was sich nicht anpasste, wurde abgewürgt.

Die Leute wurden zum Schweigen gebracht, ihnen wurde das selbständige Denken abgewöhnt. Man musste nur das machen, was von oben befohlen wurde. Handelte man selbständig, konnte man einen Fehler begehen, und das konnte fatale Folgen haben: Gefängnis, Lager, Vernichtung.

Allgemein herrschte die Angst, von jemandem denunziert zu werden, und so konnte man sein Entsetzen über das Geschehene nur vielleicht dem allerbesten Freund gegenüber zum Ausdruck bringen, was normaleweise bei einer Flasche Wodka und im Flüsterton geschah. Nach solchen Treffen rief mich dann aber der Freund am nächsten Tag an und sagte "zur Sicherheit" laut ins Telefon: "Sag mal, haben wir uns gestern zusammen besoffen? Ja? Ich kann mich aber an nichts mehr erinnern." Das war dann unser Alibi. Und in diesem Alptraum lebte das ganze Land.

Das Leben zweier meiner Freunde, zwei Genies, Sergej Prokofjew und Dmitri Schostakowitsch, war von unendlichen Leiden erfüllt. Nach dem Erlass von 10. Februar 1948 hatten sie buchstäblich kein Geld zum Leben. Für Komponisten in der Sowjetunion gab es damals nur zwei Möglichkeiten, Geld zu verdienen: Es wurden Honorare für die von der Regierung in Auftrag gegebenen und gekauften Werke bezahlt, und danach bekam man Tantiemen für die erfolgten Aufführungen. Prokofjew und Schostakowitsch wurden aber offiziell und öffentlich als "Kosmopoliten" und "Formalisten" verurteilt, deren Musik das Volk gar nicht verstehen kann, so dass sie natürlich keine Aufträge mehr erhielten. Ihre Namen wurden außerdem aus den Repertoirelisten gestrichen, was hieß, dass man ihr Musik auch nicht mehr aufführen durfte. Die Tantiemen fielen also auch aus. Schostakowitsch wurde aus dem Moskauer Konservatorium entlassen, wo er Komposition unterrichtete, unter dem schändlichen Vorwand, seine Qualifikation sei für diese Stelle nicht ausreichend!

Die großen Komponisten konnten diese Zeit nur mit der Hilfe einiger Freunde überstehen, die ihnen das nötige Geld liehen. Einer der Retter von Prokofjew war Sergej Balasanjan. Er war selbst Komponist (und Kommunist!) und bekleidete damals einen ganz wichtigen Posten: Er war Leiter der Musikabteilung des sowjetischen Rundfunks. Als Prokofjew mir eines Tages sagte, dass er überhaupt kein Geld mehr habe, bat ich Balasanjan um Hilfe. Er sagte mir, dass er, falls Prokofjew eine auch ganz kleine Ouvertüre komponieren würde, deren Thema mit Stalin zu verbinden wäre, ihm das Werk abkaufen würde. Ich habe Prokofjew diesen Vorschlag unterbreitet und sogar selbst den Titel für das Werk erfunden: "Das Treffen von Wolga und Don" [Anspielung auf den im Bau befindlichen, auf Stalins Namen getauften Wolga-Don-Kanal - Anm. d. Übs.]. Nachdem ich ihm das erzählt hatte, schaute er mich an und sagte nur: "Was für ein Blödsinn!" Der Plan drohte zu scheitern. Als er aber sah, dass ich den Tränen nahe war, fragte er: "Na gut, aber was soll dabei interessant sein?" Ich wusste, dass das meine letzte Chance war, und sagte mit aller möglichen Überzeugungskraft: "Wie können Sie das bloß nicht verstehen?! Da durchpflügen gleichzeitig 1000 Planierraupen die Erde!!" Er schaute mich nun etwas verdutzt an und erwiderte: "Na, vielleicht haben Sie recht." So entstand dieses Werk, und Prokofjew bekam dafür sein Honorar.

Das Leben Schostakowitschs unter Stalin konnte man mit einer Achterbahn vergleichen. Der Erlaßss von 1948 war schon der zweite Schlag für ihn - der erste war mit der Oper "Lady Machbeth von Mzensk" verbunden. Es gab Zeiten, zu denen man ihn praktisch bis zum Nullpunkt herunterließ: Seine Musik wurde als "Chaos" verurteilt und für eine Zeit lang so gut wie verboten. Die Zeitungen druckten vernichtende Artikeln über seine Musik und veröffentlichten "Leserbriefe" von "Musikliebhabern". Zwei von denen kann ich sogar zitieren: ""Wenn im Rundfunk angesagt wird, daß jetzt die Musik von Prokofjew oder Schostakowitsch gesendet wird, mache ich sofort das Radio aus" und "Wenn einer nicht mal ein winziges Talent zum Komponieren hat, wird aus ihm jemand wie Schostakowitsch oder Prokofjew".

