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Terra X - Im Schatten der Pharaonen, Sensationen in Ägyptens Wüste 2001

Ein Film von ...

Im Sommer 1999 sorgt ein spektakulärer Fund für weltweite Schlagzeilen. In der kleinen Oase Baharija etwa 400 Kilometer südwestlich von Kairo sind ägyptische Archäologen auf einen riesigen Friedhof aus griechisch-römischer Zeit gestoßen. Woher kam der Reichtum in den Gräbern? Gab es Schmugglerrouten durchs große Sandmeer? War die westliche Wüste ein Schauplatz illegaler Geschäfte?

Die Entdeckung

Hinter den majestätischen Monumenten der Pharaonen am Rande des Grünstreifens am Nil beginnt die Todeszone. Dort sind jedoch Zeugnisse einer blühenden Zivilisation, Grabanlagen mit Jahrtausende alten Skeletten, prächtige Mumien und rätselhafte Tempel aufgetaucht.

Das Niemandsland des Seth
In der Wüste lag das Tor zum Jenseits. In dieser Einöde regierte Seth, der Gott des Chaos und des Unfriedens, der seinen Bruder Osiris ermordet hatte. Horus hatte das Verbrechen gerächt und dem Frevler die Hoden abgeschnitten. Der Unfruchtbare fand in der Gluthölle seine neue Heimat. Wer ihn herausforderte, bezahlte die Kühnheit mit dem Leben, heißt es. Wie die 50.000 Soldaten des stolzen Perserkönigs Kambyses, die vor 2.500 Jahren spurlos im endlosen Sandmeer verschwanden.

Weißer Fleck auf der Landkarte
Bis heute erzählen sich die Beduinen, dass im "schönen Westen" giftige Schlangen die Gräber bewachen. Nicht einmal gierige Grabräuber wagten sich ins Land der weißen Felsen, um verborgene Schätze an sich zu reißen. So blieben die antiken Stätten in der kargen Wildnis bis in die Gegenwart verschont. Die grünen Zonen der westlichen Wüste glorifizierte Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, als "Inseln der Seligen". Sie sind nicht etwa kleine Paradiese, sondern viele Quadratkilometer große Gebiete mit Hauptstadt und riesigen Ackerflächen. Früher hielten nur Karawanen die Verbindung zwischen den weit entfernten Orten aufrecht. Bis in die Neuzeit war das Niemandsland ein weißer Fleck auf der Landkarte. Erst 1874 versuchte Gerhard Rohlfs mit Kreiselkompass und 500 Wassertanks in die Westwüste vorzudringen. Aber der deutsche Geograph scheiterte. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte der Ungar Laszlo Almaszy. Hollywoods Spielfilm "Der englische Patient" machte ihn über Nacht populär.

Eine sensationelle Entdeckung
Die antiken Stätten, die Almaszy vergeblich suchte, fand jetzt Zahi Hawass. Wie viele Sensationsfunde in Ägypten begann auch der jüngste Coup mit einer Legende. In der Oase Baharija, 400 Kilometer von Kairo entfernt war am späten Nachmittag des 1. März 1996 Abdul Maugud, der Wächter des nahe gelegenen Alexandertempels, auf dem Weg in sein Heimatdorf. Sein Esel kannte die Strecke wie im Schlaf. Plötzlich brach das Tier aus und schlug eine völlig andere Richtung ein. Der störrische Geselle ließ sich nicht zügeln. Auf einmal stolperte der Esel in ein merkwürdiges Loch. In Windeseile markierte der Wächter den Ort. Die kleine Geschichte löste eine der aufregendsten archäologischen Grabungen der Gegenwart aus. Chefarchäologe Dr. Zahi Hawass, der Experte aus Kairo, witterte eine Sensation.

