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Weltspiegel - Wiederkehr des Schleiers

Ein Bericht von Walter Brähler, Deutschland 2004

Beim Basketball treffen wir Rana und ihre Schwester Dina - mit Kopftuch. Rana Tarek, Studentin der Computerwissenschaften: "Ich mag Basketball, vor allem weil mir das hilft, schlank zu sein und meine Figur zu behalten. Außerdem sind wir alle zusammen und lernen gemeinsam zu spielen."

Wir begleiten die beiden mit einer Freundin in ein Modegeschäft. Für sie ist das Kopftuch zwar ein religiöses Gebot, aber auch ein modisches Accessoir. Obwohl sie schon viele haben, es können gar nicht genug sein. Eigentlich wollten sie ja nur bummeln, aber dann begeistert sich Dina für einen Schal. Sie fragt zuhause nach. Schließlich steht Bairam bevor, das höchste islamische Fest. Doch die Mutter sagt Nein und Dina bleibt nur, ihre Enttäuschung zu überspielen.

Seit es unter Studentinnen populär geworden ist, Kopftücher zu tragen, boomt das Angebot an modischen Artikeln. Ihr Interesse an attraktiver Kleidung hat allerdings Grenzen. "Eine Frau muß man respektieren können", meint Dina Tarek, Studentin der Pharmakologie. "Ihre Kleidung kann zwar vielfältig und bunt, aber sie darf nicht offenherzig sein". "Viele tragen jetzt das Kopftuch", ergänzt Rana Tarek, "wir sind in der Mehrzahl. Das gibt uns noch mehr Selbstvertrauen und mehr Freiheiten, zu tun, was wir wollen."

Frauen ohne Kopftuch sind mittlerweile im Straßenbild von Kairo eine Minderheit, nicht nur heute an Bairam, dem höchsten Festtag. Kaum eine Frau kann sich dem Trend entziehen.

Kopftuch und weite Kleidung haben einen einzigen Zweck: Eine Frau soll für Männer nicht attraktiv sein - außerhalb der Familie. Kaum Spielraum für attraktive Mode. Wir fragen einen islamischen Gelehrten. Sheikh Gamal Kotb, Gelehrter der Al Azhar Universität. "Wenn es ihr nur um Schönheit und Attraktivität geht, dann ist das Kopftuch nicht mehr Ausdruck der Religiosität und es ist genauso, als würde sie kein Kopftuch tragen. Dafür wird sie im Jenseits bestraft werden."

Wir sind verabredet mit Mona Kouraschi. Als sie in den 60er Jahren studierte, haben sich die gebildeten Frauen vom Kopftuch distanziert. Heute hilft sie armen Familien, die noch immer unter den Folgen des Erdbebens von 1992 leiden mit einer eigenen Stiftung. Die Frauen bekommen nicht nur Lebensmittel, sie lernen auch lesen und schreiben. Für diese Frauen hat sich die Frage nach dem Kopftuch noch nie gestellt. Es ist ein selbstverständlicher Teil ihrer Kleidung - weniger ein religiöses Bekenntnis als ein Zeichen für ihre traditionelle Lebensweise. Mona Kourashy akzeptiert das, aber auch den neuen Trend zum Kopftuch. "Obīs nun um die islamische Identität geht, obīs um den Glauben geht, jeder ist frei zu tun, wovon er überzeugt ist." Finden Sie das richtig? "Sie sehen doch, dass ich kein Kopftuch trage. Das kann nur bedeuten, dass ich es nicht richtig finde."

Als wir die drei Studentinnen zuhause besuchen, betet die Familie gerade - eines von fünf Gebeten täglich. Sie nehmen ihren Glauben sehr ernst. Anders als viele ungebildete Frauen haben sich Dina, ihre Schwester und ihre Freundin bewusst für das Kopftuch entschieden, weil ihnen der Islam mit seiner familienbezogenen Moral und seinen festen Lebensregeln Halt gibt. Auch eine Reaktion auf die Krise der Familie in den westlichen Gesellschaften wie sie sie tagtäglich durch das Fernsehprogramm und andere Medien mitbekommen. Sie findet, dass die Würde der Frauen in Europa mit der allgegenwärtigen Zurschaustellung sexueller Reize und ihrer Vermarktung verletzt wird. Sie schauen viel fern, oft im Kreis der Familie, zappen quer durch die Kanäle - wie überall. Sie wehren sich gegen europäische Missverständnisse.

"Wir sollten uns nicht über Äußerlichkeiten streiten", so Dina Tarek, Studentin, "wir sind nicht dazu gezwungen worden, wir haben uns selbst für das Kopftuch entschieden, wir sind überzeugt davon. Die Europäer haben keinen Grund auf uns herabzuschauen."

Dina studiert Pharmazie, ihre Freundin Basma Außenhandel, Rana Computerwissenschaften. Sie fühlen sich alles andere als unfrei. Der Islam ist heute nicht mehr nur die Sache alter Männer in den Moscheen, sondern auch die Hoffnung junger gebildeter Frauen, die ihn als Religion zum Schutz von Frau und Familie deuten. So ist das Kopftuch auf neue Art in der städtischen Mittelschicht populär geworden. Einen Dissens gibt es allerdings: Sie sind sehr dagegen, dass ein Mann, wenn auch nur unter bestimmen Umständen, mehrere Frauen haben kann.

Wir besuchen die Redaktion von Islam online, ein kommerzielles Internetportal. Samar beantwortet e-Mails zum Thema Liebe und Sexualität. Eine häufige Frage: Kann ein junger Mann seine Freundin heiraten, wenn er vorher schon intime Beziehungen mit ihr hatte? Kann er ihr dann noch vertrauen? Die klassische Antwort eines Islamgelehrten wäre ein Nein. Samar sieht das anders. "Der Fehler, den die beiden begangen haben" meint Samar Abdousiad, Sozialarbeiterin bei Islam online, "war nicht nur der Fehler des Mädchens, also müssen auch beide die Konsequenzen tragen. Der Mann darf nicht allein der Frau die Schuld daran geben." Viele Moslems bedrückt die rigide Sexualmoral und Frauen plagen Schuldgefühle oft noch Jahre danach. Mona Abdel Fattah Younis vom Sozialressort bei Islam Online hat eine deutsche Mutter; sie sieht nicht nur Vorteile in der Popularität des Islam. "Ein Vorteil davon ist, man ist selbstbewußter, wenn der Islam mit der populären Kultur verbunden ist. Ein Nachteil dabei ist, dass ich glaube, dass die kommende Generation schon nicht mehr sehr islambewusst sein wird."

Unsere drei Studentinnen gehören noch zu der islambewussten jungen Generation. Für sie ist das Kopftuch eine persönliche Entscheidung, die sie immer wieder treffen würden. Denn bisher hat es ihr Selbstbewusstsein gestärkt.

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