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Kennwort Kino: Zwischen Freiheit und Fundamentalismus - Der neue ägyptische Film

Ein Film von Ursula Beyer

"Das Denken hat Flügel, nichts kann es am Fliegen hindern". Die Worte, die der bekannte ägyptische Regisseur Youssuf Chahine seinem Helden in "al-Massir" ("Das Schicksal") in den Mund legt, sind gleichzeitig auch sein politisches Credo: Eine offene und liberale Gesellschaft, fernab von den Fesseln von religiösem Terror und Fanatismus. Während Chahine seine burleske Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus in das Spanien des 12. Jahrhunderts verlegt, farbenfroh und üppig, mit viel Lebensfreude, Sinnes- und Fleischeslust, tritt die neue Generation ägyptischer Filmemacher mit ungeschminktem sozialen und politischen Realismus den Kampf gegen fundamentalistischen Kleingeist an. Allen voran Atef Hatata, der in seinem Film "Closed Doors" ("Verschlossene Türen") mit großem Gespür das Psychogramm einer an die religiösen Eiferer verlorenen Jugend entwirft. Der aufgeklärte Muslim Ahmed Ali erhebt in seinem Film "Girl's Secret" ("Das Geheimnis des Mädchens") für all die Mädchen und Frauen die Stimme, die von ägyptisch-islamistischer Prüderie verstümmelt und beschnitten worden sind. In "The Storm" ("Der Sturm") zeigt Regisseur Khaled Youssuf Gründe auf, die zur antiamerikanischen Stimmung in Ägypten beigetragen haben. Darunter befindet sich nicht zuletzt der Golfkrieg, in dem Ägypten auf Seiten der USA gegen den Irak kämpfte und sich damit in den Augen der Araber in einen Bruderkrieg verstrickte. Der Chahine-Schüler Youssri Nassrallah hat in seinem Spielfilm "el-Medina - Die Stadt", der im Sommer dieses Jahres in Deutschland ins Kino gekommen ist, ebenfalls die Abgrenzung von der westlichen Welt als Teil der Identitätsfindung zum Thema. Sein Held verliert in Frankreich sein Gedächtnis und kehrt ohne Bewusstsein der eigenen Geschichte in seine ägyptische Heimat zurück. Ob religiöser Wahn und Fanatismus, ob Frauenverstümmelung im Namen der Religion, Amerika-Hörigkeit oder die Suche nach sich selbst - die neue Generation ägyptischer Filmemacher ist angetreten, ihrer von sozialen und politischen Problemen geradezu überwältigten Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und ihr die Utopie einer freiheitlich-demokratischen Welt entgegenzustellen.

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