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"Hitchcock: ein Name wie ein Slogan. Wer diesen Namen hört, weiß, was für eine Art Film ihn erwartet. Es ist ein Markenname, der ausreicht, ein Produkt zu verkaufen. Der Regisseur als Superstar. Die Amerikaner haben den Thriller, den Krimi, den Suspense-Film, die schwarze Komödie immer für ein bißchen vulgär gehalten. Hitchcock hat diesen Genres Würde und den Rang einer Kunstform verliehen" (Robert A. Harris).
François Truffaut über sein Idol Hitchcock: "Hitchcock liebt es über alles, mißverstanden zu werden, schon deshalb, weil er sein Leben auf Mißverständnissen aufgebaut hat. ... Hitchcock ist eine Hitchcock-Figur, er haßt es, sich zu erklären ... Es ist schwierig für ihn zuzugeben, daß er ein Genie ist, besonders, weil es wahr ist. Wir ziehen niemals das Genie Hitchcocks als Meister der Form in Zweifel; allenfalls versuchen wir herauszubekommen, wie weit er selbst für die Drehbücher verantwortlich ist, die er inszeniert."

Hitchcock: "Es heißt, daß, würde ich 'Cinderella' verfilmen, das Publikum nur darauf warten würde, daß eine Leiche aus der Kürbiskutsche fällt. Das stimmt. Wenn ich die Leute mit einem meiner Filme nicht zum Erschauern bringe, sind sie enttäuscht."

 

Geburtstag: 18.08.1899
Geburtsort: London
Geburtsland: Großbritannien
Todestag: 29.04.1980

Hitchcock, Selznick & das Ende von Hollywood
A la Hitchcock
Monsieur Truffaut trifft Mr. Hitchcock
Filmmusik: Bernard Herrmann

August 1939. Johnny Jones alias Huntlely Haverstock, Auslandskorrespondent des New York Globe, wird in Amsterdam Zeuge eines Mordes. Ein holländischer Diplomat auf der Friedenskonferenz ist Opfer eines Anschlags. Es gelingt dem Amerikaner den (deutschen) Täter zu stellen, nicht ohne sich in dessen Tochter zu verlieben. Der Krieg bricht aus und Johnny wird hierbleiben. Vom Kriegschauplatz meldet er an die Redaktion: "In Europa gehen die Lichter aus, umgib Dich mit Stahl, Amerika!"

"Der Auslandskorrespondent", nach "Rebecca" (beide 1940) der zweite Hollywood-Film des Engländers Hitchcock, gehört zu den bestgemachten Arbeiten des Regisseurs, ist aber gleichfalls auch typisch dafür, wie bedenkenlos der Actionmeister mit politschen Themen umsprang. Ein anderer Fall: Im ausgehöhlten Picknickbrötchen steckt das Teleobjektiv, zwischen Wurstscheiben liegen die Kamerateile, doch unschuldige Vöglein, die bereits Titelfiguren eines visionär utopischen Thrillers waren, entlarven die CIA-Spitzel auf Kuba. Falsch wie der titelgebende "Topas" (1968) ist auch die Kubanerin Juanita. Schwankt sie in der Liebe zwischen dem Castro-treuen Rico Parra und dem smarten US-Agenten, so haßt sie trotz prunkvollem Landsitz und Bediensteten leidenschaftlich jene Leute, die "aus dem Land ein Gefängnis gemacht haben."

Alfred Hitchcock nutzte in seinen Filmen häufig aktuelle Geschehnisse als Folie für fiktive Spannungsgeschichten, auch Suspense-Thriller genannt. Dennoch waren - mit wenigen Ausnahmen - seine Filme stets dann am faszinierendsten, wenn sie sich von der Wirklichkeit am weitesten entfernten - wie "The Rope" von 1948, den die amerikanische Metro Goldwyn Mayer in einer abgeschwächten Dialogfassung erst spät als "Cocktail für eine Leiche" in unsere Kinos brachte. Zwei Harvard-Studenten begehen einen kühl kalkulierten Mord gemäß der Nazi-Ideologie vom unwerten Leben. In der Wohnung des ermordeten Gastgebers (er liegt tot in der Truhe) diskutieren sie mit ihrem Professor darüber, ob nicht einem überintelligenten Menschen die Tötung eines "Minderwertigen" zustehe. Auch hier nutzt Hitchcock die Wahnsinns-Ideologie nur als Spielmittel, entfernt sich völlig von der Realität und dreht einen Film in brillant faszinierender Form: die Kammerspielstory, die fast nur in einem einzigen Raum abläuft, ist Rolle für Rolle ohne Überblendung und Zwischenschnitte gedreht, die Kamera macht jede Bewegung der Personen mit.

