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Sommer der Entdeckungen - Ramses, der unsterbliche Pharao

Ein Film von Renate Beyer

Kein anderer König Ägyptens hat sein Zeitalter so entscheidend geprägt und die Nachwelt derart in Bann geschlagen wie er: Ramses II. mit dem Beinamen "der Große". Sein hohes Alter, eine lange Regierungszeit, die große Schar seiner Nachkommen und der unstillbare Drang zur Selbstdarstellung haben ihn zum Pharao der Superlative gemacht. Als Ramses II. Im August 1213 vor Christus im Alter von neunzig Jahren starb, endete eine glanzvolle und friedliche Epoche. Sechsundsechzig Jahre lenkte er die Geschichte seines Volkes. Als begnadeter Politiker und Diplomat schloss der Herrscher einen Pakt mit den Hethitern, der als erster Friedensvertrag der Welt in die Geschichte einging. In zahllosen Inschriften ließ der König seine Leistungen und Heldentaten feiern. Die zweite Hälfte seines Lebens bestimmte die Religion. Unsterblich wollte er werden. Seinen Weg pflasterte er mit Monumenten wie keiner vor oder nach ihm. Als Bauherr war der Pharao geradezu besessen: Zu seinem und der Götter Ruhm überzog er Ägypten von Norden nach Süden mit gigantischen Tempeln, Kolossalstatuen und gewaltigen Obelisken. Noch heute macht er das Land am Nil reich - durch die Dollar-Milliarden der Touristen. Neue spektakuläre Entdeckungen rücken Ramses II. immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses. Der Archäologe Edgar Pusch machte in jüngster Zeit durch beeindruckende Grabungserfolge von sich reden. Seit vielen Jahren arbeitet der Deutsche im Nildelta, wo der Pharao einst seine prächtige Hauptstadt Pi-Ramesse errichten ließ. Pusch hat den königlichen Marstall, wo einst siebenhundert Pferde standen, freigelegt. War Ramses II. der Pharao des Exodus? Brach er von dieser legendären Streitwagengarnison auf, um Moses und die Israeliten nach ihrem Auszug aus Ägypten zu verfolgen, wie die Bibel erzählt? Der atemberaubendste Fund während der letzten Kampagne waren Teile eines goldenen Fußbodens von riesigem Ausmaß. Welche Funktion hatte diese Pracht? Gehörte er zu einem der gigantischen Tempel des Pharao? Oder schmückte er als dekoratives Element einen bombastischen Palast?

Ramses II - Hintergründe:

Herrschaft über Ägypten als früher Traum
Ramses stammt aus einer Offiziersfamilie, die zur Herrschaft aufgestiegen war. Sein Großvater hatte im Militär Karriere gemacht und die Dynastie gegründet. Sein Vater, Sethos I., die Macht gefestigt. Zunächst ist der Junge nicht der Kronprinz. Erst im Alter von 22 Jahren wird er dazu ernannt. Lange konnte er nur davon träumen, einmal die Herrschaft über Ägypten in Händen zu halten. Und sich dem Falken gleich, dem königlichen Symbol, schützend über das Land am Nil zu erheben.

Höher hinaus als alle anderen
Nach der Thronbesteigung beginnt er sofort, auf vielen Bauwerken die Hieroglyphen seiner Vorgänger auszulöschen. Auch dem riesigen Tempel von Karnak drückt er den Stempel seiner Namenskartuschen auf. Keiner soll seinen Höhenflug bremsen, keiner seinen Machtanspruch aufhalten. Er wollte höher
hinaus als alle anderen. Doch zunächst muss er einen Hohepriester auswählen, der seine Interessen vertritt.

Nebwenenef heißt der Favorit. Ein politisch kluger Schachzug: Ramses ernennt ihn nicht selbst, sondern lässt das Orakel entscheiden. Bei einer feierlichen Prozession wird eine Kandidatenliste vorgelesen. Als der Name Nebwenenef fällt, gibt Gott Amun sein Einverständnis. Auf Nebwenenef kann sich Ramses verlassen. Als oberster Hüter der Religion hat der Hohepriester im Tempel von Karnak eine besondere Machtstellung.

Bald danach beginnt Ramses sein grandioses Bauprogramm. Er vollendet die Prachthalle des Heiligtums - ein Wald aus 134 Säulen, manche 24 Meter hoch. Eine Architektur, die ans Übermenschliche grenzt. Aber damit nicht genug. Von Memphis aus, über eine Strecke von mehr als 1.000 Kilometern, überzieht er das ganze Land mit heiligen Stätten - bis nach Abu Simbel in Nubien, der Goldquelle Ägyptens. Der Tempel im Fels ist eine Demonstration herrschaftlicher Macht.

Beschützer des Landes
Ramses, "Reich an Jahren, Groß an Siegen, Geliebt von Amun", so sein Königstitel ist ein Meister der Selbstdarstellung. Als unbesiegbarer Feldherr und fürsorglicher "Beschützer des Landes" lässt er sich preisen.

