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Das Schattenreich

Ein Film von Margarete Kreuzer

Der Kultfilm "Matrix" spielt in einer verblüffend realen Welt, die sich schon bald als gefährliche Illusion aus dem Großrechner entpuppt - und dies im doppelten Sinne: Nicht nur die Leinwandhelden schöpfen diesen bösen Verdacht - ohne Spezial-Effekte, also Mathematik - wäre dieser Stoff wahrscheinlich gähnend langweilig ausgefallen. Doch die Idee dahinter ist uralt. Schon Pythagoras fragte sich unter der griechischen Sonne, ob die Welt nicht nur aus Mathematik - Zahlen, Formeln, Geometrie - bestehe. Er schwur auf die göttliche Ordnung. Gleichzeitig beschäftigte sich der Philosoph mit grundlegenden Fragen der Menschheit. Und er galt keineswegs als Spinner. Leonardo da Vinci schaute den Vögeln beim Fliegen zu, setzte seine Beobachtungen in geheimnisvolle Formeln um und versuchte, Flugapparate zu erfinden. Nebenbei malte er noch die Mona Lisa für den Louvre, beschäftigte sich mit der Zentralperspektive und erfand das Laufrad. Mit der größten Selbstverständlichkeit war Leonardo Künstler, Erfinder und Mathematiker. Doch die Zeiten sind vorbei. Das kulturelle und das mathematische Leben scheinen kaum noch Berührungspunkte zu haben, der Dialog ist abgerissen - zumindest steht die Mathematik nicht mehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Dabei ist sie auch aus der Musik, dem Film, der Literatur und Architektur nicht wegzudenken. Hans Magnus Enzensberger hat konsequenterweise einen Poesie-Automaten entwickelt, der mithilfe von Mathematik dichtet. Der weltberühmte spanische Architekt Santiago Calatrava hat sich als Kind am liebsten in einer überschaubaren Zahlenwelt zwischen 5 und 10 bewegt. Heute zerlegt er die Natur in Formeln und empfindet sie in seiner atemberaubenden Architektur nach. Selbst das Feng Shui bedient sich der Mathematik, um das Lebensumfeld zu optimieren. Am IRCAM, dem größten Institut für digitale Musik in Paris, verbessert man die ohnehin schon mathematisch anmutenden Werke von Johann Sebastian Bach und ist der Auffassung, dass er es geliebt hätte. Ein wenig mehr Macht, Blut, Geld und Sex - und die Suche nach der Mathematik im Fernsehprogramm, im Bücherregal, in den Städten würde einen guten Stoff für einen Thriller abgeben. Die Dokumentation verzichtet weitestgehend auf diese Zutaten und erliegt dem diskreten Charme einer Wissenschaft zwischen Faszination und Vergessenheit. "Als gesprächsfähig kann unter Fachleuten nur derjenige gelten, für den das Triviale trivial ist." (Hans Magnus Enzensberger)

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