Schostakowitsch war von seiner Mission als Künstler und Komponist überzeugt. Nach allen diesen Schicksalsschlägen hatte er wahnsinnige Angst, das Recht zum Komponieren zu verlieren. Mit jeder seiner musikalischen Zeilen versuchte er, die Welt von seiner Wahrheit zu überzeugen. Sein Schaffen ist von einem merkwürdigem Muster gekennzeichnet: So komponierte er erst ein Werk, das als "politisch korrekt" angesehen werden konnte und nach dem das Regime wieder der Meinung war, Schostakowitsch sei "nicht ohne Talent". Anschließend entstand ein anderes Werk, das praktisch einen Skandal auslöste. So folgte zum Beispiel die Achte gleich auf die Siebente Symphonie, die die Regierung auf den Schild hob [sie wurde während der Blockade Leningrads komponiert und als Symbol des Widerstandes gefeiert, während die bei Kriegsende entstandene 8. Symphonie befremdete, da sie nicht den verordneten Jubel, sondern die Trauer in den Vordergrund stellte - Anm. der Übers.]. Und nach der Lenin gewidmeten Zwölften Symphonie, zu der die Partei ihm bescheinigte: "Ja, jetzt befinden Sie sich auf dem richtigen Wege", komponierte er die 13., die "Babij-Jar-Symphonie" [Babij-Jar bei Kiew war eines der größten Massengräber während der Besatzung ermordeter Juden]. Sie wurde zwar nicht offiziell verboten, aber man kann sich nicht vorstellen, was noch am Tag vor der Premiere geschah. Etliche - nennen wir sie "Freunde" - redeten auf Schostakowitsch ein, er solle die Premiere absagen. Einer von ihnen war Dmitri Kabalewski, ein bekannter Komponist. Einen Dirigenten für die Premiere zu finden, war nicht einfach. Ich kann hier ein Geheimnis lüften, dass sogar Evgeny Mrawinskij, der bis dahin alle Symphonien von Schostakowitsch aufgeführt hatte, sich weigerte, diese Symphonie zu dirigieren. Er hatte einfach Angst, "politisch falsch" zu handeln. Mit dem Solisten für die Bass-Partie sah es nicht besser aus. Am Anfang hatte Schostakowitsch als Solisten einen ukrainischen Sänger, Boris Gmyrja, für die Premiere eingeladen, der nach einiger Zeit seine Zusage zurückzog. Dann wandte er sich ganz verzweifelt an mich und bat mich, einen Solisten für die Premiere zu finden. Ich fragte zuerst den Bass Wedernikow, der zuerst von der Musik der Symphonie ganz begeistert war, aber um etwas Bedenkzeit bat. Als nach drei Wochen immer noch keine Antwort von ihm kam, rief ich ihn an und fragte, ob er nun singen würde. "Nein", antwortete er, er würde nicht singen, weil er ein guter Bürger seines Landes sei. "Na gut", habe ich gesagt, "dann sind Schostakowitsch und ich eben schlechte Bürger unseres Landes." Dann fragte ich einen Solisten aus dem Bolschoj-Theater. Er hat die Partie einstudiert und wollte unbedingt singen. Doch genau einen Tag vor der Premiere wurde er von der Direktion vom Bolschoj vor die Wahl gestellt: Entweder er vertrete an demselben Tag seinen erkrankten Kollegen in einer Oper, oder er werde aus dem Theater entlassen. Dem Kollegen wurde ohne Zweifel befohlen, "krank zu werden". Nun sagte also auch er ab. Am Ende sang die Premiere ein Student des Moskauer Konservatoriums, Wassilij Gromadskij, der die Partie ebenfalls einstudiert hatte und bei den Proben dabei gewesen war. Die Aufführung hatte enormen Erfolg, die Leute im Saal haben geweint - aber auf die nächste Aufführung musste man lange Jahre warten.

Man könnte sagen, dass Schostakowitsch mit den "offiziell anerkannten" Werken eine Auszeit für sich gewann, in der er die Werke komponierte, so wie er es für einzig richtig hielt. Und in jedem seiner so "gewonnenen" Werke versuchte Schostakowitsch zu zeigen, wer er in Wirklichkeit war.