Im vierten Regierungsjahr unternimmt er den ersten Kriegszug gegen die Hethiter. Seit Generationen liegt Ägypten mit dem Erzfeind aus dem Norden im Konflikt. Den Kampf gewinnt Ramses. Vom Sieg beflügelt, beschließt er ein Jahr später, den verhassten Gegner endgültig zu vernichten.

Im fünften Regierungsjahr bricht der Pharao in Memphis mit vier Divisionen aus 20.000 Mann auf. Das Rückgrat des Heeres bilden mehrere tausend Streitwagen, wendig und schnell. Nahe der Stadt Kadesch im heutigen Syrien kommt es zu der berühmten Schlacht, die in den Quellen beider Völker ausführlich beschrieben ist.

"Ich besiegte sie alle, ich allein, denn meine Fuß- und Streitwagentruppen hatten mich verlassen." So steht es im Bericht des Pharao. In Wahrheit hatten ihn die Hethiter in eine Falle gelockt. Erst im letzten Augenblick befreien die nachrückenden Truppen ihren Herrscher. Gegen die Übermacht des Feindes bleibt den Ägyptern nur der Rückzug. Als Held, der den Feind im Staub zertritt, rühmt sich der Pharao. In einer beispiellosen Propaganda-Aktion münzt er die unrühmliche Niederlage ins Gegenteil um. Überall im Land lässt er den angeblichen Sieg in Stein schlagen. Die Wände seines Totentempels, des Ramesseums, sind voll davon. Ein Gottkönig durfte keinen Krieg verlieren.

Eingemeißelt in eine Tempelwand von Karnak: der erste Friedensvertrag der Welt. Ramses schließt ihn 1259 vor Christus mit den Hethitern. Später heiratet er eine Tochter ihres Königs. Eine Hochzeit aus Kalkül - zum Wohl seines Landes.

Vorliebe für das Monumentale
Endlich kann sich der Herrscher wieder seiner Vorliebe für das Monumentale widmen. Kolossale Obelisken stehen auf dem Programm. Bis in den Himmel müssen sie reichen. Denn auf ihrer vergoldeten Spitze soll sich der Sonnengott Ra niederlassen. In den Steinbrüchen von Assuan sind die Arbeiter im Dauereinsatz. Mehr als 1.000 Tonnen Granit müssen sie für einen Obelisken aus dem Fels schlagen. Sieben Monate lang hämmerten die Steinmetze im Akkord, um einen vierzig Meter hohen Monolithen herauszuhauen und zu glätten. Wenn die steinerne Nadel den gefährlichen Transport zum Tempel unbeschädigt überstand, wurde sie aufgerichtet und dann erst beschriftet. Ein Wunderwerk zum Ruhm des Pharao, zum Lob der Götter und zur Freude des Volkes.

Im 23. Regierungsjahr geht der große Felsentempel von Abu Simbel allmählich seiner Vollendung entgegen. Hier huldigt sich Rames selbst. Denn die Sonnenscheibe, das Zepter in der Hand des Gottes und die Figur der Göttin Maat bedeuten: "Stark ist die gerechte Ordnung des Ra" - so der Thronname von Ramses. Damit erhebt er sich zum Sonnengott.

Bestimmte Konstellationen der Sterne, so glaubten die alten Ägypter, setzen Kräfte frei, die den Pharao verjüngen und unsterblich machen. Die Architekten waren astronomisch geschult. Kein anderer Bau im Land verbindet die Vorstellung einer kosmischen Ordnung so deutlich mit dem Königtum. In der Tempelhalle von Abu Simbel befindet sich Ramses acht Mal in vollem Herrscherornat. Der Pharao als Garant für eine jährliche Nilüberschwemmung und damit für den Wohlstand des Volkes.

Nefertari - die Geliebte
In Qantir liegen Gegenwart und Vergangenheit dicht beisammen. Vielleicht lauschte an dieser Stelle einst Nefertari der Musik im königlichen Harem. Sie war die bedeutendste unter Ramses' sieben Hauptfrauen. Auf einer Tempelwand verewigt er sie mit den Worten: Nefertari, "um deretwillen die Sonne scheint".

Die schöne Nefertari war seine erste große Liebe, für sie baute er ein einmaliges Monument: den Hathor-Tempel in Abu Simbel - ein Zeugnis seiner großen Liebe.

Zweimal und überlebensgroß steht dort die königliche Gemahlin zwischen den Statuen ihres Gatten. Eine außergewöhnliche Demonstration seiner Wertschätzung. Sie verkörpert Hathor, die Göttin der Liebe und der Musik. In den Händen hält Nefertari das Sistrum, eine Art Rassel, und die Papyrusstaude. An den Pfeilern der Halle Hathor sieht man sie mit ihrer typischen Frisur. Als Höhepunkt wird die Krönung der Nefertari durch die Göttinnen Hathor und Isis gezeigt. Eine Zeremonie, die eigentlich nur einem Pharao zusteht.

