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Der englische Freund aus Hollywood

Die Schweiz war nach dem Krieg Hitchcocks liebstes Ferienziel. Der Zürcher Film-PR-Mann André Berner war oft Hitchs Begleiter.

Es ist nur ein kleines, pastellig verbleichtes Föteli in einem Goldrähmchen an André Berners Bürowand. Doch was es zeigt, hat wohl kein anderer lebender Schweizer in seiner Souvenirsammlung: Alfred Hitchcock schreitet aufgekratzt und ungewöhnlich casually dressed, nur in weissem Hemd und grauer Hose, über den Rasen vor seinem Haus in Hollywoods Nobelquartier Bel Air. Rechts im Bild unterhält sich eine rothaarige Frau mit einem jüngeren Paar, in der Mitte steht in blauem Kleid und mit modischer Sonnenbrille im Look der 50er-Jahre eine dunkelhaarige junge Frau, der Hitchcock mit einem weissen Stöckchen etwas vorzuführen scheint. Kein Wunder, ist Hitch vergnügt, die dunkelhaarige Frau hinter der Sonnenbrille heisst Lulu und macht ihrem Namen alle Ehre. Doch ehelich verbunden ist sie nicht Hitch, sondern dem Mann, der das Bild im Sommer 1958 geschossen hat: André Berner, Exreklamechef von Paramount Schweiz, Mitbegründer des Zürcher Jazzfestivals und zu jenem Zeitpunkt bereits freischaffender Unternehmer in der Kino-Werbebranche. Hitchcock führt seinen Zürcher Freunden gerade die mutmasslich erste Rasensprenganlage Hollywoods vor, zu deren Inbetriebnahme er sich dank dem weissen Stöcklein nicht mehr bücken muss. Angesichts seiner Leibesfülle eine enorme Erleichterung.

Da ging die Freundschaft Hitchcocks mit den Berners schon Jahre zurück, die Zuneigung zu den Schweizern Jahrzehnte. Bereits 1936 hatte sich der damals 27-jährige britische Regisseur mit der Schweiz befasst, für den Thriller "The Secret Agent", in dem John Gielgud als Geheimagent in unserem neutralen Ländchen einen feindlichen Spion umbringen soll - und versehentlich den Falschen erwischt. "Was gibt es in der Schweiz?", fragte sich Hitchcock und antwortete nicht sonderlich originell: "Milchschokolade, die Alpen, Volkstänze und Seen." Doch weil ihn eigentlich nicht die Dinge, die Handlungsvorwände oder berühmten McGuffins interessierten, sondern deren dramatisches Potenzial, fügte er sofort hinzu: "Die Seen müssen da sein, damit Leute darin ertränkt werden, und die Alpen, damit sie in Schluchten stürzen."

Das unversehrte und diskrete Land

Im Übrigen war Hitchcock ein friedfertiger Typ - ein wenig zynisch zwar, sehr witzig, doch eben auch sehr britisch, der Ettikette verpflichtet und dem "five o'clock tea". Für einen derartigen Menschen war die Schweiz gleich nach dem Krieg das perfekte Ferienland: fast das einzige in Europa, das völlig intakt geblieben war und bewohnt von einem Menschenschlag, der Berühmtheiten nie auf die Pelle rückte, vielmehr zu Boden blickte, um sicherzustellen, dass sich dorthin nicht etwa ein rufschädigendes Fötzeli verirrt hatte. Ein ganze Welle von Filmstars, erinnert sich André Berner, brach kurz nach dem Krieg über unser Land herein: Robert Taylor, Rita Hayworth, William Holden, Gene Tierney, Billy Wilder . . . Sie alle schätzten die feine Schokolade, die sauberen Alpen und putzigen Volkstänze - und eben die sagenhafte Diskretion der Schweizer. Manche Stars, erinnert sich Berner, waren an ihrem ersten Tag in Zürich begeistert, für einmal nicht behelligt zu werden. Am zweiten Tag waren sie irritiert, und am dritten beriefen sie eine Pressekonferenz ein, um dort zu verkünden, sie seien hier.

