zurück

Musik in der Diktatur - Schostakowitschs Oper "Lady MacBeth von Mzensk" wird uraufgeführt

Es gibt Menschen, die verdienen ihr Brot unter erheblichen Gefahren. Bergleuten zum Bei-spiel droht die Staublunge, Rennfahrern die Leitplanke, Astronauten der Meteoritenschwarm. Komponisten gehören eher zu den Berufsgruppen ohne hohes Risiko. So ein Tondichter ver-dient zwar in der Regel kaum die Butter aufs Brot; dafür sind die Tomaten eines enttäuschten Publikums auch schon die größte Bedrohung, mit der er rechnen muss. Aber halt: Da sind noch die Kritiker! Und die können das Blut eines Komponisten schon in Wallung bringen. So zum Beispiel: "Von der ersten Minute an verblüfft den Hörer in dieser Oper die betont dis-harmonische, chaotische Flut von Tönen. Bruchstücke von Melodien tauchen unter im Ge-polter, Geprassel und Gekreisch. Alles ist primitiv und vulgär". Nun könnte der geschmähte Komponist natürlich reagieren wie Max Reger, der einmal an den Verfasser einer sehr groben Kritik schrieb: "Ich sitze hier im kleinsten Zimmer meines Hauses. Noch habe ich Ihren Arti-kel vor mir". In unserem speziellen Fall wäre diese elegante Replik allerdings wenig ratsam gewesen. Und da beginnt der bedrückende Teil dieses Kalenderblattes.

Zu Beginn des Jahres 1936 besucht ein prominenter Musikliebhaber die Moskauer Oper: Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt unter seinem Revolutionsnamen "Stalin". Er will ein Werk hören, das schon seit zwei Jahren, seit seiner Uraufführung am 22. Januar 1934, mit großem Erfolg überall gespielt wird: "Lady Macbeth von Mzensk" von

Dimitrij Schostakowitsch. Das ist eine dramatische, traurige und obszöne Geschichte voller Vergewaltigung, Mord und Selbstmord, und sie gefällt Stalin gar nicht. Mag sein, dass die Handlung den Diktator zu sehr an die Wirklichkeit erinnert. Denn ähnlich elend wie die Ak-teure auf der Bühne sterben in seinem Staat gerade Abertausende. Die Sowjetunion steckt mitten in einer großen Säuberungswelle. Gereinigt werden der Staatsapparat, die Armee, das Zentralkomitee der Partei, und wer nach Sibirien kommt, kann noch von Glück reden. Die Angst geht um, auch unter den Künstlern. Und nun verlässt Stalin in der Pause das Theater. Zwei Tage später erscheint die vernichtende Kritik in der "Prawda", von Stalin veranlasst, manche meinen sogar: aus seiner eigenen Feder. Schostakowitsch, bis dahin ein gefeierter Künstler, stürzt in die schwärzeste Angst: "Der Artikel in der Prawda trug keine Unterschrift. Das heißt: er verkündete die Meinung der Partei, in Wirklichkeit die Stalins. Alles wandte sich von mir ab. Es gab in dem Artikel einen Satz, aus dem zu entnehmen war, "dies alles könne sehr schlecht enden". Und nun warteten alle auf dieses schlechte Ende."

Schostakowitsch kann dieses Ende vermeiden. Er übt Selbstkritik, passt sich an. Aber er bleibt bis zu seinem Tod ein Zerrissener und Gequälter, eine Figur, wie sie in der Kunst Russlands so oft auftritt. Am Ende der Oper "Lady Macbeth von Mzensk" zieht ein alter sibi-rischer Zwangsarbeiter eine traurige Bilanz: "Ach, wie ist unser Leben so finster, furchtbar und hoffnungslos! Sind wir denn geboren für ein solches Leben?" Es könnten Schostako-witsch´ eigene Worte sein.

Wieland Schmids

zurück