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"Die Vögel" - in Wahrheit ein Dokumentarfilm

Nichts mögen die Deutschen in ihrem TV-Programm lieber als wilde Tiger, quiekende Delfine oder ein kuscheliges, australisches Hängebauchschwein. Der Tagesspiegel begrüßt die Inflation von Tiersendungen. In einer kleinen Serie erzählen wir von unseren Favoriten. Heute: "Die Vögel".

Die anderen Stammtischbrüder waren bereits gegangen, da sagte Herr P. zu Herrn E.: "Du, ich habe übrigens deine Frau heute morgen gevögelt." Daraufhin erdrosselte der Herr E. den Herrn P. Und die Moral von dieser Zeitungsmeldung ist: Vögel (im Allgemeinen) und Drosseln (im Besonderen) stehen für Leidenschaft und Tod, die beiden Dinge, über die es wirklich lohnt, nachzudenken. Meine Liebe für diese Tierart stieg und stieg, als ich "Die Vögel" von Hitchcock sah. Die Vögel von Hitchcock werden ja immer noch von vielen Kritikern in die Thrillerschublade gesteckt, was aber falsch ist, denn Hitchcocks Film ist kein Thriller, sondern ein Dokumentarfilm, denn hier dokumentiert Hitchcock, dass Vögel Mut und Geschmack haben. Nur zur Erinnerung: Stellvertretend für Amsel, Meise, Fink und Star, greifen hier Möwen eine Frau an, die ein buntes Vögelchen in einen Käfig gesperrt hat. Und wie gemein diese Frau aussieht: blond, schmaler Mund, Stöckelschuhe, enges Strickkleid. Da erkennen die Möwen sofort: Diese Frau ist nicht gut zu Vögeln, auch wenn sie eine Piepsstimme hat. Also versuchen die Möwen ihren ausländischen Freund zu befreien; das gelingt ihnen zwar nicht, aber sie erteilen der Frau eine Lehre: Nach diesem Vogelfilm spendet die Schauspielerin Tippi Hedren sehr viel Geld der "Shambala Foundation" in Antelope Valley, Kalifornien - einem Altenheim für Filmtiere. Und die Moral von der Geschicht: Hitchcocks Vögel haben dafür gesorgt, dass ich meinen Glauben an die Menschheit nicht völlig verloren habe.

Von Ingolf Gillmann

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