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Musik in der Diktatur - Stalins Friedenstaube geputzt

KÖLN. "Von Musik verstand er natürlich keinen Deut. Aber Wohlklang schätzte er", spottete Dmitrij Schostakowitsch in seinen Memoiren über Stalin. Da war der Diktator längst tot - gestorben am 5. März 1953, am selben Tag wie der Komponist Sergej Prokofjew. Den 50. Jahrestag dieses makabren Datums nahm Vladimir Ashkenazy zum Anlass für einen Konzertzyklus, der in Wien, New York und Köln präsentiert wird.

Der russische Dirigent und Pianist hat die Stalin-Ära selbst noch erlitten, und so ist für ihn "Musik in der Diktatur" keineswegs ein akademisches Projekt, sondern Herzenssache. Das war schon an den ersten beiden Abenden in der Philharmonie zu spüren, die "Echtes" und "Erzwungenes" zusammenführten: einerseits Meisterwerke, die als "formalistisch" gebrandmarkt den Zorn Stalins weckten, andererseits Huldigungswerke, die ihn besänftigten. Und "die - das Allerwichtigste - Prokofjew und Schostakowitsch das Leben retteten", sagte Ashkenazy zur Begrüßung im gut gefüllten Haus, in dem auch zahlreiche junge Besucher diese spannende Geschichts-Lehrstunde verfolgten. Sie führte zu fast schmerzhaften Kontrasten, wenn sich Schostakowitschs 13. Sinfonie an Prokofjews "Auf Friedenswacht" rieb. Ein Oratorium, das pathosdonnernd den jungen Sowjetmenschen aufmarschieren lässt oder Stalin als den "besten Freund der Kinder" rühmt. Die Tschechische Philharmonie in großer Besetzung mit Chor und Kinderchor, dazu Mitglieder des Kölner Oratorienchors nebst Solistin (Charlotte Hellekant): Ein Riesenapparat wird für diese monströse Friedenstaube aufgeboten, die Ashkenazy und sein Orchester gleichwohl glänzend herausputzten und mit ironischem Lächeln garnierten. Über den Sinn solch aufwendiger Aufführungen von Propagandamusik, wie sie auch Prokofjews tonal plätscherndes Kanal-Stück "Die Begegnung von Wolga und Don" darstellt, lässt sich diskutieren. Doch dazu will dieses Projekt ja anregen, das außerdem die Nahtstellen von staatstragendem Pomp und zersetzender Ironie abtastet.

In diesem Spannungsfeld operiert Prokofjews 6. Sinfonie, meisterlich von den Gästen aus Prag präsentiert. Mit Witz und Groteske spielt auch Schostakowitschs "Babi Jar"-Sinfonie, deren Bilder Sergej Leiferkus, ein Bariton bester russischer Tradition, mit Stimmgewalt und bezwingender Präsenz in scharf konturierte Tableaus verwandelte.

Ein Höhepunkt, dem das Publikum - darunter NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück als Schirmherr - ebenso enthusiastisch applaudierte wie Kabalewskis zweitem Cellokonzert. Mats Lidström, eingesprungen für den erkrankten Steven Isserlis, erwies sich als Glücksfall, weil bestens vertraut mit den grifftechnischen Finessen des Werks. Dafür gab's vom Dirigenten ein paar liebevolle Taktstock-Schläge auf die Griffhand.

Annette Schroeder

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