Obwohl man mit allen Mitteln versuchte, sein Talent zu unterdrücken, fand er immer wieder die Kraft und die Energie zu beweisen, dass er ein Genie war. Man musste Schostakowitsch wirklich gut kennen, um einige seiner Handlungen zu verstehen. Er selbst war eine tadellose Persönlichkeit. Aber man hat ihn beispielsweise regelrecht gezwungen, den Brief gegen Sacharow [eine von der Partei inszenierte, von zahlreichen Persönlichkeiten unter mehr oder weniger starkem Druck unterzeichnete Verurteilung des Menschen- und Bürgerrechtlers - Anm. d. Übs.] zu unterschreiben. Und Sacharow war sein Nachbar, ihre Datschas standen nebeneinander! Nach diesem Brief ging Schostakowitsch nicht mehr spazieren, da er sich schämte, Sacharow in die Augen zu blicken. Und diese Spaziergänge waren für den damals schon sehr kranken Schostakowitsch eine seiner letzten Lebensfreuden. Ich fragte ihn einmal, warum er nun solche Briefe unterschreibe. Er wurde sehr nervös, und sagte dann: "Wissen Sie, ich lese diese Briefe nicht mal. Ich unterschreibe, ohne sie anzugucken. Und ich hoffe nur, dass man aus meiner Musik mehr verstehen wird als aus solchen Briefen." So errang er für sich die Möglichkeit zum Komponieren. Außer der Furcht um sein Schaffen, hatte er auch große Angst, eines Tages seine Familie nicht mehr ernähren zu können, die vollständig von ihm abhängig war. Er liebte seine Kinder über alles. Sie waren damals zwar schon verheiratet, studierten aber noch und waren so auf die Hilfe ihres Vaters angewiesen. Zudem fühlte er sich auch für das Hauspersonal und seine Sekretärin verantwortlich. Er sagte mir einige Male unter Tränen: "Stellen Sie sich vor, wenn ich keine Aufträge bekomme, haben alle diese Leute nichts zum Essen!"

Prokofjew war zur seinem Glück ein großer Egoist; außer seiner Musik interessierte ihn nichts. Er war irgendwie naiv, wie ein Kind. Er sagte immer, was er in dem jeweiligen Moment dachte, ohne zu überlegen, dass er vielleicht jemanden damit beleidigen könnte. Ein Gedanke kam ihm in den Kopf, und er sprach ihn aus. Ich glaube, er hat die Tiefe des Geschehens [gemeint ist der gegen "Formalisten und Kosmopoliten" gerichtete Erlass von 1948 - Anm. d. Übs.] einfach nicht verstanden; er dachte, seine Musik gefiel jemanden nicht, und dieser Jemand war Stalin. Ich habe ihn einmal gefragt, ob er es nicht bereute, nach Russland zurückgekehrt zu sein, und er antwortete: "Nein. Auch in den schlimmsten Augenblicken nicht. Wissen Sie, wenn ein Schöpfer in seinem Land schafft, dann wird es anders und einzig richtig wahrgenommen und verstanden." Bis 1948 konnte Prokofjiew relativ gut arbeiten, obwohl auch er manchmal kritisiert wurde. Aber diese Kritik drang offensichtlich nicht bis zu Stalins Ohren. Hatte sich Stalin aber erst einmal eine Meinung gebildet, wie es im Fall von "Lady Macbeth" von Schostakowitsch war, wurde sie zum endgültigem Urteil. Meinte Stalin, es sei keine Musik, war es also keine.

Stalin war der Überzeugung, alles, was er nicht verstand, sei schlecht. Das Schlimme dabei war, dass man nie im voraus wusste, was dem großen Führer nicht gefallen könnte. Stalin entschied sozusagen "aus dem Wunsch seines linken Fußes heraus" [russische Redewendung, entspricht etwa "aus dem Bauch heraus" - Anm. d. Übs.]. Und was sich nun sein linker Fuß gerade wünschte, wusste niemand. So sagte er einmal bei der Besprechung zur Vergabe von Stalin-Preisen über einen Autor, bei dem man nicht ganz sicher war, ob er diesen Preis nun bekommen sollte: "Na, gebt ihm doch einen, wenn er sich das so wünscht!" Er liebte es eben, sich als "gütigen Herrscher" darzustellen. Und zur gleichen Zeit: strengste Zensur, Verfolgungen und Vernichtung Andersdenkender, oft nach absolut absurden Beschuldigungen.

Ich wünsche dem Festival, den Leuten die Wahrheit über die Stalin-Zeit näher zu bringen. Es war eine Zeit, in der Millionen von unschuldigen Menschen vernichtet wurden, wo auch große Musiker in ständiger Angst um ihre Kunst und ihr Leben leben mussten. Solche Zeiten dürfen sich nie mehr wiederholen.

(Das Interview wurde aufgezeichnet von Natalia Sander, Ludwigsburg, den 24.7.2002)

Mstislav Rostropowitsch

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