Totenprunk
Eine unterirdische Nekropole mit verwinkelten Gängen und unzähligen Kammern tat sich Hawass auf. Schmale Einzelgräber wechseln mit Räumen, in denen viele gemeinsam bestattet sind. Dicht an dicht liegen bandagierte Körper in unterschiedlichem Erhaltungszustand. Einige tragen Masken mit ausdrucksvollen Augen aus Glas und Obsidian, andere sind schon fast zerfallen. Und dann endlich golden schimmernde Masken. Offensichtlich ist die unterirdische Anlage von Plünderern verschont geblieben. Ein seltener Glücksfall für die Wissenschaft, ähnlich wie der Jahrhundertfund des Briten Howard Carter und seines Geldgebers Lord Carnavon. Sie öffneten im Frühjahr 1923 das unversehrte Grab von Tutenchamun. Inzwischen rühmen Fachleute die Schätze von Baharija als sensationellste Entdeckung seit Tutenchamun. Nach Probegrabungen fiel im März 1999 der Startschuss für die erste Kampagne.

500 Jahre auf sechs Quadratkilometern
Nie zuvor fanden Archäologen so viele unberührte Mumien auf einen Schlag. Zehntausend sollen es sein. Doch das ist bisher reine Spekulation, denn noch stehen die Forscher am Anfang der gigantischen Aufgabe. Die riesige Nekropole stammt aus griechisch-römischer Zeit. Etwa sechs Quadratkilometer, so schätzt Hawass, umfasst das ausgedehnte Fundfeld. Zwischen 300 vor und 200 nach Christus bestatteten die Menschen von Baharija dort ihre Toten. Einige der Mumien präsentieren sich kunstvoll bandagiert. Andere sind einfach nur in Leinen gehüllt. Die schönsten tragen bemalte oder vergoldete Stuckmasken. Die Ausstattung liefert wichtige Hinweise auf die Herkunft der Toten. Goldene Brustplatten zum Beispiel konnten sich nur reiche Familien leisten.

Das Rezept für die Ewigkeit

Die Einbalsamierung der Toten war eine lange geheimgehaltene Kunst im Alten Ägypten.

Reise in die Unterwelt
Der altägyptische Balsamierungskult war eine Zufallsentdeckung. Von der Natur lernten die Priester, Körper für die Ewigkeit perfekt zu konservieren. Denn die Kombination von heißem Sand und trockener Luft stoppt den Verwesungsprozess. In archaischer Zeit hüllten die Hinterbliebenen den Leichnam in eine Tierhaut. Erst später kamen Baumwolltücher in Mode. Harze, Öle, Erdpech und viel Natronsalz waren das Erfolgsrezept für die Ewigkeit. Die Leiche wurde gewaschen, das Gehirn mit einem Haken entfernt und die inneren Organe entnommen. Der Arbeitstisch war geneigt und besaß eine Rinne, damit die Körpersäfte abfließen konnten. Doch die wenigen Zeugnisse, ägyptische Texte und Grabbilder, überliefern nur ungenaue Angaben. Wollte man das Handwerk geheim halten? Oder war es einfach zu alltäglich? So blieb die Mumifizierung lange eines der großen Mysterien Ägyptens.

Unter dem Schutz des Anubis
Wenn ein Mensch das Leben aushaucht, verlässt ihn Ba, die Seele, in Gestalt eines Vogels. Aber der Tod markiert nur ein Übergangsstadium. Denn die Himmelsgöttin Nut, die in ewigem Rhythmus jeden Abend die Sonne verschluckt und morgens wieder gebiert, garantiert ein neues Dasein im Jenseits. Nachts reist Ba auf der Barke des Sonnengottes durch die Unterwelt, tagsüber kehrt er in den Körper zurück. Die Trauernden schützten die Grube mit Steinen vor Aasfressern wie Schakalen und streunenden Hunden. Vielleicht erhoben die alten Ägypter den Schakal deshalb zum Totengott Anubis, damit er die Verstorbenen fortan bewache, statt sie zu fressen. Ein geschickter Schachzug der Religion. Der Reise in die andere Welt stand nun nichts mehr im Wege. Die natürliche Mumifizierung des Körpers setzte ein.

