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Die Stadt als Star

Auf den Spuren von Alfred Hitchcocks Filmklassiker "Vertigo" durch San Francisco

Hier also ist es passiert. James Stewart hatte seinen Wagen vor den alten grauen Mauern von Fort Point geparkt und war um die nördliche Ecke des Forts gelaufen, zum Kai unter den Pfeilern der Golden Gate Bridge. Kim Novak stand auf der Brüstung, fast schwarz vor dem hellen Hintergrund der San Francisco Bay, und schaute selbstvergessen ins Wasser. Dann stürzte sie sich hinein, die Arme weit von sich gestreckt, der weiße Seidenschal flatternd im rasenden Fall.

Seitdem sind mehr als vier Jahrzehnte vergangen. Doch Kim Novaks tragischer Sturz ist nicht in Vergessenheit geraten, denn eine Filmkamera hat ihn aufbewahrt - jene Kamera, mit der im Herbst 1957 die Außenaufnahmen zu Alfred Hitchcocks Vertigo in San Francisco gedreht wurden. Am 4. Oktober, einem wolkigen, windigen Tag, wurde die berühmte Szene gefilmt. Miss Novak selbst musste nur für einen kurzen Moment auf der Ufermauer stehen und eine Hand voll Blütenblätter ins Meer streuen, dann übernahm ein Double die Rolle des Hollywoodstars. Viermal sprang die Stuntfrau von der Mauer in einen darunter aufgespannten Fallschirm, dann war die Einstellung im Kasten. Die Aufnahmen, in denen James Stewart die im Wasser treibende Kim ins Schlepptau nimmt und über eine Treppe zurück ans Ufer trägt, entstanden später in den Paramount-Studios in Los Angeles.

In Wirklichkeit gibt es keine Treppe am Ufer unter der Golden Gate Bridge. Wer sich hier hinabstürzte, fände auch keinen nassen Tod, sondern würde auf einem der Felsen zerschmettert, die den Rand der Bucht von San Francisco säumen. Aber sonst sieht das Ufer bei Fort Point noch genauso aus wie einst in Vertigo. Noch immer liegt das Fort in jenem Schlummer, aus dem es seit seiner Errichtung vor 150 Jahren durch keinen Gewehrschuss gerissen wurde. Drinnen sind alte Kanonen und Uniformen ausgestellt. Ein paar Touristen suchen Schutz vor der Mittagshitze. Die riesige rote Brücke dröhnt von den Erschütterungen der Autos, die nach Marin County oder Richtung Süden in die City fahren.

Die wichtigsten Schauplätze des Films sind heute alle noch vorhanden

Trotz aller Road-Movies und Western ist das Kino ein städtisches Medium. Filme und Städte gehören zusammen. Fast alle Metropolen der Welt haben schon als Hintergrund für Krimis, Liebes- und Kriegsgeschichten gedient, und in einigen Filmen war die Stadt mehr als nur Kulisse. Da ist das Rom von Fellinis Roma und Rossellinis Rom, offene Stadt; das Paris von René Clair und Louis Malle; das New York von Taxi Driver und French Connection. Und da ist das San Francisco von Alfred Hitchcocks Vertigo.

Seit den dreißiger Jahren wurden Dutzende von Filmen in der City auf der Landzunge südlich des Golden Gate gedreht. Nicht wenige von ihnen spielten auf der Gefängnisinsel Alcatraz, nach ihrer Schließung im Jahr 1963 eine vorzügliche Kinokulisse. In den siebziger Jahren machte sich die Fernsehserie Die Straßen von San Francisco das Auf und Ab der Wohnviertel für spektakuläre Verfolgungsfahrten zunutze. Und Paul Verhoeven unterstrich in Basic Instinct (1992) die sexuelle Dämonie seiner von Sharon Stone gespielten Hauptfigur, indem er sie durch die Schwulen- und Lesbenclubs des Mission District ziehen ließ.

Aber kein Film hat die Atmosphäre von San Francisco so genau getroffen wie Hitchcocks Klassiker von 1958. Vertigo scheint die besondere Topographie der Stadt, diesen Wechsel zwischen Hügeln und Schluchten, zwischen Aufstieg und Abstieg geradezu in sich eingesogen zu haben - ein Film über Höhenangst und den Sog der Tiefe, über Betrug und Illusion, über das Sichverirren und Sichverlieren in einer scheinbar geordneten Welt.