Hitchs Weihnachtsrituale

André Berner stieg damals, vier Jahre nach Kriegsende, aus dem Architekturstudium aus, weil ihn das familiär bedingte Filmfieber angesteckt hatte. Berners Vater Ernest gab die "Schweizer Filmzeitung" heraus, die erste derartige Postille in unserem Land. Die Beziehungen zur Filmbranche waren also vielfältig. 1949 berief Paramount Schweiz André Berner als "Reklamechef"; das Gehalt betrug 700 Franken monatlich und war für einen 23-Jährigen fantastisch. Als Paramount-PR-Chef, wie es heute hiesse, bekam Berner kurz vor Weihnachten 1952 erstmals einen Anruf aus Hollywood, man möge Herrn Hitchcock doch bitte am Flughafen Dübendorf abholen und an die erste Zürcher Adresse, das "Baur au Lac", geleiten. Von dort gedenke er für die Weihnachtsferien nach St. Moritz, ins "Palace Hotel", weiterzufahren. Wie bestellt, so getan. Der Schweizer Paramount-Filialleiter liess seinem PR-Chef den Vortritt, da dieser besser Englisch sprach, und der packte gleich den bekanntesten Zürcher Gesellschaftsreporter mit in die Limousine. Hitchcock kam mit seiner Frau Alma, einer quicklebendigen Frohnatur, und lud Berner mitsamt Ehefrau in den Grillroom des "Baur au Lac" ein. Dasselbe geschah bei der Rückreise von St. Moritz und wurde dann ein jährliches Ritual bis Ende der 50er-Jahre, als sich Berner längst selbstständig gemacht und Hitch zu Universal gewechselt hatte.

Hitchcock, erzählt Berner, war auch in Details ein Mann von fixen Gewohnheiten. Die Schweiz liebte er vor allem ihrer Ordentlichkeit wegen, nach St. Moritz fuhr er stets mit der von ihm heiss geliebten Rhätischen Bahn, dort angekommen absolvierte er immer die gleichen Spaziergänge - aber, of course, "no sports". Dinierte er bei der Rückkehr von St. Moritz wieder mit den Berners im "Baur au Lac", so brauchte er die Karte nicht zu studieren. Man wusste und war also nicht sonderlich gespannt, was der Spannungsmeister bestellen würde. Man kannte beispielsweise seine Vorliebe für exzellente Rotweine.

Die Sache mit den roten Lippen hingegen kam überraschend. Bei einem der Dinners nämlich nahm Alma Hitchcock Berners schöne Frau, ein bekanntes Fotomodell, einmal diskret mit zur Toilette. Berner dachte sich nichts dabei, da Damen, wie er sagt, damals meist gemeinsam zum Aufpudern schritten. Doch Berner staunte nicht schlecht, als seine Gattin gegen all ihre Gewohnheiten mit knallrot überschminkten Lippen zurückkehrte. Alma, gestand ihm Lulu später, habe ihr dies nahe gelegt. Hitch habe nämlich eine ziemlich ausgeprägte Schwäche für rote Lippen gehabt.

Ramseier-Süssmost

Hitchcocks andere Schweizer Schwäche war Ramseier-Süssmost. Die Berners mussten ihm jeden Sommer eine Kiste nach Bel Air schicken; Hitchcock bedankte sich mit freundlichen Karten. Die Berners pflegten die Geste auch weiter, als die Spesenabteilung von Paramount längst nicht mehr dafür aufkam.

Dafür wurden sie bei ihrer grossen Amerikareise 1958 auch wunderbar entschädigt. Da die Verbindung über die Paramount nicht mehr bestand, zögerte das Schweizer Paar in Los Angeles allerdings, ihrem berühmten Bekannten im Nobelvorort Bel Air die Aufwartung zu machen. Nachdem sie dennoch den Wilshire Boulevard hochgefahren waren, schien der Empfang zunächst noch frostiger als befürchtet. Mit dem Standardbescheid, niemand sei zu Hause, schmetterte ein Dienstmädchen den vermeintlichen Fans kurzerhand die Tür vor der Nase zu. "Who was it?", klang es noch schwach durch die Tür. "Some Berners", sagte das Mädchen. - "Let them in, let them in", rief Hitchcock vom Garten her. So kam es zur Vorführung des Rasensprengers, der weitere freundliche Gesten folgten. Er habe in San Francisco gerade einen kleinen Film abgedreht, sagte Hitchcock. Sie sollten, wenn sie dort seien, doch einmal an einem der Drehplätze, "Ernie's Restaurant", vorbeischauen. Als die Berners das taten, wurden sie wie Fürsten empfangen. Der Film hiess "Vertigo".

Von Andreas Furler

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