Die Konservierung
Meister der Zunft war der Vorlesepriester, der die Maske des Anubis trug. Anubis kannte das Geheimnis der Balsamierung. Zu ihm brachte einst Isis ihren toten Gatten Osiris. Sein Bruder Seth hatte ihn ermordet und in Stücke gehackt. Anubis fügte den Zerstückelten mit Leinenbinden wieder zusammen. So entstand die erste Mumie. Schließlich erweckten magische Formeln Osiris zu neuem Leben. Die Menschen wollten ihm nacheifern. Anfänglich durften sich nur der Pharao und wenige Auserwählte mumifizieren lassen. In der Spätzeit konnte sich jeder das Ticket ins Jenseits kaufen. Die 70tägige Prozedur von der Entfernung des Gehirns bis zur Austrocknung des Körpers durch Natron beschrieb als erster der Grieche Herodot. Für die inneren Organe standen Krüge mit den Gesichtszügen der Horus-Söhne bereit. Seit der Zeitenwende ging die hohe Kunst der Konservierung allmählich verloren. Nicht mehr die fachgerechte Aufbereitung des Leichnams, sondern augenfälliges Design bestimmten den Totenkult. Denn prächtige Verpackung zählte mehr als religiöse Überzeugung. Glänzendes Gold, das einst allein dem Pharao gebührte, stand jetzt jedem zu. Im Laufe der Jahrhunderte kristallisierte sich ein besonderer Stil heraus, der vor allem in der Oase Fayum populär wurde - das individuelle Portrait des Toten.

Mister X
Der neue Liebling der Wissenschaftler von Kairo ist kein Star der Geschichte, aber ein Prototyp kunstvoller Bandagetechnik. Sein Name: Mister X. Er wurde zwischen 35 und 40 Jahre alt. Aber man konnte überhaupt keine Krankheiten feststellen. Woran starb er also? Das Röntgenbild von Mister X zeigt, dass sein Skelett weder Deformierungen noch Brüche oder Verletzungen aufweist. Wahrscheinlich litt er unter heftigen Zahnschmerzen. Backenzähne fehlen, im Oberkiefer stecken Wurzelreste. Vielleicht war ein Abszess die Todesursache. Weiteren Aufschluss könnte die DNA-Analyse bringen. Die Untersuchung des Erbguts ist ein hoch komplizierter Prozess. Aus Zahn-, Knochen- oder Gewebesubstanz gewinnen die Forscher Informationen über eine längst vergangene Existenz. Ob Alter, Krankheiten, verwandtschaftliche Beziehungen oder die Vermischung von Völkern - die DNA gibt Auskunft. Welche Geheimnisse die Bausteine von Mister X offenbaren, wird erst die Zukunft weisen.

High Society

Ägypter und Römer schrieben dem Wein magische Kräfte zu. Das edle Nass war in der Oase Baharija der Verkaufsschlager und sorgte für Reichtum.

Das Grab des Bannantiu
Natürliche Quellen und künstlich angelegte Brunnen lieferten dem "kleinen Wüstenparadies" ausreichend Wasser. Die üppigen Malereien im Grab des Kaufmanns Bannantiu verraten den Reichtum der Weinhändler. Der Weinexporteur lebte im 6. Jahrhundert vor Christus und gehörte zur lokalen Prominenz. Der Gott Bes war der Hüter der Reben. Er war in der nördlichen Oase besonders populär. Ihm zu Ehren errichteten die Bewohner von damals einen eigenen Tempel. Wie viele Götter Ägyptens übernahm auch der dickbäuchige Bes mehrere Aufgaben. Er wehrte Dämonen ab, stand Schwangeren zur Seite und bewachte ausgelassene Gelage.

