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Am Mittelmeer - Zwischen Wasser und Wüste, Mit Gamal al-Ghitani von Alexandria nach Kairo

Ein Film von Sybil Wagener

Dort, wo einst die größte Bibliothek der antiken Welt stand, am Hafen von Alexandria, sitzt der große ägyptische Schriftsteller Gamal al-Ghitani am Wasser und schaut über das Meer: nach dem Westen, wo es wenig Kenntnis gibt vom Leben in muslimischer Tradition. Dennoch, meint al-Ghitani, sei es eine große und wichtige Chance, den Kulturraum des Mittelmeers als geistiges Zentrum zu begreifen, als Ort der Versöhnung und des Friedens. Zwischen westlicher und orientalischer Kulturtradition zu vermitteln ist für Gamal al-Ghitani tägliches Brot, denn in dem von ihm herausgegebenen Kulturmagazin "Akbar al-Adab" versucht er dem Westen ein Fenster offen zu halten - was freilich in einer Zeit, in der die islamische und die christliche Welt einen Konfrontationskurs steuern, besonders schwierig ist. Historisch denkende Intellektuelle wie Gamal al-Ghitani empfinden das Mittelmeer nicht als Graben, der Orient und Okzident trennt, sondern als Chance für einen nachbarschaftlichen Austausch, wie er über Jahrtausende stattgefunden hat. Die Hafenstadt Alexandria repräsentiert heute wieder die Einbindung Ägyptens in diesen Kulturraum. Die legendäre Bibliothek, die in der Antike die griechisch-römisch-orientalische Einheit symbolisiert hat und 48 n. Chr. abbrannte, ist in moderner Form wiedererstanden. Unter einer übers Meer leuchtenden gigantischen Scheibe, die einen tief im Meeresboden verankerten Hohlraum bedeckt, soll hier bald wieder die gesamte Weltliteratur zur Verfügung stehen. Gamal al-Ghitani wurde 1945 in einem Dorf in Oberägypten geboren und ist in Kairo, wohin seine Eltern bald nach seiner Geburt zogen, aufgewachsen. Die Familie lebte in Al-Gamaliya, einem pittoresken Viertel Alt-Kairos, direkt neben dem Basar, wo Sackgassen einen fast autarken Lebensraum voller Handwerksläden und kleiner Cafés bilden. In "Der safranische Fluch" von 1976 beschreibt al-Ghitani eine fiktive "Safran-Allee" der frühen fünfziger Jahre, eine von den kleinen Dramen des Alltags leidenschaftlich bewegte Nachbarschaft. 1966 wurde Gamal al-Ghitani wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer verbotenen marxistischen Organisation verhaftet und erlebte Einzelhaft und Folter. Diese traumatische Erfahrung hat er in dem Roman "Seini Barakat" - veröffentlicht 1975 in Damaskus - verarbeitet. Dieses Buch gilt heute als eines der bedeutendsten arabischen Werke der Moderne. In "Das Buch der Schicksale", seinem letzten ins Deutsche übersetzten Werk - erschienen 2000 - schildert er Lebensläufe aus dem Nachkriegs-Kairo, die in der Regel tragisch enden, weil Menschen, die in tradierten Wertvorstellungen erzogen sind, sich dem Einfluss des Westens allzu naiv ausliefern. Als Journalist stellt sich Gamal al-Ghitani der Moderne, als Schriftsteller geht er immer mehr zu ihr auf Distanz, indem er sich der Tradition zuwendet und einen Bogen vom Totenkult der Pharaonen zum Sufismus schlägt.

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