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Sergei Prokovief - Verschlossene Heimat

Verschlossene Heimat:

Theater, Musik und Tanz 58 MIN 5. März 2003, 21.35 - 22.40 Uhr, VPS 21.35, 1 661 308

Verschlossene Heimat - Prokofjews sowjetisches Tagebuch 1927

ARTE/WDR, Deutschland 1999, 58 Min.
Regie: Oliver Becker
Mit Julian Jurin (Prokofjew), Xenia Rapaport (Lina Prokofjewa)

Nach rund 10-jährigem Exil kehrte Prokofjew erstmals 1927 nach Russland zurück. In der stalinistischen UdSSR bekam auch er bald den staatlichen Terror zu spüren. Der Komponistenverband hatte die Ästhetik des sozialistischen Realismus uneingeschränkt übernommen. Für einen kompromisslosen Komponisten wie Prokofjew war die mit vielen Hoffnungen verbundene Rückkehr in die Heimat der Beginn eines Leidenswegs. Darüber gibt sein gewissenhaft geführtes Tagebuch Auskunft, das erst 1989 aufgefunden wurde und die Grundlage zu diesem Film bildet.

Sergej Prokofjew lebte seit der russischen Revolution über ein Jahrzehnt in Paris, vorübergehend auch in Deutschland, Italien, Japan und Amerika. Seine "Klassische Sinfonie" (1917), die Oper "Die Liebe zu den drei Orangen" (1921), die frühen Sinfonien, Konzerte und Ballettmusiken sind phantasievolle Beispiele eines russisch gefärbten Neoklassizismus.

Oliver Beckers Film beginnt mit der Rückkehr Prokofjews nach Russland und lässt den Komponisten in seine Vergangenheit reisen.

Sergej Prokofjew, geboren am 23. (11.) April 1891 in Sonzovka/Donezbecken als Sohn eines Gutsverwalters und einer Klavierlehrerin, erhielt von der Mutter den ersten Musikunterricht und komponierte seit dem 6. Lebensjahr.

Opern- und Ballettbesuche in Moskau um die Jahrhundertwende regten ihn zu eigenen Opernversuchen an. 1902-03 unterrichtete ihn Reinhold Glière in Sonzovka. Im September 1904 trat er ins St. Petersburger Konservatorium ein (Komposition: Anatol Ljadov; Instrumentation: Nikolaj Rimskij-Korsakov und Joseph Wihtol; Klavier: Anna Esipova. Abschluß des Studiums 1914 mit dem Rubinstein-Preis; Dirigieren: Nikolaj Cerepnin). Anregend wirkte auf ihn die Freundschaft mit den älteren, fortschrittlichen Mitstudenten Nikolaj Mjaskovskij und Boris Asafjew.

Seit 1908 zog es Prokofjew zu Sergej Djagilevs Zirkel "Welt der Kunst", der die avancierteste Musik pflegte (z.B. R. Strauss, Reger, Debussy, Skrjabin, Stravinskij). Er trat dort als Pianist mit eigenen Werken auf, machte aber auch Schönbergs Klavaierstücke op.11 bekannt. Aus der Freundschaft mit dem symbolistischen Dichter Konstantin Bal'mont resultierten etliche Werke nach dessen Texten. Sein 2. Klavierkonzert, das er im August 1913 vorstellte, trug ihm das Stigma eines "Futuristen" ein (zu denen sich Prokofjew selbst jedoch nicht rechnete).

Eine Reise nach London im Jahr 1914 brachte ihm die Begegnung mit dem Russischen Ballett Djagilevs und den Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit, aus der die Ballette Ala und Lolli (1914), Der Narr (1915/20), Der stählerne Schritt (1925) und Der verlorene Sohn (1928) hervorgingen.

Zur Zeit der Oktober-Revolution war Prokofjew bereits so renommiert, dass man ihm im April 1918 eine "Prokofjew-Woche" ausrichtete. Gleichwohl verließ er am 1. Mai das Land und reiste über Japan in die USA, wo er konzertierte und die Oper Die Liebe zu den drei Orangen (1919) schuf, die seinen Weltruf begründete.

Von April 1920 bis Juni 1933 lebte er vornehmlich in Paris in regem Kontakt mit der dortigen Musikszene, unternahm aber von da aus zahlreiche Reisen in die USA, lebte zwischendurch, vom Frühjahr 1922 bis Herbst 1923, auch im bayrischen Ettal, wo er vornehmlich an der Oper Der feurige Engel (nach Valerij Brjusov, 1919/27) arbeitete.

Reisen in die Sowjetunion, die er seit 1927 unternahm, bereiteten seine Rückkehr in die Heimat im Juni 1933 vor. Er stellte von da an seine Musik entschieden in die russische Tradition und in den Dienst des Sowjetstaats. 1934 wurde er Kompositionslehrer am Moskauer Konservatorium; Aram Chacaturjan und Tichon Chrennikov zählen zu seinen Schülern. 1939-41 war er stellvertretender Vorsitzender des Moskauer Komponistenverbands.

Dem Vorwurf des "Formalismus", der ihn (und andere prominente Komponisten) 1948 seitens der Partei traf, stellte er sich reumütig; mit späteren Werken erntete er den Stalin-Preis. Prokofjew, der schon seit dem Krieg aus gesundheitlichen Gründen zurückgezogen gelebt hatte, vorzugsweise im ländlichen Nikolina Gora, starb in Moskau am 5. März 1953, am gleichen Tag wie Josef Stalin.

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