Süße Tropfen
In römischer Zeit erlebte Baharija einen gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Herren vom Tiber residierten in der Garnison El Haiz. Die Langeweile in der stillen Wüste vertrieben sie sich mit rauschenden Festen. In der Kelterei wurde die Traubenernte in großen Becken eingestampft. Über den abschüssigen Boden floss der Most durch ein Loch in den nächsten Raum zum Vergären. Mit allen Tricks schönte dann der Küfer den Wein. Die Winzer bauten unterschiedliche Rebsorten an. Die feinsten Tropfen lieferten sie an die trinkfeste High Society. Der einfache Landwein blieb für die Bevölkerung. Der Verkaufsschlager von Baharija war süßer Dattelwein. Ihn und andere Weine lieferten die Bauern in großen Mengen ins Niltal. Jahrgang, Qualität und Rebsorte hielten sie auf Tonscherben, den ersten Etiketten der Geschichte, fest.

Im Rausch bei den Göttern
Nicht nur die Einheimischen, sondern auch die Römer schrieben der wohlschmeckenden Flüssigkeit magische Kräfte zu. Bilder von Rebstöcken durften auch in ihren Gräbern nicht fehlen. Sich hemmungslos zu betrinken, geschah im Altertum vor den Augen der Götter und mit ihrem ausdrücklichen Segen. Dann fühlten sich die Zecher den Überirdischen nah. Osiris selbst soll es gewesen sein, der als erster aus der Traube den Alkohol herstellte. "Gebt mir achtzehn Becher Wein, denn ich will trunken werden", heißt es in einer Inschrift.

Ein Tempel für einen Weltherrscher
Doch nicht nur der Wein hat Baharija in der Antike weltberühmt gemacht. Der Alexandertempel im Westen der Oase ist das einzige Heiligtum in ganz Ägypten, das dem Welteroberer geweiht ist. War der Feldherr selbst der Auftraggeber? Ein fast verwittertes Relief zeigt ihn als Pharao, der dem Staatsgott Amun opfert. Machte der Makedone nach seiner Krönung in Baharija Station? Zahi Hawass ist überzeugt davon. Er glaubt, die Weihestätte und das Tal der Mumien stehen in enger Verbindung zueinander. Tatsächlich liegt die Nekropole in exakter Ausrichtung zum Tempel. Hinterließ
Alexander den Bau als Wahrzeichen seiner Macht? Wollte er den Wüstenbewohnern signalisieren, dass er der neue Herr über die Handelsrouten war? Die Karawanenstraßen führten bis ins Innere Afrikas. Im Auftrag der Pharaonen brachten Kaufleute Luxusgüter und Bodenschätze über viele Tausend Kilometer an den Nil. Die Oasen Siwa, Baharija, Farafra, Dachla und Kharga waren wichtige Stationen auf dem langen Weg. Für die Herrscher waren die Grünzonen zu allen Zeiten Vorposten des Reiches und Bollwerke gegen Feinde aus dem Westen. Neben Wein lieferten die Kraftwerke der Natur den begehrten Weizen. Die Römer beuteten die gigantische Kornkammer erbarmungslos aus.

Der Tempel des Nero
Der Tempel Deir el Haggar, der 1995 entdeckt wurde, ist ein Glücksfall für die Wissenschaft. Einst säumten bemalte Säulen und geflügelte Sphingen die lange Prozessionsstraße zum Heiligen Bezirk. Lange Zeit lag die stattliche Anlage aus dem 1. Jahrhundert nach Christus unter einer Wanderdüne begraben. Deir el-Haggar, das "Steinkloster", wurde zwar zu einer Zeit errichtet, als Ägyptens Prunk und Herrlichkeit längst vergangen und das Land römische Provinz war, die Ausstrahlung der ägyptischen Kultur und Religion hielt sich jedoch ungebrochen. Kaiser Nero, der Erbauer des Tempels, ließ sich auf einer Wand als Pharao verewigen. Nach Einschätzung der Experten nutzten die Menschen das Steinkloster nur saisonal - wie eine Pilgerstätte. Am Boden des Sanktuars, an Tempeltoren und Säulen stießen die Forscher auf eine mysteriöse dunkle Masse. Chemische Untersuchungen stellten Harze und pflanzliche Öle fest, einmalige Beweise des Kultbetriebes in Deir el-Haggar. Bei Prozessionen verschütteten die Priester Unmengen von duftendem Öl. So wollten sie den Weg von bösen Geistern reinhalten.