Die Handlung beginnt mit einer Verbrecherjagd über den Dächern der Stadt: Zwei Polizisten verfolgen einen Gangster, einer rutscht ab und baumelt an einer Regenrinne über dem Abgrund, der andere will ihm helfen und fällt selbst in die Tiefe. Im Hintergrund sieht man die Bay Bridge, die San Francisco mit Oakland verbindet. Brücken und Türme sind Wahrzeichen der Stadt - und Leitmotive von Vertigo.

Auch die Geschichte, die Hitchcocks Film erzählt, ist schwindelerregend. John "Scottie" Ferguson (James Stewart), der wegen Höhenangst aus dem Polizeidienst ausgeschieden ist, wird von einem alten Schulfreund engagiert, um dessen scheinbar geistig verwirrte Ehefrau Madeleine (Kim Novak) zu beobachten. Er folgt Madeleine auf einer Irrfahrt durch die Stadt und ihre Umgebung, verliebt sich in sie, muss aber hilflos mit ansehen, wie sie vom Glockenturm einer alten Missionskirche in den Tod stürzt. Danach versinkt er in tiefe Traurigkeit, aus der er durch die Begegnung mit dem Ladenmädchen Judy erlöst wird, das der Toten täuschend ähnlich sieht. Scottie macht aus Judy eine zweite Madeleine. Durch Zufall findet er heraus, dass es sich tatsächlich um dieselbe Frau handelt - die Mitwisserin eines raffinierten Verbrechens. Ein zweiter Besuch in der Mission von San Juan Bautista befreit ihn von seiner Höhenangst und seiner Obsession.

Die Szene, in der sich Scottie und Madeleine zum ersten Mal begegnen, spielt in Ernie's Restaurant, einem eleganten, mit roten Samttapeten ausgeschlagenen Speiselokal. Leider ist Ernie's, ebenso wie die meisten der Kaufhäuser und Läden, die man in Vertigo sieht, den Weg vieler Kleinbetriebe gegangen - verkauft, verschwunden, vergessen. Nur das Blumengeschäft Podesta Baldocchi, in dem Madeleine ihre Rosenbouquets auswählt, existiert immer noch, freilich an anderer Stelle als bei Hitchcock. Doch die wichtigsten Schauplätze von Vertigo sind alle noch vorhanden. Indem man sie besucht, folgt man nicht nur dem Weg des Films, sondern auch einer Spur durch die Geschichte der Stadt.

Auf dem Friedhof gibt es kein Grab mit dem Namen Carlotta Valdés

Die Vertigo-Tour beginnt auf Nob Hill, im teuersten Wohnviertel San Franciscos. Hier, im Brocklebank-Apartmenthaus an der Kreuzung von Mason und Sacramento Street, wohnt Madeleine im Film. Gleich gegenüber, im Hotel Fairmont, hausten während der Dreharbeiten die Schauspieler und die Crew, sodass der Weg zum Arbeitsplatz denkbar knapp war. Das zwölfstöckige Brocklebank zeugt, wie viele Häuser in dieser Gegend, von der Blüte in den zwanziger Jahren. Damals lag San Francisco, obgleich durch das Erdbeben von 1906 schwer gebeutelt, noch für kurze Zeit mit Los Angeles gleichauf, bevor es in den Jahren der Depression von der südkalifornischen Metropole abgehängt wurde.