Hitchcock war ein Meister der Überraschung, aber gleichzeitig Perfektionist. Genauigkeit, Sorgfalt waren seine obersten Gesetze und wenn in einem seiner Filme ein logischer Fehler auftaucht, so erweist er sich mit Sicherheit bald darauf als wohlkalkuliert. Ausgangspunkt ist meist ein unbescholtener, harmlos ehrbarer Bürger, der durch schicksalhafte Verwicklungen oder durch falsche Indizien in ein Verbrechen verwickelt wird, der in den Augen der Öffentlichkeit ein Mörder, ein Dieb, ein Verbrecher ist. Der Kinozuschauer ist meist der einzige, der weiß, daß der Gejagte unschuldig ist, und die nachfolgende Handlung des Films zeigt minutiös nach, wie es dem Unschuldigen gelingt, den Makel loszuwerden. Dabei gerät das Opfer nicht selten in ein Netz verwirrender und unlösbar erscheinender Verstrickungen.

Als Sohn eines puritanischen Kaufmanns besucht der junge Hitchcock ein Jesuitencollege, soll Ingenieur werden, findet aber schon frühzeitig in den britischen Filmstudios Arbeit. Hier schreibt und gestaltet er zunächst die Texttafel für Stummfilme, ist aber schon bald auch als Drehbuchautor tätig. 1925/26 ist er in den Studios der UFA und EMELKA in Berlin und München, wo er - wie er später sagt - nachhaltige Eindrücke gewinnt: "Wenn ich überhaupt von Filmleuten beeinflußt wurde, dann bei der UFA in München."

Sein Debütfilm "Pleasure Garden" (1925) entsteht in Deutschland und Österreich. Mit "The Lodger" (1926) gelingt ihm bereits ein Klassiker. Hier geht es um einen Mann, der mit Handschellen gefesselt, unschuldig verfolgt wird. Mit "Erpressung" dreht er 1929 den ersten

englischen Tonfilm und viele unvergessene Suspense-Thriller folgen: u. a. "Nummer 17" (1931), die erste Fassung von "Der Mann, der zuviel wußte" (1934), "39 Stufen" und "Geheimagent" (beide 1935), "Sabotage" (1936), "Eine Dame verschwindet" (1937). Nach seiner ersten Daphne du Maurier-Verfilmung "Riff-Piraten" (1938) geht er nach Hollywood zu David O. Selznick, der gerade seinen Welterfolg "Vom Winde verweht" herausbringt. Seit dieser Zeit ist Alfred Hitchcock der große Hollywood-Regisseur, der mit Filmen wie "Verdacht" (1941), "Saboteure" (1942), "Ich kämpfe um dich" (1944) - hier arbeitet er mit dem extravaganten Künstler Salvador Dali zusammen -, "Berüchtigt" (1946), "Cocktail für eine Leiche" (1948), "Der Fremde im Zug" (1950), "Bei Anruf: Mord" und "Fenster zum Hof" (beide 1953), "Über den Dächern von Nizza" und "Immer Ärger mit Harry" (beide 1954), der zweiten Fassung von "Der Mann, der zuviel wußte" (1955), "Vertigo" (1957), "Der unsichtbare Dritte" (1958), "Psycho" (1960), "Die Vögel" (1962) und "Marnie" (1964) Kinogeschichte schrieb. Erst 1972 kommt Hitchcock für seinen Film "Frenzy" nach London zurückkehrt. Mit "Familiengrab" dreht er 1975 seinen letzten Film. Hitchcock ist wohl noch heute der einzige Regisseur, dessen Name quer durch alle Bevölkerungsschichten sich mit dem Kino verbindet. Man geht nicht in diesen oder jenen Film, man geht in einen "Hitchcock".

Privat galt Hitchcock, der seiner nur einen Tag jüngeren Frau Alma immer treu blieb, als schadenfroher Charakter, der seinen Stars auch gerne schön 'mal üble Streiche spielte. Außerdem war es sein Markenzeichen, in all seinen Filmen mit Kurzauiftritten zu glänzen. Eine Angewohnheit, die aus der Not geboren wurde: Da bereits in der Stummfilmzeit Statistenmangel herrschte, sprang Hitchcock häufig selbst ein.

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