Nefertari, die "Schönste von allen", wie ihr Name übersetzt heißt, war offensichtlich die Frau, die Ramses am nächsten stand, das weibliche Pendant des göttlichen Pharao. In blumigen Worten preist er sie als "Fürstin, Herrin des Liebreizes und Sängerin mit schönem Antlitz. Denn alles, was sie sagt, wird für sie gemacht." Stets will er sie bei sich haben. Ihr Ehrenplatz befindet sich zu Füßen der Kolossalstatuen des Gottkönigs, dem Mittler zwischen Himmel und Erde. Nach altägyptischem Glauben garantiert er die staatliche Ordnung und das Wohl der Menschen.

Meritamun - die schöne Tochter
25 Jahre lang stand sie an der Seite des großen Ramses. Dann trennte der Tod das königliche Paar. Nefertari trat den Weg ins Jenseits an. Ramses hat nach Nefertaris Tod die älteste Tochter zur First Lady gemacht. Von da an trug Meritamun den Titel der "Großen Königlichen Gemahlin". Ob er mit ihr auch die Ehe vollzog, darüber sagen die Quellen nichts. Tatsache ist: Die Statue der schönen Ägypterin gehört zu einem der größten Baukomplexe der Ramses-Zeit. Die zwölf Meter hohe Figur wurde restauriert und 1989 wieder aufgestellt. In Bruchstücke ist dagegen das 14 Meter hohe Standbild des Pharao zerfallen. Beide Denkmäler zierten den Eingang zum Heiligtum. Bis das gewaltige Monument zusammengesetzt ist, werden noch Jahre vergehen.

Piramesse, die neue Hauptstadt
1269 vor Christus verlegt Ramses seinen Regierungssitz von Memphis ins
Nildelta. Dort gründet er die neue Hauptstadt Piramesse. Der Hildesheimer Ägyptologe Dr. Edgar Pusch legt seit 1980 immer wieder Fundamente der einzigartigen Residenz frei. Viele Kleinfunde geben Antwort auf das Leben und Wohnen der Menschen im Altertum. Ein Puzzle der Geschichte.

Wo aber liegt der Palast? Wo die Tempel? Die Wohnviertel? Geophysiker aus München fahnden danach mit Hightech. Mit einem Caesium-Magnetometer erforschen sie den Boden. Das hochpräzise Messgerät haben deutsche Konstrukteure eigens für Feldmessungen entwickelt. Die Messbilder übertreffen die kühnsten Träume. Für die Wissenschaftler wird die Lehmziegel-Bebauung der alten Ramses-Stadt in atemberaubender Deutlichkeit sichtbar. Denn an vielen Stellen beginnt die relevante Schicht schon 20 Zentimeter unter dem Ackerland.

Die Füße einer Ramses-Statue, ebenso Säulenreste mit der Namenskartusche des Pharao und weitere Hieroglyphen können jetzt aufgrund der Messungen eindeutig einem Tempel zugeordnet werden. Unter einem Weizenfeld von Qantir liegt er, ein rechteckiger Bau. Die Aufnahmen wirken wie ein Infrarot-Stadtplan der versunkenen Ramses-Stadt, mit Straßen, Gebäuden, Kanälen und sogar einer Hafenmole. Für die Deutung des Messbildes orientiert sich der Forscher an einem altägyptischen Grab-Relief mit der Darstellung eines öffentlichen Gebäudes. Die Abbildung hilft, aus den Messdaten den Grundriss eines gewaltigen Komplexes zu erstellen. Die Wissenschaftler nennen ihn "Auswärtiges Amt". Er bedeckte eine Fläche von mehr als 6000 Quadratmetern. Der Prachtbau ragte einst aus einer weiten Ebene empor.

In Piramesse machte der Archäologe aus Hildesheim vor kurzem einen spektakulären Goldfund, der für Furore sorgte. Zahlreiche Blattgoldvorkommen stärken die Theorie, dass es sich um einen Belag handelt. Ein Fußboden aus Gold - unterbrochen von leuchtenden Farben. Welchen Raum schmückte er? Stammt der prächtige Belag überhaupt aus der Ramses-Zeit? Aus den nubischen Bergwerken kam der größte Teil des edlen Materials - als Tribut an die ägyptischen Besatzer. Geschmolzen wurde das Gold in den Gießereien von Piramesse.

Gold, die Brücke zum Jenseits
Ein unscheinbares Objekt und doch der wichtigste Fund der letzten Grabungskampagne in Qantir ist das Bruchstück einer Namenskartusche von Ramses. Der Archäologe hat es aus der Fläche mit den Goldpartikeln geholt, für ihn die Erfüllung eines Traums. Und entscheidender Beweis, dass der Herrscher den edlen Boden anlegen ließ. Gold war für den König vom Nil, Sohn des Sonnengottes Ra, die Brücke zum Jenseits, wie der Skarabäus ein Schlüssel zur Ewigkeit.

Ramses, der Pharao der Rekorde. Zu Lebzeiten inszenierte er sich selbst - in gigantischen Monumenten. Er wollte unsterblich werden. Das ist ihm gelungen. Selbst nach Jahrtausenden beschert er der Wissenschaft noch Überraschungen. Das Comeback des Gottkönigs dauert an.

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