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Terra X - Babylon Tower

Ein Film von Helga Lippert

Fast jeder kennt die Geschichte aus dem Religionsunterricht, doch kaum jemand weiß, ob es ihn wirklich gab oder gar wie er ausgesehen hat: der Turm zu Babel. Bis heute zeigt keine andere biblische Erzählung vergleichbare Auswirkungen auf unseren Sprachgebrauch. Schon ein Blick in die Zeitung genügt. Große Bauprojekte tragen den Namen "Babylon", auf internationalen Konferenzen schlägt uns "babylonisches Sprachengewirr" entgegen. Und Babylon selbst, die versunkene Weltstadt am Euphrat, wurde zur "Mutter aller Metropolen". Auch der Bericht über König Belsazar und das Menetekel, die geheimnisvolle Schrift an der Palastwand, macht fast täglich Schlagzeilen. Denn das Wort steht noch immer für "Warnsignal" oder "unheilverkündendes Zeichen". Historischer Hintergrund für die Verfasser des Alten Testaments war die Babylonische Gefangenschaft der Juden. Im Jahr 587 vor Christus eroberte König Nebukadnezar II. Jerusalem. Er zerstörte den Tempel Salomons und verschleppte die jüdische Oberschicht nach Mesopotamien, in den heutigen Irak. Dort bestaunten die Fremden einen riesigen Tempelturm, "dessen Spitze bis an den Himmel reichte", wie es heißt: die Zikkurrat des Stadtgottes Marduk - 91 Meter hoch. Es war das größte, aber zugleich auch jüngste Bauwerk dieser Art. Schon Jahrtausende zuvor stellten die Menschen des Zweistromlandes die Heiligtümer für ihre Götter auf Terrassen aus Lehmziegeln. In den uralten Städten Uruk und Ur sind noch imposante Reste davon zu sehen. Genauso wie in den zerfallenen Metropolen der Assyrer, wo die "First Lady des Kriminalromans" Agatha Christie mit ihrem Mann, dem britischen Ausgräber Max Mallowen, arbeitete. Sie drehte sogar selbst einen kleinen Film, von dem wir Ausschnitte zeigen dürfen - eine Premiere im Fernsehen. Vor 100 Jahren - am 26. März 1899 - begann der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey mit der spektakulären Freilegung von Babylon. 18 Jahre lang wühlte sich der emsige Forscher durch gigantische Schutthügel. 800 Kisten mit glasierten Ziegelbrocken ließ er nach Berlin schaffen. In jahrelanger Puzzle-Arbeit wurde das berühmte Ischtar-Tor als Glanzstück des Vorderasiatischen Museums wieder aufgebaut. In Babylon rekonstruierten Tausende von Gastarbeitern im Auftrag der irakischen Antikenverwaltung den Königspalast Nebukadnezars. 70 Millionen Backsteine brauchten sie dafür. Robert Koldewey lieferte auch die ersten wissenschaftlichen Beweise für den sagenumwobenen Tempelturm. Spätere Forschungen ergänzten seine Erkenntnisse, so dass wir mit dem Computer als Baumeister das Wunder der Architektur wieder erstehen lassen können. Denn heute ist von der gigantischen Zikkurat Marduks nur noch ein unscheinbares Schilfloch zu sehen. Weil Alexander der Große nach der Zerstörung des Bauwerks durch die Perser die Ruine einebnen ließ, wusste man viele Jahrhunderte lang nichts Konkretes darüber. Dennoch lebte der Mythos des Turms ungebrochen weiter. Künstler aller Zeiten haben - bis in unsere Tage - in über 600 Darstellungen ihre Vision festgehalten. Und auch der moderne Hochhausbau setzt die uralte Geschichte der Menschen fort: die Geschichte vom Streben nach immer größeren Leistungen und immer höheren Ansprüchen. Insofern hat die biblische Botschaft -ber die Bautechnik hinaus - nichts von ihrer Bedeutung verloren.

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