Geisterstadt
Ein weiterer Schatz inmitten des Glutofens sind die Ruinen von Kellis. Etwa sieben Jahrhunderte lang war der sagenumwobene Ort ein bedeutender Umschlagplatz, an dem jede Epoche eindrucksvolle Zeugnisse hinterließ. Die Wissenschaftler erwarten Objekte der Spitzenklasse. Die Wohnhäuser von Kellis sind aus Lehmziegeln gebaut und mit Gips verkleidet und bemalt. Im "Haus des Buchmachers" fand man Nischen mit Regalen. Darin standen einzigartige Bücher mit Seiten aus Holz, Kaufverträge, politische und philosophische Texte, Zeugnisse einer multikulturellen Gesellschaft. Ein Tempel aus römischer Zeit war dem mächtigen Tutu geweiht. Meist als Sphinx dargestellt, gehörte er zu den Favoriten im damaligen Ägypten. Ebenso wie seine schöne Gemahlin Tapshais. Ihre wohlgestaltete Statuette kam bei einer der letzten Grabungen ans Tageslicht.

Verbannung in die Wüste
Ein Kleinod für Kirchenhistoriker und Archäologen ist das älteste christliche Gotteshaus Ägyptens. Funde bestätigen, dass dort bereits um 300 eine wohlhabende Gemeinde existierte. Später zögerte die Kirche nicht, ihre unliebsamen Brüder in die Wüste zu schicken. Wer gegen die offizielle Glaubenslehre verstieß, wurde als Ketzer gebrandmarkt und in die ägyptischen Oasen verbannt. Dieses Schicksal ereilte zum Beispiel die frühen Theologen Athanasius und Nestorius. Die fernen Inseln im Sandozean blickten damals schon auf eine lange Karriere als Abschiebeorte zurück. Wie setzte sich die Bevölkerung damals zusammen? Mumienmasken und Totenporträts mit individuellen Zügen liefern Hinweise auf dunkelhäutige Nubier aus dem Süden, auf Menschen römischer Herkunft mit heller Haut und blauen Augen, auf Griechinnen und Griechen mit typischer Haartracht. Reiche Kaufleute aus Persien, bärtige Syrer und andere Fremdländer mischten sich unter die ägyptischen Einwohner. Ein bunt gewürfelter Haufen, Beamte und Soldaten, Händler und Schmuggler, Abenteurer und Kriminelle, prägte das Bild in der Spätzeit. Zur Zeit der Pharaonen zog niemand freiwillig dorthin. Die Wüste war im besten Fall ein Zufluchtsort.

Ein archäologischer Schatz
Das malerische Qasr war im Mittelalter die Hauptstadt der Oase Dachla. Heute ist es fast ausgestorben, denn bis hierhin drang die Moderne noch nicht vor. Enge Gassen schlängeln sich zwischen den hohen Lehmmauern der Häuser. Seit die Römer den Olivenanbau einführten, liefen in Dachla die Ölpressen auf Hochtouren. Eine Ära des Wohlstands brach an, denn die kostbare Flüssigkeit zählte bald zu den wichtigsten Handelsgütern. Damals wie heute flechten die Frauen Palmblätter zu Körben und Matten. Auch die Produktion von Lehmziegeln ist ein Jahrtausende altes Handwerk. Das billige Baumaterial kann jeder selbst herstellen. Im Alten Ägypten überließen die Einheimischen den wenig attraktiven Job am liebsten nubischen Leibeigenen. Die Töpfer aus Dachla fertigen noch heute exakt die gleichen Wasserkrüge wie vor 3.000 Jahren.

Heiße Ware

Kostbare Güter wurden hinter dem Rücken der Pharaonen außer Landes geschafft, so vermuten Wissenschaftler. So wurde das ägyptische Reich entscheidend geschwächt.

