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"Hitchcock stand gerne im Mittelpunkt"

Gespräch mit Tippi Hedren, Hauptdarstellerin aus "Die Vögel", zum 100. Geburtstag des Regisseurs

Beim Filmfest in Locarno ist erstmals in Europa eine restaurierte Fassung des Originals von Hitchcocks "Die Vögel" gezeigt worden. Mit der anwesenden Hauptdarstellerin Tippi Hedren sprach Holger Wenk.

DIE WELT: Miss Hedren, Alfred Hitchcock war Ihr Entdecker, Förderer und Bewunderer als Schauspielerin. Was ist Ihre stärkste Erinnerung an ihn?

Tippi Hedren: Er war ein kraftvoller Geschichtenerzähler. Und womöglich der Beste, eine Story mit äußerster Spannung auf den Punkt zu bringen. Damit hat er ein breites Publikum beeinflusst im positiven wie auch negativen Sinn.

DIE WELT: Inwiefern im negativen Sinn?

Hedren: Er hat in seinen Filmen die Leute erschreckt, in Angst versetzt. Zugleich konnte er mit seinen Geschichten und ihrer Erzählweise zum Nachdenken über Menschlichkeit und unsere Beziehungen untereinander anregen.

DIE WELT: Und persönlich für Sie, was bedeutete Ihnen Hitchcock?

Hedren: Er war nicht nur mein Regisseur, sondern in meinem ersten Film "Die Vögel" zugleich mein Schauspiellehrer. Später schwappte sein Drang, alles vollständig unter Kontrolle zu halten auch in mein Privatleben über, so daß wir nur zwei Filme miteinander drehten.

DIE WELT: Sie haben später mit Charlie Chaplin und anderen Regisseuren über 20 Filme gedreht. Wer hat sie am meisten beeinflusst?

Hedren: Man kann sie nicht vergleichen. Hitchcocks Besonderheit war, daß er genau wußte, was er mit seinem Film wollte, mit großem Gespür und Menschenkenntnis seine Rollen besetzte und die Schauspieler dann zielgerichtet führte.

DIE WELT: Was sagen Sie zu der weltweiten Hitchcock-Vermarktung zu seinem 100. Geburtstag?

Hedren: Ich bin begeistert über die aufwendige Restaurierung der Originalfassung von den "Vögeln", die hier in Locarno gezeigt wurde. Weltweit unterstütze ich auch Universal dabei, das Andenken an das Film-Genie lebendig zu halten.

DIE WELT: Würde denn Hitchcock selbst den Rummel um seine Person gutheißen?

Hedren: Warum nicht? Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen, mochte Publicity und große Feste und hat sich mit kleinen Auftritten in seinen Filmen oder später in seinen Fernsehsendungen mit Ironie selbst inszeniert.

DIE WELT: Haben Sie denn das Gefühl, dass der Geist und das Erbe des Alt-Meisters filmischer Spannung außer bei Festivals und Cineasten sowie zu Jubiläen noch im alltäglichen TV- und Filmgeschäft lebendig ist?

Hedren: Durchaus. Es gibt zwar mehr Action als Spannung zu sehen und nicht alles ist handwerklich meisterlich. Aber Hitchcock-Filme sind in vielen Kinos und bei etlichen Sendern in den USA, die auf Klassiker spezialisiert sind, immer wieder Highlights auch für jüngeres Publikum. Es ist heute auch viel leichter mit moderner Technik Spezialeffekte zu erzeugen. Doch die spezifische Dimension eines Hitchcock ist eben nicht beliebig wiederholbar.

DIE WELT: In Deutschland wird in diesem Zusammenhang immer wieder beklagt, dass das Fernsehen den Kinofilm dominiere, ja sogar in der Art des Geschichtenerzählens okkupiere . . .

Hedren: Darin kann ich kein Problem erkennen. Hitchcock hat in Kino und TV gearbeitet, das nie als Gegensatz angesehen.

DIE WELT: Seit Jahren engagieren Sie sich sehr stark in Umwelt- und Tierschutzprojekten. Warum?

Hedren: Vielleicht ist das der Brutalität Hollywoods und des Filmbusiness geschuldet? Außerdem habe ich auch bei humanitären Projekten mitgearbeitet. Prominenz und Geld kann dabei helfen, manchmal viel bewirken.

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