In ihrem silbernen Sportwagen fährt Madeleine, verfolgt von Scottie, in den südlichen Teil der Stadt, zur alten Mission Dolores. Von außen hat sich die Mission, eine der ältesten unter den 21 Niederlassungen, welche die Spanier im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Kalifornien gründeten, seit den Tagen von Vertigo nicht verändert, und auch die kleine Kapelle im Inneren wirkt so düster und muffig wie im Film. Der Friedhof, in dem Scottie Madeleine vor einem alten Grabstein knien sieht, auf dem der Name Carlotta Valdes steht, ist seit damals mehrfach umgestaltet worden, doch der Widerschein des Lichts auf seinen weiß gekalkten Mauern verbreitet noch denselben geisterhaften Schein wie bei Hitchcock. Hier ruhen viele der mexikanischen Granden, die den Straßen der Stadt ihre Namen gaben, zusammen mit jung gestorbenen Siedlern aus der Epoche des Goldrauschs, die auch eine Seuchenzeit war. Zwischen den flachen Steinen steht die Statue des Paters Junipero Serra, der die spanische Kolonisierung leitete. Viele der Toten sind Kinder. Eine Carlotta Valdes liegt hier allerdings nicht. Von der Mission aus fährt Kim Novak nach Westen, zum Palast der Ehrenlegion am Pazifik. Der Name des 1924 eingeweihten Kunstmuseums ist der Frankophilie seiner Stifterin zu verdanken, der Frau eines Zuckerbarons. Die Gemäldesammlung ist klein, aber kostbar, der Blick aufs Meer ungeheuer. Im Saal VI hängen italienische und französische Meister, Guercino, de La Tour, Claude Lorrain; das Porträt jener Dame mit Blumenbouquet, vor dem sich Madeleine in Vertigo postiert, wurde freilich nach den Dreharbeiten wieder abgenommen. "Wie heißt das Bild, vor dem die Frau da sitzt?", fragt Scottie einen Museumswärter. "Porträt von Carlotta", antwortet der Mann.

Madeleine, erfährt Scottie, ist besessen vom Schicksal der Carlotta Valdes, einer Varietétänzerin aus der Pionierzeit, die durch eigene Hand aus ihrem traurigen Leben schied. Carlottas letzte Bleibe war das McKittrick Hotel, ein altes Haus im viktorianischen Stil an der Ecke Eddy und Gough Street. Dorthin zieht es Kim Novak, und dorthin fährt auch der Besucher aus Deutschland. Doch das Hotel ist nicht mehr da, die siebziger Jahre haben ihm den Garaus gemacht. Nach dem großen Erdbeben und dem verheerenden Brand von 1906 blieben von ehemals 20 000 Holzhäusern nur 6000 übrig; die meisten von ihnen stehen, anders als das McKittrick, zum Glück noch heute.

Unversehrt erhalten ist auch Scotties Apartment in der Lombard Street, Ecke Jones, direkt unterhalb jenes steilen Straßenstücks, dessen extrem gewundene Serpentinen schon in zahllosen Filmen zu sehen waren. Hierher bringt Scottie die ohnmächtige Madeleine, nachdem er sie aus der Bucht bei Fort Point gerettet hat. In der anschließenden Dialogszene zeigt die Kamera vor Scotties Wohnzimmerfenster die nächtliche Silhouette des Coit Tower - eines jener Phallussymbole, die Hitchcock gern in seine Filme einstreute, zur Freude der Kenner. Wenn man freilich vor dem echten Apartment steht, merkt man, dass es diese Perspektive hier gar nicht gibt. Sie wurde im Studio nachgebaut.

Coit Tower, errichtet als Denkmal für die freiwillige Feuerwehr von San Francisco, ist jeden Tropfen Schweiß wert, den man beim Aufstieg zum Telegraph Hill vergießen muss. Von dem 60 Meter hohen Betonturm aus öffnet sich das weite Panorama der Bucht: die Hügel des Golden Gate und die majestätische Brücke zwischen ihnen im Westen, Alcatraz, Tiburon und die Ferienkolonie Sausalito im Norden; Berkeley, Oakland, die Bay Bridge und die Hochhäuser des Bankenviertels von San Francisco im Süden und Osten. Land und Meer, Großstadt und Natur sind hier so malerisch gemischt wie an wenigen anderen Orten der Welt.

Es war genau diese Zweideutigkeit der Landschaft, die Unentschiedenheit zwischen Festem und Flüssigem, die Hitchcock für Vertigo brauchte. Seit langem suchte er nach einem Sujet, das er in San Francisco ansiedeln konnte. Die Geschichte von Scottie und Madeleine, entstanden nach dem Roman Aus dem Reich der Toten des französischen Autorenteams Boileau/Narcejac, bot dafür die ideale Gelegenheit. Hitchcock kannte die Gegend gut. In Los Gatos bei Santa Cruz, 90 Kilometer südlich des Golden Gate, besaß er seit den vierziger Jahren ein großes Landhaus. Als er mit seinem Filmteam Ende Oktober 1957 nach San Francisco kam, wusste er bis ins letzte Detail genau, was er aufnehmen wollte. "Warten auf Sonnenlicht" ist die einzige Verzögerung, die der minutiös geführte Drehplan vermerkt.