Die Mafia des Altertums
Ab und an gibt der feine Flugsand seine Beute wieder frei, etwa die imposanten Beamtengräber im Osten von Dachla wie das majestätische Grab des Ima Pepi. Er lenkte vor 4.000 Jahren die Geschicke des Außenpostens in der Einöde. Ausstattung und Größe der Privatanlage stehen in keinem Verhältnis zu Amt und Würde eines Gouverneurs. Mit seiner Gemahlin residierte er in einem Palast wie ein Kleinkönig - fernab vom Pharao. Am Ende der 6. Dynastie stand sein Domizil in Flammen. Was war geschehen? Ein Aufstand? Ein Überfall? Oder eine Strafaktion im Auftrag des Herrschers? Deutliche Spuren des Feuers brannten sich für immer in den Boden. Verglühte Säulen, umgestürzte Türen - für die Forscher ein absolutes Highlight aus dem Alten Reich. In ihren Köpfen spukt schon lange eine abenteuerliche Theorie. Sie glauben, die westliche Wüste war ein Eldorado des organisierten Verbrechens. Die Statthalter arbeiteten mit Schieberbanden zusammen und wirtschafteten in die eigene Tasche. Privathandel jedoch war strengstens untersagt. Der Pharao hielt das Monopol über den gesamten Warenverkehr aus dem In- und Ausland. Er bestimmte die Zölle und erhob Steuern.

Handel für die Pracht am Hofe
Die uralte Handelsroute aus Schwarzafrika, die legendäre Straße der vierzig Tage, lief über die äußere Oase Kharga bis nach Assiut. Von dort gingen die Waren, Luxusartikel für den Königshof und Exportgüter für die Mittelmeerländer, per Schiff auf dem Nil in die Hauptstadt. Unter unsäglichen Strapazen zogen die Karawanen schwer bepackt durch Hitze und Kälte. Straußenfedern, Elfenbein und Leopardenfelle, vor allem aber nubisches Gold, standen hoch im Kurs. Die machthungrigen Gottkönige schreckten nicht einmal vor Sklavenhandel zurück. Für ihre Prachtentfaltung beuteten sie die kleinen Länder gnadenlos aus.

Schmuggel duch die Hölle
Illegale Geschäfte konnten die Herrscher nicht dulden. Auf dem offiziellen Transportnetz hatten die Betrüger also kaum eine Chance. Doch Not macht erfinderisch. Die Glücksritter der Wüste suchten im mörderischen Glutofen nach Ausweichrouten. Gefährliche Strecken, aber äußerst lukrativ. Tobte im Sandmeer der Kampf um die Verteilung des Reichtums? Vorstellbar, denn der lange Arm des Gesetzes reichte nicht bis in die entlegene Region. Für dunkle Gestalten gab es tausend Wege, ihr kriminelles Gewerbe auszuüben. Die Pharaonen wussten genau um die verbotenen Transaktionen in der Wüste. Sie besetzten die offiziellen Ämter dort nur noch mit engen Verwandten - meist ohne Erfolg. Erst den Römern gelang es, dem Schwarzhandel den Riegel vorzuschieben. Die Besatzer herrschten mit harter Hand.

Spuren der Schmuggler
Bei Abu Ballas, etwa 200 Kilometer südwestlich von Dachla, haben Wissenschaftler ein Kruglager gefunden. Sie sind sicher, diese Raststation und andere haben Schmuggler angelegt, um nicht auf der mörderischen Tour zwischen dem Inneren Afrikas und der Mittelmeerküste elendiglich zu verdursten. Ein sensationeller Fund aus jüngster Zeit ist der Schatz von Douche. Er schürte die wilden Spekulationen um Diebesbanden und geheime Handelswege. Französische Archäologen brachten den Goldschatz ans Licht: Schmuck, Votivbilder, Münzen und selbst Schuhe aus glänzendem Gold. Vermutlich datieren die Gegenstände in die hellenistische Epoche. Stimmen die Thesen der Wissenschaftler, hielten nicht arme Bauern und brave Händler im Auftrag des Königs, sondern ausgebuffte Schmuggler und korrupte Beamte die Fäden in der Hand. Vielleicht haben die Piraten im Sandmeer so zum Untergang der Pharaonen beigetragen.

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