Das Turmdrama wurde fast völlig in einer Studiokulisse gedreht

Der Rest des Films wurde außerhalb San Franciscos gedreht. Die Sequenz, in der Scottie und Madeleine unter den Baumriesen der Sorte Sequoia sempervirens stehen, entstand im Big Basin Redwoods State Park, ganz in der Nähe von Hitchcocks Landsitz. Der Park zählt zu den größten Naturschönheiten Kaliforniens. Weit abseits vom Freeway, am fernen Ende gewundener Landstraßen, taucht man in den grünen Schimmer eines Hochtals, in ein Schattenreich tausendjähriger Stämme, die 40, 50, 100 Meter lotrecht zum Himmel aufschießen. Die Stille ist grenzenlos. Vögel mit bläulich schimmerndem Gefieder fliegen über die Lichtungen. In der Nähe des Besucherzentrums hängt der Querschnitt eines in den dreißiger Jahren gefällten Baums, dessen Jahresringe bis in die Zeit des Frühchristentums zurückreichen. In Vertigo zeigt Madeleine auf einen der Ringe aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sagt zu Scottie: "Hier wurde ich geboren. Und dort" - nur ein paar Jahresringe weiter - "bin ich gestorben." Es sind die Lebensdaten von Carlotta Valdés.

Madeleines Schicksal - und das ihrer Widergängerin Judy - erfüllt sich eine Autostunde weiter südlich, in der alten Mission von San Juan Bautista. Der Ort, ein verschlafenes Nest nahe am Highway 101, wird nur von Zufallstouristen besucht. Aber Anfang des Jahrhunderts hielt hier die Postkutsche von San Francisco nach Los Angeles, und San Juan Bautista blühte. Im einstigen Pferdestall gegenüber vom Missionsgebäude sind die carriages von damals ausgestellt. Auch der Kutschbock, auf dem Kim Novak vor 40 Jahren saß, ist noch da. Nur das graue Holzpferd, an dem James Stewart lehnte, hat seinen Platz gewechselt; es steht, verschlissen und fleckig, an der Stallwand gegenüber.

Wenn man über die große Rasenfläche zum Gebäude der Mission läuft, merkt man sofort, dass etwas fehlt. Aber was? Es ist der Turm. Der Turm, in dem die Vertigo-Szene schlechthin spielt, Scotties Blick in die Tiefe, bei dem die gleichzeitig nach vorn zoomende und zurückfahrende Kamera den Abgrund förmlich einzusaugen scheint. Diesen Turm hat es nie gegeben; Hitchcock ließ ihn, sowohl als Miniatur wie als lebensgroßes Modell, im Studio bauen.

Was bleibt, ist die Mission: ein flaches, von wuchtigen Pfeilern gestütztes Langhaus, in dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts bis zu hundert Mönche wohnten, und eine Kirche im spanischen Kolonialstil, schummrig und leer. Das Turmdrama, das wir in Vertigo sehen, wurde fast vollständig in einer Studiokulisse gedreht. Dennoch ist es, als hätte sich der Schauplatz mit den künstlichen Bildern infiziert. Die alte, müde Mission scheint erfüllt vom Licht, das aus der Kinogeschichte zu ihr herüberstrahlt.

Als Hitchcock und sein Team im Oktober 1957 hier drehten, standen nicht der Regisseur, sondern seine Stars im Zentrum der Aufmerksamkeit. Abends gingen die Einwohner von San Juan Bautista auf den Set, um Autogramme von Kim Novak und James Stewart zu ergattern. Hitchcock war schon damals ein bekannter Mann, aber zur Legende wurde er erst in späteren Jahren. Vertigo gehört zu den Filmen, die ihn unsterblich gemacht haben.

Am 13. August wäre Alfred Hitchcock 100 Jahre alt geworden. In San Francisco erinnert kein Straßenname, kein Gedenkstein und keine Tafel an ihn und sein Werk.

Von Andreas Kilb

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